Wissen Sie, ich sollte mich ja eigentlich keinen magischen oder religiösen Gedanken hingeben, aber eine Überlegung, die ich nicht loswerde, ist die, dass dieser wahnsinnige Rachedurst, den ich all die Jahre lang verspürt habe, gar nicht mein eigener ist. Es ist Teds. Er weigert sich, damit umzugehen, aber einer muss ja damit umgehen, also tue ich es, als wäre ich eine Leihmutter, nur dass ich nicht mit einem Kind schwanger gehe, sondern mit Gefühlen. Wenn Ted mehr zu seinen Gefühlen gestanden und es weniger eilig gehabt hätte, wieder an seinen Arbeitsplatz bei Du Pont zurückzukehren, vielleicht wäre ich dann so geblieben, wie ich immer war, und hätte jede Weihnachten beim Künstlerverein meine Holzschnitte verkauft. Vielleicht bin ich ja nur übergeschnappt, weil Ted sich so nüchtern und geschäftsmäßig benimmt. Und vielleicht ist deshalb die Moral dieser langen Geschichte, die Sie sich liebenswürdigerweise angehört haben, Enid, dass ich nicht aufhören kann, eine Moral dafür zu suchen, wie sehr ich mich auch bemühe, es bleiben zu lassen.» Enid hatte in diesem Moment eine Vision von strömendem Regen. Sie sah sich selbst in einem Haus ohne Wände; um Wind und Wetter abzuhalten, hatte sie nichts als Papiertaschentücher zur Hand. Und schon kam von Osten her Regen, und sie hängte eine Taschentuchversion von Chip und seiner großartigen neuen Stellung als Reporter auf. Dann kam er von Westen, und das Taschentuch zeigte, wie hübsch und intelligent Garys Jungen waren und wie sehr sie sie liebte. Dann drehte der Wind erneut, und sie rannte mit den Taschentuchfetzen, die Denise anzubieten hatte, zur Nordseite des Hauses: Denise, die nach einer zu frühen Heirat jetzt reifer und klüger geworden war, eine sehr erfolgreiche Gastronomin und zuversichtlich, bald dem richtigen jungen Mann zu begegnen! Und dann kam der Regen von Süden hereingefegt, und noch während sie darauf beharrte, dass Als gesundheitliche Probleme harmlos seien und es ihm besser ginge, wenn er nur an seiner Einstellung arbeiten und die Dosis seiner Medikamente anpassen lassen würde, zerfiel das Taschentuch, und der Regen wurde stärker und stärker, und sie war so müde, und alles, was sie hatte, waren Papiertaschentücher «Sylvia?», sagte sie.
«Ja?»
«Ich muss Ihnen auch etwas erzählen. Etwas über meinen Mann.»
Eifrig, vielleicht um sich dafür zu revanchieren, dass Enid ihr so freundlich zugehört hatte, nickte Sylvia mit dem Kopf. Doch auf einmal meinte Enid, Katharine Hepburn vor sich zu haben. Die Hepburn, das sah man schon an ihrem Blick, war sich ihrer Privilegien so durch und durch unbewusst gewesen, dass eine ehemals mittellose Frau wie Enid Lust bekam, ihr mit den härtesten, spitzesten Pumps, die sie hatte, gegen die aristokratischen Schienbeine zu treten. Es wäre ein Fehler, spürte sie, dieser Frau etwas anzuvertrauen.
«Ja?», half Sylvia nach.
«Nichts. Entschuldigen Sie.»
«Nein, sagen Sie.»
«Nichts, wirklich, nur dass ich jetzt unbedingt ins Bett muss. Morgen gibt es bestimmt eine Menge zu tun!»
Sie stand, ein wenig wacklig, auf und ließ Sylvia die Getränkerechnung unterschreiben. Schweigend fuhren sie mit dem Fahrstuhl nach oben. Nach der allzu schnellen Vertraulichkeit war jetzt eine Art schmutziger Betretenheit eingekehrt. Als Sylvia auf dem Oberdeck ausstieg, folgte Enid ihr jedoch. Sie konnte es nicht ertragen, in Sylvias Augen eine «B»-Deck-Person zu sein.
Sylvia blieb vor der Tür einer großen Außenkabine stehen. «Wo ist Ihre Kabine?»
«Gleich hier den Gang hinunter», sagte Enid. Sie wusste, dass sich diese Behauptung nicht aufrechterhalten ließ. Morgen würde sie erklären müssen, sie sei verwirrt gewesen.
«Dann gute Nacht», sagte Sylvia. «Noch einmal danke fürs Zuhören.»
Sie wartete mit einem sanften Lächeln darauf, dass Enid weiterging. Aber Enid ging nicht weiter. Unsicher sah sie sich um. «Entschuldigen Sie. Welches Deck ist das hier?»
«Das Oberdeck.»
«Ach du liebe Güte, dann bin ich ja ganz falsch. Entschuldigen Sie.»
«Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Möchten Sie, dass ich Sie nach unten begleite?»
«Nein, ich bin bloß durcheinander gekommen, jetzt sehe ich's selber, das hier ist das Oberdeck, und ich muss auf ein niedrigeres. Ein viel niedrigeres Deck. Na ja, entschuldigen Sie.»
Sie machte kehrt, entfernte sich aber immer noch nicht. «Mein Mann…» Sie schüttelte den Kopf. «Nein, unser Sohn vielmehr. Wir haben heute gar nicht mit ihm zu Mittag gegessen. Das war es, was ich Ihnen erzählen wollte. Er hat uns am Flughafen abgeholt, und eigentlich sollten wir mit ihm und seiner Freundin zu Mittag essen, aber dann sind sie einfach — gegangen, ich verstehe das gar nicht, und er ist auch nicht wiedergekommen, und wir fragen uns immer noch, wo er abgeblieben ist. Na ja, egal.»
«Das ist merkwürdig», stimmte Sylvia zu.
«Na ja, ich möchte Sie nicht langweilen — »
«Nein, nein, Enid, ich bitte Sie.»
«Ich wollte das nur klarstellen, und jetzt muss ich ins Bett, na ja, aber ich bin so froh, dass wir uns kennengelernt haben! Morgen gibt's eine Menge zu tun. Na ja. Wir sehen uns beim Frühstück!»
Ehe Sylvia sie aufhalten konnte, schlich sie den Korridor entlang (sie musste an der Hüfte operiert werden, aber man stelle sich einmal vor, wie es wäre, Al allein zu Hause zu lassen, solange sie im Krankenhaus war — man stelle sich das bloß einmal vor) und hätte sich ohrfeigen können, dass sie einen Gang entlangstolperte, auf den sie gar nicht gehörte, und mit beschämendem Unsinn über ihren Sohn herausgeplatzt war. Sie steuerte eine gepolsterte Sitzbank an, ließ sich darauf fallen und brach, erst jetzt, in Tränen aus. Gott hatte sie mit der Phantasie ausgestattet, die traurigen Aufsteiger zu beweinen, die auf einem Luxuskreuzfahrtschiff die allerbilligsten «B»-Deck-Innenkabinen buchten; doch eine Kindheit ohne Geld hatte es auch ihr unmöglich gemacht, die 300 Dollar pro Person hinzublättern, die es kostete, eine Kategorie aufwärts zu springen; und so beweinte sie sich selbst. Sie hatte das Gefühl, sie und Al seien die einzigen intelligenten Menschen ihrer Generation, die es geschafft hatten, nicht reich zu werden.
Dies war eine Folter, die die griechischen Erfinder von Festmahl und Stein aus ihrem Hades ausgespart hatten: der Mantel der Selbsttäuschung. Ein schöner warmer Mantel, sofern er die gepeinigte Seele zudeckte, aber er deckte nie alles zu. Und die Nächte wurden merklich kühler.
Sie erwog, zu Sylvias Kabine zurückzukehren und ihr Herz auszuschütten.
Doch dann sah sie, durch ihre Tränen, etwas Liebliches neben sich auf der Bank liegen. Es war ein Zehn-Dollar-Schein. Einmal gefaltet. Sehr lieblich.
Ein rascher Blick in den Gang, und sie griff danach. Die Oberflächenstruktur fühlte sich herrlich an.
Getröstet fuhr sie zum «B»-Deck hinunter. Hintergrundmusik flüsterte in der Lounge, irgendetwas Flottes mit Akkordeons. Sie bildete sich ein, ihren Namen zu hören, geplärrt, irgendwo in der Ferne, als sie ihre Schlüsselkarte ins Schloss schob und gegen die Tür drückte.
Sie spürte einen Widerstand und drückte fester.
«Enid», plärrte Alfred auf der anderen Seite.
«Schsch, Al, was in aller Welt?»
Kaum hatte sie sich durch die halb offene Tür gezwängt, hörte das Leben, wie sie es kannte, auf. Das Tagmaß wich einem rohen Kontinuum von Stunden. Alfred hockte nackt, mit dem Rücken zur Tür, auf einer Schicht Laken, die über Teilen der Morgenzeitung aus St. Jude ausgebreitet waren. Hosen, ein Sportsakko und ein Schlips lagen auf seiner Koje, die er bis auf die Matratze abgezogen hatte. Die Decken hatte er in einem Haufen auf das andere Bett gelegt. Auch nachdem sie das Licht eingeschaltet und sich so hingestellt hatte, dass er sie sehen konnte, rief er immer weiter ihren Namen. Als Allererstes wollte sie ihn beruhigen und ihm einen Pyjama anziehen, aber das brauchte Zeit, denn er war entsetzlich aufgewühlt und brachte seine Sätze nicht zu Ende, ja schaffte es nicht einmal, seine Verben und Substantive in Person und Numerus aufeinander abzustimmen. Er glaubte, es sei früh am Morgen und er müsse baden und sich anziehen und der Boden neben der Tür sei eine Badewanne und die Klinke ein Wasserhahn und nichts funktioniere. Dennoch bestand er darauf, alles so zu machen, wie er es wollte, es gab ein Geziehe und Gezerre, sogar einen Hieb auf Enids Schulter. Er tobte, und sie weinte und schimpfte mit ihm. Obwohl seine Hände irrwitzig zappelten, knöpfte er sein Pyjamaoberteil genauso schnell wieder auf, wie sie es zuknöpfen konnte. Noch nie hatte sie ihn die Wörter «Sch***» und «A***» in den Mund nehmen hören, aber die Leichtigkeit, mit der sie ihm jetzt über die Lippen kamen, warf ein Licht auf Jahre stummen Gebrauchs in seinem Kopf. Während sie seine Koje in Ordnung brachte, machte er ihre wieder unordentlich. Sie flehte ihn an, still zu sitzen. Er jammerte, es sei sehr spät und er sei sehr verwirrt. Selbst jetzt konnte sie nicht anders, als ihn zu lieben. Vielleicht gerade jetzt. Vielleicht hatte sie schon immer gewusst, fünfzig Jahre lang, dass dieser kleine Junge in ihm schlummerte. Vielleicht war all die Liebe, die sie Chipper und Gary gegeben hatte, all die Liebe, für die sie so wenig zurückbekommen hatte, nur Übung für dieses forderndste ihrer Kinder gewesen. Sie besänftigte und schalt ihn, und eine Stunde oder länger verfluchte sie im Stillen die Medikamente, die ihn derart benebelten, und irgendwann war er eingeschlafen, und ihr Reisewecker zeigte 5:10, dann 7:30 an, und Alfred ließ seinen Rasierapparat surren. Auch wenn sie gar nicht sehr tief abgetaucht war, fiel es ihr leicht aufzustehen und leicht, sich anzuziehen, und katastrophal schwer, zum Frühstücken zu gehen, denn ihre Zunge fühlte sich an wie ein Staubwedel und ihr Kopf wie aufgespießt.