Diese Sinnlosigkeit hatte, sagen wir mal, ein Aroma.
Wenn er sich am Kopf kratzte oder die Nase rieb, blieb etwas an seinen Fingern haften. Der Geruch des eigenen Ich.
Oder, erneut, der Geschmack aufsteigender Tränen.
Sich vorzustellen, dass die Geruchsnerven Stichproben von sich selber nahmen, dass Rezeptoren ihre eigene Molekularstruktur registrierten.
Der Geschmack selbst auferlegten Leids, eines aus Trotz vertanen Abends, verschaffte eigentümliche Befriedigung. Andere Menschen waren nicht mehr wirklich genug, um die Schuld daran zu tragen, wie es einem ging. Übrig blieben nur man selbst und die eigene Verweigerung. Und genau wie Selbstmitleid oder wie das Blut, das sich in der Mundhöhle sammelte, wenn einem ein Zahn gezogen wurde — die salzigen, eisenhaltigen Säfte, die man hinunterschluckte und heimlich genoss — , hatte auch die Verweigerung ein Aroma, an dem man Geschmack finden konnte.
Im Labor unter dem Esszimmer saß Alfred mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen in der Dunkelheit. Interessant, wie erpicht er darauf gewesen war, allein zu sein, mit welch abscheulicher Klarheit er das allen um sich herum zu verstehen gegeben hatte; und nun, da er sich endlich zurückgezogen hatte, saß er hier und hoffte, jemand würde kommen und ihn stören. Er wollte, dass dieser Jemand sah, wie sehr er litt. Auch wenn er Enid mit Kälte begegnete, fand er es unfair, dass sie ihm mit Kälte antwortete: unfair, dass sie fröhlich Tischtennis spielen und vor seiner Tür herumturnen konnte, ohne je zu klopfen und zu fragen, wie es um ihn stand.
Drei gängige Kriterien für die Güte eines Materials waren seine Widerstandsfähigkeit gegenüber Druck, Spannung und Schub.
Jedes Mal wenn die Schritte seiner Frau näher kamen, nahm er sich zusammen, um sich von ihr trösten zu lassen. Dann hörte er das Spiel zu Ende gehen und dachte, sicher werde sie jetzt Erbarmen mit ihm haben. Es war der eine Gefallen, um den er sie bat, der einzige Gefallen (Schopenhauer: Das Weib trägt die Schuld des Lebens nicht durch Tun, sondern durch Leiden ab, durch die Wehen der Geburt, die Sorgfalt für das Kind, die Unterwürfigkeit unter den Mann, dem es eine geduldige und aufheiternde Gefährtin sein soll.)
Doch keine Rettung nahte. Durch die geschlossene Tür hörte er Enid in die Waschküche entschwinden. Er hörte das leise Summen eines Transformators — Gary, der unter der Tischtennisplatte mit der Modelleisenbahn spielte.
Ein viertes Gütekriterium, wichtig für Hersteller von Eisenbahnmaterial und — maschinenteilen, war Härte.
Mit unsäglicher Willensanstrengung machte Alfred Licht und schlug sein Labornotizbuch auf.
Selbst die äußerste Langeweile kannte gnädige Grenzen. Der Esstisch zum Beispiel hatte eine Unterseite, die Chipper erforschte, indem er das Kinn auf die Oberfläche legte und die Arme ausstreckte. Ganz hinten, dort, wo er gerade noch hinkam, ertastete er Ablenkplatten, durchbohrt von straffem Draht, der wiederum zu Ringvorrichtungen führte, an denen man ziehen konnte. Komplizierte Schnittstellen grob bearbeiteter Blöcke und Winkel waren hier und da von tief versenkten Schrauben durchsetzt, die in kleinen zylindrischen Bohrlöchern saßen mit kratzigen Holzfaserspänen an den Rändern, unwiderstehlich für den sondierenden Finger. Noch lohnender waren die Popel, die er während früherer Sitzungen hinterlassen hatte. Ihre getrockneten Krusten hatten die Beschaffenheit von Reispapier oder Fliegenflügeln. Sie ließen sich angenehm leicht abziehen und zerbröseln.
Je länger Chipper sein kleines Königreich der Unterseite befühlte, desto mehr widerstrebte es ihm, es in Augenschein zu nehmen. Instinktiv wusste er, dass die sichtbare Wirklichkeit dürftig wäre. Er würde Ritzen sehen, die er mit den Fingern bisher nicht ertastet hatte, das Geheimnis der Welten, die jenseits seiner Reichweite lagen, wäre entzaubert, die Schraubenlöcher würden ihre abstrakte Sinnlichkeit verlieren, und die Popel wären ihm peinlich, und eines Abends dann, wenn es nichts mehr gab, was er auskosten oder erkunden konnte, würde er vor Langeweile sterben.
Wohldosierte Unwissenheit war eine Überlebenskunst, vielleicht die größte.
Enids alchimistisches Labor direkt unter der Küche beherbergte eine Maytag-Waschmaschine mit darüber angebrachter Mangel, doppelten Gummiwalzen, die wie riesige schwarze Lippen aussahen. Bleichmittel, Waschblau, destilliertes Wasser, Stärke. Eine klobige Lokomotive von einem Bügeleisen, dessen Stromkabel in einen gemusterten Stoff gekleidet war. Berge weißer Hemden in drei Größen.
Um ein Hemd zum Plätten vorzubereiten, besprengte sie es mit Wasser und rollte es in ein Handtuch. Wenn es wieder durch und durch feucht war, bügelte sie zuerst den Kragen, dann die Schultern und arbeitete sich dann nach unten vor.
Während und nach der Großen Depression hatte sie viele Überlebenskünste erlernt. Ihre Mutter führte damals eine Pension in der Talsohle zwischen der Innenstadt von St. Jude und der Universität. Enid hatte eine mathematische Begabung, und so wusch sie nicht nur Bettwäsche und putzte Badezimmer und servierte Mahlzeiten, sondern kümmerte sich, um ihrer Mutter zu helfen, auch um die Zahlen. Als sie mit der High-School fertig und der Krieg zu Ende war, übernahm sie die gesamte Buchhaltung des Hauses, schrieb Rechnungen und machte die Steuererklärung. Von all den Vierteldollars und Dollars, die sie sich nebenbei verdiente — Einkünften vom Babysitten, Trinkgeldern von Studenten und anderen Langzeitmietern — , bezahlte sie die Abendschule und rückte in winzigen Schritten einem Abschluss in Buchhaltung näher, den sie niemals zu brauchen hoffte. Zwei Männer in Uniform hatten bereits um ihre Hand angehalten, leidliche Tänzer, aber keiner von ihnen ein ausgesprochener Verdiener, und auf beide konnte noch geschossen werden. Ihre Mutter hatte einen Mann geheiratet, der nichts verdiente und früh starb. Einem solchen Ehemann aus dem Weg zu gehen hatte für Enid höchste Priorität. Sie wollte beides im Leben haben, Wohlstand und Glück.
Ein paar Jahre nach dem Krieg kam ein junger Stahlingenieur in die Pension, der eben nach St. Jude versetzt worden war, um eine Gießerei zu leiten. Er war ein volllippiges, dicht behaartes, kräftig bemuskeltes Bübchen in Männergestalt und Männerkleidern. Seine Anzüge waren verschwenderisch mit Bügelfalten ausgestattete wollene Prachtstücke. Ein- oder zweimal am Abend, wenn sie an dem großen runden Tisch das Essen auftrug, warf Enid einen Blick über ihre Schulter, ertappte ihn beim Herüberspähen und trieb ihm die Röte ins Gesicht. Al stammte aus Kansas. Nach zwei Monaten fand er den Mut, sie zum Schlittschuhlaufen einzuladen. Sie tranken Kakao, und er erklärte ihr, die Menschen seien zum Leiden geboren. Er nahm sie mit zu einer Weihnachtsfeier der Stahlfabrik und erklärte ihr, die Klugen seien dazu verdammt, von den Dummen gequält zu werden. Immerhin war er ein guter Tänzer und ein guter Verdiener, und so gab sie ihm im Fahrstuhl einen Kuss. Bald waren sie verlobt und fuhren züchtig mit dem Nachtzug nach Mc-Cook, Nebraska, um seine alten Eltern zu besuchen. Sein Vater hielt sich eine Sklavin, mit der er verheiratet war.
Beim Saubermachen von Als Zimmer in St. Jude fand sie einen abgegriffenen Band Schopenhauer, in dem einige Passagen unterstrichen waren. Zum Beispiel diese: Wer die Behauptung, dass in der Welt der Genuss den Schmerz überwiegt oder wenigstens sie einander die Waage halten, in der Kürze prüfen will, vergleiche die Empfindung des Tieres, welches ein anderes frisst, mit der dieses andern.
Was sollte sie von Al Lambert halten? Da war das Altmännerhafte seiner Reden und das Jungmännerhafte seines Aussehens. Enid hatte sich dafür entschieden, der Verheißung seines Aussehens Glauben zu schenken. Das Leben wurde zum Warten darauf, dass seine Persönlichkeit sich änderte.
Während sie wartete, bügelte sie zwanzig Hemden die Woche plus ihre eigenen Röcke und Blusen.