«Warum bist du so hartherzig?», fragte sie.
«Dafür gibt es Gründe», sagte Alfred, «aber ich werde sie dir nicht sagen.»
«Warum bist du so unglücklich? Warum sagst du sie mir nicht?»
«Lieber sinke ich ins Grab, bevor ich das tue. Ins Grab.»
«Oh, oh, oh!»
Es war ein schlechter Ehemann, den sie da abgekriegt hatte, ein schlechter, schlechter, schlechter Ehemann, der ihr niemals geben würde, was sie brauchte. Immer fand er einen Grund, ihr vorzuenthalten, was sie zufriedengestellt hätte. Und so lag sie, eine Tantala, neben der trägen Illusion eines Festgelages. Der kleinste Finger irgendwo hätte… Gar nicht zu reden von seinen Pflaumenfleischlippen. Aber Alfred war unnütz. Ein Haufen Geld, das in einer Matratze vor sich hin gammelte und stetig an Wert verlor, das war er. Die Depression im Herzland hatte ihn genauso kleingekriegt wie ihre Mutter, die nicht begriff, dass Zinsen bringende Bankkonten mittlerweile staatlich abgesichert waren oder dass Aktien großer Unternehmen, sofern man sie nur langfristig hielt und die Dividenden reinvestierte, ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit im Alter ein Auskommen bescherten. Er war ein schlechter Investor.
Sie aber nicht. Das eine oder andere Mal, wenn es in einem Raum ganz dunkel gewesen war, hatte sie sogar wirklich etwas riskiert, und jetzt tat sie es wieder. Drehte sich um und kitzelte mit Brüsten, die ein gewisser Nachbar bestaunt hatte, seinen Schenkel. Legte ihre Wange an seine Rippen. Sie konnte fühlen, wie er darauf wartete, dass sie wieder den Rückzug antrat, doch vorher musste sie, wie im Gleitflug, die Ebene seines muskulösen Bauches streicheln, Haare berührend, aber keine Haut. Zu ihrer gelinden Überraschung fühlte sie seinen seinen seinen zum Leben erwachen, als ihre Finger sich ihm näherten. Sein Becken versuchte ihr auszuweichen, doch ihre Finger waren flinker. Sie fühlte, wie er unter dem Schlitz seiner Pyjamahose zum Mann wurde, und in einem Anfall von aufgestauter Begierde machte sie etwas, was er ihr noch nie zuvor erlaubt hatte. Sie beugte sich zur Seite und nahm ihn in den Mund. Ihn: den rasch heranwachsenden Jungen, das schwach urinös riechende Bürschchen. Mit ihren geschickten Händen und ihrem schwellenden Busen fühlte sie sich begehrenswert und zu allem fähig.
Der Mann unter ihr bebte vor Widerstreben. Kurz machte sie ihren Mund frei: «Al? Liebling?»
«Enid. Was hast du — ?»
Erneut schloss sich ihr Mund um den fleischigen Zylinder. Sie hielt einen Moment inne, lange genug, um zu spüren, wie das Fleisch an ihrem Gaumen Pulsschlag für Pulsschlag härter wurde. Dann hob sie den Kopf. «Wir könnten schon ein bisschen zusätzliches Geld auf der Bank gebrauchen — was meinst du? Und mit den Jungen nach Disneyland fahren. Was meinst du?»
Und tauchte wieder ab. Zunge und Penis verständigten sich langsam, und Alfred schmeckte jetzt wie das Innere ihres Mundes. Wie eine häusliche Pflicht und alles, was in dem Wort mitschwang. Vielleicht unbeabsichtigt stieß er ihr sein Knie in die Rippen, und sie rückte ein wenig von ihm ab, doch das Gefühl, begehrenswert zu sein, blieb. Sie stopfte sich den Mund bis zum Hals voll. Tauchte auf, um Luft zu schnappen, und nahm einen weiteren großen Schluck.
«Und wenn wir bloß zweitausend anlegen», murmelte sie. «Mit einem Vier-Dollar-Potenzial — autsch!»
Alfred war wieder zur Besinnung gekommen und drängte den Sukkubus von sich fort.
(Schopenhauer: Die Erwerber des Vermögens sind die Männer, nicht die Weiber: diese sind daher auch nicht zum unbedingten Besitze desselben berechtigt, wie auch zur Verwaltung desselben nicht befähigt?)
Der Sukkubus rückte ihm wieder zu Leibe, doch Alfred packte ihn am Handgelenk und schob ihm mit der anderen Hand das Nachthemd hoch.
Vielleicht war der Genuss, den man beim Wippen, oder beim Fallschirmspringen und Tiefseetauchen empfand, ein Nachhall aus jener Zeit, als die Gebärmutter einen vor den Belastungen des Auf und Nieder schützte. Jener Zeit, als man noch gar nicht über die mechanischen Voraussetzungen verfügte, Schwindel zu empfinden. Sich noch sicher in einem warmen Binnensee aalte.
Einzig und allein dieses Schaukeln war unheimlich, nur dieses Schaukeln ging mit einem Adrenalinstoß einher, der durch das Blut jagte, denn die Mutter schien sich in einer Art Notlage zu befinden «Al, ist das wirklich eine gute Idee, hör mal, ich glaube nicht — »
«In dem Buch steht, es spricht nichts dagegen — »
«Aber mir ist doch ein bisschen mulmig dabei. Ooooh. Hörst du? Al?»
Er war ein Mann, der rechtmäßigen Geschlechtsverkehr mit seiner rechtmäßigen Ehefrau hatte.
«Al, vielleicht lieber nicht. Du weißt doch.»
Er wehrte sich gegen das Bild der jungen FOTZE im Gymnastikanzug. Und gegen all die anderen MÖSEN mit ihren TITTEN und ÄRSCHEN, die ein Mann gern FICKEN würde, wehrte sich dagegen, obwohl es im Zimmer dunkel war, und im Dunkeln war vieles erlaubt.
«Oh, mir ist so unwohl dabei!», wimmerte Enid leise.
Am schlimmsten war das Bild des kleinen Mädchens, das sich in ihrem Bauch zusammenrollte, ein Mädchen, nicht viel größer als ein großer Käfer und doch schon Zeugin solchen Unrechts. Zeugin eines stramm geschwollenen kleinen Hirns, das jenseits des Gebärmutterhalses herein- und hinausglitt, und dann, begleitet von einem raschen, kaum als angemessene Warnung zu bezeichnenden Doppelspasmus, dicke alkalische Spermagespinste in ihr Privatgemach spritzte. Noch nicht einmal geboren und schon starrend vor klebrigem Wissen.
Alfred lag schwer atmend da und bereute, dass er das Baby geschändet hatte. Ein letztes Kind gab zum letzten Mal Gelegenheit, aus den eigenen Fehlern zu lernen und ein paar Korrekturen anzubringen, und er war entschlossen, diese Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen. Vom Tag ihrer Geburt an würde er sie sanfter anfassen, als er Gary oder Chipper angefasst hatte. Würde die Gesetze ihretwegen lockern, ja sie sogar verwöhnen und nicht ein einziges Mal von ihr verlangen, am Tisch sitzen zu bleiben, wenn alle anderen schon aufgestanden waren.
Aber er hatte sie mit solchem Dreck besudelt, als sie wehrlos war. Sie hatte solche Eheszenen miterlebt, da war es doch klar, dass sie ihn, als sie älter wurde, verriet.
Was Korrekturen möglich machte, vereitelte sie zugleich.
Die empfindliche Sonde, die Werte am oberen Rand des roten Bereichs ausgewiesen hatte, zeigte jetzt null an. Er ließ von seiner Frau ab und straffte die Schultern. Unter dem Bann des sexuellen Instinkts (wie Arthur Schopenhauer es nannte) hatte er ganz aus dem Blick verloren, wie grausam bald er sich rasieren und den Zug erwischen musste, doch jetzt war dieser Instinkt befriedigt, und das Wissen um die verbleibende Kürze der Nacht lastete auf Alfreds Brust wie ein 50-m-Standard-Gleissegment, und Enid hatte wieder angefangen zu weinen, wie Ehefrauen es taten, wenn es psychotisch spät in der Nacht war und den Wecker zu manipulieren nicht in Frage kam. Vor Jahren, als sie frisch verheiratet waren, hatte sie in den frühen Morgenstunden auch manchmal geweint, doch damals war Alfred für die Lust, die er ihr geraubt, und die Stöße, die sie erduldet hatte, so dankbar gewesen, dass er nie zu fragen versäumt hatte, warum sie weinte.
Heute Nacht, das war bemerkenswert, verspürte er weder Dankbarkeit noch die leiseste Verpflichtung, sie zu befragen. Er war nur müde.
Warum weinten Ehefrauen immer nachts? In der Nacht zu weinen mochte ja angehen, wenn man nicht vier Stunden später in den Zug steigen musste und sich nicht, wenige Augenblicke zuvor, einer Schändung schuldig gemacht hatte, noch dazu um einer Befriedigung willen, deren Bedeutung sich einem jetzt vollkommen entzog.
Vielleicht war all dies nötig — zehn durchwachte Nächte in schlechten Motels, gefolgt von einem Abend emotionalen Achterbahnfahrens und schließlich das Nichts-wie-raus-und- schieß-dir-eine-Kugel-durch-den-Mund-Geschniefe und — Gewimmere einer Frau, die sich um zwei Uhr morgens in den verdammten Schlaf zu weinen versuchte — , um zu erkennen, dass a) der Schlaf eine Frau war und b) sie Tröstungen bereithielt, die zu verschmähen er nicht die mindeste Verpflichtung hatte.