An dem Oktobermorgen, als ihr diese Rätsel en bloc bewusst geworden waren, hatte Sylvia es nach dem Frühstück so eilig, dass sie die Treppen zu ihrem Atelier regelrecht hinaufrannte. Auf einem Blatt feinstem Cansonpapier zeichnete sie ihre linke Hand, wobei sie einen Spiegel verwendete, damit die Hand wie ihre rechte aussah, der Daumen nach oben weisend, die Finger gekrümmt, das Profil um sechzig Grad gedreht, eine Rückansicht beinahe. Diese Hand füllte sie mit einem stupsnasigen.38er-Revolver, fachmännisch perspektivisch verkürzt, dessen Lauf zwischen einem Paar grinsender Lippen steckte, über die sie, aus dem Gedächtnis, völlig exakt die höhnischen Augen von Khelley Withers zeichnete, dessen in letzter Instanz gerade gescheiterte Berufung kaum jemandem Tränen entlockt hatte. Und damit — ein Lippenpaar, ein Augenpaar — hatte Sylvia ihren Bleistift aus der Hand gelegt.
«Es war Zeit für einen Schritt nach vorn», sagte Sylvia zu Enid. «Das wurde mir plötzlich klar. Ob es mir nun gefiel oder nicht, die Weiterlebende und die Künstlerin war ich, nicht sie. Wir sind doch alle darauf getrimmt zu glauben, unsere Kinder seien wichtiger als wir, wissen Sie, und wie aus zweiter Hand durch sie zu leben. Auf einmal war ich diese Art zu denken leid. Ich könnte schon morgen tot sein, sagte ich mir, aber heute lebe ich. Und ich kann bewusst leben. Ich habe den vollen Preis bezahlt, ich habe getan, was ich konnte, und da ist nichts, wofür ich mich schämen müsste. Wenn aber der Wendepunkt, die große Veränderung im eigenen Leben, bloß eine Erkenntnis ist — ist das nicht sonderbar? Wenn sich absolut nichts ändert, nur dass man die Dinge plötzlich mit anderen Augen sieht und weniger ängstlich und weniger angespannt und deshalb insgesamt stärker ist, finden Sie das nicht erstaunlich: dass einem etwas völlig Unsichtbares im eigenen Kopf realer vorkommt als alles, was man je vorher erlebt hat? Sie sehen die Dinge klarer, und gleichzeitig wissen Sie, dass Sie sie klarer sehen. Und mit einem Mal kommen Sie darauf: Das ist sie, die Liebe zum Leben, nichts anderes meinen die, die ernsthaft von Gott sprechen. Solche Momente.»
«Einen vielleicht noch?», sagte Enid zu dem Zwerg und hob ihr Glas. Sie hörte Sylvia fast überhaupt nicht zu, sondern schüttelte den Kopf und murmelte «Ach!» und «Oh!», während ihr Bewusstsein durch Wolken aus Alkohol in vollkommen absurde Sphären stolperte und Spekulationen darüber anstellte, wie sich der Zwerg bei einer Umarmung wohl an ihren Hüften und ihrem Bauch anfühlen mochte. Sylvia entpuppte sich als sehr intellektuell, und Enid sah sich unter nicht ganz richtigen Voraussetzungen zur Freundin erkoren, aber es war dumm, dass sie nicht zuhörte, sie müsste zuhören, sonst verpasste sie bestimmte Schlüsselfakten wie die, ob Khelley Withers schwarz war und ob er Jordan brutal vergewaltigt hatte.
Sylvia war von ihrem Atelier direkt zu einem WaWa-Lebensmittelmarkt aufgebrochen und hatte von jeder schmutzigen Zeitschrift, die dort in den Regalen auslagen, eine gekauft. Doch nichts, was sie in den Zeitschriften fand, war hart genug. Sie müsste die eigentliche Rohrlegerarbeit sehen, den ungeschönten Akt. Sie kehrte nach Chadds Ford zurück und schaltete den Computer ein, den ihr jüngerer Sohn ihr geschenkt hatte, um in dieser Zeit des Verlusts Nähe zu stiften. Ihre Mailbox enthielt einen einmonatigen Überhang von Grußbotschaften ihres Sohnes, die sie nicht weiter beachtete. In weniger als fünf Minuten hatte sie die gesuchten Waren aufgetrieben — eine Kreditkarte war nötig, mehr nicht — , und schon jagte sie die Maus durch ein virtuelles Daumenkino, bis sie den notwendigen Akt mit den notwendigen Akteuren aus der notwendigen Perspektive gefunden hatte: schwarzer Mann und weißer Mann beim Oralsex, Kamera filmt über linke Hüfte, Profil um sechzig Grad gedreht, starker, sichelmondförmiger Lichteinfall überm Gesäß, darunter dämmerig sichtbare Knöchel schwarzer Finger, die die dunkle Seite des Mondes erforschen. Sie lud das Bild herunter und betrachtete es bei hoher Auflösung.
Sie war fünfundsechzig Jahre alt und hatte eine solche Szene noch nie gesehen. Ihr Leben lang hatte sie Bilder gestaltet und war sich des Mysteriums, das von ihnen ausging, nie bewusst gewesen. Hier war es nun. All die Betriebsamkeit in Bits und Bytes, all die Einsen und Nullen, die an irgendeiner Universität im Mittleren Westen durch die Server strömten. So viel offenkundiges Treiben in so viel offenkundigem Nichts. Eine ganze Bevölkerung, die an Bildschirmen und Zeitschriften klebte.
Sie fragte sich: Wie konnte man sich von diesen Bildern angesprochen fühlen, wenn Bilder nicht insgeheim den gleichen Status genossen wie reale Dinge? Nicht, dass Bilder so mächtig waren, vielmehr war die Welt so schwach. Sie konnte in ihrer Schwäche zwar lebendig sein, das schon, etwa wenn die Sonne in den Obstgärten die abgefallenen Äpfel briet und das Tal nach Cidre duftete, oder wenn Jordan an kalten Abenden zum Essen nach Chadds Ford gekommen war und die Reifen ihres Cabriolets auf der Kieseinfahrt geknirscht hatten; aber die Welt ließ sich nur in Bildern fassen. Nichts gelangte in den Kopf, ohne Bild geworden zu sein.
Und dennoch, Sylvia war bestürzt, wie enorm das pornographische Online-Foto und ihre unfertige Zeichnung von Withers sich unterschieden. Anders als gewöhnliche Lust, die durch Bilder oder bloße Phantasie befriedigt werden konnte, ließ sich die Rachelust nicht täuschen. Auch das plastischste Bild reichte ihr nicht aus. Diese Lust verlangte den Tod eines bestimmten Individuums, das Ende einer bestimmten Geschichte. Ganz im Sinn der Computermenüs: ERSETZEN NICHT MÖGLICH. Sylvia konnte ihr Verlangen zeichnen, nicht aber dessen Erfüllung. Und so gestand sie sich schließlich die Wahrheit ein: Sie wollte, dass Khelley Withers starb.
Sie wollte, dass er starb, obwohl sie kürzlich in einem Interview mit dem Philadelphia Inquirer gesagt hatte, davon, dass man das Kind anderer töte, werde ihr eigenes nicht wieder lebendig. Sie wollte, dass er starb, obwohl Dr. med. Dr. phil. ihr mit religiösem Eifer verboten hatte, Jordans Tod religiös zu deuten — als göttliches Gericht über ihre eigenen liberalen politischen Ansichten oder ihre liberalen Erziehungsmethoden oder ihren sinnlosen Wohlstand. Sie wollte, dass er starb, obwohl sie glaubte, dass Jordans Tod eine zufällige Tragödie war und die Erlösung nicht in der Rache lag, sondern in der Verringerung der Anzahl zufälliger Tragödien im ganzen Land. Sie wollte, dass er starb, obwohl sie sich eine Gesellschaft ausmalte, die für junge Männer wie ihn ordentlich bezahlte Jobs bereithielt (sodass er seine frühere Kunsttherapeutin nicht an Händen und Füßen hätte fesseln und nötigen müssen, die Geheimnummern ihrer Scheck- und Kreditkarten preiszugeben), eine Gesellschaft, die nicht zuließ, dass illegale Drogen in städtische Wohnviertel gelangten (sodass Withers das gestohlene Geld nicht für Crack hätte ausgeben können und bei klarerem Verstand gewesen wäre, als er in die Wohnung seiner früheren Kunsttherapeutin zurückkam, und das Zeug nicht einfach weiter geraucht und sie nicht, mit Unterbrechungen, dreißig Stunden lang gefoltert hätte), eine Gesellschaft, die außer Markennamen noch mehr zu bieten hatte, an das junge Männer glauben konnten (sodass Withers weniger auf das Cabriolet seiner früheren Kunsttherapeutin fixiert gewesen wäre und ihr geglaubt hätte, als sie sagte, sie habe den Wagen über das Wochenende einer Freundin geliehen, und ihm die Tatsache, dass sie im Besitz zweier Schlüssel war, weniger vielsagend vorgekommen wäre — «Wollt mir einfach nich in'n Schädel», erklärte er in seinem teilweise erzwungenen, aber rechtlich zulässigen Geständnis, «die ganzen Schlüssel da direkt vor mir aufm Küchentisch, verstehn Sie, was ich meine? Wollt mir einfach nich in die Scheißbirne» — , und seinem Opfer nicht immer von neuem das Light 'n Easy-Bügeleisen an die nackte Haut gehalten und die Temperatur von Seide bis Baumwolle/Leinen hochgedreht hätte, während er wissen wollte, wo sie das Cabriolet geparkt habe, und ihr nicht, als ihre Freundin am Sonntagabend vorbeikam, um ihr den Wagen mitsamt dem dritten Schlüssel zurückzugeben, in Panik die Kehle durchgeschnitten hätte), eine Gesellschaft, die der körperlichen Misshandlung von Kindern ein für alle Mal ein Ende setzte (sodass es absurd gewesen wäre, wenn ein für schuldig befundener Mörder gegen Ende seines Prozesses behauptet hätte, sein Stiefvater habe ihn, als er klein gewesen sei, mit einem elektrischen Bügeleisen verbrannt — obwohl eine solche Aussage im Falle von Withers, der keinerlei Brandmale vorzuweisen hatte, in erster Linie seinen mangelnden Einfallsreichtum als Lügner zu unterstreichen schien). Sie wollte, dass er starb, obwohl sie im Zuge ihrer Therapie verstanden hatte, dass sein Grinsen eine Schutzmaske war, die sich ein einsamer Junge, umgeben von Menschen, die ihn hassten, einst aufgesetzt hatte und die er, wenn er von ihr wie von einer nachsichtigen Mutter angelächelt worden wäre, vielleicht abgenommen hätte, um in aufrichtiger Reue zu weinen. Sie wollte, dass er starb, obwohl sie wusste, dass ihr Wunsch all jenen Konservativen gefallen würde, für die der Begriff «persönliche Verantwortung» bedeutete, dass man sich um soziale Ungerechtigkeit nicht zu kümmern brauchte. Sie wollte, dass er starb, obwohl sie aus diesen politischen Gründen außerstande war, der Hinrichtung beizuwohnen und mit ihren eigenen Augen das zu beobachten, wofür kein Bild ein Ersatz sein konnte.