Zwei Weise Frauen standen am Eingang eines Korridors und beobachteten ihr Vorübergehen, kalte helle Augen in steinernen Gesichtern unter dunklen Kopftüchern. Edarra und Leyn. Beide konnten die Macht recht stark lenken. Sie hätten hohe Positionen erreichen können, wenn sie als Mädchen zur Burg gekommen wären. Cadsuane ging vorbei, scheinbar ohne die Mißbilligung der Wilden zu bemerken. Annoura bemerkte sie jedoch sehr wohl, runzelte die Stirn und murrte, und die dünnen Zöpfe schwangen, als sie den Kopf schüttelte. Merana hielt den Blick auf die Bodenfliesen gerichtet.
Es würde jetzt zweifellos ihr zufallen, Cadsuane den ... Kompromiß zu erklären, der gestern abend mit den Weisen Frauen ausgehandelt worden war, bevor sie und die anderen zum Palast gebracht wurden. Annoura wußte nichts davon - sie hatte nicht daran teilgehabt -, und Merana besaß nur wenig Hoffnung, daß Rafela oder Verin oder sonst jemand auftauchen würde, dem sie diese Aufgabe irgendwie zuschieben könnte. Es war in gewisser Weise ein Kompromiß, und vielleicht der beste, der unter diesen Umständen zu erreichen war, aber sie bezweifelte sehr, daß Cadsuane es genauso sehen würde. Sie wünschte, sie brauchte nicht diejenige zu sein, die sie überzeugen mußte. Lieber diesen verfluchten Männern einen Monat lang Tee eingießen. Sie wünschte, sie hätte nicht so offen mit dem jungen al'Thor gesprochen. Zu wissen, warum er sie gezwungen hatte, Tee zu servieren, war kein Trost dafür, von jedem Vorteil ausgeschlossen zu sein, den sie vielleicht dadurch hätte erringen können. Sie wollte lieber glauben, sie sei in irgendeinem aus dem Muster hervorwirbelnden Ta'veren gefangen, als damit leben zumüssen, daß die Augen eines jungen Mannes, die wie glänzende, blaugraue Edelsteine waren, sie aus purer Angst hatten stammeln lassen, aber wie dem auch sei - sie hatte ihm jeglichen Vorteil auf einem Tablett serviert. Sie wünschte...
Wünsche waren Kindern vorbehalten. Sie hatte zahllose Verträge ausgehandelt, von denen viele die in sie gesetzten Erwartungen tatsächlich erfüllt hatten. Sie hatte drei Kriege beendet und ein Dutzend weitere verhindert, hatte Königen und Königinnen und Generalen gegenübergestanden und sie zur Einsicht gebracht. Dennoch ... sie merkte, daß sie innerlich das Versprechen gab, kein Wort der Klage zu äußern, gleichgültig, wie oft dieser Mann sie die Dienerin spielen ließ, wenn nur Seonid oder Masuri oder Eaeldrin oder sonst jemand um die nächste Ecke kommen würde. Licht! Wenn sie nur blinzeln und feststellen könnte, daß alle Geschehnisse seit dem Verlassen Salidars nur ein böser Traum gewesen waren.
Überraschenderweise führte Cadsuane sie direkt zu dem kleinen Raum, den sich Bera und Kiruna teilten, tief im Innern des Palasts, wo die Diener lebten. Ein schmales, hoch in der Wand eingelassenes, auf gleicher Ebene mit den Pflastersteinen des Hofes draußen befindliches Fenster ließ ein wenig Licht herein, aber der Raum schien dennoch finster. Jacken und Satteltaschen und einige wenige Kleidungsstücke hingen an in den aufgeplatzten, vergilbenden Putz eingeschlagenen Haken. Scharten verunzierten den bloßen Holzfußboden, obwohl einige Mühe darauf verwandt worden war, sie zu glätten. Ein kleiner, abgenutzter runder Tisch stand in einer Ecke und ein gleichermaßen abgenutzter Waschtisch in einer anderen, mit abgeschlagenem Becken und Wasserkrug. Merana betrachtete das schmale Bett. Es war nicht wesentlich schmaler als dasjenige, das sie sich, zwei Türen weiter, mit Seonid und Masuri teilen mußte.
Der Raum war in beiden Richtungen vielleicht einen Schritt größer, aber nicht für drei Menschen gedacht. Coiren und die anderen noch immer in den Aiel-Zelten Festgehaltenen hatten es als Gefangene wahrscheinlich weitaus bequemer.
Weder Bera noch Kiruna waren da, aber Daigian, eine schwerfällige, blasse Frau, die eine dünne Silberkette in ihrem langen schwarzen Haar trug, mit einem runden Mondstein, der in der Mitte ihrer Stirn baumelte. Ihr dunkles, cairhienisches Gewand wies vier schmale Farbstreifen auf dem Leibchen auf, und sie hatte zusätzlich Schlitze in den Röcken - weiße Schlitze für ihre Ajah. Als jüngere Tochter eines der geringerwertigen Häuser hatte sie Merana stets an eine Kropftaube erinnert. Als Cadsuane eintrat, richtete sich Daigian erwartungsvoll auf die Zehen auf.
Es gab nur einen Stuhl in dem Raum, eher ein Schemel ohne Rückenlehne. Cadsuane nahm ihn und seufzte. »Tee, bitte. Noch zwei Schlucke von dem, was dieser Junge eingegossen hat, und ich könnte meine Zunge zum Schuhe besohlen benutzen.«
Plötzlich umgab das Schimmern Saidars Daigian -wenn auch nur schwach -, und eine verbeulte Teekanne stieg vom Tisch auf, Feuerstränge erhitzten das Wasser, während sie eine kleine, messingbeschlagene Teekiste öffnete.
Da es keine andere Sitzgelegenheit gab, ließ sich Merana auf dem Bett nieder und richtete ihre Röcke, während sie ihre Gedanken zu ordnen versuchte. Dies könnten genauso wichtige Verhandlungen werden wie alle anderen, die sie jemals unternommen hatte. Kurz darauf gesellte sich Annoura zu ihr und kauerte sich auf den Rand der Matratze.
»Ich entnehme Eurer Anwesenheit, Merana«, sagte Cadsuane plötzlich, »daß die Geschichten, der Junge habe sich Elaida ergeben, falsch sind. Seid nicht so überrascht, Kind. Habt Ihr geglaubt, ich wüßte nichts von Euren ... Verbindungen?« Sie sprach das Wort auf eine Art aus, die es genauso unflätig klingen ließ wie die Flüche jedes Soldaten. »Und Ihr, Annoura?«
»Ich bin nur als Berelains Beraterin hier, obwohl sie meinen Rat in Wahrheit nicht vorrangig beachtet.« Die Tarabonerin hielt den Kopf hoch erhoben und sprach mit zuversichtlicher Stimme. Sie rieb jedoch nervös ihre Daumen. Sie würde keine gute Figur am Verhandlungstisch machen, wenn sie so durchschaubar war. »Was das übrige betrifft«, fügte sie vorsichtig hinzu, »so habe ich noch keine Entscheidung getroffen.«
»Ein weiser Entschluß«, murmelte Cadsuane und sah bewußt Merana an. »Anscheinend haben während der letzten Jahre viel zu viele Schwestern vergessen, daß sie Verstand oder Besonnenheit besitzen. Es gab eine Zeit, als Aes Sedai ihre Entscheidungen nach ruhiger Überlegung trafen, wobei das Wohl der Burg stets im Vordergrund ihres Trachtens stand. Erinnert Euch nur, was sich das Sanche-Mädchen durch ihre Einlassung mit Rand al'Thor eingehandelt hat, Annoura. Geratet zu nahe an ein Schmiedefeuer, und ihr könnt Euch ernstlich verbrennen.«
Merana hob das Kinn an und massierte ihren Nacken, um die Anspannung zu lindern. Als sie merkte, was sie tat, zwang sie sich aufzuhören. Die Frau stand nicht so weit über ihr. Nicht wirklich. Nur höher als jede andere Schwester. »Wenn ich fragen dürfte« - zu schüchtern, aber es wäre noch schlimmer, abzubrechen und erneut zu beginnen - »welche Absichten Ihr verfolgt, Cadsuane?« Sie kämpfte um ihre Würde. »Ihr habt Euch offensichtlich ... abseits gehalten ... bis jetzt. Warum habt Ihr beschlossen, Euch ... al'Thor zu diesem speziellen Zeitpunkt zu ... nähern? Ihr seid ... eher undiplomatisch ... mit ihm umgegangen.«
»Ihr hättet ihn genausogut ins Gesicht schlagen können«, warf Annoura ein, und Merana errötete. Annoura hätte es von ihnen beiden mit Cadsuane weitaus schwerer haben sollen, aber sie hatte keine Hemmungen, ihre Meinung zu sagen.
Cadsuane schüttelte mitleidig den Kopf. »Wenn Ihr erkennen wollt, aus welchem Holz ein Mann geschnitzt ist, greift ihn aus einer Richtung an, die er nicht erwartet. Ich glaube, dieser Junge hat ein gutes Potential, aber er wird Schwierigkeiten machen.« Sie legte ihre Fingerspitzen aneinander und schaute sinnend daran vorbei zur Wand. »Ihm wohnt ein Zorn inne, der die Welt verbrennen könnte, und er hält diesen Zorn an einem hauchdünnen Zaum. Bringt ihn zu sehr aus dem Gleichgewicht... Puh! Al'Thor ist noch nicht so hart wie Logain Ablar oder Mazrim Taim, aber hundertmal so schwierig, fürchte ich.«