Selbst für ein großes Schiff war das Meer heute ein schlechter Untergrund. Das Klatschen des hochschießenden Wassers außen am Kierkegaard-Saal war beinahe rhythmisch, eine Art Zufallsmusik, und Mrs. Nygren gab wiehernd Wissenswertes über die Übel des Koffeins und das Quasi-Zweikammersystem des Storting zum Besten, und die Söderblads erschienen, noch feucht von gründlichen schwedischen Anwendungen, und wundersamerweise zeigte Al sich der Konversation mit Ted Roth gewachsen. Enid und Sylvia, deren Gefühlsmuskeln von den Strapazen der letzten Nacht überdehnt waren und schmerzten, näherten sich einander etwas steif wieder an. Sie sprachen übers Wetter. Eine Programm-Koordinatorin namens Suzy Ghosh brachte Informationsmaterial und Anmeldeformulare für die nachmittäglichen Aktivitäten in Newport, Rhode Island. Mit strahlendem Lächeln und Geräuschen der Vorfreude trug sich Enid für eine Besichtigung der historischen Gebäude der Stadt ein, um dann bestürzt zu beobachten, wie alle anderen mit Ausnahme der sozial aussätzigen Norweger das Klemmbrett weiterreichten, ohne sich anzumelden. «Sylvia!», schalt sie, und ihre Stimme zitterte, «kommen Sie denn nicht mit?» Sylvia warf ihrem bebrillten Mann, der mit dem Kopf nickte, als wäre er McGeorge Bundy beim Entsenden von Bodentruppen nach Vietnam, einen Blick zu, und für einen Moment schienen ihre blauen Augen nach innen zu schauen; offenbar besaß sie die Fähigkeit der Beneidenswerten, der nicht aus dem Mittelwesten Stammenden, der Begüterten, ihre Bedürfnisse unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen oder moralischen Vorgaben abzuwägen. «Na gut», sagte sie, «vielleicht komme ich mit.» Normalerweise hätte Enid sich bei der bloßen Andeutung eines Almosens gewunden, aber heute befreite sie den geschenkten Gaul von der mündlichen Prüfung. Sie brauchte alle Almosen, die sie kriegen konnte. Und so quälte sie sich den steilen Hang des Tages hinauf, machte vom Angebot einer kostenlosen schwedischen Probemassage Gebrauch, beobachtete von der Ibsen-Promenade aus, wie das Küstenlaub alterte, und spülte sechs Ibuprofen mit einem Viertelliter Kaffee hinunter, um für den Nachmittag im bezaubernden und historischen Newport gerüstet zu sein! In dessen vom Regen sauber gewaschenen Hafen Alfred verkündete, seine Füße täten zu weh, als dass er sich an Land wagen könne, und Enid ihm das Versprechen abnahm, ja kein Nickerchen zu machen, weil er sonst nachts kein Auge zutun werde, und lachend (denn wie hätte sie zugeben können, dass es um Leben und Tod ging?) Ted Roth bat, ihn wach zu halten, woraufhin Ted erwiderte, wenn sie die Nygrens erst vom Schiff hätten, sei das kein Problem.
Gerüche von sonnenerwärmtem Teer und kalten Muscheln, von Schiffsöl, Football-Feldern und trocknendem Riementang und eine fast genetische wehmutsvolle Sehnsucht nach allem Maritimen und Herbstlichen fielen Enid an, als sie von der Gangway zum Reisebus humpelte. Der Tag war gefährlich schön. Starke Windböen und Wolkenscharen und ein wilder Löwe von einer Sonne bliesen den Blick umher und ließen Newports weiße Schindeln und gemähte Grünflächen flimmern, sodass man sie zuerst gar nicht richtig sehen konnte. «Herrschaften», beschwor sie die Reiseleiterin, «lehnen Sie sich zurück, und betrinken Sie sich daran.» Doch was getrunken werden kann, kann auch ertränken. Enid hatte von den vergangenen fünfundfünfzig Stunden sechs geschlafen, und noch als Sylvia ihr dankte, sie zum Mitkommen aufgefordert zu haben, merkte sie, dass ihr für eine Besichtigungstour die Kraft fehlte. Die Astors und die Vanderbilts, deren Freudentempel und Geld: Sie hatte es satt. Den ewigen Neid genauso wie sich selbst. Sie verstand nichts von alten Gemäuern und Architektur, sie konnte nicht zeichnen wie Sylvia, sie las nicht wie Ted, sie hatte wenige Interessen und keinerlei Fachkenntnisse. Die Fähigkeit zu lieben war das Einzige, was sie je besessen hatte. Und so blendete sie die Reiseleiterin aus und achtete auf den Einfallswinkel des gelben Oktoberlichts, auf alles, was an dieser Jahreszeit so herzzerfleischend intensiv war. In dem Wind, der Wellen über die Bucht trieb, konnte sie das Nahen der Nacht riechen. Rasch kam es auf Enid zu: Geheimnis und Schmerz und eine seltsam sehnsuchtsvolle Ahnung vom Möglichen, als ob es ein gebrochenes Herz wäre, was man suchen und finden müsse.
Im Bus zwischen Rosecliff und dem Leuchtturm bot Sylvia Enid an, Chip von ihrem Handy aus anzurufen. Enid lehnte ab — Handys fraßen Dollars, und sie dachte, man brauche bloß eins anzufassen, um Gebühren zu verursachen — , aber immerhin fügte sie hinzu: «Es ist Jahre her, Sylvia, dass wir ihm nahe gestanden haben. Ich glaube nicht, dass alles stimmt, was er uns so von seinem Leben erzählt. Einmal hat er gesagt, er würde beim Wall Street Journal arbeiten. Vielleicht habe ich mich verhört, aber ich glaube, das hat er gesagt, und trotzdem glaube ich nicht, dass er wirklich dort arbeitet. Ich weiß nicht genau, womit er tatsächlich sein Geld verdient. Sie müssen es furchtbar von mir finden, dass ich mich darüber beklage, ich meine, wo Sie doch so viel Schlimmeres durchgemacht haben.» Während Sylvia beteuerte, dass sie das keineswegs furchtbar finde, ganz und gar nicht, sah Enid flüchtig, wie es sein könnte, ihr vielleicht das eine oder andere noch beschämendere Detail zu gestehen, wie schmerzhaft, aber auch wie erleichternd, sich auf diese Weise den öffentlichen Sphären auszusetzen. Doch wie so viele Phänomene, die aus der Ferne wunderschön waren — Gewitterwolken, Vulkanausbrüche, die Sterne und Planeten — , erwies sich auch dieser verlockende Schmerz bei näherem Hinsehen als unmenschlich in seinem Ausmaß.
Von Newport aus segelte die Gunnar Myrdal Richtung Osten in saphirblauen Dunst. Nach einem Nachmittag unter weiten Himmeln und in den tankergroßen Laufställen der Steinreichen meinte Enid, auf dem Schiff ersticken zu müssen, und obwohl sie im Springberg-Saal abermals sechzig Dollar gewann, fühlte sie sich inmitten des mechanischen Blinkens und Gurgelns wie ein Versuchstier, das mit anderen Tieren, die an Hebeln rissen, in einen Käfig gesperrt war, und schnell kam die Schlafenszeit, und als Alfred sich zu regen begann, war sie bereits wach und lauschte der Angstglocke, die so laut läutete, dass Enids Koje vibrierte und ihr Laken an ihrem Körper schabte, und da machte Alfred auch schon Lichter an und schimpfte, und ein Kabinennachbar schlug gegen die Wand und schimpfte zurück, und Alfred hörte stocksteif zu, das Gesicht zu einer Grimasse der Paranoia verzerrt, und flüsterte dann verschwörerisch, dass er einen Sch*** zwischen den Betten habe entlanglaufen sehen, und dann das Machen und wieder Unordentlichmachen besagter Betten, das Anlegen einer Windel, das Anlegen einer zweiten Windel, um einer halluzinierten Notlage zu begegnen, und das Bocken von Alfreds nervengeschädigten Beinen und das Plärren des Wortes «Enid», bis es nahezu abgenutzt war, und die Frau mit dem wund gescheuerten Namen, von der furchtbarsten Angst und Verzweiflung heimgesucht, die sie je empfunden hatte, begann in der Dunkelheit zu schluchzen, bis sie endlich — als wäre sie über Nacht gereist und käme an einem Bahnhof an, der sich von den trostlosen anderen Bahnhöfen nur durch die Morgendämmerung, die kleinen Wunder wiederhergestellter Sicht, unterschied: eine kalkweiße Pfütze auf einem Kiesparkplatz, Rauch, der sich aus einem Blechschornstein emporringelte — einen Entschluss fasste.