Выбрать главу

»Laß sie los, Nynaeve«, sagte Elayne lächelnd. Sie war der Frau bereits wohler gesonnen. Es mußte schrecklich gewesen sein, diese Reise nach Tar Valon zu unternehmen, nur um wieder fortgeschickt zu werden. Es gab keinen Grund, warum die Frau ihnen glauben mußte - etwas daran gefiel ihr nicht, aber sie konnte es nicht benennen -, überhaupt keinen Grund, aber wenn sie die Reise nach Tar Valon unternommen hatte, würde sie vielleicht tatsächlich über den Mol-Hara-Platz gehen. Merilille, oder jede andere Schwester, konnte ihr den Kopf zurechtrücken.

»Sie loslassen?« keuchte Nynaeve. »Elayne!«

»Laß sie los. Herrin Anan, ich erkenne, daß die einzige Möglichkeit, Euch zu überzeugen...«

»Der Amyrlin-Sitz und drei Sitzende könnten mich nicht überzeugen, Kind.« Licht, ließ sie jemals jemanden einen Satz beenden? »Nun, ich habe keine Zeit für weitere Spiele. Ich kann Euch beiden helfen. Ich kenne jedenfalls jene, die dazu in der Lage sind, einige Frauen, die abgeirrt sind. Ihr habt es Lord Mat zu verdanken, daß ich bereit bin, Euch zu ihnen zu bringen, aber ich muß es wissen. Wart Ihr beide jemals in der Burg, oder seid Ihr Wilde? Und wenn Ihr dort wart - wurdet Ihr fortgeschickt, oder seid Ihr davongelaufen? Die Wahrheit. Sie behandeln jeden Fall anders.«

Elayne zuckte die Achseln. Sie hatten erledigt, weshalb sie hergekommen waren. Sie war nicht bereit, noch mehr Zeit zu verschwenden, sondern wollte mit dem weitermachen, was als nächstes getan werden mußte. »Wenn Ihr Euch nicht überzeugen lassen wollt, dann war das alles. Nynaeve? Es ist Zeit zu gehen.«

Die Stränge um die Wirtin schwanden und das Schimmern um Nynaeve ebenfalls, aber Nynaeve beobachtete die Frau weiterhin wachsam und hoffnungsvoll. Sie benetzte ihre Lippen »Ihr kennt einige Frauen, die uns helfen können?«

»Nynaeve!« rief Elayne verwundert aus. »Wir brauchen keine Hilfe. Wir sind Aes Sedai, erinnerst du dich?«

Mit einem seltsamen Blick in ihre Richtung schüttelte Herrin Anan ihre Röcke aus und beugte sich herab, um ihre hervorschauenden Unterkleider glatt zu streichen. Ihre wahre Aufmerksamkeit galt aber Nynaeve. Elayne hatte sich noch nie in ihrem Leben so vollkommen beiseite geschoben gefühlt. »Ich kenne einige Frauen, die gelegentlich Wilde oder Davongelaufene oder Frauen aufnehmen, welche die Prüfung zur Aufgenommenen oder zur Aes Sedai nicht bestanden haben. Es müssen insgesamt mindestens fünfzig sein, obwohl die Anzahl schwankt. Sie können Euch helfen, ein Leben ohne das Risiko zu führen, daß eine wahre Schwester Euch wünschen läßt, sie würde Euch die Haut abziehen und die Qual beenden. Nun, belügt mich nicht. Wart Ihr jemals in der Burg? Denn wenn Ihr davongelaufen seid, könntet Ihr genausogut beschließen zurückzukehren. Die Burg hat sogar während des Hundertjährigen Krieges fast alle Davongelaufenen gefunden, also solltet Ihr nicht denken, daß sie sich durch diese kleine Schererei jetzt aufhalten lassen werden. Tatsächlich wäre mein Vorschlag in diesem Fall, daß Ihr den Platz überquert und Euch der Gnade einer Schwester unterwerft. Obwohl ich fürchte, daß es nur geringe Gnade geben wird, aber Ihr könnt mir glauben, daß es mehr sein wird, als wenn sie Euch zurückholen. Ihr werdet danach nicht einmal mehr daran denken, das Gelände der Burg ohne Erlaubnis zu verlassen.«

Nynaeve atmete tief durch. »Wir wurden aus der Burg fortgeschickt, Herrin Anan. Darauf schwöre ich bei allem, was Ihr verlangt.«

Elayne sah sie ungläubig an. »Nynaeve, was sagst du da? Herrin Anan, wir sind Aes Sedai.«

Herrin Anan lachte. »Kind, laßt mich mit Nynaeve reden; die ist zumindest alt genug, um Vernunft zu zeigen. Erzählt das dem Zirkel, und sie werden es nicht freundlich aufnehmen. Es wird sie nicht kümmern, daß Ihr die Macht lenken könnt. Sie können es auch, und sie werden Euch den Hintern versohlen oder Euch auf die Straße werfen, wenn ihr die Törin spielt.«

»Wer ist dieser Zirkel?« fragte Elayne. »Wir sind Aes Sedai. Kommt zum Tarasin-Palast hinüber, und Ihr werdet es sehen.«

»Ich werde sie im Zaum halten«, besaß Nynaeve die Frechheit zu sagen, während sie Elayne unentwegt stirnrunzelnd und mit einer Miene ansah, als sei sie diejenige, die verrückt geworden sei.

Herrin Anan nickte nur. »Gut. Jetzt nehmt diese Ringe ab und steckt sie weg. Der Zirkel erlaubt solche Art Vortäuschung nicht. Sie würden sie Euch gleich zu Beginn nehmen und einschmelzen lassen. Obwohl Ihr, Euren Gewändern nach zu urteilen, Geld habt. Wenn Ihr es gestohlen habt, laßt es Reanne nicht wissen. Eine der ersten Regeln, die Ihr lernen müßt, lautet, nicht zu stehlen, selbst wenn Ihr verhungert. Sie wollen keine Aufmerksamkeit erregen.«

Elayne ballte die Hände zu Fäusten und verbarg sie hinter dem Rücken, als sie beobachtete, wie Nynaeve sanftmütig ihren Ring abnahm und in ihre Gürteltasche steckte. Nynaeve, die jedesmal aufheulte, wenn Merilille oder Adeleas oder eine der anderen vergaßen, daß sie eine vollwertige Schwester war!

»Vertrau mir, Elayne«, sagte Nynaeve.

Was Elayne leichter gefallen wäre, wenn sie auch nur eine Ahnung gehabt hätte, was die Frau vorhatte. Sie vertraute ihr dennoch. Überwiegend. »Ein kleines Opfer«, murmelte sie. Aes Sedai nahmen ihre Ringe ab, wenn es nötig war, und sie hatte es auch schon getan, aber er gehörte jetzt rechtmäßig ihr. Es schmerzte sie fast körperlich, den Gold ring abzunehmen.

»Sprecht mit Eurer Freundin, Kind«, wies Herrin Anan Nynaeve ungeduldig an. »Reanne Corly wird sich nicht mit Trotz und Schmollen abgeben, und wenn Ihr mich meinen Vormittag umsonst verschwenden laßt... Kommt schon, kommt. Ihr habt Glück, daß ich Lord Mat mag.«

Elayne hielt ihre kühle Gelassenheit nur noch mühsam bei. Trotz und Schmollen? Trotz und Schmollen? Sie würde Nynaeve dorthin treten, wo es schmerzte, sobald sie die Gelegenheit dazu bekäme.

23

In Nachbarschaft einer Weberei

Nynaeve wollte mit Elayne sprechen, wenn die Gasthausbesitzerin nicht mehr zuhören würde, aber es ergab sich nicht sofort die Gelegenheit. Die Frau drängte sie wie eine Gefangenenwärterin aus dem Raum, ihre starre Ungeduld durch den vorsichtigen Blick, den sie auf Mats Tür warf, ungebrochen. Auf der Rückseite des Gasthauses führte eine weitere geländerlose Steintreppe in eine große Küche voller Backdüfte, wo die rundlichste Frau, die Nynaeve je gesehen hatte, einen großen Holzlöffel wie ein Zepter schwang und drei weitere Frauen anwies, knusprige braune Brotlaibe aus den Öfen zu nehmen und durch Rollen hellen Teigs zu ersetzen. Ein großer Topf grobkörniger, weißer Haferbrei, der hier zum Frühstück gegessen wurde, köchelte sanft auf einem der weiß gekachelten Öfen.

»Enid«, sprach Herrin Anan die rundliche Frau an, »ich gehe eine Weile aus. Ich muß diese beiden Kinder zu jemandem bringen, der Zeit hat, sie angemessen zu bemuttern.«

Enid wischte sich die breiten, mehlbestäubten Hände an einem weißen Handtuch ab, während sie Nynaeve und Elayne mißbilligend betrachtete. Alles an ihr war rund, ihr schweißbedecktes, olivfarbenes Gesicht, ihre dunklen Augen, einfach alles. Sie schien aus großen, in ein Gewand gestopften Klumpen zu bestehen. Der Hochzeitsdolch, der über ihre schneeweiße Schürze herabhing, wies ein volles Dutzend funkelnder Sterne auf. »Sind das die beiden Gören, von denen Caira gesprochen hat, Herrin? Feine Häppchen für unseren jungen Herrn, würde ich sagen.« Ihrem Tonfall nach zu urteilen, amüsierte es sie anscheinend.

Die Besitzerin des Gasthauses schüttelte verärgert den Kopf. »Ich habe diesem Mädchen gesagt sie soll den Mund halten. Ich will nicht, daß in der Wanderin Gerüchte umgehen. Erinnert Caira daran, Enid, und benutzt, wenn nötig, Euren Kochlöffel, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.« Sie sah Nynaeve und Elayne so verächtlich an, daß es Nynaeve fast den Atem nahm. »Würde irgend jemand, der nur halb soviel Verstand besitzt wie sie, glauben, daß sie Aes Sedai wären? Die beiden haben ihr ganzes Geld für Gewänder ausgegeben, um den Mann zu beeindrucken, und jetzt würden sie am liebsten sterben, wenn sie ihn nicht anlächeln können. Aes Sedai!« Sie ließ Enid keine Gelegenheit zu antworten, ergriff Nynaeves Ohr mit ihrer rechten und Elaynes mit der linken Hand und hatte sie mit drei raschen Schritten in den Hof hinausgeführt.