«Warum? Warum willst du so etwas tun?»
«Weil es mir entspricht», krächzte der Scheißhaufen. «So bin ich eben. Das Interesse anderer über mein eigenes stellen? In eine Kloschüssel hüpfen, um die Gefühle anderer zu schonen? Das würdest du vielleicht tun, Alter. Du machst alles farsch alschrum. Schau dir doch an, wo du damit gelandet bist.»
«Andere sollten mehr Rücksicht nehmen.»
«Nein — du solltest weniger Rücksicht nehmen. Alter, ich bin gegen alle Zwänge. Wenn dir nach was ist, leb's aus. Wenn du was willst, hol's dir. Immer schön zuerst an sich denken.»
«Die Zivilisation steht und fällt mit der Beherrschung der Triebe», sagte Alfred.
«Zivilisation? Überbewertet. Ich frag dich, was hat die schon je für mich getan? Mich im Klo runtergespült! Mich wie Scheiße behandelt!»
«Aber genau das bist du doch», protestierte Alfred, in der Hoffnung, der Scheißhaufen werde einsehen, wie logisch das war. «Dafür ist ein Klo doch schließlich da.»
«Wen bezeichnest du hier als Scheiße, Arschloch? Ich hab die gleichen Rechte wie alle anderen, oder? Leben, Freiheit, das Streben nach größtmösiger Glücksmösigkeit? So steht es in der Verfassung der Verunreinigten Staa-»
«Das stimmt nicht», sagte Alfred. «Du meinst die Unabhängigkeitserklärung.»
«Irgend so ein altes vergilbtes Stück Papier, was zum Rattenfurz kümmert's mich, wie das Scheißding genau heißt? Verkniffene Ärsche wie du haben mir schon, als ich noch soo klein war, jedes Scheißwort aus der Klappe rauskorrigiert. Du und all die an Verstopfung leidenden Fascholehrer und Nazibullen. Von mir aus können die Wörter auf ein Stück beschissenes Klopapier gedruckt sein. Ich sage, das hier ist ein freies Land, ich bin die Mehrheit, und du, Alter, bist in der Minderheit. Also Scheiß auf dich.»
Der Scheißhaufen hatte eine Einstellung, einen Ton, die Alfred gespenstisch vertraut vorkamen, ohne dass er sie zuordnen konnte. Er begann, sich auf Alfreds Kissen zu wälzen und hin- und herzurollen, wobei er einen glänzenden, grünlich braunen Film voll kleiner Klümpchen und Fasern darauf verteilte und dort, wo der Stoff sich bauschte, weiße Falten und Mulden hinterließ. Alfred, auf dem Boden neben dem Bett, hielt sich mit den Händen Nase und Mund zu, um den Gestank und das Grauen abzuschwächen.
Dann lief der Scheißhaufen am Bein seiner Pyjamahose hoch. Alfred spürte seine kitzelnden, mausähnlichen Füße.
«Enid!», rief er mit aller Kraft, die in ihm war.
Der Scheißhaufen war irgendwo in der Nähe seiner Oberschenkel. Mit Mühe beugte Alfred seine steifen Beine und hakte die nur halb funktionsfähigen Daumen in den Hosenbund, damit er den Pyjama hinunterstreifen konnte, um den Scheißhaufen im Stoff zu fangen. Auf einmal begriff er, dass der Scheißhaufen ein entflohener Häftling war, ein Stück menschlichen Abfalls, das ins Gefängnis gehörte. Dass es Gefängnisse genau hierfür gab: für Leute, die glaubten, sie, und nicht die Gesellschaft, bestimmten die Regeln. Und wenn das Gefängnis sie nicht abschreckte, verdienten sie den Tod! Den Tod! Aus seiner Wut Kraft schöpfend, gelang es Alfred, sich das Pyjamaknäuel von den Füßen zu zerren, und mit zitternden Armen rang er es zu Boden, bearbeitete es mit den Unterarmen und zwängte es tief zwischen die harte nordische Matratze und die nordischen Sprungfedern. Nach Luft schnappend, kniete er in seinem Pyjamaoberteil und seiner Erwachsenenwindel auf dem Teppich.
Enid schlief weiter. Etwas eindeutig Märchenhaftes in ihrer Haltung heute Nacht.
«Pfllaaatsch!», höhnte der Scheißhaufen. Er war an der Wand über Alfreds Koje wieder aufgetaucht und hing halsbrecherisch, als hätte ihn jemand dorthin geschleudert, neben einer gerahmten Radierung vom Osloer Hafen.
«Der Teufel soll dich holen!», sagte Alfred. «Du gehörst hinter Schloss und Riegel!»
Der Scheißhaufen keuchte vor Lachen, während er sehr langsam an der Wand hinabglitt und mit seinen klebrigen Pseudosaugnäpfen auf die Laken zu tropfen drohte. «Mir scheint», sagte er, «ihr analfixierten Typen hättet gern alles hinter Schloss und Riegel. Kleine Kinder zum Beispiel, absolute Katastrophe, Mann, die reißen dir deinen Plunder aus den Regalen, kleckern auf den Teppich, nölen im Kino, pinkeln daneben. Ab in den Knast mit ihnen! Und die Polynesier, Mann, die tragen Sand ins Haus und schmieren Fischsauce auf die Möbel, und all die geschlechtsreifen Puppen mit ihren entblößten Möpsen? Einsperren! Und wo wir schon mal dabei sind, wie wär's mit zehn oder zwanzig Jahren für jeden geilen kleinen Teenager, ich meine, apropos Unverschämtheit, apropos null Disziplin. Und Neger (heikles Thema, Fred?), ich höre Hottentotten-Geschrei und wilde Grammatik, ich rieche Alkohol von der malzigen Sorte und schweren, fettigen Schweiß, und dann all das Getanze und Auf-den-Putz-Gehaue, und Sänger, die säuseln und schmatzen wie bestimmte, mit Speichel und Gel befeuchtete Körperteile: Wozu sind Gefängnisse denn da, wenn nicht, um Neger reinzuwerfen? Und diese Kariben mit ihren Riesenjoints und ihren blähbäuchigen Gören und, also echt, ihrem täglichen Gegrille und den von Ratten übertragenen Hantaviren und zuckrigen Getränken mit Schweineblut unten im Glas? Zellentür zu, Schlüssel verschlucken. Und die Chinesen, Mann, diese arschkriechenden, komisch benamsten Weicheier, wie selbst gemachte Dildos, die einer nach dem Benutzen zu waschen vergessen hat, 'n Dolla, 'n Dolla, und diese schleimigen Karpfen und lebend gehäuteten Singvögel, und komm, also echt, Welpensuppe und Muschikatzenknödel und Baby-Mädchen sind da nationale Delikatessen, und Saudarm, will sagen Anus vom Schwein, wahrscheinlich 'ne ziemlich zähe und borstige Angelegenheit, dieser Saudarm, und die Schlitzaugen bezahlen Geld, um so was zu essen? Wie wär's, schmeißen wir doch einfach 'ne Atombombe auf alle eins Komma zwei Milliarden von denen, he? Der Teil der Welt wär dann schon mal sauber. Und vergessen wir nicht die Frauen im Allgemeinen, eine einzige Spur von Taschentüchern und Tampons, wo immer sie langgehen. Und diese Homos mit ihren kassenärztlich verschriebenen Gleitcremes, und diese Südeuropäer mit ihren Schnurrbärten und ihrem Knoblauch, und diese Franzosen mit ihren Strumpfhaltern und ihrem vergammelten Käse, und diese hodenkratzenden Arbeiter mit ihren aufgemotzten Schlitten und ihren Bierrülpsern, und diese Juden mit ihren beschnittenen Schwänzen und ihrem gefillte fisch, der wie eingemachte Scheiße aussieht, und eure weißen angelsächsischen Protestanten mit ihren ellenlangen Motorjachten und laufärschigen Polopferden und Geh-zum-Teufel-Zigarren? He, komisch, Fred, die einzigen Leute, die nicht in dem Gefängnis gehören, sind nordeuropäische Männer der oberen Mittelschicht. Und du hältst mir vor, dass ich die Dinge so haben möchte, wie ich will?»
«Was muss ich tun, damit du diesen Raum verlässt?», fragte Alfred.
«Locker den Schließmuskel, Alter. Lass es raus.»
«Niemals!»
«In dem Fall könnte ich ja deinem Kulturbeutel mal einen Besuch abstatten. Kleine Durchfallattacke auf der Zahnbürste. Paar schöne Kleckse in die Rasiercreme, dann schäumt's morgen früh leuchtend braun — »
«Enid», sagte Alfred mit gepresster Stimme, den Blick nicht von dem gerissenen Scheißhaufen wendend, «ich bin in Schwierigkeiten. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir helfen würdest.»
Seine Stimme hätte sie wecken müssen, doch ihr Schlaf war schneewittchentief.
«Enid, Liiiebes», spottete der Scheißhaufen mit David-Niven-Akzent, «ich wäre dir zu aufrichtigem Dank verpflichtet, wenn du mir, sobald es dir irgend möglich ist, ein wenig zu Hilfe kommen könntest.»
Unbestätigten Meldungen der Nerven in Alfreds Hintern und Kniekehlen zufolge waren weitere Scheißhaufeneinheiten in der näheren Umgebung unterwegs. Kotrebellen, die verstohlen herumschnüffelten und Gestankspuren legten.
«Essen und Ficken, Alter», sagte der Anführer der Scheißhaufen, der sich jetzt nur noch mit einem Pseudosaugnapf aus fäkaler Mousse an die Wand klammerte, «darauf läuft's doch hinaus. Das ganze andere, und ich sag das in aller Bescheidenheit, ist pure Scheiße.»