Joline fegte ohne ein Wort an ihr vorbei und auf den Balkon hinaus, ein langer Käfig aus weiß bemaltem Schmiedeeisen. Die Schnörkel verzierungen waren so dicht gearbeitet, daß es den drei Stockwerke tiefer im Garten arbeitenden Männern schwergefallen wäre zu sehen, daß jemand auf dem Balkon war. Normalerweise gediehen Blumen dieser Gegend in der Hitze, wilde Farbtupfer, die das Innere des Palastes überstrahlten, aber dort unten blühte nichts. Gärtner liefen mit Wassereimern die Kieswege entlang, aber fast jedes Blatt war gelb oder braun. Joline hätte es nicht einmal unter Folterqualen zugegeben, aber die Hitze machte ihr angst. Der Dunkle König berührte die Welt, und ihre einzige Hoffnung war ein junger Mann, der über die Stränge schlug.
»Brot und Wasser?« fragte Teslyn plötzlich. »Den Cauthon-Jungen in die Burg schicken? Wenn sich an unserem Plan etwas ändert, werdet Ihr es bitte zunächst mir sagen, bevor Ihr andere informiert.«
Joline spürte, wie sie errötete. »Merilille mußte ins Vertrauen gezogen werden. Sie hat gelehrt, als ich Novizin war.« Ebenso Teslyn. Sie war eine strenge Lehrerin gewesen, die ihre Klassen in eisernem Griff hatte. Schon ihre Art zu sprechen war eine Mahnung, eine deutliche Warnung, nichts gegen sie zu unternehmen, ob gleichgestellt oder nicht. Merilille stand jedoch niedriger. »Sie ließ uns gewöhnlich vor der Klasse stehen und bohrte wieder und wieder nach der von ihr geforderten Antwort, bis wir dort vor allen anderen vor Anspannung weinten. Sie heuchelte Mitleid, oder vielleicht empfand sie es auch wirklich, aber je mehr sie uns tätschelte und sagte, wir sollten aufhören zu weinen, desto schlimmer wurde es.« Sie brach plötzlich ab. Sie hatte das gar nicht sagen wollen. Es war Teslyns Schuld, die sie immer ansah, als sollte sie wegen eines Flecks auf ihrem Kleid gescholten werden. Aber sie sollte es verstehen. Merilille hatte auch sie unterrichtet.
»Das habt Ihr die ganze Zeit in Erinnerung behalten?« Teslyns Stimme klang völlig ungläubig. »Die Schwestern, die uns unterrichtet haben, taten nur ihre Pflicht.
Manchmal denke ich, daß Elaida mit ihrer Meinung über Euch recht hat.« Das ärgerliche Kratzen begann von neuem.
»Es ... fiel mir einfach wieder ein, als Merilille sich so verhielt, als wäre sie tatsächlich eine Gesandte.« Anstatt eine Aufrührerin. Joline schaute stirnrunzelnd in den Garten hinab. Sie verachtete jede einzelne jener Frauen, die die Weiße Burg gespalten und vor der ganzen Welt damit geprahlt hatten. Sie und alle, die ihnen geholfen hatten. Aber Elaida hatte auch schreckliche Fehler gemacht. Die Schwestern, die jetzt Aufrührerinnen waren, hätten mit ein wenig gutem Willen wieder versöhnt werden können. «Was hat sie über mich gesagt? Teslyn?« Die Feder kratzte weiterhin über das Papier wie über eine Schiefertafel kratzende Fingernägel. Joline ging wieder hinein. »Was hat Elaida gesagt?«
Teslyn legte ein weiteres Blatt Papier auf ihren Brief, entweder um ihn abzulöschen oder um ihn vor Jolines Blick zu verbergen, aber sie antwortete nicht sofort. Sie blickte Joline stirnrunzelnd an - oder blickte sie vielleicht nur an; das war bei ihr manchmal schwer zu sagen - und seufzte schließlich. »Nun gut, wenn Ihr es unbedingt wissen müßt. Sie sagte, Ihr wärt noch ein Kind.«
»Ein Kind?« Jolines Erschütterung beeindruckte Teslyn nicht.
»Manche ändern sich von dem Tage an, an dem sie das Novizinnenweiß anlegen, kaum. Einige ändern sich überhaupt nicht. Elaida glaubt, Ihr wärt noch nicht erwachsen und würdet es auch niemals werden.«
Joline hob verärgert den Kopf und versagte sich eine Antwort. Und das von jemandem, deren Mutter noch ein Kind gewesen war, als sie die Stola erlangte! Elaida war als Novizin zu sehr verhätschelt und wegen ihrer Stärke und der bemerkenswerten Schnelligkeit, mit der sie lernte, überbewertet worden. Joline vermutete, daß dies der Grund dafür war, daß sie über Elayne und Egwene und die Wilde Nynaeve so erzürnt war. Weil sie stärker waren als sie, weil sie erheblich weniger Zeit als Novizinnen verbracht hatten, ungeachtet dessen, daß sie zu schnell vorangedrängt wurden. Nun, Nynaeve war niemals eine Novizin gewesen, und das hatte man noch niemals gehört.
»Da Ihr das Thema zur Sprache gebracht habt«, fuhr Teslyn fort, »sollten wir vielleicht versuchen, die Situation zu nutzen.«
»Was meint Ihr?« Joline umarmte die Wahre Quelle und lenkte die Macht Luft, um einen Silberkrug von einem mit Türkisen eingelegten Tablett zu heben und gewürzten Wein in einen Silberbecher zu gießen. Die Freude daran, Saidar zu umarmen, ergriff sie genauso stark wie immer und tröstete und erheiterte sie.
»Ich denke, das ist offensichtlich. Elaidas Befehle haben nach wie vor Gültigkeit. Elayne und Nynaeve sollen zur Weißen Burg zurückgebracht werden, sobald man sie gefunden hat. Ich habe zugestimmt abzuwarten, aber vielleicht sollten wir jetzt doch nicht mehr länger warten. Schade, daß das al'Vere-Mädchen nicht bei ihnen ist. Aber zwei werden uns Elaidas Gunst auch wiederbringen, und wenn wir auch den Cauthon-Jungen mitnehmen könnten... Ich glaube, diese drei werden bewirken, daß sie uns willkommen heißt, als kämen wir mit al'Thor selbst. Und diese Aviendha wird eine gute Novizin abgeben, ob sie nun eine Wilde ist oder nicht.«
Der Becher mit dem gewürzten Wein schwebte in Jolines Hand, und sie ließ die Macht widerwillig fahren. Sie hatte die Inbrunst, die sie empfunden hatte, als sie zum ersten Mal die Quelle berührt hatte, nie verloren. Gewürzter Honigmelonenwein war ein schwacher Ersatz für Saidar. Der schlimmste Teil ihrer Buße, bevor sie die Burg verlassen hatte, war der Verlust des Rechts gewesen, Saidar zu berühren. Fast der schlimmste Teil. Sie hatte alles selbst festgelegt, aber Elaida hatte ihr verdeutlicht, daß sie die Härte ihrer Buße bestimmen würde, wenn Joline es nicht selbst tat. Sie bezweifelte nicht, daß das Ergebnis dann weitaus schlimmer gewesen wäre. »Ihre Gunst? Teslyn, sie hat uns aus keinem anderen Grund gedemütigt, als um den anderen zu zeigen, daß sie dazu in der Lage war. Sie hat uns in dieses fliegengeplagte Loch geschickt, so weit von allem Wichtigen entfernt wie möglich, fast der anderen Seite des Aryth-Meers entsprechend, Gesandte einer Königin, die weniger Macht besitzt als ein Dutzend Adlige, von denen ihr jeder morgen den Thron entreißen könnte, wenn man sie dazu bringen würde. Und Ihr wollt Euch Elaidas Gunst wieder erschleichen?«
»Sie ist immerhin der Amyrlin-Sitz.« Teslyn berührte den Brief mit dem darüberliegenden Blatt und bewegte die Blätter ein wenig hierhin und ein wenig dorthin, als rücke sie ihre Gedanken zurecht. »Daß wir uns einige Zeit ruhig verhalten haben, hat ihr gezeigt, daß wir keine Schoßhunde sind, aber zu lange ruhig zu bleiben, könnte als Verrat angesehen werden.«
Joline rümpfte die Nase. »Lächerlich! Wenn sie zurückgebracht werden, wird man sie nur für ihren Ungehorsam bestrafen und jetzt auch noch für die Behauptung, Vollschwestern zu sein.« Sie preßte die Lippen zusammen. Darin waren sie beide schuldig, und jene, die es zugelassen hatten, ebenso, aber es bedeutete einen gewaltigen Unterschied, wenn eine von ihnen ihre eigene Ajah beanspruchte. Wenn die Grüne Ajah deshalb mit Elayne fertig wäre, würde eine wahrhaftig sehr geläuterte junge Frau den Thron Andors einnehmen. Obwohl es vielleicht das beste wäre, wenn Elayne sich zuerst den Löwenthron sicherte. Ihre Ausbildung mußte auf jeden Fall beendet werden. Joline hatte nicht die Absicht, Elayne für die Burg verloren zu geben, was auch immer sie getan hatte.
»Vergeßt nicht, daß sie sich den Aufrührern angeschlossen haben.«
»Licht, Teslyn, sie wurden wahrscheinlich genauso aufgelesen wie die Mädchen, welche die Aufrührer aus der Burg genommen haben. Ist es wirklich von Bedeutung, ob sie morgen oder erst nächstes Jahr damit beginnen, die Ställe auszumisten?« Das war sicherlich das Mindeste, was den Novizinnen und Aufgenommenen bei den Aufrührern bevorstand. »Selbst die Ajahs können warten, bis sie über sie verfügen können. Es ist nicht so, als ob sie nicht sicher wären. Sie sind immerhin Aufgenommene, und sie scheinen gewiß zufrieden damit zu sein zu bleiben, wo wir sie erreichen können, wann immer wir wollen. Ich sage, wir sollten dort bleiben, wo Elaida uns hingeschickt hat, und weiterhin die Hände in den Schoß legen und den Mund halten, bis sie uns höflich bittet herauszufinden, was wir eigentlich tun.« Sie fügte nicht hinzu, daß sie bereit war abzuwarten, bis Elaida genauso abgesetzt würde, wie Siuan abgesetzt worden war. Der Saal würde diese Einschüchterungen und die Pfuscherei gewiß nicht ewig dulden, aber Teslyn war immerhin eine Rote und würde das nicht gern hören.