»Sie hat uns Eure Forderungen mitgeteilt, Meister Cauthon«, sagte Elayne förmlich. So mußte es sich anfühlen, wenn man vor dem Henker stand. Sie konnte nur den Kopf hoch erhoben halten und eine möglichst stolze Miene bewahren. »Ich möchte Euch von Herzen für die Rettung aus dem Stein danken.« So, sie hatte begonnen, und es hatte nicht weh getan. Nicht sehr.
Nynaeve stand finster dreinblickend da und preßte die Lippen immer fester zusammen. Die Frau würde ihr dies nicht allein überlassen. Elayne umarmte die Quelle, bevor sie darüber nachgedacht hatte, und lenkte einen kleinen Strang Luft, der Nynaeves Ohrläppchen wie mit einem schnippenden Finger einen leichten Schlag versetzte. Sie hob ruckartig eine Hand zum Ohr und blickte noch finsterer drein, aber Elayne wandte sich nur kühl wieder Meister Cauthon zu und wartete.
»Ich danke Euch ebenfalls«, murmelte Nynaeve schließlich mürrisch. »Von Herzen.«
Elayne rollte wider Willen die Augen. Nun, er hatte sie gebeten, leiser zu sprechen, aber dennoch schien er sie gehört zu haben. Seltsamerweise zuckte er verlegen die Achseln.
»Oh, das. Das war nichts. Wahrscheinlich hättet Ihr Euch bald darauf auch ohne meine Hilfe befreit.« Er ließ den Kopf auf die Hände sinken und preßte sich erneut das feuchte Tuch auf die Augen. »Könntet Ihr Caira beim Hinausgehen bitten, mir etwas gewürzten Wein zu bringen? Sie ist ein schlankes Mädchen, hübsch, mit herzlichem Blick.«
Elayne zitterte. Nichts? Der Mann forderte eine Entschuldigung, sie erniedrigte sich so weit, sie auszusprechen, und jetzt war es nichts? Er verdiente keinerlei Mitgefühl! Sie hielt noch immer Saidar fest und erwog, ihn mit einem weitaus stärkeren Strang als bei Nynaeve zu schlagen. Nicht daß es etwas nützte, solange er den Fuchskopf trug. Andererseits hing dieser lose herab, berührte ihn nicht. Bot er noch Schutz, wenn dem so war?
Nynaeve beendete Elaynes Überlegungen, indem sie mit gespreizten Fingern auf Mat zusprang. Elayne gelang es, zwischen die beiden zu treten und die andere Frau an den Schultern zu packen. Einen Augenblick lang standen sie, abgesehen von ihrer Körpergröße, Nase an Nase. Schließlich entspannte sich Nynaeve mit verzogenem Gesicht, und Elayne spürte, daß sie die Frau loslassen konnte.
Der Mann hielt den Kopf noch immer gesenkt und hatte nichts bemerkt. Ob ihn das Medaillon schützte oder nicht - sie hätte sich seinen Bogen aus der Ecke schnappen und ihn damit schlagen mögen, bis er schrie. Sie spürte Röte in ihre Wangen steigen: Sie hatte Nynaeve daran gehindert, alles zu verderben, und dachte nur daran, es selbst zu tun. Schlimmer noch - sie erkannte an dem spöttischen, selbstzufriedenen Lächeln Nynaeves, daß sie ihre Gedanken sehr wohl erahnte.
»Da ist noch etwas, Meister Cauthon«, verkündete Elayne und straffte die Schultern. Das Lächeln verschwand von Nynaeves Gesicht. »Wir möchten uns auch dafür entschuldigen, daß wir es so lange hinausgezögert haben, Euch unseren wohlverdienten Dank auszusprechen. Und wir entschuldigen uns ... demütig...« Darüber geriet sie ein wenig ins Stottern. »...dafür, wie wir Euch seither behandelt haben.« Nynaeve streckte flehentlich eine Hand aus, die Elayne mißachtete. »Um Euch die Tiefe unseres Bedauerns zu zeigen, versprechen wir Folgendes.« Aviendha hatte gesagt, eine Entschuldigung sei erst der Anfang. »Wir werden Euch in keiner Weise mehr herabsetzen oder erniedrigen, noch Euch aus irgendeinem Grund anschreien oder ... oder versuchen, Euch Befehle zu erteilen.« Nynaeve zuckte zusammen. Elayne preßte ebenfalls die Lippen aufeinander, hörte aber nicht auf. »Da wir Eure ehrliche Besorgnis um unsere Sicherheit erkennen, werde wir den Palast nicht mehr verlassen, ohne Euch zu sagen, wohin wir gehen, und wir werden uns Euren Rat anhören.« Licht, sie wollte keine Aiel sein, sie wollte dies alles nicht tun, aber es verlangte sie nach Aviendhas Respekt. »Wenn Ihr ... wenn Ihr der Meinung seid, daß wir uns...« Nicht, daß sie die Absicht hatte, eine Schwester-Frau zu werden - allein der Gedanke war schon ungehörig! -, aber sie mochte sie. »...daß wir uns in unnötige Gefahr begeben...« Es war nicht Aviendhas Fehler, daß Rand ihrer beider Herzen erobert hatte. Und Mins ebenfalls, »...werden wir Leibwächter akzeptieren, wenn Ihr wollt...« Schicksal oder Ta'veren oder was auch immer - was war, das war. Sie liebte beide Frauen wie Schwestern. »...und sie so lange wie möglich bei uns behalten.« Verdammt sei der Mann, daß er ihr das antat! Sie meinte nicht Mat Cauthon. »Ich schwöre dies beim Löwenthron von Andor.« Sie rang nach Atem, als wäre sie eine Meile weit gelaufen. Nynaeve wirkte wie ein in die Enge getriebener Dachs.
Mat wandte ganz: langsam den Kopf in ihre Richtung und senkte das Tuch ausreichend weit, daß gerötete Augen zu sehen waren. »Ihr klingt, als steckte Euch Eisenwurz in der Kehle, meine Dame«, sagte er spöttisch. »Ihr habt übrigens meine Erlaubnis, mich Mat zu nennen.« Verachtenswerter Mann! Er würde Höflichkeit nicht einmal erkennen, wenn sie ihn in die Nase zwickte! Sein spöttischer Blick schwenkte zu Nynaeve. »Was ist mit Euch? Ich hörte von Elayne häufig ›wir‹, aber kein Wort von Euch.«
»Ich werde Euch nicht anschreien«, schrie Nynaeve. »Und auch alles andere. Ich verspreche Euch, Euch ... Euch...!« Sie erstickte fast an ihrer Zunge, als sie erkannte, daß sie ihn mit keinem der Namen belegen durfte, die er verdiente, ohne das Versprechen bereits zu brechen. Und doch war die Wirkung ihres Ausbruchs recht zufriedenstellend.
Er erschauderte mit einem Aufschrei, ließ das Tuch fallen und umklammerte seinen Kopf mit beiden Händen. Seine Augen traten hervor. »Verfluchte Würfel«, wimmerte er. Elayne kam jäh in den Sinn, daß er eine hervorragende Quelle für eine deftige Ausdrucksweise wäre. Stallburschen schienen ihre Zungen stets in dem Moment im Zaum zu halten, wenn sie sie erblickten. Gewiß hatte sie sich vorgenommen, ihn zu zivilisieren und für Rand nützlich zu machen, aber das schloß nicht unbedingt seine Ausdrucksweise mit ein. Tatsächlich erkannte sie, daß sie eine ganze Menge nicht zu unterlassen versprochen hatte. Das darzulegen, würde Nynaeve erheblich beruhigen.
Nach einem langen Moment sagte er mit tonloser Stimme: »Danke, Nynaeve.« Er hielt inne und schluckte schwer. »Ich dachte erst, Ihr beide wärt jemand anderer in Verkleidung. Da ich anscheinend noch immer lebe, können wir uns genausogut um den Rest kümmern. Ich glaube mich zu erinnern, daß Birgitte sagte, ich sollte etwas für Euch finden. Was?«
»Ihr werdet es nicht finden«, belehrte Nynaeve ihn mit fester Stimme. Nun, vielleicht eher hart als fest, aber Elayne dachte nicht daran, sie zu rügen. Er verdiente jedes Zusammenschrecken. »Ihr werdet uns begleiten, und wir werden es gemeinsam finden.«
»Macht Ihr bereits einen Rückzieher, Nynaeve?« Seine Verachtung zeigte sich besonders in seinen Augen. »Ihr habt gerade erst versprochen zu tun, was ich sage. Wenn Ihr einen Ta'veren an einer Koppel zähmen wollt, dann fragt Rand oder Perrin um Rat und seht, welche Antwort Ihr bekommt.«
»Wir haben nichts dergleichen versprochen, Matrim Cauthon«, fauchte Nynaeve, während sie sich auf die Zehenspitzen stellte. »Ich habe nichts dergleichen versprochen!« Ihre Augen funkelten, als wollte sie sich erneut auf ihn stürzen. Sogar ihr Zopf schien sich zu sträuben.
Elayne konnte sich besser beherrschen. Sie würden nichts erreichen, wenn sie ihn zu etwas zu zwingen versuchten. »Wir werden uns Euren Rat anhören und ihn annehmen, wenn er vernünftig ist, Meister ... Mat«, schalt sie sanft. Er konnte doch nicht wirklich glauben, daß sie versprochen hätten... Als sie ihn jedoch ansah, erkannte sie, daß er es sehr wohl glaubte. Oh, Licht! Nynaeve hatte recht. Er würde Schwierigkeiten verursachen.