»Spielt nicht die Närrin«, grollte er. »Ein Taschendieb, wenn ein Dutzend Soldaten Euch umstehen?« Sie errötete. Gut, sie wußte Bescheid. Er ließ ihr keine Gelegenheit zu protestieren oder Erklärungen abzugeben oder ähnlich Törichtes. »Dobraine sagte mir, er habe im Palast bereits flüstern hören, Ihr hättet Colavaere verraten. Jene, die sie unterstutzt haben, könnten Angst haben, mich zu verhöhnen, aber sie werden dafür bezahlen, wenn Euch jemand niedersticht.« Und Faile, laut Dobraine, ebenfalls. Darum mußte man sich kümmern. »Aber sie werden keine Gelegenheit dazu bekommen, weil Ihr nach Mayene zurückgeht. Dobraine wird Euren Platz hier einnehmen, bis Elayne den Sonnenthron beansprucht«
Zorn vereinnahmte sie. Ihre Augen wurden gefährlich groß. Er war froh gewesen, als sie keine Angst mehr vor ihm gehabt hatte, aber jetzt war er sich nicht mehr so sicher. Als sie den Mund öffnete, um ihren Zorn herauszulassen, berührte Annoura sie am Arm, und sie wandte ruckartig den Kopf. Sie wechselten einen langen Blick, und Berelains Zorn wich wieder. Sie glättete ihre Röcke und straffte energisch die Schultern. Rand wandte hastig den Blick ab.
Meranas Schutz war nicht mehr vollständig. Er fragte sich, ob sie hindurchgetreten und wieder rasch zurückgewichen war - wie sonst konnte sie genau auf etwas gestoßen sein, was sie eigentlich nicht bemerken durfte? Als er den Kopf wandte, wich sie zurück, bis sie fast die Wände berührte, wobei sie den Blick nicht von ihm ließ, ihrem Gesicht nach zu urteilen, hätte sie ihm zehn Jahre lang den Tee eingegossen, um hören zu können, was gesagt wurde.
»Mein Lord Drache«, sagte Berelain lächelnd, »da ist noch die Angelegenheit mit den Atha'an Miere.« Ihre Stimme war wie warmer Honig. Ihre geschwungenen Lippen hätten einem Stein Gedanken ans Küssen entlocken können. »Die Herrin der Wogen Hanne ist nicht erfreut darüber, daß sie so lange auf ihrem Schiff festgehalten wird. Ich habe sie mehrere Male besucht. Ich kann die Probleme dort mildern, was Lord Dobraine meiner Meinung nach wohl kaum kann. Ich glaube, das Meervolk ist für Euch lebenswichtig, ob es in den Prophezeiungen des Drachen genannt wird oder nicht. Ihr seid in ihren Prophezeiungen von entscheidender Bedeutung, obwohl sie anscheinend kaum gewillt sind zu sagen, wie genau.«
Rand starrte sie an. Warum kämpfte sie so sehr darum, eine schwierige Aufgabe zu behalten, die ihr von den Cairhienern wenig Dank eingebracht hatte, bevor einige den Wunsch verspürten, sie töten zu wollen? Sie war eine Herrscherin und war es gewohnt, mit Herrschern und Gesandten umzugehen, nicht mit Straßenräubern und in der Dunkelheit aufblitzenden Dolchen. Warmer Honig oder nicht - es war nicht erstrebenswert, in Rand al'Thors Nähe zu bleiben. Sie hatte sich ihm ... nun, einmal angeboten ... aber Tatsache war, daß Mayene ein kleines Land war, und Berelain benutzte ihre Schönheit wie ein Mann ein Schwert, um ihr Land davor zu bewahren, von seinem mächtigeren Nachbarn Tear geschluckt zu werden. So einfach war das. »Berelain, ich weiß nicht, was ich noch tun kann, um Euch Mayene zu garantieren, aber ich werde Euch schriftlich geben, was immer...« Farben wirbelten so wild in seinem Kopf umher, daß seine Zunge erstarrte. Lews Therin kicherte. Eine Frau, die die Gefahr kennt und keine Angst hat, ist ein Schatz, den nur ein Wahnsinniger verschmähen würde.
»Garantien.« Enttäuschung vereinnahmte den Honig, und der Zorn stieg erneut auf, dieses Mal kalter Zorn. Annoura zog an Berelains Ärmel, aber sie achtete nicht auf die Aes Sedai. »Während ich mit Euren Garantien in Mayene sitze, werden andere Euch dienen. Sie werden ihr Entgelt fordern, und der Dienst, den ich hier geleistet habe, wird verblichen und alt sein, während ihrer strahlend und neu ist. Wenn der Hochlord Weiramon Euch Illian gibt und im Gegenzug Mayene fordert - was werdet Ihr dann antworten? Wenn er Euch Murandy und Altara gibt und alles andere bis zum Aryth-Meer?«
»Werdet Ihr dienen, auch wenn es weiterhin bedeutet, daß Ihr gehen müßt?« fragte er ruhig. »Ihr werdet aus meinen Augen sein, aber nicht aus meinen Gedanken.« Lews Therin lachte erneut auf eine Art, die Rand beinahe erröten ließ. Er sah gern hin, aber was Lews Therin manchmal dachte...
Berelain betrachtete ihn eigensinnig, und er konnte die Fragen fast sehen, die Annouras Frage nach sich zog, wie auch deren sorgfältige Auswahl.
Die Tür öffnete sich erneut für Riallin. »Eine Aes Sedai ist gekommen, um den Car'a'carn zu sehen.« Es gelang ihr, dieses Mal kalt und zugleich unsicher zu klingen. »Ihr Name ist Cadsuane Melaidhrin.« Eine auffallend hübsche Frau rauschte unmittelbar hinter Riallin herein, das eisengraue Haar zu einem Knoten auf dem Kopf aufgesteckt und mit herabhängenden Goldverzierungen geschmückt. Jetzt schien alles gleichzeitig zu geschehen.
»Ich dachte, Ihr wärt tot«, keuchte Annoura, der fast die Augen aus dem Kopf fielen.
Merana schoß mit ausgestreckten Händen durch ihren Schutz. »Nein, Cadsuane!« schrie sie. »Ihr dürft ihn nicht verletzen! Ihr dürft es nicht tun!«
Rands Haut kribbelte, als jemand im Raum Saidar umarmte, vielleicht mehr als eine Person, und während er schnell aus Berelains Reichweite trat, griff er nach der Quelle, überflutete sich mit Saidin und spürte es auch die Asha'man erfüllen. Dashivas Gesicht zuckte, als er von einer Aes Sedai zur anderen sah.
Narishma ergriff, trotz der Macht, die er festhielt, mit beiden Händen sein Schwertheft und nahm die Leopard im Baum genannte Haltung ein - kurz vorm Blankziehen. Lews Therin knurrte etwas über das Töten und den Tod, tote sie alle, töte sie jetzt. Riallin hob ihren Schleier und rief etwas, und plötzlich befanden sich ein Dutzend Töchter des Speers im Raum, verschleiert und mit bereitgehaltenen Speeren. Es war kaum überraschend, daß Berelain erstaunt dastand und schaute, als wäre jedermann wahnsinnig geworden.
Für jemanden, der das alles verursacht hatte, schien Cadsuane bemerkenswert unbeeindruckt. Sie betrachtete die Töchter des Speers und schüttelte den Kopf, wobei die goldenen Sterne und Monde und Vögel sanft schaukelten. »Der Versuch, im nördlichen Ghealdan annehmbare Rosen zu züchten, kommt dem Tode zwar nahe, Annoura«, bemerkte sie trocken, »aber es entspricht nicht ganz dem Grab. Oh, beruhigt Euch, Merana, bevor Ehr noch jemanden erschreckt. Man sollte meinen, Ihr wärt etwas weniger leicht erregbar geworden, seit Ihr das Novizinnen weiß abgelegt habt.«
Merana öffnete und schloß den Mund, wirkte vor allem verlegen, und das Kribbeln schwand jäh. Rand ließ Saidin jedoch nicht fahren - und die Asha'man ebensowenig.
»Wer seid Ihr?« fragte er. »Und zu welcher Ajah gehört Ihr?« Meranas Reaktion nach mußte es die Rote Ajah sein, aber es hätte den Mut eines Selbstmörders erfordert, als Rote Schwester einfach allein hier hereinzuspazieren. »Was wollt Ihr?«
Cadsuanes Blick verweilte nur einen Moment auf ihm, und sie antwortete nicht. Meranas Lippen teilten sich, und die grauhaarige Frau sah sie an, eine Augenbraue gewölbt - und da geschah es. Merana errötete tatsächlich und senkte den Blick. Annoura starrte die Frau noch immer an wie einen Geist. Oder wie einen Riesen.
Cadsuane schritt mit schwingenden Röcken schweigend durch den Raum zu den beiden Asha'man. Rand bekam allmählich das Gefühl, als bewegte sie sich immer auf diese eilige, gleitende Art, anmutig, aber ohne Zeit zu verschwenden oder sich durch etwas aufhalten zu lassen. Dashiva betrachtete sie von Kopf bis Fuß und verzog höhnisch die Lippen. Sie schien es nicht zu bemerken, obwohl sie ihm direkt ins Gesicht sah, genauso, wie sie auch nicht zu bemerken schien, daß Narishmas Hände um sein Schwert lagen, als sie einen Finger unter sein Kinn hielt und seinen Kopf von einer Seite zur anderen wandte, bevor er zurückweichen konnte.