»Ihr braucht mir nicht die Jacke zu zerreißen«, grollte er und versuchte sich freizuwinden. »Meine Jacke?« Er war nicht sicher, daß sie ihn gehört hatten. Er war selbst mit dem Fuchskopf um seinen Hals nicht bereit, so weit zu gehen, ihre Finger gewaltsam zu lösen, es sei denn, er mußte es tun.
Zwei andere Aes Sedai begleiteten sie, welche der Schwestern auch immer es war, obwohl die eine der beiden, eine dunkle, stämmige Frau mit neugierigen Augen, nur durch den Großen Schlangenring und die Stola mit den braunen Fransen, die sie trug und die auf der Rückseite die weiße Flamme Tar Valons zwischen Weinranken zeigte, gekennzeichnet war. Sie schien nur wenig älter als Nynaeve zu sein, weshalb sie Sareitha Tomares sein mußte, die erst seit ungefähr zwei Jahren eine Aes Sedai war.
»Laßt Ihr Euch jetzt schon dazu herab, Menschen in den Gängen zu entführen, Teslyn?« sagte die andere. »Ein Mann, der nicht die Macht lenken kann, dürfte für Euch wohl kaum von Interesse sein.« Klein und blaß, in spitzenverziertem Grau mit blauen Schlitzen, war sie die pure, kühle, alterslose Eleganz und lächelte zuversichtlich. Ihr cairhienischer Akzent wies sie aus. Mat hatte wohl die Aufmerksamkeit der Höchsten auf sich gezogen. Thom war sich nicht sicher gewesen, ob Joline oder Teslyn Elaidas Abordnung anführten.
Teslyn behielt ihr rasiermesserscharfes Lächeln bei. »Macht mir nichts vor, Merilille. Mat Cauthon ist von erheblichem Interesse. Er sollte nicht frei herumlaufen.« Als würde er nicht daneben stehen und zuhören!
»Streitet Euch nicht wegen mir«, sagte er. Obwohl er an seiner Jacke zog, ließen beide nicht los. »Es gibt genug andere Gründe.«
Fünf Augenpaare ließen ihn sich wünschen, daß er den Mund gehalten hätte. Aes Sedai hatten keinerlei Sinn für Humor. Er zog ein wenig fester, und Vandene - oder Adeleas - zog ausreichend fest dagegen, daß ihm die Jacke aus der Hand gerissen wurde. Es war Vandene, entschied er. Sie war eine Grüne, und er hatte stets erwartet, daß sie ihn auf den Kopf stellen und das Geheimnis des Medaillons aus ihm herausschütteln würde. Aber welche auch immer sie war, sie lächelte - zum Teil wissend, zum Teil belustigt. Er konnte nichts Komisches entdecken. Die anderen sahen ihn nicht lange an. Er hätte genausogut verschwunden sein können.
»Er muß in Gewahrsam genommen werden«, sagte Joline entschieden. »Zu seinem eigenen Schutz und auch aus anderen Gründen. Drei Ta'veren, die aus einem einzigen Dorf kommen? Und einer davon der Wiedergeborene Drache? Meister Cauthon sollte sofort zur Weißen Burg geschickt werden.« Und er hatte sie hübsch gefunden!
Merilille schüttelte nur den Kopf. »Ihr überschätzt Eure Situation, Joline, wenn Ihr glaubt, ich würde Euch den Jungen einfach mitnehmen lassen.«
»Ihr überschätzt die Eure, Merilille.« Joline trat näher, bis sie auf die andere Frau hinabsah. Sie verzog die Lippen, überlegen und herablassend. »Oder glaubt Ihr, nur der Wunsch, Tylin nicht zu beleidigen, hielte uns davon ab, Euch alle bei Brot und Wasser zu halten, bis Ihr zur Burg zurückgeschickt werden könnt?«
Mat hätte erwartet, daß Merilille ihr ins Gesicht lachen würde, aber sie drehte nur leicht den Kopf, als wollte sie tatsächlich Jolines Blick ausweichen.
»Das würdet Ihr nicht wagen.« Sareitha trug die Aes-Sedai-Gelassenheit wie eine Maske auf dem glatten Gesicht, während ihre Hände die Stola richteten, aber ihre gehauchte Stimme verkündete schreiend, daß es tatsächlich eine Maske war.
»Das sind Kinderspiele, Joline«, bemerkte Vandene gelassen. Genau das war sie. Sie war die einzige der drei, die wirklich gelassen schien.
Hellrote Flecke erschienen auf Merililles Wangen, als hätte die weißhaarige Frau zu ihr gesprochen, aber ihr Blick wurde fest. »Ihr könnt kaum von uns erwarten, daß wir demütig einhergehen«, belehrte sie Joline entschieden, »und wir sind fünf. Und sieben, wenn Ihr Nynaeve und Elayne dazurechnet.« Letzteres war eindeutig eine nachträgliche Überlegung, wenn auch eher widerwillig.
Joline wölbte eine Augenbraue. Teslyns knochige Finger lösten ihren Griff nicht weiter als Vandenes, und sie beobachtete Joline und Merilille mit unlesbarem Gesichtsausdruck. Aes Sedai waren Fremdland, bei dem man niemals wußte, was man erwarten sollte, bis es zu spät war. Es gab hier tieferliegende Strömungen. Aes Sedai umgebende tiefliegende Strömungen konnten einen Mann ergreifen und zu Tode bringen, ohne daß sie es auch nur bemerkten. Vielleicht war es an der Zeit die Finger gewaltsam zu lösen.
Larens plötzliches Wiederauftauchen ersparte ihm jedoch die Mühe. Die dralle Frau rang nach Atem, als wäre sie gerannt, und versank in einen deutlich tieferen Hofknicks als zuvor. »Verzeiht, wenn ich Euch störe, Aes Sedai, aber die Königin ruft Lord Cauthon zu sich. Verzeiht, bitte. Es wäre ungehörig, wenn ich ihn nicht sofort zu ihr brächte.«
Die Aes Sedai sahen Laren an, sie alle, bis sie nervös zu werden begann. Dann sahen zwei Gruppen einander an, als wollten sie prüfen, welche Aes Sedai welche übertrumpfen konnten. Und dann sahen sie ihn an. Er frage sich, ob irgend jemand zurückstecken würde.
»Ich kann die Königin nicht warten lassen«, stellte er vergnügt fest. Ihrem Naserümpfen nach zu urteilen hätte man glauben können, er hätte eine von ihnen ins Gesäß gezwickt. Sogar Laren wölbte mißbilligend die Augenbrauen.
»Laßt ihn los, Adeleas«, sagte Merilille schließlich.
Er runzelte die Stirn, als die weißhaarige Erau der Aufforderung nachkam. Die beiden sollten kleine Schilder mit ihren Namen oder unterschiedliche Haarbänder oder sonst etwas tragen, wodurch man sie unterscheiden könnte. Sie sah ihn erneut belustigt und wissend an. Erhaßte das. Es war die List einer Frau, nicht nur einer Aes Sedai und sie wußten üblicherweise überhaupt nichts über das, was sie einen glauben lassen wollten. »Teslyn?« fragte er. Die grimmig dreinblickende Rote hielt seine Jacke noch immer mit beiden Händen fest. Sie spähte zu ihm hoch und achtete auf niemand anderen. »Die Königin?«
Merilille öffnete den Mund, zögerte dann aber und sagte etwas anderes als ursprünglich beabsichtigt. »Wie lange wollt Ihr hier noch stehen und ihn festhalten, Teslyn? Vielleicht wollt Ihr Tylin erklären, warum ihr Ruf unbeachtet bleibt.«
»Überlegt Euch gut, an wen Ihr Euch bindet, Meister Cauthon«, sagte Teslyn, die ihn noch immer ansah. »Die falsche Wahl kann in eine unerfreuliche Zukunft führen, selbst für einen Ta'veren. Überlegt es Euch gut.« Dann ließ sie ihn los.
Als er Laren folgte, verbarg er sein Verlangen, eilig davonzukommen, aber er wünschte, die Frau würde ein wenig schneller gehen. Sie glitt wie eine Königin vor ihm dahin. Königlich wie jede Aes Sedai. Als sie die erste Biegung erreichten, schaute er über die Schulter. Die fünf Aes Sedai standen noch immer da und sahen ihm nach. Als sei sein Blick ein Zeichen gewesen, wechselten sie schweigend Blicke und gingen dann, jede in eine andere Richtung, davon. Adeleas kam auf ihn zu, aber ein Dutzend Schritte vor ihm lächelte sie ihn nur erneut an und verschwand dann durch eine Tür. Tiefliegende Strömungen. Er zog es vor zu schwimmen, auch wenn seine Füße den Boden des Teiches berühren konnten.
Laren wartete um die Ecke, die Hände in die breiten Hüften gestemmt und das Gesicht viel zu glatt. Er vermutete, daß sie unter ihren Röcken ungeduldig mit dem Fuß wippte. Er gönnte ihr sein gewinnendstes Lächeln. Kichernde Mädchen oder grauhaarige Großmütter - bei diesem Lächeln wurden Frauen schwach. Es hatte ihm Küsse eingebracht und ihn schon häufiger aus mißlichen Lagen gerettet, als er zählen konnte. Es war fast so gut wie Blumen. »Das war gut gemacht, ich danke Euch. Gewiß will die Königin mich nicht wirklich sehen.« Wenn dem so wäre, wollte er es aber nicht. Alles, was er über Adlige dachte, galt für das Königtum in dreifachem Maße. Nichts, was er in den alten Erinnerungen gefunden hatte, konnte daran etwas ändern, und einige jener Burschen hatten erhebliche Zeit in der Nahe von Königen und Königinnen und dergleichen verbracht. »Wenn Ihr mir jetzt einfach zeigen würdet, wo ich Nynaeve und Elayne finden kann...«