Zwei Seiten des quadratischen Tisches waren guter Dinge, die beiden anderen nicht. Gary erzählte eine belanglose, nette Geschichte über einen Jungen in seiner Klasse, der drei Kaninchen hatte, während Chipper und Alfred, Zwillingsstudien in Sachen Trübsal, die Blicke auf ihre Teller richteten. Enid marschierte in die Küche, um mehr Kohlrüben zu holen.
«Ich weiß ja, wen ich nicht zu fragen brauche, ob er noch einen Nachschlag will», sagte sie, als sie zurückkehrte.
Alfred warf ihr einen warnenden Blick zu. Sie hatten sich zum Wohle der Kinder geeinigt, nie etwas von Alfreds Abneigung gegen Gemüse und gewisse Fleischsorten verlauten zu lassen.
«Ich nehm noch was», sagte Gary.
Chipper hatte einen Kloß im Hals, eine derart festsitzende Verzweiflung, dass er sowieso nicht viel hinuntergebracht hätte. Aber als er seinen Bruder frohgemut einen zweiten Teller des Rachemahls verspeisen sah, wurde er wütend und begriff einen Augenblick lang, dass er sein ganzes Essen in null Komma nichts verdrückt haben könnte, seiner Pflichten entbunden wäre und seine Freiheit wieder hätte, und so nahm er tatsächlich seine Gabel in die Hand und machte sich an den runzligen Haufen Kohlrüben heran, verwickelte ein kleines bisschen davon in die Gabelzacken und führte es zum Mund. Doch die Kohlrüben rochen kariös und waren schon kalt — sie hatten die Beschaffenheit und Temperatur nassen Hundedrecks an einem kühlen Morgen — , und in einem Würgereflex, der ihm das Rückgrat krümmte, krampften sich seine Eingeweide zusammen.
«Ich liebe Kohlrüben», sagte Gary unfassbarerweise.
«Ich könnte mich allein von Gemüse ernähren», behauptete Enid.
«Mehr Milch», sagte Chipper, schwer atmend.
«Chipper, halt dir doch einfach die Nase zu, wenn's dir nicht schmeckt», sagte Gary.
Alfred steckte sich Bissen für Bissen der abscheulichen Rache in den Mund, kaute rasch und schluckte mechanisch, wobei er sich sagte, dass er schon Schlimmeres durchgemacht hatte.
«Chip», sagte er, «du nimmst von allem einen Bissen. Vorher stehst du nicht vom Tisch auf.»
«Mehr Milch.»
«Erst isst du etwas. Hast du verstanden?»
«Milch.»
«Zählt es auch, wenn er sich die Nase zuhält?», fragte Gary.
«Mehr Milch, bitte.»
«Es reicht jetzt gleich», sagte Alfred.
Chipper verstummte. Sein Blick wanderte im Kreis auf seinem Teller herum, doch er war nicht vorausschauend gewesen, und nun herrschte dort nichts als das blanke Elend. Er hielt sein Glas schräg und half schweigend einem sehr kleinen Tropfen warmer Milch nach, in seinen Mund zu rinnen. Streckte ihm zur Begrüßung die Zunge entgegen.
«Chip, stell das Glas hin.»
«Vielleicht könnte er sich die Nase zuhalten und dafür zwei Bissen von allem essen.»
«Das Telefon klingelt. Gary, du darfst abnehmen.»
«Was gibt's zum Nachtisch?», fragte Chipper.
«Ich habe schöne frische Ananas für euch.»
«Also, um Himmels willen, Enid — »
«Was denn?» Sie zwinkerte unschuldig oder gespielt unschuldig.
«Du kannst ihm wenigstens einen Keks oder ein Eskimo — Törtchen geben, wenn er seinen Teller — »
«Es ist ganz süße Ananas. Sie wird euch auf der Zunge zergehen.»
«Dad, Mr. Meisner ist dran.»
Alfred beugte sich über Chippers Teller und spießte im Handumdrehen bis auf einen Bissen alle Kohlrüben auf seine Gabel. Er liebte diesen Jungen, deshalb nahm er den kalten, giftigen Haufen selber in den Mund und würgte ihn mit Schaudern hinunter. «Iss den letzten Bissen», sagte er, «und einen Bissen von dem da, dann kannst du Nachtisch haben.» Er stand auf. «Wenn es sein muss, kaufe ich den Nachtisch.»
Als er auf dem Weg zur Küche an Enid vorbeikam, zuckte sie zurück und lehnte sich zur Seite.
«Ja», sagte er ins Telefon.
Durch den Hörer drangen Schwüle und Schlamperei, Wärme und Wirrnis des Meisner-Reichs.
«Al», sagte Chuck, «ich gucke hier gerade in die Zeitung, du weißt schon, wegen der Erie-Belt-Aktien, ähm. Fünf fünf achtel kommen mir fürchterlich niedrig vor. Bist du sicher, was die Midpac-Geschichte betrifft?»
«Mr. Replogle hat mich von Cleveland aus im Triebwagen begleitet. Er hat angedeutet, dass der Aufsichtsrat nur noch einen abschließenden Bericht über Gleise und Bauten abwartet. Ich liefere ihnen diesen Bericht am Montag.»
«Die Midpac hat sich sehr bedeckt gehalten.»
«Chuck, ich kann dir kein bestimmtes Vorgehen empfehlen, und du hast Recht, es gibt da ein paar offene Fragen, ich — »
«Al, Al», sagte Chuck. «Gewissenhaft wie immer, das schätzen wir alle an dir. Ich lass dich jetzt weiter zu Abend essen.»
Alfred legte auf und hasste Chuck, wie er ein Mädchen hassen würde, mit dem er aus lauter Mangel an Disziplin etwas angefangen hätte. Chuck war Bankier und ein Streber. Da wollte man sich in aller Unschuld jemandem anvertrauen, der dessen würdig war, und wer, bitte schön, kam dafür eher in Frage als ein guter Nachbar, aber nein: Niemand konnte dessen würdig sein. Seine Hände waren mit Exkrementen besudelt.
«Gary: Ananas?», fragte Enid.
«Ja, bitte!»
Dass das Wurzelgemüse von seinem Teller so gut wie verschwunden war, hatte Chipper leicht manisch gestimmt. Die Dinge sahen jetzt viiiiel besser aus! Gekonnt pflasterte er einen Quadranten seines Tellers mit dem verbliebenen Bissen Kohlrüben und ebnete den gelben Asphalt mit seiner Gabel. Warum in der grässlichen Gegenwart von Leber und Mangold verweilen, wenn man sich eine Zukunft ausmalen konnte, in welcher der eigene Vater auch diese bereits hinuntergeschlungen hätte?
Traget die Kekse auf! sagt euch Chipper. Bringet das Eskimo-Törtchen herbei!
Enid ging mit drei leeren Tellern in die Küche.
Alfred, noch immer beim Telefon, betrachtete die Uhr über dem Spülbecken. Es war jene heimtückische Zeit um fünf herum, wenn der Grippekranke aus seinen spätnachmittäglichen Fieberträumen erwacht. Eine Zeit kurz nach fünf, die der Fünf Hohn sprach. Die Erleichterung, dass Ordnung herrschte — zwei Zeiger, die genau auf Zahlen wiesen — , wurde dem Zifferblatt nur einmal pro Stunde zuteil. So wie jeder andere Moment diese Genauigkeit vermissen ließ, barg jeder Moment die Gefahr grippeähnlichen Leids.
Und so zu leiden ohne jeden Grund. Zu wissen, dass in der Grippe keine moralische Ordnung lag, keine Gerechtigkeit in den Säften der Pein, die sein Kopf produzierte. Die Welt nichts als die Materialisierung eines blinden, ewigen Willens.
(Schopenhauer: "Zur Plage unsers Daseins trägt nicht wenig auch dieses bei, dass stets die Zeit uns drängt, uns nicht zu Atem kommen lässt und hinter jedem her ist wie ein Zuchtmeister mit der Peitsche.)
«Du möchtest ja sicher keine Ananas», sagte Enid. «Du kaufst dir deinen Nachtisch ja selber.»
«Enid, lass es gut sein. Ich wünschte, du würdest einmal in deinem Leben etwas gut sein lassen.»
Die Ananas im Arm wiegend, fragte sie, warum Chuck angerufen habe.
«Darüber sprechen wir später», sagte Alfred und ging ins Esszimmer zurück.
«Daddy?», begann Chipper.
«Junge, ich habe dir eben einen Gefallen getan. Jetzt tu du mir einen Gefallen und hör auf, mit deinem Essen zu spielen, und iss deinen Teller leer. Auf der Stelle. Hast du mich verstanden? Du isst jetzt auf der Stelle deinen Teller leer, oder es gibt keinen Nachtisch und auch sonst keine Vergünstigungen, weder heute Abend noch morgen Abend, und du wirst hier sitzen bleiben, bis du aufgegessen hast.»
«Aber Daddy, kannst du nicht — ?»
«AUF DER STELLE. HAST DU VERSTANDEN, ODER WILLST DU EINE TRACHT PRÜGEL?»
Die Mandeln sondern einen Ammoniakschleim ab, wenn sich Tränen echter Verzweiflung sammeln. Chippers Mund verzog sich hierhin und dorthin. Er sah den Teller vor sich in einem neuen Licht. Ihm war, als sei das Essen ein unerträglicher Begleiter, dessen Gesellschaft ihm, wie er felsenfest geglaubt hatte, dank seiner Verbindungen nach oben, dank der Fäden, die für ihn gezogen werden konnten, erspart bleiben würde. Jetzt erkannte er, dass er und das Essen einen langen Marsch vor sich hatten.