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Daran hielt sie sich fest. Sie lenkte erneut die Macht und hob seinen Umhang vom Stuhl zu einem angemessenen Platz an einem der Haken an der Wand, damit sie sich hinsetzen konnte, streckte den Rücken und richtete sorgfähig ihre Röcke. Es würde schwierig werden, die Meister Cauthon - Mat - und ihr selbst gegenüber gegebenen Versprechen zu halten, aber nichts, was er sagte oder tat, konnte sie berühren. Nynaeve schaute zu dem einzigen anderen Sitzplatz, einem niedrigen, mit Schnitzereien versehenen Hocker, und blieb stehen. Eine Hand zuckte zu ihrem Zopf, bevor sie die Arme verschränkte.

»Die Athan'Miere nennen es die Schale der Winde, Meister ... Mat. Es ist ein Ter'angreal...«

Schließlich durchdrang Aufregung seine Benommenheit. »Das wäre etwas, wenn man sie fände«, murmelte er. »Im Rahad.« Er schüttelte den Kopf und zuckte zusammen. »Ich sage Euch eines; Keine von Euch setzt ohne jeweils vier oder fünf meiner Rotwaffen einen Fuß auf die andere Seite des Flusses. Und auch nicht außerhalb des Palasts. Hat Birgitte Euch von der Notiz erzählt, die man mir zugesteckt hat? Ich bin sicher, daß ich es ihr gegenüber erwähnt habe. Und da sind auch noch Carridin und seine Schattenfreunde. Ihr könnt mir nicht erzählen, daß er nichts vorhätte.«

»Jeder Schwester, die Egwene als Amyrlin unterstützt, droht von der Burg Gefahr.« Leibwächter überall? Licht! Ein gefährliches Schimmern zeigte sich in Nynaeves Augen. »Wir können uns nicht verstecken, Meist ... Mat, und wir werden es auch nicht tun. Man wird sich zu gegebener Zeit um Jaichim Carridin kümmern.« Sie hatten nicht versprochen, ihm alles zu erzählen, und sie durften nicht zulassen, daß er abgelenkt würde. »Zunächst stehen wichtigere Dinge an.«

»Zu gegebener Zeit?« begann er ungläubig, aber Nynaeve unterbrach ihn.

»Je vier oder fünf?« sagte sie verärgert. »Das ist lächer...« Sie schloß einen Moment die Augen und milderte ihre Stimme ein wenig. »Ich meine, es ist nicht vernünftig. Elayne und ich. Birgitte und Aviendha. Ihr habt nicht so viele Männer. Außerdem brauchen wir wirklich nur Euch.« Letzteres klang gezwungen. Es war ein zu großes Eingeständnis.

»Birgitte und Aviendha benötigen keine Aufseher«, sagte er nachdenklich. »Diese Schale der Winde ist vermutlich wichtiger als Carridin, aber... Es scheint nicht richtig, Schattenfreunde frei herumlaufen zu lassen.«

Nynaeves Gesicht wurde allmählich purpurfarben. Elayne warf einen Blick in den Standspiegel und war erleichtert zu sehen, daß sie zumindest äußerlich gefaßt blieb. Der Mann war verachtenswert! Aufseher? Sie war sich nicht sicher, was schlimmer wäre: daß er diese beiläufige Beleidigung absichtlich angebracht hatte oder daß es Gedankenlosigkeit war.

Sie betrachtete sich erneut im Spiegel und senkte ihr Kinn ein wenig. Aufseher! Sie war die Gelassenheit in Person.

Er betrachtete sie mit seinen blutunterlaufenen Augen, sah aber anscheinend nichts. »Mehr hat Birgitte Euch nicht erzählt?« fragte er, und Nynaeve erwiderte aufgebracht: »Ich denke, das war gerade genug, selbst für Euch.« Er wirkte unverständlicherweise überrascht und recht erfreut.

Nynaeve zuckte zusammen und legte dann ihre Arme fester um sich. »Da Ihr nicht in der Verfassung seid, jetzt mit uns irgendwo hinzugehen - seht mich nicht so finster an, Mat Cauthon; es ist nicht abwertend gemeint, sondern einfach die Wahrheit! -, könnt Ihr Euch im Laufe des Morgens im Palast einfinden. Aber Ihr braucht nicht zu glauben, daß wir Euch helfen, Eure Sachen zu tragen. Ich habe nicht versprochen, als Packpferd zu dienen.«

»Die Wanderin ist durchaus gut genug«, begann er verärgert und hielt dann inne, während sich ein verwunderter Ausdruck auf seinem Gesicht breitmachte. Elayne hätte es als entsetzten Ausdruck bezeichnet. Das sollte ihn lehren zu grollen, wenn sein Kopf einer Melone glich. Zumindest hatte sich ihr Kopf so angefühlt, als sie das eine Mal zuviel getrunken hatte. Aber natürlich würde er nicht daraus lernen. Männer hielten stets die Hände ins Feuer und glaubten, dieses Mal werde es sie nicht verbrennen, wie Lini stets sagte.

»Ihr könnt kaum erwarten, daß wir die Schale beim ersten Versuch finden«, fuhr Nynaeve fort, »Ta'veren oder nicht. Jeden Tag hinauszugehen, wird weitaus einfacher sein, wenn ihr nicht den Platz überqueren müßt.« Wenn sie nicht jeden Morgen auf ihn warten müßtcn, meinte sie damit Ihrer Meinung nach war Trunkenheit bei weitem nicht die einzige Entschuldigung, die er dafür finden könnte, den ganzen Tag im Bett zu bleiben.

»Außerdem«, fügte Elayne hinzu, »könnt Ihr uns so im Auge behalten.« Nynaeve gab einen Laut von sich, der einem Stöhnen nahe kam. Erkannte sie nicht, daß er gelockt werden mußte? Es bedeutete nicht, daß sie ihm tatsächlich erlaubt hätte, sie im Auge zu behalten.

Er schien sie oder Nynaeve jedoch nicht gehört zu haben. Er schaute mit gequältem Blick unmittelbar durch sie hindurch. »Warum mußten sie, verdammt noch mal, jetzt aufhören?« stöhnte er so leise, daß sie ihn kaum hörten. Was, unter dem Licht, meinte er?

»Die Räume wären einem König angemessen, Meister ... Mat. Tylin selbst hat sie ausgewählt, sie liegen unweit ihrer eigenen Räume. Die Königin hat ein sehr persönliches Interesse daran bekundet. Mat, Ihr wollt doch nicht, daß wir Tylin beleidigen, oder?«

Ein Blick in sein Gesicht genügte, daß Elayne eilig die Macht lenkte, um das Fenster zu öffnen und die Waschschüssel auszuschütten. Wenn sie jemals einen Mann erlebt hatte, der im Begriff stand, seinen Magen zu entleeren, dann sah er sie genau in diesem Augenblick an.

»Ich verstehe nicht, warum Ihr solch ein Aufhebens macht.« In Wahrheit wußte sie es vermutlich doch. Einige der Schankmädchen hier ließen sich wahrscheinlich von ihm begrapschen, aber sie bezweifelte, daß es im Palast auch so viele Frauen zulassen würden, wenn überhaupt welche. Er würde seine Nächte auch nicht mehr mit Trinken und Spielen verbringen können. Tylin würde sicherlich kein schlechtes Beispiel für Beslan zulassen. »Wir müssen alle Opfer bringen.« Hier hielt sie mühsam inne und sagte ihm nicht, daß sein Opfer nur klein und lediglich gerechtfertigt war, während ihres gewaltig und ungerechtfertigt war, ungeachtet dessen, was Aviendha behauptete. Nynaeve hatte natürlich gegen jegliches Opfer gewettert.

Er legte den Kopf erneut in die Hände und stieß unterdrückte Laute aus, während seine Schultern bebten. Er lachte! Sie hob die Waschschüssel auf einen Strang Luft und erwog, sie auf ihn zu schleudern. Als er den Blick jedoch wieder hob, wirkte er aus einem unbestimmten Grund zornig. »Opfer?« höhnte er. »Wenn ich Euch auffordern würde, dasselbe Opfer zu bringen, würdet Ihr um Euch schlagen und das Dach über meinem Kopf einstürzen lassen!« War er etwa noch immer betrunken?

Sie beschloß, seinen furchterregenden Blick nicht zu beachten. »Da wir gerade von Eurem Kopf sprechen - wenn ihr Heilung wollt, würde Nynaeve sie Euch gewiß gern gewähren.« Wenn sie jemals ausreichend zornig war, die Macht zu lenken, dann jetzt.

Nynaeve zuckte kurz zusammen und sah sie aus den Augenwinkeln an. »Natürlich«, sagte sie eilig. »Wenn Ihr wollt.« Die Farbe ihrer Wangen bestätigte alle Vermutungen Elaynes über diesen Morgen.

Er höhnte, freundlich wie immer. »Vergeßt meine Kopfschmerzen einfach. Ich komme sehr gut ohne Aes Sedai zurecht.« Und dann, sicher um die Dinge bewußt zu komplizieren, fügte er mit zögernder Stimme hinzu: »Ich danke Euch jedoch für das Angebot.« Es klang fast, als meinte er es ernst!

Elayne hätte beinahe den Mund aufgesperrt. Ihre Kenntnis über Männer war auf Rand und das beschränkt, was Lini und ihre Mutter ihr erzählt hatten. Würde Rand sie genauso verwirren wie Mat Cauthon?

Sie ermahnte sich, daß sie als letztes, bevor sie gingen, ein Versprechen von ihm fordern müßte, daß er unverzüglich zum Palast aufbräche. Nynaeve hatte ihr klargemacht, daß er sein einmal gegebenes Wort hielt, wie widerwillig auch immer, daß er aber, wenn man ihm auch nur eine Lücke ließ, hundert Möglichkeiten fände hindurchzuschlüpfen. Das hatte sie nur zu eifrig betont. Er gab das Versprechen mit freudloser, bedauernder Miene. Oder vielleicht lag es auch nur wieder an seinen Augen. Als sie die Waschschüssel zu seinen Füßen absetzte, wirkte er tatsächlich dankbar. Sie würde kein Mitleid empfinden. Sie würde es nicht tun.