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Für einen Mann, der sein Leben lang gegen außerplanmäßige Nickerchen angekämpft hatte wie gegen jedes andere verderbliche Vergnügen, war dies eine umwälzende Einsicht — auf ihre Weise nicht weniger folgenschwer als, ein paar Stunden zuvor, seine Entdeckung der elektrischen Anisotropie in einem Gel aus vergitterten Eisenacetaten. Mehr als dreißig Jahre mussten vergehen, ehe die Entdeckung im Keller finanzielle Früchte trug; die Entdeckung im Schlafzimmer hingegen machte das Leben bei den Lamberts von Stund an erträglicher.

Ein Pax somnis hat sich auf den Haushalt gesenkt. Alfreds neue Freundin besänftigte das Biest, das in ihm steckte, was auch immer es für eines sein mochte. Wie viel leichter war es doch, anstatt zu toben oder zu schmollen, einfach die Augen zu schließen. Bald hatten alle verstanden, dass er eine unsichtbare Geliebte hatte, der er sich Samstagnachmittags, wenn seine Arbeitswoche bei der Midpac zu Ende war, im Familienzimmer hingab, eine Geliebte, die er auf jede Geschäftsreise mitnahm und der er in Betten, die ihm nicht mehr so unbequem, und in Motelzimmern, die ihm nicht mehr so laut erschienen, in die Arme sank, eine Geliebte, der er im Laufe eines am Schreibtisch zugebrachten Abends regelmäßig seine Aufwartung machte, eine Geliebte, mit der er auf den Sommerausflügen der Familie nach dem Mittagessen ein Reisekissen teilte, während Enid im Schlingerkurs den Wagen lenkte und die Kinder auf der Rückbank still sein mussten. Der Schlaf war eine Frau, die sich ideal mit der Arbeit vereinbaren ließ und die er von vornherein hätte heiraten sollen. Vollendet unterwürfig, grenzenlos verzeihend und so ehrbar, dass man sie in die Kirche, ins Symphoniekonzert und ins Repertoiretheater von St. Jude mitnehmen konnte. Nie hielt sie ihn mit ihren Tränen wach. Sie forderte nichts und schenkte ihm alles, was er für einen langen Arbeitstag brauchte. Es gab nichts Schmutziges in ihrer Affäre, keine romantische Oskulation, keine Lecks oder undichte Stellen, keine Scham. Er konnte Enid in ihrem eigenen Bett betrügen, ohne ihr die Spur eines juristisch verwertbaren Beweises zu liefern, und solange er diskret genug war, wenigstens nicht einzudösen, wenn sie irgendwo eingeladen waren, duldete Enid seine Affäre, wie kluge Ehefrauen es stets getan hatten, und so war dies eine Untreue, für die er, während die Jahrzehnte ins Land gingen, nie zur Rechenschaft gezogen zu werden schien…

«Psst! Arschloch!»

Mit einem Ruck wachte Alfred auf und spürte das Zittern und träge Krängen der Gunnar Myrdal. War noch jemand in der Kabine?

«Arschloch!»

«Wer ist da?», fragte er halb herausfordernd, halb ängstlich.

Dünne skandinavische Bettdecken fielen von ihm ab, als er sich aufsetzte und ins Halbdunkel spähte, angestrengt über die Grenzen seines Selbst hinauslauschend. Schwerhörige sind wie Gefängnisinsassen mit den Frequenzen vertraut, auf denen ihre Köpfe klingen. Sein treuester Begleiter war ein Alt, wie das mittlere A einer Orgelpfeife, ein schmetternder Clarinoton irgendwo in seinem linken Ohr. Er kannte ihn, in steigender Lautstärke, seit dreißig Jahren; der Ton war eine so feste Größe, dass es schien, als würde er Alfred überdauern. Er hatte jene ursprüngliche Bedeutungslosigkeit ewiger oder unendlicher Dinge. War so real wie ein Herzschlag, entsprach aber nichts Realem außerhalb von Alfred. War ein Ton, der von nichts erzeugt wurde.

Darunter waren die schwächeren, flüchtigeren Töne am Werk. Zirrusartige Ballungen sehr hoher Frequenzen, weit weg, in stratosphärischer Tiefe hinter seinen Ohren. Mäandernde leise Klänge, beinahe geisterhaft, als würden sie von einer fernen Kalliope gespielt. Hier und da ein schriller mittellagiger Ton, der wie Grillenzirpen im Zentrum seines Schädels an- und abschwoll. Ein dunkles, fast grollendes Dröhnen, wie verwässerter Dieselmotorenlärm, dem das Ohrenbetäubende noch anzuhören war, ein Geräusch, das ihm nie ganz real — mithin: irreal — erschienen war, bis er sich von der Midpac hatte pensionieren lassen und nicht mehr mit Lokomotiven in Berührung kam. Dies waren die Geräusche, die sein Gehirn zugleich schuf und vernahm, die Geräusche, mit denen es gut Freund war.

Außerhalb seiner selbst konnte er das Psch, Psch zweier Hände hören, die an ihren Gelenken sacht auf den Laken hin- und herschwangen.

Und das geheimnisvolle Rauschen von Wasser rings um ihn, in den verborgenen Kapillargefäßen der Gunnar Myrdal.

Und jemanden, der da unten, in dem zweifelhaften Raum unter dem Bettzeughorizont, kicherte.

Und den Wecker, der sich jedes Ticken einzeln abzwackte. Es war drei Uhr morgens, und Alfreds Geliebte hatte ihn im Stich gelassen. Gerade jetzt, wo er ihre Tröstungen mehr denn je brauchte, machte sie sich aus dem Staub, um mit jüngeren Schläfern zu huren. Dreißig Jahre lang war sie ihm gefügig gewesen, hatte jeden Abend um Viertel nach zehn die Arme ausgebreitet und die Beine gespreizt. Sie war die Zuflucht gewesen, die er gesucht hatte, der Schoß. Am Nachmittag oder frühen Abend, da fand er sie noch, nicht aber nachts in einem Bett. Sobald er sich hinlegte, begann er in den Laken zu wühlen und kriegte vielleicht, für einige Stunden, knöcherne Gliedmaßen von ihr zu fassen, an die er sich klammern konnte. Doch verlässlich um eins oder zwei oder drei zog sie sich zurück, so weit, dass es ihm nicht einmal mehr gelang, sich einzureden, sie würde ihm noch gehören.

Angstvoll spähte er über den rostorangen Teppichboden hinweg zu den Umrissen von Enids nordisch heller Holzkoje. Enid schien tot zu sein.

Das rauschende Wasser in Millionen Rohren.

Und das Zittern; er hatte eine Vermutung, was dieses Zittern betraf: dass es von den Maschinen herrührte, dass man beim Bau eines Luxuskreuzfahrtschiffs alle Maschinengeräusche dämpfte oder tarnte, eins nach dem anderen, bis zur niedrigsten hörbaren Frequenz und noch niedriger, aber ganz bis auf null ging es nicht. Es blieb dieses subauditive Zwei-Hertz-Beben, dieser nicht zu reduzierende Rest, die Erinnerung daran, dass etwas Mächtigem Ruhe aufgezwungen worden war.

Ein kleines Tier, eine Maus, huschte in die Schattenschichten am Fuß von Enids Bett. Einen Augenblick lang dachte Alfred, der ganze Boden bestehe aus umherhuschenden Korpuskeln. Dann lösten sich die Mäuse auf, wurden eine einzige, gut entwickelte Maus, schreckliche Maus, zermatschbare Exkretkügelchen, Nagegewohnheiten, achtloses Gepinkel.

«Arschloch, Arschloch!», höhnte der Besucher und trat aus der Dunkelheit in die Bettranddämmerung.

Mit Bestürzung erkannte Alfred ihn. Zuerst sah er die eingesackten Konturen, dann stieg ihm ein Hauch von bakteriellem Verfall in die Nase. Das war keine Maus. Das war der Scheißhaufen.

«Auch noch Urinprobleme, he, he!», sagte der Scheißhaufen.

Es war ein soziopathischer Scheißhaufen, ein weicher Stuhl mit losem Maul. In der Nacht zuvor hatte er sich mit Alfred bekannt gemacht und ihn so in Erregung versetzt, dass nur Enids Fürsorge, helles elektrisches Licht und Enids beruhigende Hand auf seiner Schulter, die Nacht hatten retten können.

«Fort!», befahl Alfred streng.

Der Scheißhaufen aber huschte an der Seite der sauberen nordischen Koje entlang und zerlief wie ein Brie oder ein blättriger, nach Pferdeäpfeln riechender Cabrales auf dem Überwurf. «Denkste, Alter.» Und löste sich, buchstäblich, in einer Salve übermütiger Furzgeräusche auf.

Die Angst, den Scheißhaufen auf seinem Kissen anzutreffen, zitierte den Scheißhaufen prompt auf das Kissen, wo er es sich in verschiedenen Posen feucht glänzenden Wohlbehagens gemütlich machte.

«Geh weg, geh weg», sagte Alfred und setzte einen Ellbogen auf den Teppichboden, während er mit dem Kopf voran aus dem Bett kletterte.

«Nee, nee, Jose», sagte der Scheißhaufen. «Zuerst kriech ich in deine Kleider.»

«Nein!»

«O doch, Alter. Ich kriech in deine Kleider und mach die Polster dreckig. Schmier rum und hinterlass 'ne Spur. Und stinke erst mal kräftig!»