»Sieh mich nicht so an«, sagte Birgitte. »Du weißt mehr als ich. Aes Sedai und Behüter waren schon immer auch Männer und Frauen. Vielleicht ist das der Unterschied. Vielleicht sind wir uns zu ähnlich.« Ihr Lächeln geriet ein wenig schief. Es war nicht annähernd genug Wasser in dem Krug gewesen. »Das könnte vermutlich peinlich sein.«
»Könnten wir uns vielleicht auf die wichtigen Dinge beschränken?« fragte Nynaeve angespannt. »Wie beispielsweise Mat?« Elayne öffnete den Mund, um etwas auf Birgittes Feststellung zu erwidern, aber sie schloß ihn schnell wieder, und die roten Flecken auf ihren Wangen zeigten dieses Mal eindeutig Kummer.
»Nun«, fuhr Nynaeve fort. »Wird Mat morgen früh hier sein, oder ist er in einem genauso empörenden Zustand wie du?«
»Vielleicht kommt er«, sagte Birgitte, während sie einen Becher Pfefferminztee von Aviendha entgegennahm, die sich wie immer auf den Boden setzte. Elayne sah sie einen Moment stirnrunzelnd an und setzte sich dann wahrhaftig, ebenfalls im Schneidersitz, neben sie!
»Was meinst du mit ›vielleicht‹?« Nynaeve lenkte die Macht, der Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, schwebte zu ihr herüber, und wenn er geräuschvoll aufsetzte, dann hatte sie es so gewollt. Zuviel trinken und auf dem Boden sitzen. Was käme als nächstes? »Wenn er erwartet, daß wir auf Händen und Knien zu ihm kriechen...!«
Birgitte trank dankbar einen Schluck Tee und schien seltsamerweise nicht mehr so betrunken, als sie Nynaeve erneut ansah. »Ich habe es ihm ausgeredet. Ich glaube nicht, daß er es wirklich ernst gemeint hat. Er verlangt jetzt nur eine Entschuldigung und einen Dank.«
Nynaeve fielen fast die Augen aus dem Kopf. Sie hatte es ihm ausgeredet? Eine Entschuldigung? Matrim Cauthon gegenüber? »Niemals«, grollte sie.
»Wofür?« wollte Elayne wissen, als wäre es von Bedeutung. Sie gab vor, Nynaeves funkelnden Blick nicht zu bemerken.
»Für den Stein von Tear«, erklärte Birgitte, und Nynaeve wandte ruckartig den Kopf. Birgitte klang überhaupt nicht mehr betrunken. »Er sagt, er und Juilin seien in den Stein gegangen, um euch beide aus einem Kerker zu befreien, aus dem ihr nicht selbst entkommen konntet.« Sie schüttelte nachdenklich den Kopf. »Ich weiß nicht, ob ich das für jemand anderen als Gaidion getan hätte. Nicht der Stein. Er sagt, ihr hättet ihm kaum gedankt, sondern ihm das Gefühl gegeben, als sollte er dankbar sein, daß ihr ihn nicht beschimpft habt.«
Das entsprach in gewisser Weise der Wahrheit, war aber völlig entstellt. Mat hatte damals mit spöttischem Grinsen gesagt, er sei dort, um für sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Selbst da hatte er geglaubt, er könne ihnen Befehle erteilen. »Nur eine der Schwarzen Schwestern hielt im Kerker Wache«, murrte Nynaeve, »und wir hatten uns bereits um sie gekümmert.« Es stimmte allerdings, daß sie noch nicht herausgefunden hatten, wie sie die abgeschirmte Tür öffnen konnten. »Be'lal war ohnehin nicht wirklich an uns interessiert - er wollte durch uns nur Rand anlocken. Moiraine hatte ihn unseres Wissens nach zu dem Zeitpunkt vielleicht schon getötet.«
»Die Schwarze Ajah.« Birgittes Stimme klang äußerst tonlos. »Und eine der Verlorenen. Mat hat sie niemals erwähnt. Ihr schuldet ihm auf Knien Dank, Elayne. Ihr beide. Der Mann verdient Eure Anerkennung. Und Juilin ebenfalls.«
Nynaeve errötete. Er hatte niemals erwähnt...? Dieser überaus verachtungswürdige Mann! »Ich werde mich nicht bei Matrim Cauthon entschuldigen, nicht einmal auf dem Totenbett.«
Aviendha beugte sich zu Elayne und berührte ihr Knie. »Nächstschwester, ich drücke es vorsichtig aus. Wenn das alles stimmt, dann habt ihr beide Mat Cauthon gegenüber Toh. Und ihr habt es seitdem allein schon durch euer Handeln, das ich mit angesehen habe, noch schlimmer gemacht.«
»Toh!» rief Nynaeve aus. Die beiden sprachen stets über diesen Toh-Unsinn. »Wir sind keine Aiel, Aviendha. Und Mat Cauthon ist ein Dorn im Fuß jedes Menschen, dem er begegnet.«
Aber Elayne nickte. »Ich verstehe. Du hast recht, Aviendha. Aber was müssen wir tun? Du wirst mir helfen müssen, Nächstschwestcr. Ich will keine Aiel werden, aber ich ... ich will stolz auf mich sein können.«
»Wir werden uns nicht entschuldigen!« fauchte Nynaeve.
»Es macht mich stolz, dich zu kennen«, sagte Aviendha und berührte leicht Elaynes Wange. »Eine Entschuldigung ist ein Anfang, wenn es auch nicht genügt, dem Toh zu begegnen.«
»Hört ihr mir zu?« fragte Nynaeve. »Ich sagte, ich werde mich nicht entschuldigen!«
Sie sprachen einfach weiter. Nur Birgitte sah sie an und wirkte, als würde sie jeden Moment zu lachen beginnen. Nynaeve riß mit beiden Händen an ihrem Zopf. Sie hatte gewußt, daß sie Thom und Juilin hätten schicken sollen.
22
Kleine Opfer
Als stark gebeugte Frau mit einem Krückstock betrachtete Elayne blinzelnd das Schild über der Bogentür des Gasthauses und blickte dann hoffnungsvoll in die Ferne; sie wünschte, sie wäre wieder in ihrem Bett, anstatt bei Sonnenaufgang aufgestanden zu sein. Nicht, daß sie geschlafen hätte. Der Mol-Hara-Platz hinter ihr war bis auf wenige knarrende Ochsen- und Eselkarren auf dem Weg zum Markt und vereinzelte Frauen, die große Körbe auf dem Kopf trugen, verlassen. Ein einbeiniger Bettler saß mit seiner Schale an einer Ecke des Gasthauses, der erste vieler, die den Platz später übersäen würden. Sie hatte ihm bereits ein Silberstück gegeben, was schon jetzt genügte, ihn eine Woche zu ernähren, aber er steckte es mit zahnlosem Grinsen unter seinen zerrissenen Umhang und wartete weiter. Der Himmel war noch immer grau, aber der Tag versprach sengend heiß zu werden. Es war heute morgen schwierig, sich ausreichend zu konzentrieren, um die Hitze nicht als unangenehm zu empfinden.
Die letzten Überreste von Birgittes durch den Kater verursachten Kopfschmerzen pochten noch in ihrem Hinterkopf. Wenn sich ihre bescheidene Fähigkeit zu Heilen nur nicht als so gering erwiesen hätte. Sie hoffte, daß Aviendha und Birgitte in ihren TrugbildVerkleidungen heute morgen etwas Nützliches über Carridin erfahren konnten. Nicht, daß Carridin eine von ihnen auch nur von einem Schuster hätte unterscheiden können, aber es war besser, vorsichtig zu sein. Sie war stolz darauf, daß Aviendha nicht verlangt hatte, hierher mitzukommen, sondern über den Vorschlag sogar überrascht gewesen war. Aviendha glaubte nicht daß sie jemanden brauchte, der auf sie aufpaßte oder sicherstellte, daß sie etwas Nützliches tat.
Sie richtete seufzend ihr Gewand, obwohl es nicht nötig gewesen wäre. In diesem Kleid in Blau und Creme, mit etwas ebenfalls cremefarbener Vandalra-Spitze, fühlte sie sich ein wenig ... ungeschützt. Nur als sie und Nynaeve mit dem Meervolk nach Tanchico reisten, hatten sie es verschmäht, die örtliche Mode zu tragen, aber die Ebou-Dari-Mode war auf ihre sehr eigene Art fast... Sie seufzte erneut. Sie versuchte gerade, Zeit zu schinden. Aviendha hätte mitkommen und sie an der Hand führen sollen.
»Ich werde mich nicht entschuldigen«, sagte Nynaeve plötzlich über ihre Schulter. Sie umklammerte ihre grauen Röcke mit beiden Händen und starrte zur Wanderin, als warte Moghedien selbst in dem Gasthaus. »Ich werde es nicht tun!«
»Du hättest doch Weiß tragen sollen«, murmelte Elayne und erntete damit einen mißtrauischen Seitenblick. Kurz darauf fügte sie hinzu: »Du sagtest, es sei die Farbe für Begräbnisse.« Nynaeve nickte zufrieden, obwohl Elayne das nicht hatte bewirken wollen. Dies würde mißlingen, wenn sie keinen Frieden untereinander halten konnten. Birgitte hatte heute morgen einen Kräuteraufguß bereiten lassen, eine besonders bittere Mischung, weil Nynaeve behauptet hatte, sie sei nicht zornig genug, die Macht zu lenken. Weiterhin hatte sie sich höchst dramatisch darüber ausgelassen, daß Begräbnis-Weiß die einzige passende Farbe sei, hatte darauf bestanden, nicht mitzukommen, bis Elayne sie aus dem Zimmer zerrte, und hatte mindestens zwanzig Mal verkündet, sie würde sich nicht entschuldigen. Der Friede mußte gewahrt werden, aber... »Du hast zugestimmt, Nynaeve. Nein, ich will nichts mehr davon hören, daß wir anderen dich tyrannisieren. Du hast zugestimmt. Also hör auf zu schmollen.«