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Fuhr mit der Nasenspitze des Bügeleisens um die Knöpfe. Glättete die Falten, ließ die Knicke verschwinden.

Ihr Leben wäre einfacher gewesen, wenn sie ihn nicht so geliebt hätte, doch sie wusste sich nicht zu helfen. Ihn nur anzuschauen hieß, ihn zu lieben.

Jeden Tag mühte sie sich, die Ausdrucksweise der Jungen zu glätten, ihre Manieren auszubügeln, ihre moralischen Grundsätze weißzuwaschen, ihre Haltungen aufzuhellen, und jeden Tag sah sie sich mit einem neuen Haufen schmutziger, zerknitterter Wäsche konfrontiert.

Selbst Gary war mitunter anarchisch. Sein Schönstes war es, die elektrische Eisenbahn in die Kurven rasen und entgleisen zu lassen, zu beobachten, wie der schwarze Metallklotz hilflos schlitterte und schlingerte und missmutig Funken sprühte. Am zweitschönsten fand er, Plastikkühe und — autos auf die Schienen zu setzen und kleine Tragödien einzufädeln.

Was ihm allerdings einen regelrechten Technokick verpasste, war der Gedanke an ein ferngesteuertes Spielzeugauto, das im Fernsehen seit kurzem permanent beworben wurde und das einfach überall fahren konnte. Um Missverständnissen vorzubeugen, wollte er es als Einziges auf seine Weihnachtswunschliste setzen.

Wer Acht gab, konnte von der Straße aus das Licht in den Fenstern schwächer werden sehen, wenn Garys Eisenbahn oder Enids Bügeleisen oder Alfreds Experimente Strom aus dem Netz zapften. Doch wie leblos das Haus ansonsten wirkte! In den hell erleuchteten Häusern der Meisners und Schumperts, der Persons und Roots waren die Menschen eindeutig daheim — ganze Familien um Tische versammelt, junge Köpfe über Schulaufgaben gebeugt, flimmernde Fernseher in Nebenräumen, umhertapsende Kleinkinder, Großeltern, die mit einem dritten Aufguss die Ergiebigkeit eines Teebeutels testeten. Das waren lebendige, unbefangene Häuser.

Ob jemand daheim war, bedeutete alles für ein Haus. Es war mehr als wesentlich: Es war das Einzige, was zählte.

Die Familie war die Seele des Hauses.

Der wache Geist war wie das Licht in einem Haus.

Die Seele war wie der Ziesel in seinem Bau.

Bewusstsein verhielt sich zu Gehirn wie Familie zu Haus.

Aristoteles: Angenommen, das Auge wäre ein Tier — dann wäre das Augenlicht dessen Seele.

Um den Geist zu begreifen, half es, sich häusliches Treiben vorzustellen, das Summen verwandten Lebens auf verschiedenen Gleisen, das elementare Flackern des heimischen Herds. Von «Gegenwart», «Unordnung» und «Geschäftigkeit» zu sprechen. Oder, umgekehrt, von «Leere» und «Verschlossenheit». Von «Ruhestörung». Vielleicht glich das sinnlos erleuchtete Haus, in dem drei Menschen, jeder für sich, im Keller ihren Dingen nachgingen und einer, ein kleiner Junge, allein im Erdgeschoss saß und auf einen Teller mit kaltem Essen starrte, dem Geist eines Depressiven.

Gary war der Erste, dem es im Keller langweilig wurde. Er tauchte an die Oberfläche, mied das zu helle Esszimmer, als warte dort das Opfer einer scheußlichen Entstellung, und stieg in den ersten Stock, um sich die Zähne zu putzen.

Kurz darauf folgte Enid mit sieben warmen weißen Hemden. Auch sie mied das Esszimmer. Ihre Gedanken gingen so: Wenn sie für das Problem im Esszimmer die Verantwortung trug, dann war es entsetzlich pflichtvergessen von ihr, es nicht zu lösen, eine liebende Mutter wäre nie und nimmer so pflichtvergessen, und da sie eine liebende Mutter war, konnte sie auch nicht dafür die Verantwortung tragen. Irgendwann würde Alfred auftauchen und sehen, was für ein Ungeheuer er gewesen war, und es würde ihm sehr, sehr Leid tun. Falls er es wagte, ihr die Schuld für das Problem in die Schuhe zu schieben, konnte sie sagen: «Du warst es doch, der gesagt hat, er soll hier sitzen, bis er fertig ist.»

Während sie sich ein Bad einlaufen ließ, steckte sie Gary ins Bett. «Bleib du nur immer mein kleiner Löwe», sagte sie.

«Ja.»

«Ist er wwwild? Ist er gefffährlich? Ist er mein wwwilder wwwuscheliger Lllöwe?»

Diese Fragen beantwortete Gary nicht. «Mom», sagte er. «Chipper sitzt immer noch am Tisch, und es ist schon fast neun.»

«Das ist eine Sache zwischen Dad und ihm.»

«Mom? Er mag dieses Essen wirklich nicht. Er tut nicht nur so.»

«Ich bin froh, dass du so ein guter Esser bist.»

«Mom, das ist nicht fair.»

«Herzchen, das ist bloß eine Phase, die dein Bruder da gerade durchmacht. Aber es ist wunderbar, dass du dich für ihn einsetzt. Es ist wunderbar, so lieb und gut zu sein. Bleib du nur immer so lieb und gut.»

Sie eilte hinaus, um das Wasser abzudrehen, und versenkte sich darin.

In einem dunklen Schlafzimmer nebenan stellte sich Chuck Meisner in dem Moment, als er in Bea eindrang, vor, sie sei Enid. Während er zum Samenerguss tuckerte, spekulierte er.

Er fragte sich, ob es an irgendeiner Börse einen Markt für Erie-Belt-Optionen gab. Fünftausend Aktien sofort, mit dreißig Verkaufsoptionen für den Fall eines Downside Hedge. Oder noch besser: einhundert Kaufoptionen, wenn jemand ihm einen Kurs stellte.

Sie war schwanger, und Chuck spekulierte auf wachsende Körbchengrößen, erst A, dann B und schließlich, wenn das Baby kam, vermutlich sogar C. Wie Kommunalobligationen kurz vor der Fälligkeit.

In St. Jude gingen, eins nach dem anderen, die Lichter aus.

Und wer lange genug am Abendbrottisch saß, sei es, dass er bestraft wurde oder dickköpfig oder einfach gelangweilt war, hörte nie auf, dort zu sitzen. Ein Teil von ihm blieb das ganze Leben dort sitzen.

Als könnte anhaltender und allzu direkter Kontakt mit dem nackten Ablauf der Zeit die Nerven dauerhaft schädigen, wie In-die-Sonne-Starren.

Als wäre allzu intime Kenntnis gleich welchen Innenraums ein Wissen, das zwangsläufig Schaden anrichtete. Ein Wissen, das sich nie mehr abwaschen ließ.

(Wie mürbe, wie zermürbt ein Haus, das im Übermaß bewohnt wurde.)

Chipper hörte Dinge und sah Dinge, aber alle waren in seinem Kopf. Nach drei Stunden hatten die Gegenstände, die ihn umgaben, wie ein alter Kaugummi jedes Aroma verloren. Seine mentale Erregung, vergleichsweise stark, hatte es ausgelöscht. Es hätte einer Willensanstrengung, eines Wiedererwachens bedurft, um den Begriff «Platzdeckchen» zu finden und ihn auf das Feld anzuwenden, das Chipper so eingehend betrachtet hatte, dass dessen Wirklichkeit allmählich zerfasert war, oder das Wort «Heizkessel» auf das Rauschen in den Rohren zu beziehen, das, weil es immer wiederkehrte, das Wesen eines Gefühlszustands angenommen hatte oder eines Schauspielers in seinem Kopf, einer Verkörperung der «bösen Zeit». Diss das Licht leicht flackerte, weil jemand bügelte und jemand spielte und jemand Experimente machte und der Kühlschrank sich ein- und wieder ausschaltete, war Teil des Traums gewesen. Dieses Schwanken, obschon kaum merklich, hatte etwas Quälendes gehabt. Aber jetzt hatte es aufgehört.

Jetzt war nur noch Alfred im Keller. Er untersuchte ein Eisenacetat-Gel mit den Polen eines Amperemeters.

Ein jüngst erzielter Fortschritt in der Metallurgie: die Formung von Metallen nach Maß bei Zimmertemperatur. Der Gral war eine Substanz, die gegossen oder geschmiedet werden konnte, nach der Bearbeitung (etwa mit elektrischem Strom) jedoch die überragenden Eigenschaften von Stahl besaß — Festigkeit, Leitvermögen und Ermüdungsresistenz. Eine Substanz, die biegsam war wie Plastik und hart wie Metall.

Die Angelegenheit war dringend. Ein Zivilisationskrieg war im Gange, und die Plastikstreitmächte gewannen. Alfred hatte bereits Marmeladen- und Geleegläser mit Plastikdeckeln gesehen. Autos mit Plastikdächern.

Unseligerweise stellte Metall in seiner reinen Form — ein schöner Stahlpfosten oder ein Kerzenleuchter aus massivem Messing — eine hohe Ordnungsstufe dar, während die Natur schlampig war und Unordnung vorzog. Rostkrümel. Die Promiskuität freischwebender Moleküle. Das Chaos warmer Dinge. Unordnung an sich entstand mit erheblich größerer Wahrscheinlichkeit spontan als ein perfekter Kubus aus Eisen. Nach dem Zweiten Gesetz der Thermodynamik war viel Arbeit erforderlich, um dieser Tyrannei des Wahrscheinlichen Einhalt zu gebieten — die Atome eines Metalls zu zwingen, sich zu benehmen.