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Auf ihrem Plan vom Schiff war an der Heckseite des «D»- Decks das universale Symbol der Hilfe für Menschen in Not eingezeichnet. Nach dem Frühstück ließ sie ihren Mann, der sich mit den Roths unterhielt, am Tisch zurück und machte sich auf den Weg zu diesem roten Kreuz. Die materielle Entsprechung des Symbols war eine Milchglastür, auf der drei in Blattgold geschriebene Wörter standen. «Alfred» hieß das erste Wort und «Krankenstation» das dritte; der Sinn des mittleren Wortes ging in den Schatten, die «Alfred» warf, verloren. Sie studierte es vergeblich. No. Bei. No-bel. No Bell. Keine Glocke?

Alle drei Wörter wichen zurück, als die Tür von einem muskulösen jungen Mann geöffnet wurde, der ein Namensschild am weißen Revers trug: Dr. med. Mather Hibbard. Er hatte ein großes, etwas rauhäutiges Gesicht, wie dieser italo- amerikanische Filmstar, der so beliebt war und einmal einen Engel, ein anderes Mal einen Discotänzer gespielt hatte. «Hi, wie geht's heute Morgen?», fragte er und zeigte perlweiße Zähne. Enid folgte ihm durch einen Vorraum in das eigentliche Behandlungszimmer, wo er sie zu einem Stuhl neben seinem Schreibtisch führte.

«Ich bin Mrs. Lambert», sagte sie. «Enid Lambert, aus der B11. Ich hatte gehofft, Sie könnten mir vielleicht helfen.»

«Das hoffe ich auch. Wo drückt der Schuh?»

«Ich habe gewisse Schwierigkeiten.»

«Psychische Schwierigkeiten? Emotionale Schwierigkeiten?»

«Na ja, es geht um meinen Mann — »

«Entschuldigen Sie. Moment? Moment?» Dr. Hibbard duckte sich ein wenig und lächelte spitzbübisch. «Haben Sie nicht gesagt, Sie hätten Schwierigkeiten?»

Sein Lächeln war die Anbetungswürdigkeit selbst. Es nahm jenen Teil von Enid, der beim Anblick von Robbenbabys und kleinen Kätzchen dahinschmolz, in Geiselhaft und weigerte sich, ihn freizulassen, bis sie, wenn auch ein wenig unwillig, zurückgelächelt hatte. «Mein Problem», sagte sie, «sind mein Mann und meine Kinder — »

«Entschuldigen Sie noch einmal, Edith. Kurze Pause?» Dr. Hibbard duckte sich sehr tief, legte die Hände auf den Kopf und spähte zwischen seinen Armen hindurch zu ihr nach oben. «Damit wir ganz klar sehen: Sind Sie diejenige mit den Schwierigkeiten?»

«Nein. Mir geht es gut. Nur dass alle anderen in meiner — »

«Haben Sie Angstzustände?»

«Ja, aber — »

«Schlafen Sie schlecht?»

«Genau. Wissen Sie, mein Mann — »

«Edith? Sagten Sie Edith?»

«Enid. Lambert. L-A-M-»

«Enith, wie viel ist vier mal sieben weniger drei?»

«Wie? Ach so. Na ja, fünfundzwanzig.»

«Und welcher Wochentag ist heute?»

«Heute ist Montag.»

«Und welchen historischen Erholungsort in Rhode Island haben wir gestern besucht?»

«Newport.»

«Und nehmen Sie im Augenblick irgendwelche Medikamente gegen Depressionen, Angstzustände, manisch-depressives Syndrom, Schizophrenie, Epilepsie, Parkinson oder irgendeine andere psychische oder neurologische Störung ein?»

«Nein.»

Dr. Hibbard nickte und setzte sich gerade hin, zog eine tiefe Schublade im Schrank hinter sich auf und entnahm ihr eine Handvoll rasselnder Packungen aus Plastik und Silberfolie. Er zählte acht davon ab und legte sie vor Enid auf den Schreibtisch. Sie hatten einen teuren Glanz, der Enid nicht behagte.

«Dies ist ein ausgezeichnetes neues Medikament, das Ihnen enorm helfen wird», trug Dr. Hibbard mit monotoner Stimme vor. Er blinzelte ihr zu.

«Bitte?»

«Haben wir uns missverstanden? Ich dachte, Sie hätten von Schwierigkeiten) gesprochen. Von Angstzuständen und Schlafstörungen?»

«Ja, aber was ich meinte, war, dass mein Mann — »

«Der Mann, klar. Oder die Frau. Es ist oft der weniger gehemmte Ehepartner, der zu mir kommt. Eine lähmende Angst, um Aslan zu bitten, ist in der Tat genau der Zustand, bei dem Aslan in erster Linie indiziert ist. Das Medikament hat eine bemerkenswerte blockierende Wirkung auf ‹tiefe› oder ‹krankhafte› Scham.» Hibbards Lächeln war wie eine frische Delle in einer weichen Frucht. Er hatte die dichten Wimpern eines Welpen, einen Kopf, der zum Streicheln einlud. «Interessiert Sie das?», sagte er. «Sind sie voll und ganz bei der Sache?»

Enid senkte den Blick und fragte sich, ob Menschen an Schlafmangel sterben konnten.

Ihr Schweigen als Zustimmung deutend, fuhr Hibbard fort: «Wir glauben, ein klassisches ZNS-Beruhigungsmittel wie Alkohol unterdrücke ‹Scham› oder ‹Hemmungen›. Doch das ‹beschämende› Geheimnis, das man unter dem Einfluss von drei Martinis ausplaudert, verliert dadurch, dass man es ausplaudert, nicht den beschämenden Charakter; denken Sie an die tiefe Reue, die sich einstellt, sobald die Wirkung der Martinis nachgelassen hat. Was auf der molekularen Ebene abläuft, wenn Sie diese Martinis trinken, Edna, ist, dass der Äthylalkohol die Aufnahme von überschüssigem Faktor 28A, d. h. dem Faktor für ‹tiefe› oder ‹krankhafte› Scham, beeinträchtigt. Dabei wird 28A am Rezeptor nicht richtig umgewandelt oder resorbiert, sondern bleibt in vorübergehender, instabiler Verwahrung beim Transmitter. Wenn der Äthylalkohol dann abgebaut ist, wird der Rezeptor mit 28 A regelrecht überschwemmt. Die Angst vor Demütigung und die Sehnsucht, gedemütigt zu werden, sind eng miteinander verknüpft: Psychologen wissen das, russische Romanciers wissen das. Und es ist nicht nur ‹wahr›, sondern wirklich wahr. Wahr auf der molekularen Ebene. Wie dem auch sei, Aslans Wirkung auf die Chemie der Scham ist eine vollkommen andere als die eines Martinis. Wir reden hier von der vollständigen Vernichtung der 28A-Moleküle. Aslan ist ein wildes Tier.»

Offenkundig war jetzt Enid mit dem Sprechen an der Reihe, doch sie hatte ihr Stichwort verpasst. «Doktor», sagte sie, «entschuldigen Sie, aber ich habe nicht geschlafen, und ich bin ein bisschen verwirrt.»

Der Arzt runzelte allerliebst die Stirn. «Verwirrt? Oder verwirrt!»

«Bitte?»

«Sie haben mir erzählt, Sie hätten Schwierigkeiten. Sie haben einhundertfünfzig US-Dollar in bar oder als Reiseschecks dabei. Auf der Grundlage Ihrer klinischen Reaktionen habe ich subklinische Dysthymie ohne erkennbare Demenz diagnostiziert, und ich gebe Ihnen, gratis, acht unverkäufliche Muster Aslan ‹Kreuzfahrt›, die jeweils drei Dreißig-

Milligramm-Kapseln enthalten, sodass Sie den Rest Ihrer Reise entspannt genießen und hinterher dem empfohlenen Dreißig-zwanzig-zehn-Rückführ-Programm folgen können. Aber ich muss Sie warnen, Elinor, wenn Sie nicht bloß verwirrt, sondern wirklich verwirrt sind, könnte mich das zwingen, meine Diagnose zu revidieren, was Ihren Zugang zu Aslan möglicherweise gefährdet.»

Hier zog Hibbard die Augenbrauen hoch und pfiff ein paar Takte einer Melodie, der sein aufgesetzt arglistiges Lächeln die Harmonie nahm.