Enid machte ein finsteres Gesicht. Dr. Hibbard war sehr gut aussehend und charismatisch, und die Idee einer Pille, die ihr helfen würde, die Kreuzfahrt zu genießen und besser für Alfred zu sorgen, gefiel ihr durchaus, aber der Arzt kam ihr doch ein kleines bisschen oberflächlich vor. Außerdem hieß sie Enid. E-N-I-D.
«Und Sie sind ganz, ganz sicher, dass es mir helfen wird?», fragte sie. «Sind Sie wirklich absolut sicher, dass es das Beste für mich ist?»
«Ich ‹garantiere› es», sagte Hibbard mit einem Augenzwinkern.
«Was heißt eigentlich ‹optimieren›?», fragte Enid.
«Sie werden sich emotional weniger angreifbar fühlen», sagte Hibbard. «Flexibler, zuversichtlicher, zufriedener mit sich selbst. Ihre Angst und Überempfindlichkeit werden verschwinden, und es wird Ihnen nicht mehr so krankhaft wichtig sein, was andere Leute von Ihnen denken. Alles, wofür Sie sich jetzt schämen — »
«Ja», sagte Enid. «Ja.»
«‹Wenn es zur Sprache kommt, rede ich darüber; wenn nicht, warum es erwähnen?› Das wird Ihre Haltung sein. Die tückische Ambivalenz der Scham, dieses schnelle Hin- und Herspringen zwischen Geständnis und Verheimlichung — ist das ein Problem für Sie?»
«Ich glaube, Sie verstehen mich.»
«Chemische Abläufe in Ihrem Gehirn, Elaine. Ein starker Drang zu gestehen, ein starker Drang zu verheimlichen: Was ist überhaupt ein starker Drang? Was kann er anderes sein als Chemie? Was ist Erinnerung? Eine chemische Veränderung! Vielleicht auch eine strukturelle Veränderung, aber ich verrate Ihnen was: Strukturen bestehen aus Proteinen! Und woraus bestehen Proteine? Aus Aminen!»
Enid hatte die unbestimmte Sorge, dass ihre Kirche etwas anderes lehrte — irgendetwas von Christus, der beides war, ein großes Stück Fleisch an einem Kreuz und Gottes Sohn — , doch Glaubensfragen hatte sie schon immer erschreckend komplex gefunden, und Reverend Anderson in ihrer Gemeinde hatte ein so gütiges Gesicht und erzählte in seinen Predigten oft Witze oder zitierte New Former-Cartoons oder weltliche Schriftsteller wie John Updike, und nie tat er etwas Verstörendes, indem er der Gemeinde etwa sagte, sie sei verdammt, was ohnehin absurd gewesen wäre, wo doch alle in der Kirche so nett und freundlich waren, und außerdem hatte Alfred über ihren Glauben immer die Nase gerümpft, und es war leichter, mit dem Glauben einfach aufzuhören (wenn sie überhaupt jemals gläubig gewesen war), als Alfred in einem philosophischen Streitgespräch schlagen zu wollen. Mittlerweile glaubte Enid, dass man, wenn man tot war, wirklich tot war, und Dr. Hibbards Sicht der Dinge leuchtete ihr ein.
Dennoch, da sie eine hartgesottene Käuferin war, sagte sie: «Ich bin bloß eine dumme alte Frau aus dem Mittelwesten, na ja, aber die Persönlichkeit verändern, das hört sich für mich irgendwie nicht richtig an.» Sie machte ein langes, säuerliches Gesicht, damit ihr Missfallen auch bestimmt nicht übersehen wurde.
«Was spricht gegen Veränderung?», sagte Hibbard. «Sind Sie glücklich so, wie Sie sich im Augenblick fühlen?»
«Das nicht, nein, aber wenn ich ein anderer Mensch bin, nachdem ich die Pille genommen habe, wenn ich hinterher anders bin, dann kann das doch nicht richtig sein, und — »
«Edwina, ich verstehe Sie vollkommen. Wir alle empfinden eine irrationale Zuneigung zu den besonderen chemischen Koordinaten unseres Charakters und Temperaments. Das hat mit der Angst vorm Tod zu tun, meinen Sie nicht? Ich weiß nicht, wie es sein wird, nicht mehr ich zu sein. Aber ich verrate Ihnen was. Wenn ‹ich› nicht mehr da bin, um den Unterschied zu bemerken, was kümmert es ‹mich› dann? Tot zu sein ist nur ein Problem, wenn man weiß, dass man tot ist, was nie der Fall sein wird, schließlich ist man ja tot!»
«Aber es hört sich so an, als würde das Mittel alle gleichmachen.»
«Mh-mh. Biep-biep. Falsch. Ich verrate Ihnen was: Zwei Menschen können die gleiche Persönlichkeit haben und trotzdem Individuen sein. Zwei Menschen mit dem gleichen IQ können vollkommen verschiedene Kenntnisse und Erinnerungen haben. Richtig? Zwei ausgesprochen liebevolle Menschen können ihre Liebe auf vollkommen unterschiedliche Gegenstände richten. Zwei gleichermaßen risikoscheue Individuen können vollkommen verschiedene Risiken meiden. Vielleicht macht Aslan uns alle ein bisschen gleicher, aber ich verrate Ihnen was, Enid: Wir alle sind immer noch Individuen.»
Der Arzt entfesselte ein besonders liebreizendes Lächeln, und Enid, die sich ausrechnete, dass er pro Gespräch einen Reingewinn von $ 62 erzielte, fand, dass sie nun für ihr Geld genug von seiner Zeit und Aufmerksamkeit bekommen hatte, und sie tat, wozu sie im Grunde entschlossen war, seit ihr Blick zum ersten Mal auf die sonnigen, die löwenköpfigen Kapseln gefallen war. Sie griff in ihre Handtasche, nahm ein Bündel Bargeld aus dem Pleasurelines-Kuvert, in dem ihre Spielgewinne steckten, und zählte $ 150 ab.
«Viel Zeitvertreib von dem Löwen», sagte Hibbard mit einem Augenzwinkern, als er den Stapel unverkäuflicher Muster über seinen Schreibtisch schob. «Brauchen Sie eine Tüte?»
Mit klopfendem Herzen trat Enid den Rückweg zum «B»- Deck an. Nach dem Albtraum des vergangenen Tages und der letzten beiden Nächte hatte sie nun wieder etwas, auf das sie sich freuen konnte; und wie süß die Zuversicht einer Frau, die ein eben ergattertes Mittel bei sich trägt, das ihr Denken zu wandeln verheißt; wie universal die Sehnsucht, den Gegebenheiten des Selbst zu entfliehen. Keine größere Anstrengung, als die Hand zum Mund zu führen, kein gewaltigerer Akt, als zu schlucken, kein religiöses Gefühl, kein Glaube an etwas anderes, Mystischeres als Ursache und Wirkung — nichts von alledem war nötig, um die umwälzenden Segnungen dieser Pille zu erfahren. Sie konnte es nicht erwarten, sie einzunehmen. Den ganzen Weg bis zur B11 ging sie wie auf Wolken. Glücklicherweise war dort von Alfred keine Spur. Als wolle sie dem Verbotenen ihres Vorhabens Rechnung tragen, schob sie den Riegel vor die Außentür. Schloss sich, darüber hinaus, im Badezimmer ein. Hob die Augen zu deren gespiegelten Zwillingen empor und erwiderte in einem feierlichen Impuls ihren Blick, wie sie es seit Monaten oder vielleicht Jahren nicht mehr getan hatte. Drückte eine goldene Aslan durch die Folie auf der Rückseite eines der unverkäuflichen Muster. Legte sie sich auf die Zunge und spülte sie mit Wasser hinunter.
Ein paar Minuten lang hantierte sie mit Zahnbürste und Zahnseide, ein bisschen Hausarbeit im Mund, damit die Zeit verstrich. Dann stieg sie, mit einem Schauder aufwogender Müdigkeit, in ihre Koje, um zu warten.
Goldenes Sonnenlicht fiel auf die Bettdecken im fensterlosen Raum.
Er rieb seine warme Samtschnauze an ihrem Handgelenk. Er leckte ihre Augenlider mit einer sandpapierenen, zugleich glatten Zunge. Sein Atem war süß und beißend.
Als sie aufwachte, war das kühle Halogenlicht in der Kabine nicht mehr künstlich. Es war das kühle Leuchten der hinter einer flüchtigen Wolke verborgenen Sonne.
Ich habe das Medikament genommen, sagte sie sich. Ich habe das Medikament genommen. Ich habe das Medikament genommen.
Ihre neue emotionale Flexibilität wurde am nächsten Morgen auf eine harte Probe gestellt, als sie um sieben aufstand und sah, dass Alfred sich in der Duschkabine zusammengerollt hatte und tief und fest schlief.
«Al, du liegst in der Dusche», sagte sie. «Da schläft man nicht.»
Sie begann sich die Zähne zu putzen. Alfred öffnete von Wahnsinn ungetrübte Augen und machte eine Bestandsaufnahme. «Ah, bin ich steif», sagte er.
«Was um Himmels willen tust du da?», gluckste Enid, den Mund voller Fluoridschaum, während sie fröhlich vor sich hin putzte.
«Bin heute Nacht ganz durcheinander gewesen», sagte er. «Hatte so seltsame Träume.»
Sie merkte, dass sie in Aslans Armen neue Reserven der Geduld für den handgelenkstrapazierenden Witsch-Watsch- Bürstenstrich entdeckte, den ihr Zahnarzt ihr für die Seiten der Backenzähne angeraten hatte. Mit geringem bis mittlerem Interesse sah sie zu, wie Alfred über einen mehrstufigen Prozess des Sichaufstützens, — hochstemmens, — aufrappelns, — anspannens und Kontrolliert-nach-vorne-Kippens in die aufrechte Position gelangte. Ein irrwitziger Dhoti aus zerknüllten und zerfledderten Windeln hing ihm von den Lenden. «Nun guck dir das mal an», sagte er kopfschüttelnd. «Würdest du dir das bitte mal angucken.»