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Als sie sich wieder im Gang befanden und die Tür zu Mats Zimmer geschlossen war, reckte Nynaeve eine Faust zur Decke. »Dieser Mann könnte die Geduld eines Steins strapazieren! Ich bin froh, daß er sich selbst um seinen Kopf kümmern will! Hörst du mich?

Froh! Er wird uns Schwierigkeiten machen. Er wird es tun.«

»Ihr beide werdet ihm mehr Schwierigkeiten machen, als er es selbst jemals tun könnte.« Die Sprecherin schritt durch den Gang auf sie zu, eine Frau mit einer Spur Grau im Haar, einem strengen Gesicht und einer befehlsgewohnten Stimme. Sie runzelte leicht die Stirn. Trotz des Hochzeitsdolchs in ihrem Ausschnitt war sie zu hellhäutig für eine Ebou Dari. »Ich konnte es nicht glauben, als Caira es mir sagte. Ich bezweifle, daß ich jemals zuvor so viel Torheit in nur zwei Gewändern gesehen habe.«

Elayne betrachtete die Frau von oben bis unten. Sie war es nicht einmal als Novizin gewohnt gewesen, in diesem Tonfall angesprochen zu werden. »Und wer könntet Ihr sein, gute Frau?«

»Ich könnte Setalle Anan, die Besitzerin dieses Gasthauses, sein, und ich bin es auch, Kind«, antwortete die Frau trocken, und mit diesen Worten öffnete sie schwungvoll eine Tür auf der anderen Seite des Ganges, ergriff sie beide an je einem Arm und drängte sie so schnell hindurch, daß Elayne das Gefühl hatte, ihre Füße schwebten über dem Boden.

»Hier liegt anscheinend ein Mißverständnis vor«, sagte sie kühl, als die Frau sie losließ, um die Tür zu schließen.

Nynaeve war nicht in der Stimmung, Spitzfindigkeiten auszutauschen. Sie hielt ihre Hand so, daß der Große Schlangenring deutlich sichtbar war, und sagte erregt: »Nun, seht her...«

»Sehr hübsch«, erwiderte die Frau und stieß sie beide so hart voran, daß sie sich nebeneinander auf dem Bett sitzend wiederfanden. Elaynes Augen weiteten sich ungläubig. Diese Herrin Anan stellte sich ihnen mit grimmigem Gesicht und in die Hüften gestemmten Fäusten gegenüber, das vollkommene Bild einer Mutter, die ihre Töchter maßregeln will. »Damit zu protzen, zeigt nur, wie töricht Ihr seid. Dieser junge Mann wird Euch auf seinen Knien schaukeln - eine auf jedem Knie würde mich nicht wundern, wenn Ihr es gestattet -, er wird Euch einige Küsse rauben und soviel mehr, wie Ihr bereit seid zu geben, aber er wird Euch nichts antun. Ihr könnt ihm jedoch etwas antun, wenn Ihr so weiter macht.«

Ihm etwas antun? Die Frau dachte, sie ... sie glaubte, er hätte mit ihnen getändelt... sie dachte... Elayne wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, aber sie erhob sich und richtete ihre Röcke. »Wie ich bereits sagte, Herrin Anan, hier liegt ein Mißverständnis vor.« Ihre Stimme wurde sanfter, als sie weitersprach, da ihre Verwirrung zu Ruhe wurde. »Ich bin Elayne Trakand, Tochter-Erbin von Andor und Aes Sedai der Grünen Ajah. Ich weiß nicht, was Ihr glaubt...« Sie mußte beinahe schielen, als Herrin Anan einen Finger an ihre Nasenspitze hielt.

»Elayne, wenn das Euer Name ist, das einzige, was mich davon abhält, Euch hinunter in die Küche zu befördern und Euch und diesem anderen törichten Mädchen dort den Mund auszuwaschen, ist die Möglichkeit, daß Ihr vielleicht tatsächlich die Macht lenken könnt. Oder seid ihr so einfältig, diesen Ring zu tragen, wenn Ihr nicht einmal das tun könnt? Ich warne Euch, es bedeutet für die Schwestern drüben im Tarasin-Palast keinen Unterschied. Wißt Ihr überhaupt von ihnen? Wenn ja, seid Ihr offen gestanden nicht nur töricht, sondern auch blind und dumm.«

Elaynes Geduld schwand mit jedem Wort. Töricht? Blind und dumm? Das würde sie sich nicht nachsagen lassen, besonders nicht, nachdem sie gezwungen gewesen war, vor Mat Cauthon zu kriechen. Auf den Knien schaukeln? Mat Cauthon? Sie bewahrte äußerlich die Fassung, aber Nynaeve nicht.

Sie sah die Frau zornerfüllt an, und das Schimmern Saidars umgab sie, als sie aufsprang. Stränge Luft hüllten Herrin Anan von den Schultern bis zu den Knöcheln ein und drückten ihre Röcke und Unterkleider gerade ausreichend eng an ihre Beine, daß sie hätte stürzen können. »Ich bin zufällig eine jener Schwestern im Palast. Nynaeve al'Meara von der Gelben Ajah, um genau zu sein. Wollt Ihr also, daß ich Euch in die Küche befördere? Ich weiß über das Mundauswaschen bestens Bescheid.« Elayne trat vom ausgestreckten Arm der Besitzerin des Wirtshauses fort.

Die Frau mußte den Druck der Stränge spüren, und selbst ein Schwachsinniger hätte gewußt, was diese unsichtbaren Fesseln zu bedeuten hatten, und doch blinzelte sie nicht einmal! Ihre grün gefleckten Augen verengten sich nur. »Also kann zumindest eine von Euch die Macht lenken«, sagte sie gelassen. »Ich sollte ruhig zulassen, daß Ihr mich in die Küche bringt, Kind. Was auch immer Ihr tut - Ihr würdet Euch bereits zur Mittagszeit in den Händen wahrer Aes Sedai befinden, darauf wette ich.«

»Habt Ihr mich nicht verstanden?« fauchte Nynaeve. »Ich...!«

Herrin Anan hielt nicht einmal inne. »Ihr werdet nicht nur die nächsten Jahre mit Wehklagen verbringen, sondern werdet es auch vor all jenen tun, denen Ihr erzählt habt, daß Ihr Aes Sedai wärt. Seid versichert, daß sie Euch zwingen werden zu gestehen. Sie werden Euch von innen nach außen kehren. Ich sollte Euch weitere Fehler machen lassen oder zum Palast hinüber laufen, sobald Ihr mich freilaßt. Der einzige Grund, warum ich es nicht tue, ist, daß sie genauso an Lord Mat ein Exempel statuieren würden wie an Euch, wenn sie auch nur vermuten, daß er Euch geholfen hat, und wie ich bereits sagte, mag ich den jungen Mann.«

»Ich sage Euch...« Nynaeve versuchte es erneut, aber die Besitzerin des Wirtshauses ließ ihr noch immer keine Gelegenheit, zu Wort zu kommen. Wie ein Paket verschnürt, war die Frau dennoch wie ein einen Berg hinabrollender Felsblock. Sie war wie ein ganzer Bergrutsch, der alles einebnete, was auch immer ihm in den Weg geriet.

»Es nützt nichts, wenn Ihr versucht, die Lügen aufrechtzuerhalten, Nynaeve. Ihr seht aus wie, oh, ungefähr einundzwanzig, also könntet Ihr gut zehn Jahre älter sein, wenn Ihr die verzögerte Alterung bereits erreicht hättet. Ihr könntet sogar die Stola schon vier oder fünf Jahre tragen - wenn nicht eines wäre.« Sie wandte den Kopf, den einzigen Körperteil, den sie bewegen konnte, zu Elayne. »Ihr, Kind, seid nicht alt genug, um schon der verzögerten Alterung zu unterliegen, und keine so junge Frau wie Ihr hat jemals die Stola getragen. In der Geschichte der Burg niemals. Wenn Ihr jemals in der Burg wart, wette ich, daß Ihr Weiß trugt und jedes Mal zusammenschrakt, wenn die Herrin der Novizinnen in Eure Richtung blickte. Ihr habt Euch den Ring von irgend einem Goldschmied anfertigen lassen - einige sind ausreichend töricht, wie ich hörte -, oder vielleicht hat Nynaeve ihn für Euch gestohlen. Wie dem auch sei, da Ihr keine Schwester sein könnt, kann sie ebenfalls keine Schwester sein. Keine Aes Sedai würde mit einer Frau reisen, die diesen Status nur vorgibt.«

Elayne runzelte die Stirn und merkte nicht, daß sie auf ihrer Unterlippe kaute. Langsam. Ganz langsam. Woher hatte eine Wirtin in Ebou Dar solche Kenntnisse? Vielleicht war Setalle Anan als Mädchen zur Burg gegangen, obwohl sie nicht lange dort geblieben wäre, da sie offensichtlich nicht die Macht lenken konnte. Elayne hätte es erkannt, selbst wenn ihre Fähigkeit genauso gering war wie die ihrer Mutter, und Morgase Trakand hatte nur eine solch geringe Fähigkeit besessen, daß sie wahrscheinlich innerhalb von sechs Wochen fortgeschickt worden wäre, wenn sie nicht die Tochter-Erbin gewesen wäre.