Niemand überlebte es, dem Befehl der Auserwählten den Gehorsam zu verweigern. Er preßte die Hände gegen seine Schläfen. Sein Kopf schien platzen zu wollen. »Ein Mann ist in der Stadt, Mat Cauthon. Ihr werdet...« Sie zuckte abermals leicht zusammen, und er runzelte die Stirn. »Ihr kennt ihn?«
»Ich habe den Namen gehört«, sagte sie vorsichtig. Und ärgerlich, hätte er behauptet. »Nur wenige, die mit al'Thor verbunden sind, bleiben lange unbekannt.« Als er näher herantrat, kreuzte sie schützend die Arme vor sich und blieb nur zögerlich am Fleck stehen. »Was macht ein schäbiger Bauernjunge in Ebou Dar? Wie ist er...«
»Belästigt mich nicht mit törichten Fragen, Shiaine.« Er hatte noch niemals solche Kopfschmerzen gehabt. Noch nie. Es fühlte sich an, als würde ihm zwischen den Augen ein Dolch in den Schädel getrieben. Niemand überlebte... »Ihr werdet Euren Kreis anweisen, Cauthon sofort ausfindig zu machen. Sie alle.« Old Cully kam heute nacht durch die Rückfront der Ställe herein. Sie brauchte nicht zu wissen, daß auch noch andere da sein würden. »Nichts anderes darf dazwischen kommen.«
»Aber ich dachte...«
Sie brach keuchend ab, als er ihren Nacken ergriff. Ein schmaler Doich erschien in ihrer Hand, aber er entwand ihn ihr. Sie drehte sich und versuchte, sich ihm zu entziehen, aber er zwang ihr Gesicht auf die Tischplatte, wobei sie mit der Wange noch feuchte Tinte auf dem vergessenen Brief an Pedron Niall verwischte. Der Dolch, der unmittelbar vor ihren Augen niedersauste, ließ sie erstarren. Zufällig hatte die Klinge, die das Papier durchbohrt hatte, auch eine Ameise an einem Bein erwischt. Sie kämpfte genauso nutzlos, wie das Tier es getan hatte.
»Ihr seid ein Insekt, Mili.« Der Schmerz in seinem Kopf ließ seine Stimme rauh klingen. ›»Es ist an der Zeit, daß Ihr das begreift. Ein Insekt ist wie das andere, und wenn eines seine Aufgabe nicht erfüllt...« Ihr Blick folgte seinem herabsinkenden Daumen, und als er die Ameise zerdrückte, zuckte sie zurück.
»Ich lebe, um zu dienen und zu gehorchen, Meister«, keuchte sie. Sie hatte das jedes Mal zu Old Cully gesagt, wenn sie ihnen zusammen begegnete, aber niemals zuvor zu ihm.
»Und so werdet Ihr gehorchen...« Niemand überlebte Ungehorsam. Niemand.
16
Eine Berührung an der Wange
Der Tarasin-Palast erstrahlte in schimmerndem Marmor und weißem Putz mit geschützten Balkonen aus weiß bemaltem Schmiedeeisen und Säulengängen bis vier Stockwerke über dem Boden. Tauben schwirrten um spitz zulaufende Kuppeln herum, und hohe, mit Balkonen verzierte Erker, die durch rote und grüne Ziegel miteinander verbunden waren, glänzten in der Sonne. Prächtige Bogentore im Palast selbst führten auf verschiedene Höfe, und weitere befanden sich in den hohen Mauern, die die Gärten verbargen; tiefe, schneeweiße, zehn Spann breite Stufen führten auf die dem Mol-Hara-Platz gegenüberliegende Seite zu großen, mit gehämmertem Gold belegten Türen hinauf, die wie die Balkongitter mit gewundenen Mustern verziert waren.
Die ungefähr ein Dutzend Wächter, die sich vor diesen Türen aufgereiht hatten und in der Sonne schwitzten, trugen vergoldete Brustharnische über grünen Umhängen und sackartigen weißen Hosen, die in dunkelgrünen Stiefeln steckten. Grüne Schnüre sicherten dichte Geflechte weißen Stoffs um Goldhelme, deren lange Enden ihre Rücken hinabhingen.
Selbst die Hellebarden und die Scheiden ihrer Dolche und Kurzschwerter schimmerten golden. Wächter, die imponieren, aber nicht kämpfen sollten. Aber als Mat ihnen nahe kam, konnte er die SchwertkämpferSchwielen an ihren Händen erkennen. Er war zuvor stets durch einen der Stallhöfe hereingekommen, um die Palastpferde im Vorbeigehen zu überprüfen, aber dieses mal betrat er den Palast, wie ein Lord es tun würde.
»Das Licht segne Euch alle«, sagte er zum wachhabenden Offizier, einen Mann, der nicht viel älter war als er selbst. Ebou Dari waren höfliche Menschen. »Ich bin gekommen, um Nynaeve Sedai und Elayne Sedai eine Nachricht zu hinterlassen. Oder sie ihnen zu überbringen, falls sie schon zurückgekehrt sind.«
Der Offizier sah ihn bestürzt an und blickte dann auf die Stufen. Die goldenen Schnüre wie auch das Grün an seinem Spitzhelm bezeichneten einen Rang, den Mat nicht kannte, und er trug ein vergoldetes Stangenbajonett anstatt einer Hellebarde, die ein scharfes Ende und einen Haken wie ein OchsenTreibstock aufwies. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte niemand den Palast jemals auf diesem Weg betreten. Er betrachtete Mats Umhang, sann sichtlich darüber nach und beschloß letztendlich, ihn nicht abweisen zu können. Der Mann erwiderte seufzend Mats Segenswunsch, fragte ihn nach seinem Namen, öffnete dann eine kleine Tür in einer der größeren Türen und führte ihn in eine gewaltige Eingangshalle, die von fünf mit Steinbrüstungen versehenen Balkonen unter einer kuppelartigen, wie ein Himmel mit Wolken und einer Sonne bemalten Decke umgeben war.
Der Wächter schnippte mit den Fingern und rief so eine schlanke junge Dienerin in einem weißen Gewand herbei, das auf der linken Seite hochgenäht und über der linken Brust mit grünem Anker und Schwert bestickt war. Sie kam eilig über den rotblauen Marmorboden heran und vollführte vor Mat und dem Offizier jeweils einen Hofknicks. Kurzes schwarzes Haar umrahmte ein liebliches, hübsches Gesicht mit seidiger olivfarbener Haut, und ihre Bedienstetentracht wies den tiefen, schmalen Ausschnitt auf, der allen Frauen Ebou Dars, außer den Adligen, eigen war. Aber dieses Mal bemerkte Mat es nicht. Als sie hörte, was er wollte, weiteten sich ihre großen schwarzen Augen noch mehr. Aes Sedai waren in Ebou Dar nicht unbeliebt, aber die meisten Ebou Dari würden dennoch einen weiten Umweg machen, um sie zu meiden.
»Ja, Schwert-Leutnant«, sagte sie und versank erneut in einen Hofknicks. »Natürlich, SchwertLeutnant. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt, mein Lord?« Mat wollte.
Außen funkelte Ebou Dar weiß, aber innen sprühte es vor Farben. Es schien im Palast Meilen breiter Gänge zu geben, in denen hier die hohen Decken blau und die Wände gelb und dort die Wände hellrot und die Decken grün waren, was sich nach jeder Biegung änderte, wenn Farbzusammenstellungen geboten wurden, die jedes Auge, außer dem eines Kesselflickers, beleidigten. Mats Stiefel klangen auf den Bodenfliesen, die in zwei oder drei oder manchmal auch vier Farben Rhomben- oder Stern- oder Dreiecksmuster bildeten, laut wider. Wo auch immer Gänge kreuzten, bestand der Boden aus einem Mosaik winziger Fliesen in komplizierten Wirbeln und Windungen und Schleifen. Einige wenige Seidengobelins zeigten Meeresszenen, und gewölbte Nischen bargen geschliffene Kristallschalen, kleine Statuen und gelbes Meervolk-Porzellan, das überall gutes Geld bringen würde. Gelegentlich eilte ein livrierter Diener schweigend vorbei, manchmal mit einem Gold- oder Silbertablett.
Normalerweise empfand Mat die Zurschaustellung von Reichtum als tröstlich, denn wo Geld war, könnte auch etwas an seinen Fingern haften bleiben. Doch dieses Mal empfand er mit jedem Schritt mehr Ungeduld. Und Angst. Als er die Würfel in seinem Kopf das letzte Mal so hart hatte fallen spüren, hatte er sich unmittelbar darauf mit dreihundert Mitgliedern der Bande und eintausend von Gaebrils Weißen Löwen auf einem Bergkamm vor sich wiedergefunden, sowie weiteren Tausend Mann, die eilig den Weg hinter ihm herankamen, obwohl er nur versucht hatte, dem ganzen Durcheinander zu entkommen. Damals war er dem Schlag durch die Gunst der Erinnerungen anderer Menschen und mehr Glück, als ihm zustand, ausgewichen. Die Würfel bedeuteten fast immer Gefahr und noch etwas, was er noch nicht herausgefunden hatte.
Die Vorstellung, den Schädel eingeschlagen zu bekommen, genügte nicht, aber die bevorstehende Wahrscheinlichkeit von Mat Cauthons auf irgendeine aufsehenerregende Weise eingetretenem Tod schien der üblichste Grund. Das war im Tarasin-Palast eher unwahrscheinlich, aber diese Unwahrscheinlichkeit ließ die Würfel nicht verschwinden. Er würde seine Nachricht loswerden, Nynaeve und Elayne am Kragen packen, wenn er die Gelegenheit dazu bekam, ihnen die Leviten lesen und dann gehen.