»Es ist vermutlich nicht dringend«, sagte Teslyn zögernd, wobei das unausgesprochene ›aber‹ laut im Raum widerhallte.
Joline zog sich mit einem weiteren Strang Luft einen Sessel mit Kugelfüßen an den Tisch und richtete sich darauf ein, Teslyn davon zu überzeugen, daß Stillhalten die beste Strategie blieb. Sie war noch immer ein Kind? Wenn es nach ihr ginge, würde Elaida kein Wort mehr aus Ebou Dar hören, bis sie darum bat.
Die Frau am Tisch richtete sich soweit auf, wie es ihre Fesseln erlaubten, die Augen hervortretend, die Kehle von einem durchdringenden Schrei zugeschnürt, der ewig weiterhallte. Plötzlich wurde der Schrei zu einem lauten, erstickten Keuchen, und sie verkrampfte sich, zitterte von Kopf bis Fuß und brach dann zusammen. Weit aufgerissene Augen starrten an die mit Spinnweben verhangene Decke.
Es war unvernünftig zu fluchen, aber Falion konnte genauso gut fluchen wie jeder Stallknecht. Sie wünschte sich nicht zum ersten Mal, sie hätte Temaile anstatt Ispan hier. Temailes Fragen wurden eifrig beantwortet, und niemand starb, bevor sie nicht bereit war. Natürlich genoß Temaile ihre Arbeit entschieden zu sehr, aber das war weniger wichtig.
Falion lenkte die Macht erneut, sammelte die Kleidung der Frau vom schmutzigen Boden auf und warf sie auf den Körper. Der rote Ledergürtel fiel wieder herunter, und sie riß ihn mit der Hand hoch und warf ihn erneut auf den Stapel. Vielleicht hätte sie andere Methoden einsetzen sollen, aber Fesseln und Kneifzangen und heiße Eisen waren so ... unsauber. »Legt den Leichnam irgendwo in eine Gasse. Schlitzt ihr die Kehle auf, damit es aussieht, als wäre sie beraubt worden. Die Münzen in ihrer Geldbörse könnt Ihr behalten.«
Die beiden an der Steinmauer auf ihren Fersen hockenden Männer wechselten Blicke. Arnin und Nad hatten ihrer Erscheinung nach zwar Brüder sein können, mit dem schwarzen Haar, den kleinen Augen, den Narben und mehr Muskeln, als drei Männer gebrauchen konnten, aber sie hatten nur genug Verstand, um einfache Befehle auszuführen. Normalerweise. »Verzeiht, Herrin«, sagte Arnin zögernd, »aber niemand wird glauben...«
»Tut, was ich Euch gesagt habe!« fauchte sie und lenkte die Macht, um ihn hochzuheben und gegen die Mauer zu schleudern. Arnin prallte mit dem Kopf dagegen, aber das konnte ihm sicherlich nicht schaden.
Nad eilte zum Tisch und stammelte: »Ja, Herrin. Wie Ihr befehlt, Herrin.« Als sie Arnin losließ, stolperte er ohne weitere Einwände zum Tisch und half, den Leichnam wie Unrat aufzuheben und hinauszutragen. Nun, jetzt war er so gut wie Unrat. Sie bedauerte ihren Ausbruch. Es war unvernünftig, dem Temperament die Zügel schießen zu lassen, obwohl es manchmal nützlich zu sein schien. Das überraschte sie nach all diesen Jahren noch immer.
»Moghedien - das wird ihr nicht gefallen«, sagte Ispan, sobald die Männer fort waren. Die blauen und grünen, in ihre vielen dünnen schwarzen Zöpfe geflochtenen Perlen klapperten, als sie den Kopf schüttelte. Sie war die ganze Zeit über in den Schatten geblieben, in einer Ecke, mit einem Schild abgeschirmt, damit sie nichts hörte.
Falion konnte sich nur mühsam beherrschen, sie nicht anzustarren. Ispan war die letzte Begleiterin, die sie für sich auserwählt hätte. Sie war eine Blaue, oder war es gewesen. Vielleicht war sie es auch noch immer. Falion fühlte sich der Weißen Ajah keinesfalls unterlegen, nur weil sie sich der Schwarzen Ajah angeschlossen hatte. Blaue waren zu leidenschaftlich, hüllten alles in Empfindungen, was äußerst leidenschaftslos betrachtet werden sollte. Sie hätte Rianna, eine weitere Weiße, erwählt, obwohl die Frau mitunter seltsame, unvernünftige Vorstellungen hatte. »Moghedien hat uns vergessen, Ispan. Oder habt Ihr ein persönliches Wort von ihr erhalten? Ich bin auf jeden Fall davon überzeugt, daß es dieses Versteck nicht gibt.«
»Moghedien sagt, es existiert.« Ispan sprach zunächst nur entschlossen, aber dann wurde ihre Stimme schnell hitzig. »Ein Lager von Angrealen, Sa'angrealen und Ter'angrealen. Wir werden einen Teil davon bekommen. Unsere eigenen Angreale, Falion. Vielleicht sogar Sa'angreale. Sie hat es versprochen.«
»Moghedien hat sich geirrt.« Falion sah, wie sich Ispans Augen entsetzt weiteten. Die Auserwählten waren ein seltsames Volk. Es hatte auch Falion bestürzt, diese Lektion lernen zu müssen, aber einige weigerten sich zu begreifen. Die Auserwählten waren weitaus stärker, erheblich intelligenter, und es war durchaus möglich, daß sie die Belohnung der Unsterblichkeit bereits erhalten hatten, aber allem Anschein nach bekämpften sie einander dennoch unerbittlich.
Ispans Entsetzen verwandelte sich rasch in Verärgerung. »Auch andere suchen danach. Würden sie alle nach nichts Ausschau halten? Schattenfreunde suchen danach, die von anderen Auserwählten darauf angesetzt worden sein müssen. Und wenn die Auserwählten danach suchen - könnt Ihr dann immer noch behaupten, es existiere nichts?« Sie wollte es nicht sehen. Wenn etwas nicht gefunden werden konnte, war der wahrscheinlichste Grund dafür, daß es nicht existierte.
Falion wartete. Ispan war nicht dumm, sondern nur von Ehrfurcht ergriffen, und Falion glaubte daran, Menschen lehren zu müssen, selbst zu erkennen, was ihnen bereits bewußt sein sollte. Träge Geister mußten geschult werden.
Ispan schritt auf und ab, ließ ihre Röcke rascheln und blickte stirnrunzelnd auf Staub und alte Spinnweben. »Dieser Ort stinkt. Und er ist schmutzig!« Sie erschauderte, als eine große schwarze Schabe die Wand hinauflief. Einen Moment umgab Ispan das Schimmern. Ein Strang zerquetschte die Schabe mit einem Knall. Ispan verzog das Gesicht und wischte sich die Hände an ihren Röcken ab, als hätte sie sie statt der Macht gebraucht. Sie hatte einen empfindlichen Magen, obwohl das glücklicherweise nicht galt, wenn sie von tatsächlichem Handeln Abstand nehmen konnte. »Ich werde keiner der Auserwählten von dem Versagen berichten, Falion. Sie würden uns Liandrin beneiden lassen.«
Falion unterdrückte ein Schaudern. Sie durchschritt den Raum und goß sich einen Becher gewürzten Pflaumenwein ein. Die Pflaumen waren überreif gewesen, und der gewürzte Wein war zu süß, aber ihre Hände blieben ruhig. Moghediens Angst war durchaus spürbar, aber nicht das Beugen vor der Angst. Vielleicht war die Frau tot. Gewiß hätte sie sie inzwischen gerufen oder sie erneut im Schlaf in Tel'aran'rhiod heimgesucht, um sie zu fragen, warum sie ihre Befehle noch nicht ausgeführt hatten. Bis sie jedoch einen Leichnam sah, war die einzige vernünftige Vorgehensweise, so weiterzumachen, als würde Moghedien jeden Moment auftauchen. »Es gibt eine Möglichkeit.«
»Wie? Indem wir jede Weise Frau in Ebou Dar foltern? Wie viele sind hier? Einhundert? Vielleicht zweihundert? Das würden die Schwestern im TarasinPalast gewiß merken.«
»Vergeßt Eure Träume, einen Sa'angreal zu besitzen, Ispan. Es gibt kein lange vergessenes Lagerhaus und kein geheimes Gewölbe unter einem Palast.« Falion sprach kühl und verhalten, vielleicht desto verhaltener, je aufgeregter Ispan wurde. Sie hatte es stets genossen, eine Klasse Novizinnen mit dem Klang ihrer Stimme zu hypnotisieren. »Fast alle Weisen Frauen waren Wilde, die kaum wissen können, was wir erfahren wollen. Keine Wilde wurde jemals mit einem Angreal, geschweige denn mit einem Sa'angreal gesehen, andernfalls wären sie sicherlich bemerkt worden. Im Gegenteil, den Überlieferungen nach befreit sich jede Wilde, die irgendeinen mit der Macht verbundenen Gegenstand entdeckt, so bald wie möglich davon, aus Angst davor, den Zorn der Weißen Burg auf sich zu ziehen. Andererseits scheinen Frauen, die aus der Weißen Burg verbannt werden, diese Angst nicht zu hegen. Wie ihr sehr wohl wißt, trägt eine von dreien heimlich etwas bei sich, wenn sie durchsucht werden, bevor sie gehen, einen tatsächlichen Machtgegenstand oder etwas, das sie dafür halten. Unter den wenigen Weisen Frauen, die sich zur Zeit qualifiziert haben, war Callie die perfekte Wahl. Als sie vor Jahren verbannt wurde, versuchte sie ein kleines Ter'angreal zu stehlen. Ein nutzloses Ding, das Bilder von Blumen und das Geräusch eines Wasserfalls vorspiegelte, aber dennoch ein mit Saidar verbundener Gegenstand. Zudem versuchte sie, die Geheimnisse der anderen Novizinnen zu entdecken, wobei sie recht häufig erfolgreich war. Wenn es in Ebou Dar auch nur ein einziges Angreal gäbe, ganz zu schweigen von einem geräumigen Lagerhaus - glaubt Ihr, sie hätte dann vier Jahre hiersein können, ohne davon zu erfahren?«