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Er sprang wieder hinab, richtete seinen Hut und murrte leise vor sich hin ... und sah sie plötzlich oben auf einer breiten, zu einem ihm fast gegenüberstehenden Palast führenden Marmortreppe stehen, bereits halbwegs von hohen, kannelierten Säulen verborgen. Es war kein großer Palast, er wies nur zwei schmale Erker und eine einzige birnenförmige, gestreifte Kuppel auf. In den Palästen Ebou Dars war das Erdgeschoß stets Dienern und Küchen und ähnlichem vorbehalten. Die besseren Räume waren höher angesiedelt, um jede Brise zu nutzen. Schwarz und Gelb livrierte Türsteher verbeugten sich tief und öffneten die verzierten Türen bereits weit, noch bevor die Frau sie erreicht hatte. Eine Dienerin im Innern vollführte einen Hofknicks, sagte offensichtlich etwas, wandte sich dann sofort um und führte sie weiter hinein. Die Frau war dort bekannt. Er hätte alles darauf verwettet.

Nachdem sich die Türen geschlossen hatten, stand Mat eine Weile nur da und beobachtete den Palast. Es war bei weitem nicht der wohlhabendste in der Stadt, aber nur ein Adliger würde es wagen, ein solches Gebäude zu errichten. »Aber wer, im Krater des Verderbens, lebt dort?« murmelte er schließlich, während er seinen Hut abnahm, um sich Luft zuzufächeln. Nicht sie, nicht, wenn sie zu Fuß gehen mußte. Einige in den Schenken entlang der Straße gestellte Fragen würden ihm Aufschluß geben. Und die Nachricht, daß er Fragen stellte, würde gewiß auch bis zum Palast durchsickern.

Jemand sagte: »Carridin.« Es war ein dürrer, weißhaariger Bursche, der in der Nähe in den Schatten herumlungerte. Mat sah ihn fragend an, und er grinste, wodurch Zahnlücken sichtbar wurden. Seine gebeugten Schultern und das verwitterte Gesicht paßten nicht zu seinem edlen grauen Umhang. Trotz etwas Spitze an seinem Hals war er das Abbild schlechter Zeiten. »Ihr habt gefragt, wer dort lebt. Der Chelsaine-Palast wurde an Jaichim Carridin verpachtet.«

Mat hielt in seiner Bewegung inne, sich Luft zuzufächeln. »Ihr meint den Gesandten der Weißmäntel?«

»Ja. Und den Inquisitor der Hand des Lichts.« Der alte Mann tippte mit einem knotigen Finger seitlich an seine Hakennase. Beide schienen mehrmals gebrochen gewesen zu sein. »Kein Mann, den man stören sollte, wenn man nicht unbedingt muß, und selbst dann würde ich noch dreimal darüber nachdenken.«

Mat summte unbewußt einige Töne aus ›Sturm von den Bergen‹ vor sich hin. Tatsächlich - kein Mann, den man stören sollte. Zweifler waren die unangenehmsten Weißmäntel. Ein Weißmantel-Inquisitor, dessen Ruf eine Schattenfreundin folgte.

»Danke...« Mat zuckte zusammen. Der Bursche war fort, von der Menge verschluckt. Seltsam, aber er war ihm irgendwie vertraut erschienen. Vielleicht ein weiterer, vor langer Zeit gestorbener Bekannter aus jenen alten Erinnerungen. Vielleicht... Dann traf es ihn, als wäre das Schauspiel eines Feuerwerkers in seinem Kopf explodiert. Ein weißhaariger Mann mit Hakennase. Dieser alte Mann war im Silberkreis gewesen, hatte nicht weit von der Frau entfernt gestanden, die gerade in Carridins Palast verschwunden war. Mat drehte seinen Hut in den Händen und blickte unbehaglich die Stirn runzelnd zum Palast. Er konnte die Würfel in seinem Kopf plötzlich fallen spüren, und das war stets ein schlechtes Zeichen.

15

Insekten

Carridin schaute nicht sofort von dem Brief auf, den er gerade schrieb, als Lady Shiaine, wie sie sich nannte, hereingeführt wurde. Drei Ameisen kämpften vergebens in der nassen Tinte, waren gefangen. Alles andere mochte sterben, aber Ameisen und Schaben und alle anderen Arten von Ungeziefer schienen zu gedeihen. Er drückte den Tintenlöscher vorsichtig hinab. Er würde nicht wegen ein paar Ameisen von vorn beginnen. Das Versäumnis, diesen Bericht abzuschicken, oder der Bericht über das Versäumnis, würde ihn genauso verdammen wie diese widerlichen Insekten, aber die Angst vor noch einem anderen Versäumnis wütete in ihm.

Er sorgte sich nicht darum, daß Shiaine lesen könnte, was er geschrieben hatte. Es war in einer außer ihm nur zwei anderen Menschen bekannten Geheimschrift verfaßt. Es waren so viele Banden ›Drachenverschworener‹ am Werk, eine jede vom Kern ihrer vertrauenswürdigsten Männer gestärkt, und so viele andere, die Banditen oder sogar wahrhaftig diesem Schmutz al'Thor verschrieben sein mochten. Letzteres würde Pedron Niall vielleicht nicht gefallen, aber sein Befehl hatte gelautet, Altara und Murandy in Blut und Chaos zu tauchen, aus denen nur Niall und die Kinder des Lichts sie retten könnten, ein Wahnsinn, der eindeutig diesem sogenannten Wiedergeborenen Drachen zur Last gelegt werden sollte, und das hatte er getan. Angst hielt beide Länder gepackt. Erzählungen darüber, daß die Hexen durch das Land marschierten, waren ein zusätzlicher Lohn. Hexen Tar Valons und Drachenverschworene, Aes Sedai, die junge Frauen verschleppten und falsche Drachen ernannten, Dörfer in Flammen und an Scheunentore genagelte Männer -das war bei den auf der Straße gehandelten Gerüchten jetzt alles das gleiche. Niall wäre erfreut und würde weitere Befehle senden. Es war unvorstellbar, wie er von Carridin erwartete, Elayne Trakand aus dem Tarasin-Palast zu entführen.

Noch eine Ameise lief über den mit ElfenbeinEinlegearbeiten versehenen Tisch auf das Blatt Papier, die er mit dem Daumen zerdrückte. Und ein Wort bis zur Unleserlichkeit verschmierte. Der gesamte Bericht müßte neu geschrieben werden. Er sehnte sich sehr nach etwas zu trinken. Auf dem Tisch an der Tür stand eine Kristallflasche mit Weinbrand, aber er wollte nicht, daß die Frau ihn trinken sah. Er unterdrückte ein Seufzen, schob den Brief beiseite und zog ein Taschentuch aus seinem Ärmel, um sich die Hand abzuwischen. »Also, Shiaine, könnt Ihr endlich über Fortschritte berichten? Oder seid Ihr nur wegen des Geldes gekommen?«

Sie lächelte ihn von einem hohen, verzierten Armsessel aus träge an. »Eine Suche erfordert Ausgaben«, sagte sie fast im Akzent einer andoranischen Adligen. »Besonders wenn wir erreichen wollen, daß keine Fragen gestellt werden.«

Die meisten Menschen hätten sich beim Anblick Jaichim Carridins - durch sein stählernes Gesicht, die tiefliegenden Augen und den weißen Wappenrock über seinem Umhang mit der auf den karmesinroten Hirtenstab der Hand eingedrückten Sonne der Kinder des Lichts - unbehaglich gefühlt. Aber nicht Mili Skane. So lautete ihr richtiger Name, obwohl sie nicht wußte, ob er ihn kannte. Als Tochter eines Sattlers aus einem Dorf in der Nähe von Weißbrücke war sie im Alter von fünfzehn Jahren zur Weißen Burg gegangen, noch eine Sache, die sie geheimgehalten zu haben glaubte. Es war wohl kaum der beste Anfang, ein Schattenfreund zu werden, weil die Hexen ihr gesagt hatten, sie könnte nicht lernen, die Macht zu lenken, aber bevor ein Jahr vorüber war, hatte sie nicht nur in Caemlyn einen Kreis gefunden, sondern auch ihre erste Tötung vollzogen. In den seither vergangenen sieben Jahren hatte sie dieser einen neunzehn weitere Tötungen hinzugefügt. Sie war eine der besten verfügbaren Mörderinnen und eine Jägerin, die alle und alles finden konnte. Soviel hatte man ihm gesagt, als sie zu ihm geschickt wurde. Das hatte ein Kreis gesagt, der jetzt ihr berichtete. Tatsächlich waren mehrere seiner Mitglieder Adlige und fast alle älter, aber nichts davon hatte unter jenen Bedeutung, die dem Großen Herrn dienten. Ein weiterer Kreis, der für Carridin arbeitete, wurde von einem knorrigen, einäugigen Bettler angeführt, der keine Zähne und die Angewohnheit hatte, nur einmal im Jahr zu baden. Wären die Umstände andere gewesen, hätte Carridin selbst das Knie vor Old Cully gebeugt, der einzige Name, den der übelriechende Schurke zuließ. Mili Skane kroch gewiß vor Old Cully, und jeder andere Gefährte ihres Kreises ebenfalls, ob adlig oder nicht. Es ärgerte Carridin, daß ›Lady Shiaine‹ blitzartig auf die Knie fiel, wenn der alte Bettler mit den strähnigen Haaren den Raum betrat, aber vor ihm mit gekreuzten Beinen dasaß, lächelte und ungeduldig mit dem Fuß wippte. Sie hatte Befehl erhalten, ihm bedingungslos zu gehorchen, von jemandem, vor dem sogar Old Cully kriechen würde, und er brauchte verzweifelt einen Erfolg. Nialls Pläne durften ruhig zu Staub zerfallen, aber nicht dies.