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»Ich weiß es nicht, Cadsuane«, antwortete Kiruna mit solch hochrotem Gesicht, daß sie fast zu entflammen schien. »Wir wurden getrennt gehalten.« Meranas Augen weiteten sich. Sie hatte Kiruna noch niemals zuvor ehrerbietig klingen hören.

Bera atmete tief ein. Sie stand bereits sehr gerade, schien sich aber für eine unangenehme Aufgabe noch gerader zu machen. »Elaida ist nicht...«, begann sie erregt.

»Elaida ist überehrgeizig, soweit ich es beurteilen kann«, unterbrach Cadsuane sie und beugte sich so jäh vor, daß Merana und Annoura beide auf dem Bett zurückwichen, obwohl Cadsuane sie nicht ansah, »und sie beschwört vielleicht eine Katastrophe herauf, aber sie ist noch immer der Amyrlin-Sitz, vom Saal der Burg in voller Übereinstimmung mit den Gesetzen der Burg erhoben.«

»Wenn Elaida eine rechtmäßige Amyrlin ist - warum habt Ihr dann ihrem Befehl zur Rückkehr nicht gehorcht?« Beras mangelnde Gemütsruhe war nur daran zu erkennen, wie ruhig ihre Hände auf ihren Röcken ruhten. Nur die bemühte Anstrengung, sich nicht in die Röcke zu krallen oder sie zu glätten, konnte sie so ruhig halten.

»Also hat eine von Euch ein wenig Rückgrat bewiesen.« Cadsuane lachte leise, aber ihre Augen wirkten keineswegs heiter. Sie lehnte sich zurück und trank ihren Tee. »Jetzt setzt Euch. Ich habe sehr viele Fragen.«

Merana und Annoura erhoben sich und boten ihre Plätze auf dem Bett an, aber Kiruna stand nur da und betrachtete Cadsuane besorgt, und Bera schaute ihre Freundin an und schüttelte dann den Kopf. Corele rollte ihre blauen Augen und grinste aus irgendeinem Grund breit, aber Cadsuane kümmerte es anscheinend nicht.

»Die Hälfte der Gerüchte, die ich gehört habe«, sagte sie, »betreffen den Umstand, daß die Verlorenen angeblich freigekommen sind. Es wäre kaum überraschend, wenn man alles andere bedenkt, aber habt Ihr irgendwelche Beweise für oder gegen dieses Gerücht?«

Merana war froh, sich hinsetzen zu können. Sie wußte schon bald, wie sich Wäsche fühlte, die durch die Mangel gedreht wurde. Cadsuane übernahm alle Fragen und sprang von Thema zu Thema, so daß man niemals wußte, was als nächstes kam. Corele bewahrte, außer daß sie manchmal kicherte oder hin und wieder den Kopf schüttelte, ihre Ruhe, doch Daigian gelang natürlich nicht einmal das. Merana erwischte es am schlimmsten, sie und Kiruna und Bera, aber auch Annoura wurde gewiß nicht verschont. Jedes Mal, wenn sich Berelains Beraterin entspannte und glaubte, sie wäre befreit, setzte Cadsuane ihr erneut zu.

Die Frau wollte alles wissen, von al'Thors Autorität über die Aiel bis zu dem Grund, warum eine Meervolk-Herrin der Wogen im Fluß ankerte, von der Frage, ob Moiraine wirklich tot war bis zu dem Thema, ob der Junge tatsächlich das Schnelle Reisen wiederentdeckt hatte und ob Berelain mit ihm geschlafen hatte oder Absichten in dieser Richtung hegte. Was Cadsuane von den Antworten hielt, konnte man nicht sagen - bis auf das eine Mal, als sie erfuhr, daß Alanna sich mit al'Thor verbunden hatte und wie sie es getan hatte. Da preßte sie den Mund zusammen und bohrte mit ihrem Blick stirnrunzelnd ein Loch in die Wand, aber während alle anderen Abscheu erwarteten, erinnerte Merana sich daran, daß Cadsuane gesagt hatte, sie hätte selbst erwogen, sich einen weiteren Behüter zu nehmen.

Zu häufig waren die Antworten unzureichend, aber zu sagen, man wüßte etwas nicht, konnte Cadsuanes Wißbegier nicht stillen. Sie erfragte jedes einzelne Stückchen und Teilchen, das man wußte, selbst wenn man nicht wußte, daß man es wußte. Es gelang ihnen, einige Informationen zurückzuhalten, wenigstens das meiste von dem, was zurückgehalten werden mußte, aber einige überraschende Dinge kamen doch heraus, sogar von Annoura, die, wie sich herausstellte, fast von dem Tage an, als sie nach Norden geritten war, ausführliche Briefe von Berelain erhalten hatte. Cadsuane forderte Antworten, gab aber selbst keine, und das machte Merana besorgt. Sie beobachtete, wie die Gesichter verbissen und abwehrend wurden und fragte sich, ob ihr Gesicht einen ähnlichen Ausdruck aufwies.

»Cadsuane.« Es war keine weitere Bemühung nötig. »Warum habt Ihr Euch entschlossen, Euch jetzt für al'Thor zu interessieren?« Ein steter Blick begegnete dem ihren einen Augenblick lang, und dann wandte Cadsuane ihre Aufmerksamkeit Bera und Kiruna zu.

»Also ist es ihnen tatsächlich gelungen, ihn aus dem Palast zu entführen«, sagte die grauhaarige Frau und hielt Daigian ihren leeren Becher hin, damit sie ihn erneut füllte. Niemandem sonst war Tee angeboten worden. Cadsuanes Gesichtsausdruck und Tonfall waren so neutral, daß Merana sich am liebsten die Haare gerauft hätte. Al'Thor wäre nicht erfreut zu erfahren, daß Kiruna die Entführung offenbart hatte, wie unbeabsichtigt auch immer. Cadsuane benutzte jeden Versprecher dazu, mehr aus einem herauszupressen, als man sagen wollte. Zumindest hatte Kiruna keine Einzelheiten seiner Behandlung verraten. Er hatte deutlich gemacht, wie wenig es ihm gefallen würde, wenn dies geschähe. Merana dankte dem Licht, daß die Frau kein Thema lange verfolgte.

»Seid Ihr sicher, daß es Taim war? Und Ihr seid sicher, daß diese Schwarzmäntel nicht zu Pferde angekommen sind?« Bera antwortete widerwillig und Kiruna mürrisch. Sie waren so sicher, wie sie sein konnten. Niemand hatte die Asha'man tatsächlich kommen oder gehen sehen, und die Öffnung, die sie alle hierherbrachte, hätte von al'Thor gestaltet sein können. Was Cadsuane natürlich überhaupt nicht zufriedenstellte.

»Denkt nach! Ihr seid keine albernen Mädchen mehr, oder solltet es zumindest nicht mehr sein. Puh! Ihr müßt etwas bemerkt haben.«

Merana fühlte sich schlecht. Sie und die anderen hatten die halbe Nacht darüber gestritten, was ihr Eid bedeutete, bevor sie beschlossen, daß er genau das bedeutete, was sie gesagt hatten, ohne Hintertürchen, durch das man entkommen konnte. Schließlich räumte sogar Kiruna ein, daß sie al'Thor genauso verteidigen und unterstützen wie ihm gehorchen mußten und daß sie keinen Deut davon abrücken durften. Was das verheißen mochte, wenn Elaida und ihre Getreuen dazu kamen, kümmerte wirklich niemanden. Zumindest gab niemand irgendeine diesbezügliche Sorge zu. Die reine Tatsache dessen, was sie beschlossen hatten, war überwältigend genug. Aber Merana fragte sich, ob Bera oder Kiruna schon erkannt hatten, was sie erkannt hatte. Sie könnten sich plötzlich einer Legende gegenübersehen, ganz zu schweigen von den Schwestern außer Corele und Daigian, die ihr zu folgen beschlossen hatten. Schlimmer noch... Cadsuanes Blick ruhte einen Moment auf ihr, verriet nichts, forderte aber alles. Schlimmer noch... Merana zweifelte nicht daran, daß Cadsuane das sehr wohl wußte.

Min eilte die Palastgänge entlang, ohne auf die Grüße eines halben Dutzends von Töchtern des Speers zu achten, die sie kannte, lief ohne Antwort einfach vorbei und dachte nicht darüber nach, daß sie unhöflich war. Es war nicht leicht, in Absatzstiefeln zu laufen. Welch törichte Dinge Frauen für Männer taten! Nicht daß Rand sie gebeten hätte, die Stiefel zu tragen, aber sie hatte sie zum ersten Mal mit dem Gedanken an ihn angezogen, und sie hatte ihn lächeln sehen. Er mochte die Stiefel. Licht, was tat sie, daß sie über Stiefel nachdachte! Sie hätte niemals zu Colavaeres Räumen gehen sollen. Sie zitterte, blinzelte unvergessene Tränen zurück und begann jetzt wirklich zu laufen.

Wie üblich, kauerte eine Anzahl Töchter des Speers auf den Fersen neben den hohen Türen mit den vergoldeten aufgehenden Sonnen. Ihre Shoufas hingen um ihre Schultern und die Speere lagen über ihren Knien, und doch wirkten sie nicht nachlässig. Sie waren Leoparden, die auf Beute lauerten. Normalerweise bereiteten Töchter des Speers Min Unbehagen, auch wenn sie recht freundlich waren. Heute hätte es sie nicht einmal gekümmert wenn sie verschleiert gewesen waren.