Eine steife, salzige Brise von der Bucht trug wundersamerweise einen Hauch Kühle heran, aber Nynaeve empfand die Nacht dennoch als bedrückend. Musik und bruchstückhaftes Lachen schwebten von der Stadt und auch schwach vom Festsaal im Palast heran. Sie war von Tylin selbst zum Ball eingeladen worden, und Elayne und Aviendha ebenfalls, aber sie hatten alle, unterschiedlich höflich, abgelehnt. Aviendha hatte gesagt, es gäbe nur einen Tanz, den sie mit Feuchtländer-Männern zu tanzen bereit wäre, was Tylin verunsichert hatte. Nynaeve selbst wäre gern hingegangen - nur ein Narr verpaßte eine Gelegenheit zu tanzen -, aber sie wußte, daß sie dann genau das getan hätte, was sie auch jetzt tat, nämlich irgendwo sitzen, sich sorgen und versuchen, sich nicht die Fingerknöchel zu zerbeißen.
Also befanden sie sich alle hier, mit Thom und Juilin in ihren Räumen eingepfercht, unruhig wie eingesperrte Katzen, während sich alle anderen in Ebou Dar amüsierten. Nun, sie war zumindest unruhig. Was könnte Birgitte aufgehalten haben? Wie lange dauerte es, einem Mann aufzutragen, sich sofort am nächsten Morgen einzufinden? Licht, die ganze Mühe war vergebens gewesen, und die Zeit zum Schlafengehen war schon längst vorüber. Wenn sie Schlaf fände, könnte sie die Erinnerungen an die schrecklichen Bootsfahrten von heute morgen verbarmen. Und am schlimmsten war, daß ihr Wettersinn sagte, daß ein Sturm aufkam, daß der Wind heulen und der Regen so dicht herabprasseln würde, daß niemand mehr zehn Fuß weit sehen könnte. Es hatte einige Zeit gedauert, bis sie verstand, wenn sie dem Wind lauschte und manchmal anscheinend Lügen hörte. Zumindest glaubte sie zu verstehen. Eine andere Art Sturm kam auf, nicht Wind oder Regen, Sie hatte keinen Beweis, aber sie würde ihre Schuhsohlen verspeisen, wenn Mat Cauthon nicht irgendwie darin verwickelt war. Sie wollte einen Monat ein Jahr lang schlafen, um die Sorgen zu vergessen, bis Lan sie mit einem Kuß weckte wie der Sonnenkönig Talia. Was natürlich lächerlich war. Es war nur eine Geschichte, noch dazu eine sehr ungehörige, und sie würde ohnehin nicht der Liebling irgendeines Mannes werden, nicht einmal Lans. Sie würde ihn jedoch irgendwie finden und sich mit ihm verbinden. Sie würde... Licht! Wenn sie sich nicht von den anderen beobachtet gefühlt hätte, wäre sie zutiefst beunruhigt auf und ab gelaufen!
Die Zeit schritt voran. Sie las den kurzen Brief, den Mat bei Tylin hinterlegt hatte, und las ihn abermals. Aviendha saß ruhig neben ihrem Stuhl mit der hohen Lehne auf den hellgrünen Bodenfliesen, wie üblich im Schneidersitz, eine goldverzierte, ledergebundene Ausgabe von Die Reisen des Jain Fernschreiter auf den Knien. Sie zeigte keine Angst, aber die Frau hätte auch mit keiner Wimper gezuckt, wenn ihr jemand eine Viper in ihr Gewand gesteckt hätte. Als sie zum Palast zurückgekehrt war, hatte sie die silberne Halskette angelegt, die sie jetzt fast Tag und Nacht trug. Außer auf der Bootsfahrt. Sie hatte gesagt, sie wollte sie nicht verlieren. Nynaeve fragte sich träge, warum sie ihr Elfenbein-Armband nicht mehr trug. Sie hatte eine Unterhaltung belauscht, in der darüber gesprochen worden war, es nicht mehr zu tragen, bis Elayne ein ähnliches Armband besäße, was wenig Sinn ergab. Dies war jedoch genauso unwichtig wie das Armband selbst. Der Brief auf ihrem Schoß erregte erneut ihre Aufmerksamkeit. Die Stehlampen in dem Wohnraum gaben helles Licht, doch Mats jungenhafte Handschrift war nur schwer lesbar. Aber es war der Inhalt des Briefes, bei dem sich Nynaeves Magen verkrampfte.
Hier gibt es nur Hitze und Fliegen, und davon können wir auch viele in Caemlyn finden.
»Bist du sicher, daß du ihm nichts erzahlt hast?« fragte sie.
Juilin hielt in seiner Handbewegung über dem Spielbrett inne und sah sie mit verletzter Unschuld an. »Wie oft soll ich dir das noch sagen?« Verletzte Unschuld war eine der Empfindungen, die Männer am besten zeigen konnten, besonders wenn sie so schuldig waren wie Füchse im Hühnerstall. Bemerkenswerterweise zeigte die Schnitzerei um den Rand des Spielbretts Füchse.
Thom, der auf der anderen Seite des mit Steinintarsien versehenen Tisches des Diebefängers saß, sah in seiner edel geschnittenen Jacke aus bronzefarbenem Tuch weder wie ein Gaukler aus noch wie der Mann, der einst Königin Morgases Geliebter gewesen war. Knorrig und weißhaarig, mit langem Schnurrbart und dichten Augenbrauen, war er von seinen klaren blauen Augen bis zu den Stiefelsohlen die enttäuschte Geduld. »Ich sehe nicht, wie wir das hätten tun können, Nynaeve«, sagte er trocken, »wenn man bedenkt, daß du uns bis heute abend fast nichts erzählt hattest. Du hättest Juilin und mich schicken sollen.«
Nynaeve schnaubte. Als wären die beiden nicht wie geköpfte Hühner herumgelaufen, seit sie angekommen waren, und hätten sich nicht auf Mats Geheiß in ihre und Elaynes Angelegenheiten eingemischt. Die drei konnten auch keine zwei Minuten zusammen sein, ohne zu tratschen. Männer konnten das niemals. Sie... Die Wahrheit war, wie sie widerwillig zugab, daß es ihnen niemals in den Sinn gekommen war, die Menschen zu benutzen. »Ihr hättet mit ihm etwas trinken gehen können«, murrte sie. »Erzählt mir nicht, daß Ihr es nicht tun würdet« So mußte es sein - daß Mat Birgitte in dem Gasthaus schmoren ließ. Dieser Mann würde den ganzen Plan noch verderben.
»Und was ist, wenn sie es getan hätten?« Elayne, die neben einem der hohen Bogenfenster lehnte und durch das weiß gestrichene eiserne Balkongitter in die Nacht schaute, kicherte. Sie tippte mit dem Fuß, obwohl es ein Wunder war, daß sie unter all den durch die Dunkelheit heranschwebenden Melodienfetzen eine einzelne erkennen konnte. »Es ist eine Nacht zum ... Trinken.«
Nynaeve sah sie stirnrunzelnd an. Elayne war schon den ganzen Abend über zunehmend seltsam gewesen. Wenn sie es nicht besser wüßte, hätte sie vermutet, daß sie sich heimlich hinausgeschlichen und einige Male an Wein genippt hatte. Oder eher einige Schlukke genommen hatte. Das wäre jedoch selbst dann unmöglich gewesen, wenn Elayne sie nicht im Auge behalten hätte. Sie alle hatten recht verhängnisvolle Erfahrungen mit zuviel Wein gemacht, und keine von ihnen hatte jemals wieder mehr als einen Becher auf einmal getrunken.
»Mein Interesse gilt Jaichim Carridin«, sagte Aviendha, schloß das Buch und legte es neben sich. Es kümmerte sie nicht, wie seltsam es wirkte, daß sie in einem blauen Seidengewand auf dem Boden saß. »Unter uns werden Schattenläufer getötet, sobald man sie entdeckt, und weder Clan noch Septime, noch Gemeinschaft oder Erstschwcster gehen dagegen an. Wenn Jaichim Carridin ein Schattenläufer ist - warum tötet Tylin Mitsobar ihn dann nicht? Warum tun wir es nicht?«
»Hier sind die Dinge ein wenig verworrener«, belehrte Nynaeve sie, obwohl sie sich dasselbe gefragt hatte. Natürlich nicht, warum Carridin nicht getötet wurde, sondern warum er noch immer kommen und gehen konnte, wie er wollte. Sie hatte ihn genau an dem Tag, nachdem man ihr Mats Brief ausgehändigt und sie Tylin gesagt hatte, was er enthielt, im Palast gesehen. Er hatte über eine Stunde mit Tylin gesprochen und war genauso ehrenvoll gegangen, wie er gekommen war. Sie hatte dies mit Elayne besprechen wollen, aber die Frage, was Mat wußte und woher, war vorrangig. Dieser Mann würde ihnen Schwierigkeiten machen. Irgendwie. Ihre Aufgabe würde mißlingen, ungeachtet dessen, was alle sagten. Ein Unwetter zog heran.
Thom räusperte sich. »Tylin ist eine schwache Königin und Carridin der Gesandte einer Macht.« Er setzte einen Stein und hielt den Blick auf das Spielbrett gerichtet. Er klang, als denke er nur laut nach. »Ein Weißmantel-Inquisitor kann dem Wesen nach kein Schattenfreund sein. Zumindest wird es in der Hochburg des Lichts so dargestellt. Wenn sie ihn gefangennimmt oder ihn auch nur anklagt, wird sie eine Weißmantel-Legion in Ebou Dar vorfinden, bevor sie blinzeln kann. Vielleicht lassen sie ihr den Thron, aber sie wäre von diesem Moment an eine Marionette, die von der Kuppel der Wahrheit geführt würde. Willst du dich noch immer nicht geschlagen geben, Juilin?« Der Diebefänger sah ihn an und beugte sich dann wütend über das Brett.