«Ich möchte Ihnen etwas erzählen», sagte Sylvia, «weil ich es irgendeinem auf dem Schiff erzählen muss, aber Sie dürfen es keinem verraten. Können Sie das, Geheimnisse für sich behalten?»
«Oh, darin bin ich gut.»
«Na schön», sagte Sylvia. «In drei Tagen findet in Pennsylvania eine Hinrichtung statt. Und zwei Tage später, am Donnerstag, feiern Ted und ich unseren vierzigsten Hochzeitstag. Und wenn Sie Ted fragen, wird er Ihnen sagen, dass wir deshalb die Kreuzfahrt machen, wegen des Hochzeitstags. Das wird er sagen, aber es ist nicht die Wahrheit. Oder nur seine Wahrheit und nicht meine.»
Enid wurde angst.
«Der Mann, der hingerichtet wird», sagte Sylvia Roth, «hat unsere Tochter umgebracht.»
«Nein.»
Die blaue Klarheit ihres Blick ließ Sylvia wie ein wunderschönes, sanftes Tier aussehen, aber eben auch nicht ganz menschlich. «Ted und ich», sagte sie, «sind hier, weil wir mit dieser Hinrichtung ein Problem haben. Wir haben miteinander ein Problem.»
«Nein! Was erzählen Sie mir da?» Enid schauderte. «Oh, ich will das nicht hören! Ich ertrage das nicht!»
Sylvia nahm diese allergische Reaktion auf ihre Eröffnung gelassen hin. «Es tut mir Leid», sagte sie. «Es ist nicht fair von mir, Sie so zu überfallen. Vielleicht sollten wir jetzt schlafen gehen.»
Doch Enid hatte sich schnell gefasst. Sie wollte die Chance, Sylvias Vertraute zu werden, auf keinen Fall verpassen. «Erzählen Sie mir alles, was Sie mir erzählen möchten», sagte sie. «Und ich werde zuhören.» Sie faltete die Hände im Schoß wie eine gute Zuhörerin. «Fangen Sie an. Ich höre.»
«Also, das andere, was ich Ihnen erzählen muss, ist, dass ich Schusswaffenkünstlerin bin», sagte Sylvia. «Ich zeichne Waffen. Wollen Sie das alles wirklich wissen?»
«Selbstverständlich.» Enid nickte so eifrig wie unbestimmt. Der Zwerg, fiel ihr auf, benutzte eine kleine Leiter, um Flaschen herunterzuholen. «Interessant.»
Viele Jahre lang, erzählte Sylvia, sei sie Amateurgraphikerin gewesen. Sie hatte ein sonnendurchflutetes Atelier in ihrem Haus in Chadds Ford, sie hatte einen seidenglatten Lithographiestein und ein zwanzigteiliges Set deutscher Holzschnittmeißel, und sie gehörte einem Künstlerverein in Wilmington an, auf dessen Halbjahresausstellungen sie, während ihr jüngstes Kind Jordan von einem Wildfang zu einer unabhängigen jungen Frau heranwuchs, dekorative Drucke zu Preisen von um die vierzig Dollar verkaufte. Dann wurde Jordan ermordet, und Sylvia druckte, zeichnete und malte fünf Jahre lang nichts als Schusswaffen. Jahraus, jahrein nur Schusswaffen.
«Schrecklich, schrecklich», sagte Enid mit unverhohlener Missbilligung.
Der Stamm des splittrigen Tulpenbaums vor Sylvias Atelier erinnerte sie an Schäfte und Läufe von Gewehren. Jede menschliche Gestalt wollte zu einem Hahn, einem Abzugsbügel, einer Trommel, einem Griff werden. Es gab keine abstrakte Form, die nicht eine Leuchtkugel oder eine schwarzpulvrige Schmauchspur oder die Schwefelblüte eines Dumdumgeschosses sein konnte. In der Fülle seiner Möglichkeiten war der Körper wie die Welt, und genauso, wie kein Teil dieser kleinen Welt vor dem Eindringen einer Kugel sicher war, gab es in der großen Welt keine Form, die nicht an eine Schusswaffe denken ließ. Sogar eine gefleckte Feldbohne war wie eine Derringer, sogar eine Schneeflocke wie ein Browning. Sylvia war nicht verrückt; sie konnte sich zwingen, einen Kreis zu zeichnen oder eine Rose zu skizzieren. Doch wonach es sie zu zeichnen verlangte, das waren Schusswaffen. Schusswaffen, Gewehrfeuer, Munition, Projektile. Stundenlang saß sie da und versuchte, mit dem Bleistift die Struktur des Schimmers auf Vernickeltem einzufangen. Manchmal zeichnete sie auch ihre Hände und Handgelenke und Unterarme, wie sie nach ihrer Vorstellung (denn sie selbst hatte noch nie eine Schusswaffe in der Hand gehalten) aussehen mochten, wenn sie mit einer.50er Desert Eagle, einer Neun-Millimeter-Glock, einem vollautomatischen M-16 samt klappbarem Aluminiumschaft oder mit irgendeiner anderen exotischen Waffe aus den Katalogen hantierten, die sie in braunen Versandtaschen in ihrem sonnendurchtränkten Atelier aufbewahrte. Sie gab sich ihrer Angewohnheit hin wie eine verlorene Seele ihrer höllengeeigneten Beschäftigung (obwohl Chadds Ford mit seinen zarten Grasmücken, die sich aus dem nahen Fluss, dem Brandywine, hervorwagten, und den Düften nach sonnenwarmen Teichkolben und gärenden Persimonen, die die Oktoberwinde aus nahe gelegenen Höhlen herübertrugen, sich standhaft weigerte, zur Hölle gemacht zu werden); sie war eine Sisypha, die jeden Abend ihre eigenen Schöpfungen vernichtete — sie zerriss, sie mit Mineralbeizen auslöschte. Ein fröhliches Feuer im Wohnzimmer entfachte.
«Schrecklich», murmelte Enid erneut. «Ich kann mir nichts Schlimmeres für eine Mutter vorstellen.» Sie signalisierte dem Zwerg, dass sie noch mehr Brombeeraquavit wollte.
Zu den Rätseln ihrer Obsession, sagte Sylvia, gehörte, dass sie als Quäkerin erzogen worden war und immer noch zu den Versammlungen in Kennett Square ging; dass die Werkzeuge, mit denen Jordan gefoltert und ermordet worden war, eine Rolle nylonverstärktes Heftpflasterband, ein Geschirrhandtuch, zwei Kleiderbügel aus Draht, ein Light-'n-Easy-Bügeleisen der Firma General Electric und ein dreißig Zentimeter langes gezacktes WMF-Brotmesser von Williams-Sonoma gewesen waren, also: keine Schusswaffen; dass der Mörder, ein Neunzehnjähriger namens Khellye Withers, sich der Polizei in Philadelphia gestellt hatte, wobei (abermals) keine Schusswaffe gezogen worden war; dass sie selbst mit einem Ehemann, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Vorstandsvorsitzender bei Du Pont ein Riesengehalt bezog, und einem Geländewagen, der so wuchtig war, dass ein Frontalzusammenstoß mit einem VW Cabriolet ihm nicht die kleinste Delle zugefügt hätte, und einer Sechs-Schlafzimmer-Villa im Queen-Anne-Stil, in deren Küche und Speisekammer Jordans gesamtes Apartment in Philadelphia bequem Platz gefunden hätte, ein geradezu sinnlos unbeschwertes und komfortables Leben führte, in dem ihre einzige Aufgabe, einmal davon abgesehen, dass sie Ted bekochte, ja buchstäblich ihre einzige Aufgabe darin bestand, mit Jordans Tod fertig zu werden; dass sie dennoch bei dem Bemühen, die Beschaffenheit eines Revolvergriffs oder die Adern in ihrem Arm wiederzugeben, häufig so sehr die Zeit vergaß, dass sie aberwitzig schnell fahren musste, um ihre dreimal wöchentlich stattfindende Therapie bei einer Dr. med. Dr. phil. in Wilmington nicht zu versäumen; dass es ihr, indem sie mit der Dr. med. Dr. phil. sprach und jeden Mittwochabend an den Treffen anderer Eltern von Gewaltopfern und jeden Donnerstagabend an den Zusammenkünften ihres Gesprächskreises älterer Frauen teilnahm und die Gedichte und Romane und Memoiren und Lebenshilfebücher las, die ihre Freundinnen ihr empfahlen, und sich beim Yoga und Reiten entspannte und im Kinderkrankenhaus ehrenamtlich den Krankengymnasten zur Hand ging, sehr wohl gelang, ihre Trauer zu verarbeiten, selbst wenn sich ihr Zwang, Schusswaffen zu zeichnen, dabei noch verstärkte; dass sie niemandem von diesem Zwang erzählte, nicht einmal der Dr. med. Dr. phil. in Wilmington; dass ihre Freundinnen und Ratgeber sie permanent ermahnten, sich durch ihre «Kunst» selbst zu «heilen»; dass sie mit «Kunst» ihre dekorativen Holzschnitte und Lithographien meinten; dass sie selbst sich, wenn sie zufällig einen ihrer früheren Holzschnitte im Bade- oder Gästezimmer einer Freundin hängen sah, vor Scham über ihre Unaufrichtigkeit wand; dass sie sich, sooft sie im Fernsehen oder im Kino Schusswaffen sah, ganz ähnlich und aus ähnlichen Gründen krümmen musste; dass sie, mit anderen Worten, insgeheim überzeugt war, eine wahre Künstlerin geworden zu sein, eine wahrhaft gute Schusswaffenkünstlerin; dass es der Beweis für dieses Künstlertum war, den sie Abend für Abend vernichtete; dass sie inzwischen fest überzeugt war, dass Jordan, obwohl sie ein Diplom in Malerei und einen Magister in Kunsttherapie gemacht und zwanzig Jahre lang Fördergelder und Stipendien bekommen hatte, keine gute Künstlerin gewesen war; dass sie, selbst nachdem sie zu diesem objektiven Urteil über ihre tote Tochter gelangt war, fortfuhr, Schusswaffen und Munition zu zeichnen; und dass sie trotz der Wut und des Rachedursts, von denen ihre andauernde Obsession offenkundig zeugte, in den fünf Jahren nicht ein einziges Mal das Gesicht von Khellye Withers gezeichnet hatte.