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Caira war ein schlankes Mädchen mit vollen Lippen und verhangenen Augen. »Ein Mann kam herein und hat nach Euch gefragt, mein Lord«, sagte sie, indem sie ihre Rocke schwang und durch lange Wimpern zu ihm aufsah. Ihre Stimme klang leicht schleppend. »Er sagte, er sei ein Feuerwerker, aber er wirkte auf mich schäbig. Er bestellte Essen und ging wieder, als Herrin Anan es ihm nicht gewähren wollte. Er wollte, daß Ihr bezahlt.«

»Das nächste Mal gebt ihm das Essen«, befahl Mat ihr und ließ eine Silbermünze in ihren Ausschnitt fallen. »Ich werde mit Herrin Anan sprechen.« Er suchte einen Feuerwerker - einen richtigen, nicht irgendeinen Burschen, der Feuerwerk voller Sägespäne verkaufte -, aber das war jetzt unwichtig. Nicht, solange das Gold unbewacht dalag. Und solange es im Rahad Nebel gab, und solange es Schattenfreunde gab und Aes Sedai, und solange die verdammte Tylin den Verstand verlor, und...

Caira kicherte und wand sich wie eine Katze, die man streichelt. »Soll ich Euch etwas gewürzten Wein auf euer Zimmer bringen, mein Lord? Oder etwas anderes?« Sie lächelte hoffnungsvoll und einladend.

»Vielleicht später.« Mat tippte ihr mit der Fingerspitze auf die Nase. Sie kicherte erneut. Das tat sie stets. Caira hätte ihre Röcke so nähen lassen, daß man die Spitzenunterröcke bis zur Mitte des Oberschenkels hätte sehen können, wenn Herrin Anan es zugelassen hätte, aber die Wirtin achtete auf ihre Schankmädchen genauso wie auf ihre Töchter. Fast. »Vielleicht später.«

Mat stieg die breite Steintreppe hinauf und verbannte Caira aus seinen Gedanken. Was sollte er wegen Olver unternehmen? Der Junge würde eines Tages in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, wenn er glaubte, Frauen so behandeln zu können. Er würde ihn vermutlich soweit wie möglich von Harnan und den anderen fernhalten müssen. Sie hatten einen schlechten Einfluß auf den Jungen. Das noch zu allem anderen! Er mußte Nynaeve und Elayne aus Ebou Dar hinausbringen, bevor noch etwas Schlimmeres passierte.

Sein Zimmer lag auf der Vorderseite des Gasthauses. Die Fenster gingen auf den Platz hinaus. Als Mat nach dem Türgriff faßte, knarrte der Flurboden hinter ihm. In hundert anderen Gaststätten hätte er es nicht einmal bemerkt, aber die Böden in der Wanderin knarrten nicht.

Er schaute zurück - und fuhr gerade noch rechtzeitig genug herum, um seinen Hut fallen zu lassen und den herabsausenden Knüppel mit der linken Hand statt mit dem Schädel aufzufangen. Der Schlag ließ seine Hand taub werden, aber er hielt den Knüppel dennoch verzweifelt fest, während sich dicke Finger um seinen Hals legten und ihn gegen die Tür seines Zimmers schlugen. Er prallte mit dem Kopf fest dagegen. Silbern gesäumte schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen und verdunkelten ein schwitzendes Gesicht. Er konnte nur eine große Nase und gelbe Zähne erkennen, und selbst das nur unklar. Plötzlich erkannte er, daß er am Rande einer Ohnmacht stand. Die dicken Finger unterbrachen die Blutzufuhr zum Gehirn genauso wie die Luftzufuhr. Mat griff mit der freien Hand unter seine Jacke und betastete die Hefte seiner Dolche, als erinnerten sich seine Finger nicht mehr, wofür sie gedacht waren. Der Knüppel entglitt seiner Hand. Mat konnte sehen, wie er angehoben und wieder gesenkt wurde, um seinen Schädel zu zerschmettern. Er schloß alles andere aus, riß einen Dolch aus seiner Scheide und stach zu.

Sein Angreifer stieß einen hohen Schrei aus, und Mat bemerkte vage, wie der Knüppel von seiner Schulter abprallte und zu Boden fiel, aber der Mann ließ seine Kehle nicht los. Mat trieb ihn stolpernd rückwärts und riß miteiner Hand an den zudrückenden Fingern, während er mit dem Dolch abermals zustieß.

Plötzlich sank der Bursche zusammen und glitt von der Klinge ab. Der Dolch folgte ihm fast auf den Boden. Und Mat ebenfalls. Er rang nach Atem, nach lieblicher Luft, und klammerte sich an etwas, einen Eingang, um stehen zu bleiben. Vom Boden aus starrte ihn ein Mann mit einem unscheinbaren Gesicht aus Augen an, die niemals wieder etwas sehen würden, ein kräftiger Bursche mit einem gezwirbelten murandianischen Schnurrbart in einer Jacke, die eher zu einem kleinen Händler oder einem Ladenbesitzer gepaßt hätte. Er wirkte überhaupt nicht wie ein Dieb.

Plötzlich erkannte Mat, daß sie während ihres Kampfes durch eine geöffnete Tür gestolpert waren. Dieser Raum war kleiner als Mats, ohne Fenster, und zwei Öllampen auf kleinen Tischen neben dem schmalen Bett sorgten für eine trübe Beleuchtung. Ein schlaksiger, hellhaariger Mann richtete sich von einer großen geöffneten Kiste auf und betrachtete den Leichnam auf sonderbare Weise. Die Kiste nahm den größten Teil des freien Raums in diesem Zimmer ein.

Mat öffnete den Mund, um sich für das rauhe Eindringen zu entschuldigen, als der schlaksige Mann einen langen Dolch aus seinem Gürtel und einen Knüppel vom Bett riß und über die Kiste hinweg auf Mat zusprang. Es war nicht der Blick gewesen, den man einem fremden Toten gewährt. Mat klammerte sich schwankend an den Türrahmen und warf unbemerkt seinen Dolch, wobei das Heft kaum seine Hand verlassen hatte, als er unter seiner Jacke schon nach einem weiteren Dolch griff. Sein erster Dolch blieb genau in der Kehle des anderen Mannes stecken, und Mat sank fast erneut zu Boden, dieses Mal vor Erleichterung, als der Mann sich an die Kehle griff, Blut zwischen seinen Fingern hervorschoß und er rückwärts in die geöffnete Kiste fiel.

»Es ist gut, wenn man Glück hat«, krächzte Mat.

Er nahm seinen Dolch taumelnd wieder an sich und wischte ihn an der grauen Jacke des Burschen ab. Es war eine bessere Jacke als die des anderen; ebenfalls aus Tuch, aber besser geschnitten. Ein niedriger gestellter Lord hätte sich ihrer nicht geschämt. Dem Kragen nach zu urteilen, war es eine andoranische Jacke. Mat sank auf das Bett und betrachtete den gespreizt in der Kiste liegenden Mann stirnrunzelnd, als ihn ein Geräusch aufschauen ließ.

Sein Diener stand im Eingang und versuchte erfolglos, eine große schwarze Eisenbratpfanne hinter dem Rücken zu verbergen. Nerim bewahrte in dem kleinen Raum neben Mats Zimmer, den er sich mit Olver teilte, eine ganze Reihe Töpfe und alles andere auf, wovon er glaubte, daß der Diener eines Lords es unterwegs gebrauchen könnte. Er war selbst für einen Cairhiener klein und äußerst mager. »Ich fürchte, mein Lord hat erneut Blut an der Jacke«, murmelte er in schwermütigem Tonfall. An dem Tag, an dem er anders klingen würde, ginge die Sonne im Westen auf. »Ich wünschte, mein Lord wäre vorsichtiger mit seiner Kleidung. Es ist so schwer, Blut zu entfernen, ohne daß ein Fleck zurückbleibt, und die Insekten müssen nicht noch ermutigt werden, Löcher hineinzufressen. An diesem Ort gibt es mehr Insekten, als ich je gesehen habe, mein Lord.« Er erwähnte die beiden toten Männer oder das, was er mit der Bratpfanne vorgehabt hatte, mit keinem Wort.

Der Lärm hatte auch anderweitig Aufmerksamkeit erregt. Die Wanderin war kein Gasthaus, in dem Schreie unbemerkt blieben. Schritte hallten im Gang wider, und Herrin Anan schob Nerim energisch aus dem Weg und raffte ihre Röcke, um den Leichnam auf dem Boden zu umgehen. Ihr Ehemann folgte ihr in den Raum, ein grauhaariger Mann mit kantigem Gesicht, von dessen linkem Ohrläppchen der doppelte Ohrring der Alten und Ehrenwerten Gilde der Netze herabhing. Die beiden weißen Steine am unteren Ring besagten, daß er noch andere Schiffe außer demjenigen besaß, das er befehligte. Jasfer Anan war teilweise der Grund, warum sich Mat bemühte, eine von Herrin Anans Töchtern nicht zu offen anzulächeln. Der Mann trug einen Dolch und noch eine längere, gebogene Klinge in seinem Gürtel, und seine lange blaugrüne Weste ließ Arme und Brust frei, die von Duellnarben übersät waren. Er lebte jedoch, und die meisten der Männer, die ihm diese Narben zugefügt hatten, lebten nicht mehr.

Ein zweiter Grund für Mats Vorsicht war Setalle Anan selbst. Mat hatte sich noch nie zuvor wegen der Mutter von einem Mädchen abbringen lassen, selbst wenn dieser Mutter das Gasthaus gehörte, in dem er wohnte, aber Herrin Anan hatte so eine Art... Die großen goldenen Kreolen in ihren Ohren schwangen, als sie die toten Männer betrachtete, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie war trotz einer Spur Grau im Haar hübsch, und ihr Hochzeitsdolch schmiegte sich in Rundungen, die Mats Blick normalerweise angezogen hätten wie Motten das Licht, aber sie so anzusehen, wäre gewesen, wie etwas anderes anzusehen ... nicht seine Mutter ... vielleicht eine Aes Sedai, obwohl er das natürlich schon getan hatte, nur um zu schauen ... oder Königin Tylin, das Licht helfe ihm. Es war nicht leicht zu bestimmen warum. Sie hatten einfach eine gewisse Art an sich. Und genauso unvorstellbar war es, etwas zu tun, das Setalle Anan beleidigen würde.