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Jetzt beklagte er das Ableben seines Specks, wie armselig er auch gewesen sein mochte, in tiefer, aufrichtiger Trauer.

Aber richtig weinen musste er, komischerweise, nicht.

Alfred verschwand polternd und türenschlagend im Keller.

Gary saß mucksmäuschenstill und multiplizierte im Kopf kleine glatte Zahlen.

Enid stieß ein Messer in den gelbsüchtigen Bauch der Ananas. In ihren Augen war Chipper genau wie sein Vater — hungrig und doch unmöglich zufriedenzustellen. Er verwandelte Essen in Schmach. Eine anständige Mahlzeit zuzubereiten und dann zu sehen, wie sie mit effektvollem Ekel verschmäht wurde, ja den Jungen an seinen Frühstücksflocken würgen zu sehen: Das schlug einer Mutter auf den Magen. Alles, was Chipper wollte, waren Milch und Kekse, Milch und Kekse. Der Kinderarzt sagte: «Geben Sie nicht nach. Irgendwann wird er Hunger bekommen und etwas anderes essen.» Also übte sich Enid in Geduld, doch Chipper setzte sich an den Tisch und verkündete: «Das riecht nach Kotze!» Man konnte ihm dafür einen Klaps aufs Handgelenk geben, doch dann sagte es sein Gesicht, und dafür, dass er Grimassen zog, konnte man ihm den Hintern versohlen, doch dann sagten es seine Augen, und es gab Grenzen der Korrektur — gab, letzten Endes, keine Möglichkeit, hinter die blauen Iris vorzudringen und den Ekel auszumerzen, den so ein Junge empfand.

Neuerdings war sie dazu übergegangen, ihm den ganzen Tag getoastete Käsesandwiches vorzusetzen, während sie die für eine ausgewogene Ernährung notwendigen gelben und blättrigen grünen Gemüse für das Abendessen aufbewahrte und Alfred ihre Schlachten schlagen ließ.

Es hatte etwas beinahe Köstliches, beinahe Erregendes, wenn der aufmüpfige Junge von ihrem Mann bestraft wurde. Wenn sie schuldlos dabeistand, während der Junge dafür büßen musste, sie gekränkt zu haben.

Was man über sich selbst lernte, wenn man Kinder großzog, war nicht immer erfreulich oder angenehm.

Sie trug zwei Portionen Ananas ins Esszimmer. Chipper hielt den Kopf gesenkt, doch der Sohn, der gern aß, griff begierig nach einem Teller.

Gary schlürfte und gurgelte, wortlos Ananas vertilgend.

Das hundedreckgelbe Kohlrübenfeld; die Leber, die sich beim Braten verzogen hatte und unfähig war, platt auf dem Teller zu liegen; das Knäuel holziger Mangoldblätter, eingefallen und verdreht, wenn auch noch unversehrt, wie ein feucht zu-sammengepresster Vogel in seiner Eierschale oder ein angewinkelter Leichnam im Moor: Die räumlichen Beziehungen zwischen diesen Speisen erschienen Chipper nicht mehr zufällig, sondern nahmen allmählich dauerhafte, endgültige Züge an.

Das Essen rückte aus seinem Blickfeld, vielleicht wurde es auch von einer neuen Melancholie überschattet. Chipper ekelte sich etwas weniger; er hörte sogar auf, ans Essen zu denken. Tiefere Quellen der Verweigerung steuerten ihren Teil dazu bei.

Bald war der Tisch bis auf sein Platzdeckchen und seinen Teller abgeräumt. Das Licht wurde härter. Er hörte Gary und seine Mutter über Nichtigkeiten reden, während sie Geschirr spülte und Gary abtrocknete. Dann Garys Schritte auf der Kellertreppe. Metronomisches Pingpongball-Geklacker. Das trostlosere Geschepper großer Töpfe, die bearbeitet und ins Wasser getaucht wurden.

Seine Mutter kam noch einmal an den Tisch. «Chipper, nun iss endlich auf. Sei ein großer Junge.»

Er war an einem Ort angekommen, wo sie ihm nichts anhaben konnte. Fast war er heiter, ganz Verstand, kein Gefühl. Selbst sein Hintern war vom langen Sitzen taub geworden.

«Dad möchte, dass du hier sitzen bleibst, bis du aufgegessen hast. Nun mach schon. Dann hast du den ganzen Abend für dich.»

Wenn er den Abend wirklich für sich gehabt hätte, vielleicht hätte er dann stundenlang am Fenster gesessen und Cindy Meisner beobachtet.

«Anredenominativ», sagte seine Mutter, «imperatives Verb Adverb Verbzusatz. Konjunktion betontes Personalpronomen Personalpronomen konjunktivisches Verb, würde ich das jetzt einfach runterschlucken und temporales Adverb konditionales Hilfsverb Personalpronomen — »

Seltsam, wie wenig er sich genötigt fühlte, die Wörter zu verstehen, die zu ihm gesagt wurden. Seltsam seine Erleichterung, selbst von dieser minimalen Last, gesprochene Sprache zu entschlüsseln, befreit zu sein.

Enid quälte ihn nicht weiter, sondern ging in den Keller, wo Alfred in seinem Labor verschwunden war und Gary aufeinander folgende Schläge («siebenunddreißig, achtunddreißig») auf seine Kelle scheffelte.

«Tock tock?», sagte sie und wackelte auffordernd mit dem Kopf.

Da sie durch ihre Schwangerschaft oder zumindest die Idee ihrer Schwangerschaft gehandicapt war, hätte Gary sie leicht haushoch schlagen können, doch es machte ihr so offenkundig Spaß, mit ihm zu spielen, dass er seinen Ehrgeiz ruhen ließ und lieber im Stillen die Spielstände multiplizierte oder sich selbst vor kleine Herausforderungen stellte wie die, den Ball abwechselnd in verschiedene Felder zu retournieren. Jeden Abend nach dem Essen feilte er an der Kunst, etwas Langweiliges zu ertragen, das einem Elternteil Freude bereitete. Eine lebensrettende Kunst, fand er. Er glaubte, ihm würde Schreckliches zustoßen, wenn er die Illusionen seiner Mutter nicht mehr nähren könnte.

Und heute Abend sah sie so verletzlich aus. Die Mühen des Essenmachens und Abwaschens hatten den eingedrehten Locken ihrer Haartracht den Halt genommen. Kleine Schweißflecken blühten durch das Baumwollmieder hindurch auf ihrem Kleid. Ihre Hände hatten in Gummihandschuhen gesteckt und waren rot wie Zungen.

Er schlug einen unerreichbaren Slice die Außenlinie entlang an ihr vorbei, sodass der Ball bis vor die geschlossene Tür des Metallurgielabors flog. Dort sprang er hoch und klopfte an, bevor er liegen blieb. Enid ging ihm vorsichtig nach. Welch eine Stille, welch eine Dunkelheit herrschten hinter dieser Tür. Al schien kein Licht gemacht zu haben.

Es gab Dinge, die selbst Gary nicht essen mochte — Rosenkohl, gedünstetes Okragemüse — , und Chipper hatte beobachtet, wie sein pragmatischer Bruder sie, im Sommer, in der hohlen Hand sammelte und von der Hintertür aus ins dichte Gebüsch schleuderte oder, im Winter, am Körper verbarg und in die Toilette warf. Jetzt, da Chipper im Erdgeschoss allein war, wäre es ein Leichtes für ihn gewesen, seine Leber und sein Mangoldgemüse verschwinden zu lassen. Die Schwierigkeit: Sein Vater würde denken, er hätte sie gegessen, und sie zu essen war genau das, was zu tun er sich weigerte. Essensreste auf dem Teller waren als Beweis seiner Weigerung unerlässlich.

Minutiös schälte und kratzte er die Mehlkruste von der Leber und aß sie. Das dauerte zehn Minuten. Die bloßliegende Oberfläche der Leber schaute man sich lieber nicht an.

Er faltete die Mangoldblätter ein wenig auseinander und arrangierte sie neu.

Er untersuchte das Gewebe des Platzdeckchens.

Er lauschte dem hüpfenden Ball, dem übertriebenen Stöhnen seiner Mutter und ihrem enervierenden Beifallsgeschrei («Jaaah, das war gut, Gary!»). Schlimmer als eine Tracht Prügel oder sogar Leber waren die Geräusche anderer beim Tischtennisspiel. Nur Stille war akzeptabel, weil sie die Möglichkeit barg, endlos zu sein. Der Punktestand hüpfte auf die Einundzwanzig zu, und dann war der Satz zu Ende, und dann waren zwei Sätze zu Ende, und dann waren drei zu Ende, und für die Spieler war das in Ordnung, weil sie ihren Spaß gehabt hatten, aber für den Jungen oben am Tisch war es nicht in Ordnung. Er hatte sich in die Geräusche des Spiels versenkt, hatte so viele Hoffnungen in sie gesetzt, dass er wünschte, sie würden niemals aufhören. Aber sie hörten auf, und er saß immer noch am Tisch, nur dass inzwischen eine halbe Stunde vergangen war. Der Abend sinnlos sich selbst verzehrend. Schon im Alter von sieben ahnte Chipper: dieses Gefühl der Sinnlosigkeit würde ein Fixpunkt seines Lebens sein. Ein dumpfes Warten, dann ein gebrochenes Versprechen und ein panisches Erkennen, wie spät es war.