»Er ist schlecht gelaunt«, warnte Riallin sie, machte aber keinerlei Anstalten, Min aufzuhalten. Min war eine der wenigen, denen es erlaubt war, Rand ohne Ankündigung aufzusuchen. Sie richtete ihre Jacke und versuchte, sich zu beruhigen. Sie konnte nicht genau sagen, warum sie gekommen war. Nur daß Rand ihr Sicherheit gab. Verdammt sei er! Sie hatte niemals zuvor jemanden gebraucht, um sich sicher zu fühlen.
Unmittelbar hinter der Tür blieb sie entsetzt stehen und schob sie dann mechanisch hinter sich zu. Der Raum war ein Schlachtfeld. Ein paar glänzende Scherben hingen noch in einigen Spiegelrahmen, aber das meiste Glas lag zerschmettert über den Boden verstreut. Das Podest war umgestürzt, der Thron, der darauf gestanden hatte, war gegen eine Wand geschleudert worden und bestand nur noch aus vergoldeten Bruchsrücken. Einer der Kandelaber, die unter dem Gold aus schwerem Eisen bestanden, war ringförmig verbogen. Rand saß in Hemdsärmeln in einem der kleineren Sessel, die Arme herabbaumelnd, den Kopf zurückgelehnt, und starrte zur Decke. Starrte ins Leere. Bilder tanzten um ihn herum, und farbige Auren zuckten und flammten auf. Er war darin wie Aes Sedai. Min brauchte keine Feuerwerker, wenn Rand oder eine Aes Sedai in der Nähe waren. Er bewegte sich nicht, als sie weiter in den Raum hineinging. Er schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Spiegelglasscherben knirschten unter ihren Stiefeln. Er schien wirklich schlecht gelaunt.
Sie empfand dennoch keine Angst. Nicht vor ihm. Sie konnte sich nicht einmal annähernd vorstellen, daß Rand ihr schaden könnte. Sie empfand genug für ihn, daß sie die Erinnerung an Colavaeres Räume fast aus ihrer Erinnerung löschen konnte. Sie hatte sich schonlange damit abgefunden, hoffnungslos verliebt zu sein. Nichts sonst zählte, nicht, daß er ein einfacher Bauernjunge oder daß er jünger als sie war und auch nicht, wer oder was er war oder daß er zum Wahnsinn verdammt war und sterben würde, wenn er nicht vorher getötet wurde. Es macht mir nicht einmal etwas aus, ihn teilen zu müssen, dachte sie und erkannte, wie sehr sie gefangen war, wenn sie sich selbst belügen konnte. Sie mußte sich zwingen, das zu akzeptieren. Elayne hatte Anteil an ihm, einen Anspruch auf ihn, und ebenso diese Aviendha, die sie noch kennenlernen würde. Man muß mit dem leben, was man nicht verbessern kann, hatte ihre Tante Jan stets gesagt. Besonders wenn man weich geworden ist. Licht, sie war immer stolz darauf gewesen, ihren Verstand beisammen zu haben.
Sie blieb neben einem der Sessel stehen, in dessen hölzerne Rückenlehne das Drachenszepter so tief eingedrungen war, daß seine Spitze auf der anderen Seite fast eine Handbreit herausragte. Sie liebte einen Mann, der nichts davon wußte und der sie fortschicken würde, falls er es jemals merken sollte. Ein Mann, bei dem sie sicher war, daß er sie auch liebte. Und ebenso Elayne und diese Aviendha. Aber das war nur ein flüchtiger Gedanke. Was man nicht verbessern konnte... Er liebte sie und weigerte sich, es einzugestehen. Glaubte er, daß er die Frau, die er liebte, auch töten müßte, nur weil der wahnsinnige Lews Therin Telamon das getan hatte?
»Ich bin froh, daß du gekommen bist«, sagte er unvermittelt, während er noch immer zur Decke starrte. »Ich habe hier allein gesessen. Allein.« Er lachte verbittert auf. »Herid Fei ist tot.«
»Nein«, flüsterte sie, »nicht dieser reizende kleine alte Mann.« Ihre Augen brannten.
»Er wurde zerfetzt.« Rands Stimme klang so müde. So leer. »Idrien fiel in Ohnmacht, als sie ihn fand. Sie lag die halbe Nacht wie erstarrt da und war noch leicht verwirrt, als sie schließlich aufwachte. Eine der anderen Frauen in der Schule gab ihr ein Schlafmittel. Sie war deshalb verlegen. Als sie zu mir kam, fing sie erneut an zu weinen, und... Es muß Schattengezücht gewesen sein. Was sonst könnte einen Menschen in alle einzelnen Gliedmaße zerreißen?« Ohne den Kopf zu heben, schlug er so fest mit der Faust auf die Sessellehne, daß das Holz knarrte. »Aber warum? Warum wurde er getötet? Was hätte er mir erzählen können?«
Min versuchte nachzudenken. Sie dachte wahrhaftig nach. Meister Fei war ein Philosoph gewesen. Er und Rand hatten - angefangen von der Bedeutung der Prophezeiung des Drachen bis zur Beschaffenheit der Öffnung im Gefängnis des Dunklen Königs - über alles diskutiert. Er ließ Min Bücher ausleihen, faszinierende Bücher, besonders wenn sie ihre Bedeutung mühsam herausfinden mußte. Er war ein Philosoph gewesen. Er würde ihr niemals wieder ein Buch ausleihen. Solch ein freundlicher alter Mann, in eine Welt der Gedanken eingehüllt und erschreckt, wenn er etwas außerhalb dieser Welt wahrnahm. Sie hütete eine Notiz, die er für Rand geschrieben hatte. Er hatte gesagt, Min sei hübsch, und sie verwirre ihn. Und jetzt war er tot. Licht, sie hatte schon zu viele Tode erlebt.
»Ich hätte es dir nicht sagen sollen, nicht so.«
Sie zuckte zusammen. Sie hatte nicht gehört, daß Rand den Raum durchquert hatte. Seine Finger streichelten ihre Wange. Wischten Tränen fort. Sie weinte.
»Es tut mir leid, Min«, sagte er sanft. »Ich bin kein sehr netter Mensch mehr. Ein Mann ist für mich gestorben, und alles, was ich tun kann, ist, mir Gedanken darüber zu machen, warum er getötet wurde.«
Sie warf die Arme um ihn und barg ihr Gesicht an seiner Brust. Sie konnte nicht aufhören zu weinen. Sie konnte nicht aufhören zu zittern. »Ich bin zu Colavaeres Räumen gegangen.« Bilder flammten in ihrem Kopf auf.
Das leere Wohnzimmer, alle Diener fort. Das Schlafzimmer. Sie wollte sich nicht erinnern, aber jetzt, wo sie damit begonnen hatte, konnte sie die hervorsprudelnden Worte nicht mehr aufhalten. »Ich dachte, da du jetzt hier im Exil bist, gäbe es vielleicht einen Weg, die Vision zu verhindern, die ich von ihr hatte.« Colavaere hatte offensichtlich ihr bestes Gewand getragen, dunkle, glänzende Seide mit edler, vom Alter elfenbeinfarbener Sovarra-Spitze verziert.
»Ich dachte, einmal müßte es nicht so sein. Du bist ein Ta'veren. Du kannst das Muster ändern.« Colavaere hatte eine Halskette und Armbänder aus Smaragden und Feuertropfen angelegt und Ringe mit Perlen und Rubinen, gewiß ihre besten Juwelen, und gelbe Diamanten hatten ihr Haar geschmückt, eine hübsche Nachahmung der Krone von Cairhien. Ihr Gesicht... »Sie war in ihrem Schlafzimmer. Hing von einem der Bettpfosten herab.« Hervorstehende Augen und eine heraushängende Zunge in einem geschwärzten, aufgeschwemmten Gesicht. Die Zehen einen Fuß über dem umgestürzten Stuhl. Min sank hilflos schluchzend gegen ihn.
Er legte sanft die Arme um sie. »Oh, Min, deine Gabe bereitet dir mehr Qualen als Vergnügen. Ich würde dir den Schmerz nehmen, wenn ich könnte, Min. Ich würde es tun.«
Es drang langsam zu ihr durch, daß auch er zitterte. Licht, er versuchte eisenhart zu sein, was der Wiedergeborene Drache seiner Meinung nach sein mußte, aber es schmerzte ihn, wenn jemand wegen ihm starb, bei Colavaere wahrscheinlich nicht weniger als bei Fei. Er blutete für jedermann, der verletzt wurde, und versuchte vorzugeben, daß dem nicht so war.
»Küß mich«, murmelte sie. Als er sich nicht regte, schaute sie auf. Er blinzelte sie unsicher an, die Augen jetzt blau, nicht mehr grau, ein Morgenhimmel. »Ich necke dich nicht.« Wie oft hatte sie ihn geneckt, auf seinem Schoß gesessen, ihn geküßt, ihn Schafhirte genannt, weil sie es nicht wagte, seinen Namen auszusprechen, aus Angst, er könnte die Zärtlichkeit hören? Er ließ es sich gefallen, weil er glaubte, sie wollte ihn tatsächlich necken und würde aufhören, wenn sie glaubte, daß es nicht auf ihn wirkte. Ha! Tante Jan und Tante Rana hatte gesagt, man sollte einen Mann nicht küssen, wenn man ihn nicht heiraten wollte, aber Tante Miren schien ein wenig mehr von der Welt zu wissen. Sie sagte, man sollte einen Mann nicht zu beiläufig küssen, weil sich Männer so leicht verliebten. »Ich friere innerlich, Schafhirte. Colavaere, und Meister Fei... Ich muß warme Haut spüren. Ich brauche ... bitte?«