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Alfred war überzeugt, dass Elektrizität dieser Aufgabe gewachsen war. Der Strom, der aus dem Netz kam, war nichts anderes als von fern geliehene Ordnung. In Kraftwerken wurde aus einem wohlorganisierten Stück Kohle ein Gebläh nutzloser heißer Gase; ein erhöht liegendes, selbstgenügsames Wasserbecken verwandelte sich in einen entropischen Schwall, der irgendwo in ein Delta mündete. Solche Opfer des Geordneten erzeugten die nützlichen elektrischen Ladungen, die er zu Hause arbeiten ließ.

Er war auf der Suche nach einem Material, das die Fähigkeit besaß, sich selbst zu elektroplattieren. Er bildete Kristalle in ungewöhnlichen Materialien und setzte sie elektrischen Strömen aus.

Es war keine harte Wissenschaft, sondern primitiver Probabilismus auf der Basis von Versuch und Irrtum, ein blindes Tasten nach Zufällen, von denen er eventuell profitieren konnte. Einer seiner Kommilitonen aus dem College hatte mit den Ergebnissen einer solchen Zufallsentdeckung bereits die erste Million verdient.

Dass er sich irgendwann keine Sorgen mehr ums Geld machen müsste: Das war ein Traum, der jenem Traum glich, von einer Frau getröstet, wahrhaft getröstet zu werden, wenn ihn das Elend überkam.

Der Traum von der radikalen Verwandlung: eines Tages aufzuwachen und ein gänzlich anderer (selbstbewussterer, gelassenerer) Mensch zu sein, dem Gefängnis des Gegebenen zu entfliehen, göttliche Schaffenskraft zu verspüren.

Er hatte Ton und Silikatgel. Er hatte Silikonkitt. Er hatte schlammige Eisensalze, die in sich selbst zerflossen. Ambivalente Acetylacetonate und Tetrakarbonyle mit niedrigen Schmelzpunkten. Ein Stück Gallium, so groß wie eine Damaszenerpflaume.

Der Chefchemiker von Midland Pacific, ein Schweizer Akademiker, der über einer Million Messungen von Maschinenölviskositäten und Brinellhärten vor Langeweile schwermütig geworden war, versorgte Alfred mit allem Nötigen. Ihre Vorgesetzten wussten von dem Arrangement — Alfred hätte nie riskiert, sich bei irgendeiner Heimlichkeit erwischen zu lassen — , und man hatte sich informell darauf verständigt, dass die Midpac, sollte er je ein patentierbares Verfahren entwickeln, Anspruch auf einen Anteil etwaiger Einnahmen hätte.

Heute Abend verhielt sich das Eisenacetat-Gel ungewöhnlich. Alfreds Messungen des Leitvermögens schwankten heftig, je nachdem, wo genau er die Sonde des Ammeters hineinsteckte. In der Annahme, die Sonde könnte verschmutzt sein, tauschte er sie gegen eine schmale Nadel aus und bohrte diese in das Gel. Nun maß er überhaupt kein Leitvermögen mehr. Als er die Nadel an einer anderen Stelle hineinsteckte, war der Wert hingegen hoch.

Was ging hier vor?

Die Frage ließ ihn nicht los, sie tröstete ihn und hielt den Zuchtmeister in Schach, bis er um zehn Uhr die Lampe des Mikroskops löschte und in sein Notizbuch schrieb: FÄRBEMITTEL BLAUES CHROMAT 2 %. SEHR, SEHR INTERESSANT.

In dem Moment, als er aus dem Labor trat, überfiel ihn die Erschöpfung wie mit Hammerschlägen. Er fummelte am Schloss, so plump und ungeschickt waren auf einmal seine analytischen Finger. Für die Arbeit hatte er grenzenlose Energie, doch sobald er damit aufhörte, konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten.

Seine Erschöpfung nahm noch zu, als er nach oben ging. Küche und Esszimmer waren hell erleuchtet, und es hatte den Anschein, als sei ein kleiner Junge, das Gesicht auf dem Platzdeckchen, über dem Esstisch zusammengesackt. Die Szene war so falsch, so krank vor Rache, dass Alfred einen Augenblick lang ernsthaft glaubte, der Junge am Tisch sei ein Gespenst aus seiner eigenen Kindheit.

Er tastete nach Lichtschaltern, als ob das Licht ein Giftgas wäre, dessen Ausströmen er verhindern müsse.

Im weniger bedrohlichen Dämmerlicht hob er den Jungen hoch und trug ihn nach oben. Der Junge hatte den Abdruck vom Gewebe des Platzdeckchens auf einer Wange. Er murmelte Unsinn. Er war nur halb da und wehrte sich dagegen, ganz wach zu werden. Er ließ den Kopf hängen, während Alfred ihn auszog und im Schrank einen Pyjama für ihn fand.

Sobald der Junge, mit einem Kuss versehen und fest schlafend, im Bett lag, rann unvorstellbar viel Zeit durch die Beine des Stuhls, auf dem Alfred am Bettrand saß und kaum etwas anderes wahrnahm als das Elend zwischen seinen Schläfen. Seine Müdigkeit schmerzte so, dass sie ihn wach hielt.

Aber vielleicht hatte er doch geschlafen, denn plötzlich richtete er sich auf und fühlte sich marginal erfrischt. Er verließ Chippers Zimmer und schaute bei Gary nach dem Rechten.

Gleich hinter Garys Tür stand, stark nach Kleister riechend, ein Gefängnis aus Eisstielen. Das Gefängnis hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der raffinierten Besserungsanstalt, die Alfred vorgeschwebt hatte. Es war ein grobes Viereck ohne Dach, grob unterteilt. Der Grundriss entsprach tatsächlich genau dem binomischen Quadrat, von dem er vor dem Essen gesprochen hatte.

Und das hier, im größten Raum des Gefängnisses, dieses verhunzte Gebilde aus halbweichem Leim und zerbrochenen Eisstielen, war das ein — Puppenschubkarren? Eine Miniaturtrittleiter?

Ein elektrischer Stuhl.

In einem bewusstseinsverändernden Nebel der Erschöpfung kniete sich Alfred hin und betrachtete ihn. Er merkte, wie schmerzlich es ihn berührte, dass dieser Stuhl überhaupt angefertigt worden war — dass Gary den Impuls gehabt hatte, einen Gegenstand zu basteln, der vielleicht die Anerkennung seines Vaters finden würde — und, irritierender noch, wie unmöglich es war, diesen groben Gegenstand mit dem präzisen Bild eines elektrischen Stuhls zur Deckung zu bringen, das er beim Abendessen vor Augen gehabt hatte. Wie eine widersinnige weibliche Traumgestalt, die zugleich Enid und nicht Enid war, war auch der Stuhl, den er sich vorgestellt hatte, ganz ein elektrischer Stuhl und ganz ein Haufen Eisstiele gewesen. Auf einmal erschien ihm der Gedanke, dass vielleicht jedes «reale» Ding auf der Welt im Kern genauso niederträchtig proteisch war wie dieser elektrische Stuhl, zwingender denn je. Vielleicht stellte sein Bewusstsein mit dem scheinbar realen Hartholzboden, auf dem er kniete, in diesem Moment genau das Gleiche an, was es, Stunden zuvor, mit dem ungesehenen Stuhl angestellt hatte.

Vielleicht wurde ein Boden erst wirklich ein Boden, wenn man ihn im Geiste rekonstruierte. Die Natur des Bodens war bis zu einem gewissen Grad unstrittig, gewiss; das Holz existierte zweifellos und hatte messbare Eigenschaften. Aber es gab einen zweiten Boden, der in seinem Kopf gespiegelt wurde, und Alfred fürchtete, dass die bedrängte «Realität», die er verteidigte, nicht die eines tatsächlichen Bodens in einem tatsächlichen Schlafzimmer war, sondern die eines Bodens in seinem Kopf, eine Idealisierung und daher keinen Deut mehr wert als eine von Enids dummen Phantastereien.

Der Verdacht, dass alles relativ war. Dass das «Reale» und «Authentische» nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern von vornherein fiktiv sein könnten. Dass sein Gefühl, im Recht zu sein, einzig für das Reale einzutreten, eben nur ein Gefühl war. Dies waren die bösen Ahnungen, die in den vielen Motelzimmern auf der Lauer gelegen hatten. Dies waren die bodenlosen Schrecknisse unter den klapprigen Betten.

Und wenn die Welt sich weigerte, mit seiner Version der Realität konform zu gehen, dann war sie notwendig eine gleichgültige Welt, eine bittere und abscheuliche Welt, eine Strafkolonie, in der er dazu verurteilt war, barbarisch einsam zu sein.

Er beugte den Kopf bei dem Gedanken, wie viel Kraft ein Mann brauchen würde, um ein ganzes Leben in so einer Einsamkeit auszuhalten.

Er stellte den kümmerlichen, schiefen elektrischen Stuhl wieder auf den Boden des größten Raums in Garys Gefängnis. Sobald er ihn losließ, fiel der Stuhl auf die Seite. Bilder vom Kurz-und-klein-Schlagen des Gefängnisses gingen Alfred durch den Kopf, Momentaufnahmen von hochgerafften Röcken und heruntergerissenen Unterhosen, Bilder von zerfetzten BHs und schwingenden Hüften, doch sie führten zu nichts.