Zwei Gestalten tauchten auf, ein Mann und eine Frau, die beim Vorangehen genügend Zweige zerbrachen, um einen Toten zu erwecken. Kurz vor der Lichtung hielten sie inne, und der Mann beugte leicht den Kopf, um der Frau etwas zu sagen. Es war Caddar, der einen fast schwarzen Mantel mit Spitzenbesatz an Kragen und Manschetten trug. Zumindest hatte er kein Schwert. Sie stritten sich anscheinend. Sevanna hätte etwas von ihrem Gespräch hören sollen, aber es herrschte vollkommene Stille. Caddar war fast eine Handbreit größer als Modarra - für einen Feuchtländer, und selbst für einen Aiel, groß -, und die Frau reichte ihm nur bis zur Brust. Sie besaß eine ebenso dunkle Gesichtsfarbe und ebenso dunkles Haar wie er und war von ausreichender Schönheit, daß Sevanna die Lippen zusammenpreßte. Sie trug ein hellrotes Seidengewand, das noch mehr von ihrem Busen offenbarte als bei Someryn.
Als hätte Sevanna sie im Geiste gerufen, rückte Someryn näher an sie heran. »Die Frau besitzt die Gabe«, flüsterte sie, ohne das Paar aus den Augen zu lassen. »Sie webt eine Barriere.« Dann schürzte sie die Lippen und fügte widerwillig hinzu: »Sie ist stark.
Sehr stark.« Diese Worte bedeuteten aus ihrem Munde tatsächlich etwas Außergewöhnliches. Sevanna hatte noch nie verstehen können, warum Stärke im Lenken der Macht unter Weisen Frauen nicht zählte -während sie um ihretwillen froh darüber war -, aber Someryn war stolz darauf, noch niemals einer Frau begegnet zu sein, die auch nur annähernd so stark war wie sie. Doch ihrem Tonfall entnahm Sevanna, daß diese Frau stärker war.
Im Moment kümmerte es sie allerdings nicht, ob die Frau Berge versetzen oder nur eine Kerze entzünden konnte. Sie mußte eine Aes Sedai sein. Sie sah nicht wie eine Aes Sedai aus, aber das hatte Sevanna schon früher erlebt. Durch sie mußte Caddar Zugriff auf das Ter'angreal bekommen haben. So hatte er sie finden und herkommen können. So bald; so schnell. Möglichkeiten taten sich auf, und Hoffnungen wuchsen. Aber wer von beiden führte?
»Hört auf, die Macht in den Würfel zu lenken«, befahl sie. Vielleicht verfolgte er noch immer ihr Gespräch.
Rhiale warf ihr einen fast mitleidigen Blick zu. »Someryn hat bereits aufgehört, Sevanna.«
Nichts konnte ihr die Stimmung verderben. Sie lächelte und sagte: »Sehr gut. Denkt daran, was ich gesagt habe. Laßt mich reden.« Die meisten der übrigen Frauen nickten. Khiale schnaubte. Sevanna behielt ihr Lächeln bei. Eine Weise Frau konnte nicht zur Gai'schain gemacht werden, aber es waren bereits so viele überholte Bräuche abgeschafft worden, daß andere vielleicht folgen würden.
Caddar und die Frau kamen näher, und Someryn flüsterte: »Sie hält die Macht noch immer fest.«
»Setzt Euch neben mich«, befahl Sevanna ihr eilig.
»Berührt mein Bein, wenn sie die Macht lenkt,« Es ärgerte sie maßlos, aber sie mußte es wissen.
Sie setzte sich mit untergeschlagenen Beinen hin, und die anderen folgten ihrem Beispiel, wobei sie eine Lücke für Caddar und die Frau ließen. Someryn saß Sevanna so nahe, daß sich ihre Knie berührten. Sevanna wünschte, sie hätte einen Stuhl.
»Ich grüße Euch, Caddar«, sagte sie trotz seiner vorherigen Beleidigung förmlich. »Nehmt Platz, Ihr und Eure Frau.«
Sie wollte sehen, wie die Aes Sedai reagierte, aber sie wölbte nur eine Augenbraue und lächelte träge. Ihre Augen waren genauso schwarz wie seine - so schwarz wie die eines Raben. Die übrigen Weisen Frauen zeigten Kühle. Hätten die Aes Sedai Rand al'Thor nicht bei den Brunnen entkommen lassen, hätten sie gewiß alle getötet oder gefangen genommen. Diese Aes Sedai mußte sich dessen bewußt sein, da Caddar eindeutig Bescheid wußte, aber sie wirkte ganz und gar nicht ängstlich.
»Dies ist Maisia«, sagte Caddar und ließ sich ein kleines Stück abseits von der für ihn freigelassenen Lücke nieder. Er wollte aus einem unbestimmten Grund nicht gern auf Armeslänge herankommen. Vielleicht fürchtete er Dolche. »Ich habe Euch gesagt, Ihr solltet eine einzige Weise Frau heranziehen, Sevanna, nicht sechs. Manche Menschen sind vielleicht mißtrauisch.« Er schien aus einem unbestimmten Grund belustigt.
Die Frau, Maisia, hielt in ihrer Bewegung, ihre Röcke zu glätten, inne, als er ihren Namen nannte, und sah ihn überaus zornig an. Vielleicht hatte sie ihre Identität verborgen halten wollen. Sie sagte jedoch nichts. Kurz darauf setzte sie sich neben ihn, und ihr Lächeln kehrte so schnell zurück, als wäre es niemals verschwunden. Sevanna war nicht zum ersten Mal dankbar dafür, daß Feuchtländern ihre Empfindungen ins Gesicht geschrieben standen.
»Ihr habt den Gegenstand mitgebracht, mit dem Rand al'Thor kontrolliert werden kann?« Warum sollte sie die Form wahren, wenn er so unhöflich war? Sie konnte sich nicht daran erinnern, daß er sich bei ihrer ersten Begegnung ebenso verhalten hätte. Vielleicht ermutigte ihn die Aes Sedai dazu.
Caddar sah sie fragend an. »Nun, wenn Ihr ihn nicht habt?«
»Ich werde ihn bekommen«, sagte sie ruhig, und er lächelte. Maisia lächelte ebenfalls.
»Also darin.« Seine Miene drückte deutlich Zweifel und Unglaube aus, während sich die Frau lustig machte. Auch für sie könnte ein schwarzes Gewand gefunden werden. »Was ich besitze, wird Rand kontrollieren, wenn er erst gefangen ist, aber es kann ihn nicht überwältigen. Ich werde es nicht riskieren, daß er von mir erfährt, bevor Ihr ihn in sicherem Gewahrsam habt.« Er schien durch das Eingeständnis nicht im geringsten beschämt.
Sevanna verdrängte ihre Enttäuschung. Eine Hoffnung war geschwunden, aber andere blieben. Rhiale und Tion falteten die Hände und blickten starr geradeaus, über den Kreis und über Caddar hinaus. Er verdiente es nicht mehr, daß man ihm zuhörte. Aber sie wußten natürlich nicht alles.
»Was ist mit den Aes Sedai? Kann dieser Gegenstand sie ebenfalls kontrollieren?« Rhiale und Tion wurden wieder aufmerksamer. Belindes Augenbrauen zuckten, und Meira sah sie tatsächlich an. Sevanna hätte ihre mangelnde Selbstbeherrschung verfluchen mögen.
Caddar war jedoch genauso blind wie alle Feuchtländer. Er warf den Kopf zurück und lachte. »Wollt Ihr damit behaupten, Ihr hättet al'Thor verfehlt, aber Aes Sedai gefangengenommen? Ihr habt nach dem Adler gegriffen und Lerchen erwischt!«
»Könnt Ihr für die Aes Sedai dasselbe beschaffen?«
Sie hätte am liebsten mit den Zahnen geknirscht. Er war früher gewiß weitaus freundlicher gewesen.
Er zuckte die Achseln. »Vielleicht wenn der Preis stimmt.« Es bedeutete ihm nichts, es war unwichtig. Auch Maisia zeigte keine Besorgnis. Seltsam, wenn sie eine Aes Sedai war. Aber sie mußte es sein.
»Ihr habt eine flinke Zunge, Feuchtländer«, sagte Tion tonlos. »Welchen Beweis habt Ihr?« Dieses eine Mal hatte Sevanna nichts dagegen, daß sie unaufgefordert sprach.
Caddars Gesicht spannte sich dermaßen an, als wäre er ein Clanhäuptling, der beleidigt worden wäre, aber kurz darauf lächelte er wieder. »Wie Ihr wünscht. Maisia, spielt für sie mit dem Würfel.«
Someryn bewegte ihre Röcke und preßte ihre Knöchel gegen Sevannas Oberschenkel, während der graue Würfel einen Schritt in die Luft stieg. Er sprang hin und her, als würde er von einer Hand zur anderen geworfen, neigte sich dann und drehte sich wie ein Kreisel auf einer Ecke immer schneller, bis er undeutlich wurde.
»Würdet Ihr gern sehen, wie sie ihn auf der Nase balanciert?« fragte Caddar spöttisch.
Die dunkle Frau blickte starr geradeaus und lächelte jetzt eindeutig gezwungen. »Ich glaube, ich habe gerade genug bewiesen, Caddar«, sagte sie kalt. Aber der Würfel drehte sich weiterhin.
Sevanna wartete ab, bis sie langsam bis zwanzig gezählt hatte, bevor sie sagte; »Das genügt.«
»Ihr könnt jetzt aufhören, Maisia«, sagte Caddar. »Stellt ihn wieder hin.« Erst da sank der Würfel langsam herab und schmiegte sich sanft an seinen ursprünglichen Platz, Obwohl die Frau eine dunkle Hautfarbe besaß, wirkte sie jetzt blaß und beinahe zornig.