Wäre sie allein gewesen, hätte Sevanna gelacht und getanzt. Sie hatte Mühe, eine ausdruckslose Miene beizubehalten. Rhiale und die anderen waren zu sehr in ihre hochmütige Betrachtung Maisias vertieft, um es zu bemerken. Was mit der Gabe bei einer Frau gelang, würde auch bei einer anderen gelingen. Bei Someryn und Modarra hatte es vielleicht keinen Zweck, aber bei Rhiale, und bei Therava... Sie durfte keinen zu eifrigen Eindruck erwecken, nicht, wenn die anderen wußten, daß es keine gefangengenommenen Aes Sedai gab.
»Natürlich«, fuhr Caddar fort, »wird es eine Weile dauern, Euch das Gewünschte zu beschaffen.« Er nahm einen verschlagenen Ausdruck an und versuchte, es zu verbergen. Ein anderer Feuchtländer hätte es vielleicht nicht bemerkt. »Ich warne Euch, der Preis wird nicht gering sein.«
Sevanna beugte sich wider Willen vor. »Und das Geheimnis, wie Ihr so schnell hierher gelangt seid? Wieviel würde es kosten, wenn sie uns das lehrte?« Es gelang ihr, die Stimme zu beherrschen, aber sie fürchtete, daß die Verachtung, die sie empfand, hörbar war. Feuchtländer würden für Gold alles tun.
Vielleicht hatte der Mann ihre Verachtung herausgehört. Seine Augen weiteten sich jedenfalls überrascht, bevor er sich wieder beherrschte. Er betrachtete seine Hände und verzog leicht die Mundwinkel. Warum sollte sein Lächeln erfreut scheinen? »Das tut sie nicht«, sagte er glatt. »Nicht selbst. Es ist wie mit dem Würfel. Ich kann Euch einige beschaffen, aber deren Preis ist noch höher. Ich bezweifle, daß das genügt, was Ihr von Cairhien zusammengetragen habt. Glücklicherweise könnt Ihr die ... Reisekästen dazu benutzen, Eure Leute in reichere Länder zu verbringen.«
Selbst Meira fühlte sich bemüßigt, ihre Miene nicht zu gierig erscheinen zu lassen. Reichere Länder, und keine Notwendigkeit, sich einen Weg durch diese Narren zu bahnen, die Rand al'Thor folgten.
»Erzählt mir mehr«, sagte Sevanna kühl. »Reichere Länder könnten interessant sein.« Aber nicht interessant genug, sie den Car'a'carn vergessen zu lassen. Caddar würde ihr alles geben, was er versprochen hatte, bevor sie ihn zum Da'tsang erklärte. Gut, daß er Schwarz anscheinend mochte. Dann wäre es nicht nötig, ihm Gold zu geben.
Der Beobachter geisterte lautlos durch den Wald. Es war wunderbar, was man durch einen solchen Würfel erfahren konnte, besonders in einer Welt, in der es anscheinend nur zwei andere gab. Man konnte dem roten Gewand leicht folgen, und sie schauten niemals zurück, nicht einmal, um nachzusehen, ob jemand der sogenannten Aiel ihnen folgte. Graendal behielt die Spiegelmaske bei, die ihre wahre Gestalt verbarg, aber Sammael hatte seine abgelegt, zeigte wieder seinen goldenen Bart und ragte mit Kopf und Schultern über ihr auf. Er hatte die Verbindung zwischen ihnen ebenfalls aufgegeben. Der Beobachter fragte sich, ob das unter den gegebenen Umstanden klug war. Er hatte sich immer schon gefragt, wieviel von Sammaels berühmter Tapferkeit in Wahrheit Dummheit und Verblendung war. Aber der Mann hielt Saidin fest. Vielleicht war er sich der Gefahr doch nicht so vollkommen unbewußt.
Der Beobachter folgte und lauschte. Sie hatten keine Ahnung. Die Wahre Macht, unmittelbar vom Großen Herrn herangezogen, war weder sichtbar noch konnte sie außer von demjenigen, der sie führte, entdeckt werden. Schwarze Flecken trübten seine Sicht. Natürlich hatte sie ihren Preis, der sich mit jedem Gebrauch der Macht erhöhte, aber er war stets bereit gewesen, ihn zu bezahlen, wenn es nötig war. Von der Wahren Macht erfüllt zu sein, war fast, als knie man unter Shayol Ghul und sonne sich im Ruhm des Großen Herrn. Der Ruhm war den Schmerz wert.
»Natürlich mußte ich dich bei mir haben«, grollte Sammael, während er über abgestorbene Ranken stolperte. Er hatte sich außerhalb von Städten niemals heimisch gefühlt. »Du hast ihnen allein schon hundert Fragen beantwortet, indem du dort warst. Ich kann kaum glauben, daß dieses törichte Mädchen tatsächlich von sich aus vorgeschlagen hat, was ich wollte.« Er lachte bellend. »Vielleicht bin ich selbst ein Ta'veren.«
Ein Zweig, der Graendal im Weg war, schnellte zurück, bis er mit scharfem Krachen brach. Er schwebte einen Moment in der Luft, als beabsichtige Graendal, ihren Gefährten zu schlagen. »Dieses törichte Mädchen wird dir das Herz herausschneiden und es verspeisen, wenn sie nur halbwegs die Gelegenheit dazu bekommt.« Der Zweig flog zur Seite. »Ich habe selbst einige Fragen. Ich hätte niemals gedacht, daß du deinen Waffenstillstand mit al'Thor länger beibehältst als notwendig, aber dies...«
Der Beobachter wölbte die Augenbrauen. Ein Waffenstillstand? Eine Behauptung, die allem Anschein nach genauso gewagt wie falsch war.
»Ich habe seine Entführung nicht angeordnet, aber Mesaana hatte damit zu tun. Vielleicht auch Demandred und Semirhage, trotz des Ausgangs, Mesaana jedoch mit Gewißheit. Vielleicht solltest du noch einmal darüber nachdenken, was der Große Herr damit meint, al'Thor unbeschadet zu lassen.«
Graendal dachte so angestrengt darüber nach, daß sie stolperte. Sammael ergriff ihren Arm und stützte sie, aber sobald sie ihr Gleichgewicht wiedererlangt hatte, riß sie sich los. Interessant, selbst wenn man bedachte, was auf dieser Lichtung geschehen war. Graendals wahres Interesse galt stets dem Mächtigsten und Schönsten, aber sie hätte, nur um Zeit zu gewinnen, auch mit einem Mann getändelt, den sie töten oder der sie töten wollte. Die einzigen Männer, mit denen sie niemals tändelte, waren jene Auserwählten, die eine Zeitlang über ihr standen. Sie akzeptierte es niemals, geringer wertig zu sein.
»Warum beschäftigen wir uns dann weiterhin mit ihnen?« Ihre Stimme klang angespannt obwohl sie ihre Empfindungen für gewöhnlich sehr gut beherrschte. »Al'Thor in Mesaanas Händen ist eine Sache. Al'Thor in Händen dieser Wilden ist etwas anderes. Nicht, daß sie bei ihm viele Chancen hätte. Reisekästen? Was ist das für ein Spiel? Haben sie Gefangene gemacht? Wenn du glaubst, ich würde sie Zwang lehren, dann vergiß es. Fine jener Frauen war nicht unbedeutend. Ich werde es nicht riskieren, auf Stärke und Können gleichzeitig zu treffen, weder bei ihr noch bei jemandem, den sie lehrt.«
Der Beobachter blieb stehen und schaute hinter sich. Bis auf die Augen in Fächerstoff gehüllt, sorgte er sich nicht, daß er gesehen werden könnte. Er hatte im Laufe der Jahre auf vielen Gebieten, die Sammael verachtete, Erfahrungen gesammelt.
Das plötzlich eröffnete und einen Baum in der Mitte zerteilende Wegetor erschreckte Graendal. Der gespaltene Baumstamm schwankte. Jetzt wußte sie auch, daß Sammael die Quelle festhielt.
»Hast du geglaubt, ich hatte ihnen die Wahrheit gesagt?« fragte Sammael spöttisch. »Kleine Steigerungen in der allgemeinen Verwirrung sind genauso wichtig wie große. Sie werden hingehen, wo ich sie hinschicke, tun, was ich will, und lernen, mit dem zufrieden zu sein, was ich ihnen gebe. Wie auch Ihr, Maisia.«
Graendal ließ ihr Trugbild fahren und stand dann genauso blond wie er und genauso hellhäutig, wie sie vorher dunkelhäutig gewesen war, da. »Wenn du mich noch einmal so nennst, werde ich dich töten.« Ihre Stimme war noch ausdrucksloser als ihr Gesicht. Sie meinte es ernst. Der Beobachter spannte sich an. Wenn sie es versuchte, würde einer von beiden sterben. Sollte er eingreifen? Schwarze Flecken trübten seine Sicht jetzt stärker.
Sammael erwiderte Graendals Blick mit der gleichen Härte. »Denk daran, wer Nae'blis sein wird, Graendal«, sagte er und trat durch das Wegetor.
Sie blieb einen Moment stehen und betrachtete die Öffnung. Ein waagerechter, silberner Schlitz erschien auf einer Seite, aber bevor sich ihr Wegetor auszurichten begann, ließ sie das Gewebe zögernd fahren, so daß sich der Schlitz auf einen Punkt verkleinerte und dann erlosch. Die Haut des Beobachters hörte auf zu kribbeln, als auch er Saidar fahren ließ. Graendal folgte Sammael mit starrem Gesicht, und sein Wegetor schloß sich hinter ihr.