Der Getroffene jaulte auf wie ein Hund, dem man auf den Schwanz getreten hatte, und torkelte zurück, aber da war auch schon der nächste heran. Zu ihrem Erschrecken erkannte Arri, dass er mit einem Schwert statt mit einer Stange bewaffnet war.
Taru begriff die Gefahr im allerletzten Augenblick. Er tauchte nach links ab - und die Klinge schrammte an seiner Schulter vorbei. Arri konnte nicht erkennen, ob - und wenn ja, wie schwer er getroffen war. Doch sie ahnte, dass er der Übermacht nicht mehr lange würde standhalten können. Taru hatte kein Schwert mit sich geführt, als er bei ihr aufgetaucht war. Und das rächte sich jetzt.
Aber wo blieb Rar? War er etwa geflohen - oder lag er schon getroffen am Boden?
Arri blieb keine Zeit, diesen Gedanken weiterzuverfolgen. Mit einem Schrei setzte sie der Gestalt nach, die sie selbst verletzt hatte, packte die Stange, die sie nach wie vor umklammerte, und versuchte sie ihr zu entwinden.
Die Kreatur ließ das nicht zu, selbstverständlich nicht. Arri hatte sie überraschen können, aber jetzt hatte sie sich zu etwas verleiten lassen, das sie auf keinen Fall gewinnen konnte: einer reinen Kraftprobe.
Der Kapuzenmann scheuchte sie mit der Stange mühelos herum, und mehr als einmal verlor sie den Bodenkontakt und schwebte mehr als eine Handbreit über dem Boden, bevor sie wieder schmerzhaft aufsetzte und mit den nackten Füßen über Felsen scheuerte. Sie konnte nicht loslassen, denn dann hätte ihr der Angreifer sofort die Stange über den Kopf gezogen. Aber während ihr Gegner die Waffe immer heftiger schwang, Blut von seinem Gesicht spritzte und sie selbst besudelte, erlahmten ihre Bewegungen erschreckend schnell. Es konnte nicht mehr lange dauern ...
Da war Larkar heran. Sein Schwert zuckte so schnell vor, dass Arri es erst wahrnahm, als es schon wieder zurückgezuckt war. Dem Missgestalteten schien es ähnlich zu ergehen. Sein Kopf ruckte zu Larkar heran, dann stieß er ein tiefes Grollen aus ... und nun ließ er die Stange los, griff sich an den Hals und taumelte rückwärts.
Arri wäre gestürzt, wenn Larkar sie nicht mit einer Hand aufgefangen und in der gleichen Bewegung mit sich gerissen hätte.
»Was sollte das denn?«, zischte er ihr ins Ohr, während er ihr einen kräftigen Stoß in den Rücken versetzte, »wolltest du die Dämonen etwa im Alleingang fertigmachen?«
»Nein«, stieß Arri hervor. Verzweifelt versuchte sie, die Stange nicht zu verlieren, die sie in der rechten Hand hielt, und mit der anderen Hand wollte sie die Reste ihrer Kleidung zusammenhalten, die ihr bei dem Hin- und Hergeschwinge fast vollständig vom Leib gerissen worden waren. »Aber ich musste doch Taru helfen!«
Larkar versetzte ihr einen zweiten Schubser, und dieser wirkte nun gar nicht mehr freundlich, sondern ließ sie fast das Gleichgewicht verlieren. »Taru! Hast du den Verstand verloren?«
Ja, dachte Arri. Ich muss den Verstand verloren haben. Warum sonst habe ich mein Leben in Gefahr gebracht, nur um demjenigen zu helfen, der mir am liebsten den Schädel einschlüge?
Isana hatte Mühe, Kaarg einzuholen. Das lag zum einen daran, dass der Schwätzer seine Schritte auf eine ganz eigene und merkwürdige Weise beschleunigt hatte, die ihn so aussehen ließ, als zwinge er seine alten Knochen zu einem entenähnlichen Watschelgang, und auf der anderen Seite daran, dass sie mit ihren Gedanken ganz woanders war.
Wollte Arri fliehen? Hatte sie Verbündete, von denen sie, ihre engste Vertraute, nichts wusste? Oder ging da etwas ganz anderes vor sich?
Isana war so verwirrt, dass sie erst gar nicht bemerkte, dass Kaarg sie ansprach, als sie ihn gerade eingeholt hatte. »Ich hoffe, du bist mit allem vertraut, was nötig ist, um mit deiner Arbeit beginnen zu können«, sagte Kaarg mindestens zum zweiten Mal.
»Wie?« Isana hob beruhigend die Hand, als der alte Mann schon ungeduldig auffahren wollte. »Natürlich. Surkija hat mir von Kindesbeinen an alles gezeigt, was nötig ist, um Wunden zu heilen und Verletzungen zu lindern. Und seit zwei Sommern helfe ich ja auch schon Arianrhod ...«
Sie brach ab, als sie begriff, wo sie war und wer ihre Worte hören konnte, wenn sie nicht aufpasste.
Ohne dass es ihr wirklich aufgefallen war, hatte sie den Platz zwischen den Hütten erreicht, auf dem das Feuer des Lebens brannte. Es war der Mittelpunkt ihrer Gemeinschaft, jener Ort, wo man zusammenkam, um Mahlzeiten zuzubereiten und Wichtiges wie Nebensächliches in bunt gemischten Gruppen zu besprechen. Hier, in der Mitte ihrer Gemeinschaft, waren alle willkommen, Junge und Alte, Frauen und Männer, Bauern, Fischer und Jäger - oder was immer zum Arbeitsleben der Einzelnen gehörte.
Auch jetzt hockten wieder zahlreiche Frauen am Feuer, während sich die Männer ein Stück weiter entfernt in mehreren kleinen Gruppen zueinandergesetzt hatten.
Isana blieb neben Kaarg stehen und sah sich mit Unbehagen um. Alle Gespräche waren verstummt, als sie in die Nähe des Feuers gekommen waren, und etliche Augenpaare richteten sich auf sie.
Hier Arris Namen auszusprechen, war so ziemlich das Dümmste, was sie hatte tun können. Über mehr als ein Gesicht war ein Schatten gelaufen, als sie den Namen Arianrhod ausgesprochen hatte, wie sie mit einem heißen Schreck begriff.
Kaarg wollte wohl etwas sagen, aber zumindest diesmal war Isana schneller als der Schwätzer.
»Ich bin gekommen, um euch zu helfen«, sagte sie. »Ihr alle kennt mich als die Tochter des Schmieds. Doch die meisten werden sich auch daran erinnern, dass sich Surkija meiner wie einer Tochter angenommen und mir alles beigebracht hatte.«
Der einzige Mann, der am Feuer saß, war Furlar, der schon in ihrer alten Heimat die schönsten Töpferarbeiten angefertigt hatte. Er nahm die Finger von dem Gefäß, das aus braunem schweren Ton bestand, das er gerade erst zurechtgeformt hatte, und sagte auf seine langsame und bedächtige Art: »Du warst mit Arianrhod zusammen, als sie das Gift gemischt hat, um uns alle umzubringen.«
Die anderen murmelten zustimmend, und es klang auf eine Art beängstigend, dass es Isana fast die Luft abschnürte. Ihr Blick wanderte zu den beiden Frauen, die auf ihren Mahlsteinen Korn zu Mehl verarbeiteten, und blieb Hilfe suchend bei der alten Josa hängen, der sie früher oft zur Hand gegangen war. Die Hände der alten Frau ruhten auf dem Getreideteig, der aus den wild wachsenden Einkornpflanzen gemischt worden war, die auf den zahlreichen Äckern der alten Seesiedler gewachsen waren, und den sie gerade als Fladenbrot für die nächste Mahlzeit zubereitete.
Alles sah so friedlich und vertraut aus. Gleich würde Josa den Brotteig über den schon vorgeheizten Stein des Lehmofens legen, und Furlar würde ein weiteres Gefäß vorbereiten, um sie dann später zusammen in dem Ofen zu brennen. Die anderen würden fortfahren, die Gewänder auszubessern, die zuvor im See gewaschen worden waren, oder aber die Beeren und Pilze zuzubereiten, die sie gesammelt hatten; und später, wenn die Fischer kamen, würden sie die wenigen Fische, die die Männer auf ihre umständliche Art dem See abgerungen hatten, für die Mahlzeit waschen. Es waren viele kleine und große Handgriffe, die hier am Feuer getätigt wurden, und sie alle waren notwendig, damit die Gemeinschaft einigermaßen gestärkt und gut vorbereitet in den Winter ging.
Isana hätte sich am liebsten zu den Frauen gesetzt und wie in ihrer Kindheit beim Körbeflechten geholfen oder Korn gemahlen, oder auch jede andere Hilfsarbeit übernommen, gleichgültig, um was es sich handelte.
»Was ist mit dir, Kind?«, fragte Josa nach einer Weile, und Isana fuhr wie ertappt zusammen.
»Es ist alles so ... schrecklich.«
Wieder murmelten die Frauen ihre Zustimmung, aber Josa sagte mit ihrer rauen, kratzigen Stimme: »Wo warst du, als der kleine Prytio gestorben ist?«
Isana spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte. »Ich habe doch geholfen, wo ich konnte«, murmelte sie. Unruhig nestelte sie an dem Feuersteinring herum, den ihr Kaarg zum Zeichen ihrer neuen Würde als Heilerin überreicht hatte. »Ich kann doch nicht überall sein!«