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»Seid Ihr Euch dessen gewiß? Natürlich seid Ihr es. Niemand würde diese Anschuldigung aussprechen, ohne sicher zu sein.« Sie furchte die Stirn, schüttelte dann aber den Kopf, und das Stirnrunzeln schwand wieder. »Sprechen wir von erfreulicheren Dingen.«

Er hätte am liebsten aufgeschrien. Er berichtete ihr, daß der Weißmantel-Gesandte ihres Hofes ein Schattenfreund war, und sie verzog nur das Gesicht.

»Seid Ihr Lord Cauthon?« Sie sprach den Titel ein wenig fragend aus. Ihre Augen erinnerten ihn mehr denn je an die eines Adlers. Eine Königin konnte niemanden mögen, der als Lord zu ihr kam. »Nur Mat Cauthon.« Etwas sagte ihm, daß sie eine Lüge hören wollte. Außerdem war es nur eine List, die Leute wissen zu lassen, daß er ein Lord war, eine List, ohne die er auch ganz gut zurechtgekommen wäre. In Ebou Dar konnte jedermann jederzeit zu einem Duell herausgefordert werden, aber nur wenige forderten Lords heraus - außer anderen Lords. Infolgedessen hatte er im letzten Monat auf mehrere Schädel eingeschlagen, vier Männer verletzt und war eine halbe Meile gelaufen, um einer Frau zu entkommen. Tylins Blick machte ihn nervös. Die Würfel rollten noch immer in seinem Kopf umher. Er wollte hier herausgelangen. »Wenn Ihr mir sagen würdet, wo ich den Brief lassen soll, Majestät...?«

»Die Tochter-Erbin und Nynaeve Sedai erwähnen Euch selten«, sagte sie, »aber man lernt zu hören, was nicht gesagt wird.« Sie hob beiläufig die Hand und berührte seine Wange. Er hob seine Hand ebenfalls unsicher. Hatte er sich dort mit Tinte beschmiert, als er an der Feder gekaut hatte? Frauen brachten alle möglichen Dinge gern in Ordnung, einschließlich Männern. Vielleicht galt das auch für Königinnen. »Was sie nicht sagen, was ich aber höre, ist, daß Ihr ein ungezähmter Schurke seid, ein Spieler und Frauenheld.« Ihr Blick hielt seinen fest, ihr Gesichtsausdruck änderte sich keinen Deut, und ihre Stimme blieb fest und kühl, aber ihre Finger strichen jetzt auch über seine andere Wange, während sie sprach. »Ungezähmte Männer sind häufig die interessantesten. Um mit ihnen zu reden.« Ein Finger zog die Konturen seiner Lippen nach. »Ein ungezähmter Schurke, der mit Aes Sedai reist, ein Ta'veren, der ihnen, glaube ich, ein wenig Angst einjagt. Oder sie sich zumindest unbehaglich fühlen läßt. Es erfordert einen Mann mit ausgeprägtem Temperament, Aes Sedai Unbehagen zu bereiten. Wie werdet Ihr das Muster in Ebou Dar beugen, wenn Ihr nur Mat Cauthon seid?« Ihre Hand lag an seinem Hals. Er konnte den Puls an ihren Fingern pochen Sein Kinn sank herab. Der Schreibtisch in seinem Rücken berührte klappernd die Wand, als er zurückzuweichen versuchte. Der einzige Ausweg war, sie beiseite zu schieben oder über ihre Röcke zu steigen. Frauen, benahmen sich nicht so! Oh, einige der alten Erinnerungen vermittelten ihm einen anderen Eindruck, aber es waren hauptsächlich Erinnerungen an Erinnerungen, daß diese Frau dies oder jene Frau jenes getan hatte. Er erinnerte sich hauptsächlich an Kämpfe, und hier gab es keinerlei Hilfe. Sie lächelte, ein leichtes Kräuseln ihrer Lippen, das das raubtierhafte Schimmern in ihren Augen nicht schmälerte. Sein Kopfhaar wollte sich aufrichten.

Ihr Blick glitt flackernd über seine Schulter zum Spiegel, und sie wandte sich abrupt um, so daß er nur noch ihren Rücken anstarren konnte, als sie von ihm fort trat. »Ich muß es einrichten, erneut mit Euch zu sprechen, Meister Cauthon. Ich...« Sie brach offensichtlich überrascht ab, als die Tür aufschwang, aber dann erkannte er, daß sie im Spiegel gesehen hatte, wie sie sich bewegt hatte.

Ein schlanker junger Mann trat ein, der leicht hinkte, ein dunkler Bursche mit scharfem Blick, der ohne innezuhalten an Mat vorbeieilte. Schwarzes Haar hing ihm bis auf die Schultern, und er trug eine dieser Jacken, die niemals dazu gedacht waren, sie einfach um die Schultern gelegt zu tragen, aus grüner Seide, mit einer Goldkette über der Brust und in die Aufschläge eingearbeiteten goldenen Leoparden. »Mutter«, sagte er, verbeugte sich vor Tylin und berührte mit den Fingern seine Lippen.

»Beslan.« Sie sprach den Namen herzlich aus und küßte ihn auf beide Wangen und Lider. Der feste, sogar eisige Ton, den sie Mat gegenüber angeschlagen hatte, hätte genausogut niemals gewesen sein können. »Ich sehe, daß es gutgegangen ist.«

»Nicht so gut, wie es hätte sein können.« Der Junge seufzte. Er hatte trotz seiner Augen eine weiche Art und eine sanfte Stimme. »Nevin hat beim zweiten Durchgang meinen Arm geritzt und glitt dann im dritten aus, so daß ich ihn ins Herz anstatt seines Schwertarms getroffen habe. Der Angriff war das Töten nicht wert, und jetzt muß ich seiner Witwe kondolieren.« Er schien das genauso sehr zu bedauern wie den Tod dieses Nevin.

Tylins strahlendes Gesicht schien einer Frau, deren Sohn ihr gerade berichtet hatte, daß er einen Menschen getötet hatte, nicht angemessen. »Halte den Besuch kurz. Ich könnte schwören, daß Davindra eine jener Witwen sein wird, die Trost fordern, und dann wirst du sie entweder heiraten oder ihre Brüder töten müssen.« Ihrem Tonfall nach zu urteilen, war die erste Möglichkeit bei weitem die schlimmere und die zweite nur ein Ärgernis. »Dies ist Meister Mat Cauthon, mein Sohn. Er ist ein Ta'veren. Ich hoffe, du wirst dich mit ihm anfreunden. Vielleicht werdet ihr beide zusammen zu den Festlichkeiten gehen.«

Mat zuckte zusammen. Das letzte, was er wollte, war, mit einem Burschen irgendwohin zu gehen, der Duelle ausfocht und dessen Mutter ihm die Wange streicheln wollte. »Ich mag Bälle nicht sehr«, sagte er eilig. Ebou Dari liebten Feste. Hier war Hoch Chasaline gerade vorüber, und sie feierten in der nächsten Woche noch fünf Feste, zwei davon ganztägige, nicht nur Abendfestlichkeiten. »Ich tanze lieber in Tavernen. Ich fürchte, ich bevorzuge die rauhere Art. Es würde Euch nicht gefallen.«

»Ich ziehe ebenfalls Tavernen der rauheren Art vor«, verkündete Beslan mit dieser sanften Stimme lächelnd. »Die Bälle sind für Ältere und ihre Schönen gedacht.«

Danach ging alles rasend schnell. Bevor Mat wußte, wie ihm geschah, hatte Tylin ihn in der Falle. Er und Beslan würden zusammen an Festlichkeiten teilnehmen. An allen Festlichkeiten. Beslan nannte es Jagen, und als Mat ohne nachzudenken sagte, daß er wohl die Jagd auf Mädchen meine - er hätte dies niemals in Gegenwart der Mutter eines jungen Mannes gesagt, wenn er darüber nachgedacht hätte -, lachte der Junge und sagte: »Ein Mädchen oder ein Kampf, schmollende Lippen oder eine blitzende Klinge. Jeweils der Tanz macht am meisten Spaß, den man gerade tanzt. Meint Ihr nicht auch, Mat?« Tylin lächelte Beslan zärtlich an.

Mat rang sich ein schwaches Lachen ab. Dieser Beslan war wahnsinnig, er - und auch seine Mutter.

17

Der Triumph der Logik

Mat war aus dem Palast geeilt, als Tylin ihn schließlich hatte gehen lassen, und wenn er geglaubt hätte, daß es etwas genützt hätte, wäre er gerannt. Die Haut zwischen seinen Schulterblättern kribbelte dermaßen, daß er fast die in seinem Kopf tanzenden Würfel vergaß. Der schlimmste Augenblick - der allerschlimmste unter einem Dutzend schlimmer Augenblicke - war gewesen, als Beslan seine Mutter neckte und meinte, sie sollte sich selbst einen Hübschen für den Ball suchen, und Tylin lachend erwiderte, eine Königin hätte keine Zeit für junge Männer, während sie Mat die ganze Zeit mit diesen verdammten Adleraugen ansah. Jetzt wußte er, warum Hasen so schnell laufen konnten. Er überquerte den Mol-Hara-Platz, ohne etwas wahrzunehmen. Hätten Nynaeve und Elayne in dem Springbrunnen unter dieser Statue irgendeiner lange verstorbenen Königin, die mindestens zwei Spann groß war und zum Meer deutete, mit Jaichim Carridin und Elaida Kapriolen geschlagen, wäre er vorbeigegangen, ohne ihnen einen zweiten Blick zu gönnen.

Der Schankraum der Wanderin war düster, aber nach der sengenden Hitze draußen vergleichsweise kühl. Er nahm dankbar seinen Hut ab. Ein schwacher Dunst von Pfeifenrauch hing in der Luft, aber die arabeskenartig geschnitzten Läden über den breiten Bogenfenstern ließen ausreichend Licht herein. Einige staubige Kiefernzweige waren für die Festlichkeiten über die Fenster gebunden worden. In einer Ecke spielten zwei Frauen mit Flöten und ein Bursche mit einer kleinen Trommel zwischen den Knien eine schrille, pulsierende Musik, die Mat schätzen gelernt hatte. Selbst zu dieser Tageszeit waren schon einige Gaste da, fremdländische Kaufleute in angemessen einfacher Kleidung und hier und da ein Ebou Dari, die meisten in Westen verschiedener Gilden. Keine Lehrlinge oder Gesellen waren hier. So nahe am Palast war die Wanderin kein preiswerter Ort zum Essen und Trinken, und noch viel weniger zum Übernachten.