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»Fünfzig Frauen sind nicht zwei Frauen«, flüsterte Nynaeve heftig. Sie konnten die Macht lenken. Es mußte so sein. Alles deutete darauf hin. »Es ist unvorstellbar, daß dieser Zirkel in einer Stadt mit einem Lagerraum voller Angreale besteht, ohne daß davon zumindest bekannt ist. Und wenn dem so ist...« Sie konnte nicht verhindern, daß ihre Stimme vor Zufriedenheit troff. »...werden wir die Schale ohne Meister Matrim Cauthon finden. Wir können diese lächerlichen Versprechen vergessen.«

»Sie waren keine Bestechung, Nynaeve«, sagte Elayne wie abwesend. »Ich werde sie halten, und du ebenfalls, wenn du Ehrgefühl besitzt, und das weiß ich.« Sie verbrachte absolut zuviel Zeit mit Aviendha. Nynaeve wünschte, sie wüßte, warum Elayne begonnen hatte zu glauben, daß sie alle diesem Aiel-Unsinn folgen müßten.

Elayne biß sich stirnrunzelnd auf die Unterlippe. Alle Frostigkeit war von ihr gewichen. Sie war anscheinend wieder ihr altes Selbst. Schließlich sagte sie: »Wir wären ohne Meister Cauthon niemals zu dem Gasthaus gegangen, weshalb wir auch niemals der bemerkenswerten Herrin Anan begegnet oder zu diesem Zirkel geführt worden wären. Wenn uns der Zirkel also zur Schale führt, müssen wir anerkennen, daß er der ursächliche Grund dafür war.«

Mat Cauthon. Sein Name brodelte in ihrem Kopf. Nynaeve stolperte über ihre eigenen Füße und ließ den Zopf los, um ihre Röcke zu raffen. Der Boden der Gasse war nicht so glatt wie ein gepflasterter Platz und weitaus unebener als ein Palastboden. Manchmal war eine aufgeregte Elayne besser als eine Elayne, die klar denken konnte. »Bemerkenswert«, murmelte sie. »Niemand hat uns jemals so behandelt wie Herrin Anan, Elayne, nicht einmal Menschen, die zweifelten, nicht einmal das Meervolk. Die meisten Leute wären vorsichtig, wenn eine Zehnjährige vorgibt, eine Aes Sedai zu sein.«

»Die meisten Leute wissen nicht wirklich, wie eine Aes Sedai aussieht, Nynaeve. Ich denke, sie ist einst zur Burg gegangen. Sie weiß Dinge, die sie sonst nicht wissen könnte.«

Nynaeve schnaubte und betrachtete finster den Rücken der vorauseilenden Frau. Setalle Anan mochte zehnmal, hundertmal zur Burg gegangen sein - sie würde Nynaeve al'Meara dennoch als Aes Sedai anerkennen und sich entschuldigen müssen. Und auch erfahren müssen, wie es war, am Ohr umhergezerrt zu werden! Herrin Anan schaute zurück, und Nynaeve gönnte ihr ein starres Lächeln und nickte, als wäre ihr Hals ein Scharnier. »Elayne? Wenn diese Frauen wissen, wo sich die Schale befindet... Wir müssen Mat nicht erzählen, wie wir sie gefunden haben.« Es klang leicht fragend.

»Ich sehe nicht ein, warum nicht«, erwiderte Elayne und machte dann alle ihre Hoffnungen zunichte, indem sie hinzufügte: »Aber ich muß vorsichtshalber Aviendha fragen.«

Wenn sie nicht gedacht hätte, daß Herrin Anan sie auf der Stelle verlassen würde, hätte sie geschrien.

Die gewundene Gasse wurde zu einer Straße, und es war kein sinnvolles Gespräch mehr möglich. Der schmale Rand der Sonne leuchtete blendend über die Dächer über ihnen. Elayne beschattete sehr betont ihre Augen mit einer Hand. Nynaeve weigerte sich. Es war nicht so schlimm, und sie blinzelte kaum. Ein klarer blauer Himmel spottete ihrem Wettersinn, der ihr noch immer sagte, daß ein Sturm über der Stadt hing.

Bei Tagesanbruch waren schon einige Kutschen in den gewundenen Straßen unterwegs, und mehrere Sänften, die von zwei oder manchmal vier barfüßigen Männern in grünrot gestreiften Westen getragen wurden. Karren und Wagen rumpelten über die Pflastersteine, Menschen bevölkerten allmählich die Straßen, als Ladentüren geöffnet und Markisen hochgezogen wurden, Lehrlinge in Westen erledigten eilig Botengänge, Männer mit großen zusammengerollten Teppichen auf den Schultern, Akrobaten, Jongleure und Musikanten machten sich an den Häuserecken bereit, und Straßenhändler ließen sich mit ihren Kästen mit Anstecknadeln, Bändern oder schäbigen Früchten nieder. Auf den Fisch- und Fleischmärkten herrschte schon lange Betrieb. Alle Fischhändler waren Frauen und die meisten Metzger ebenfalls, bis auf diejenigen, die mit Rindfleisch handelten.

Herrin Anan bahnte sich an Kutschen und Wagen vorbei, die anscheinend keinen Grund sahen, ihr Tempo zu verlangsamen, festen Schrittes ihren Weg durch die Menge und an reichlich vorhandenen Hindernissen vorbei. Sie schien eine wohlbekannte Person zu sein, die von Ladenbesitzern, Handwerkern und anderen Wirten, die in den Eingängen standen, gegrüßt wurde. Die Ladenbesitzer und Handwerker wurden mit ein paar Worten und einem freundlichen Nicken bedacht, aber bei Wirten blieb sie stets stehen, um einen Moment zu plaudern. Nach dem ersten wünschte sich Nynaeve inbrünstig, sie würde es nicht wieder tun. Nach dem zweiten betete sie darum. Nach dem dritten blickte sie starr geradeaus und versuchte vergebens, nicht mehr zuzuhören. Elaynes Gesicht wurde immer angespannter und kälter. Sie reckte ihr Kinn so weit empor, daß man sich wundern mußte, daß sie den Weg noch sehen konnte.

Nynaeve mußte widerwillig zugeben, daß sie allen Grund dazu hatte. In Ebou Dar konnte vielleicht jemand in einem Seidengewand über einen Platz gehen, aber nicht weiter. Jedermann sonst trug Tuch oder Leinen, selten nur bestickt, bis auf einen gelegentlichen Bettler, der sich ein abgelegtes Seidengewand angeeignet hatte, das an jeder Ecke ausgefranst und mehr Loch als Kleidung war. Sie wünschte nur, Herrin Anan hätte eine andere Erklärung dafür gefunden, warum sie sie beide durch die Straßen führte. Sie wünschte, sie mußte nicht erneut der Geschichte über zwei launische Mädchen lauschen, die all ihr Geld für vornehme Kleider ausgegeben hatten, um einen Mann zu beeindrucken. Mat kam gut bei der Geschichte weg. Verdammt sei er! Ein angenehmer junger Bursche, wenn Herrin Anan nicht verheiratet gewesen wäre, ein wunderbarer Tänzer mit nur einer Spur Verschmitztheit. Alle Frauen lachten. Sie und Elayne jedoch nicht. Nicht die geistlosen kleinen Schwärmerinnen - dieses Wort hatte sie gebraucht -, die keine Kupfermünze mehr besaßen, weil sie hinter einem Mann hergejagt waren, hirnlose Tolpatsche, die hätten betteln oder stehlen müssen, wenn Herrin Anan nicht jemanden wüßte, der ihnen vielleicht Arbeit in der Küche gäbe.

»Sie braucht nicht an jeder Absteige in der Stadt stehenzubleiben«, grollte Nynaeve, während sie vom Gasthaus Gestrandete Gans fortgingen, wo sie zusammen mit einer Wirtin, die trotz des bescheidenen Namens große Granate an ihren Ohren trug, drei langatmige Geschichten anhören mußten. Herrin Anan blickte jetzt kaum noch einmal zurück, um nachzusehen, ob sie ihr folgten. »Ihr müßt erkennen, daß wir an solchen Orten niemals unsere wahren Gesichter zeigen dürfen!«

»Das ist vermutlich genau der Punkt«, sagte Elayne eisig. »Nynaeve, wenn du uns einem Wildschwein hinterherlaufen läßt...« Es war nicht nötig, die Drohung zu beenden. Mit Birgittes und Aviendhas Unterstützung - und sie würden helfen - konnte Elayne ihr das Leben schwermachen, bis sie zufriedengestellt war.

»Sie werden uns geradewegs zu der Schale bringen«, beharrte sie und verscheuchte einen Bettler mit einer schrecklichen purpurfarbenen Narbe, die ein Auge unkenntlich machte. »Ich weiß es.« Elayne schnaubte ausdrucksvoll.

Nynaeve hatte irgendwann aufgehört, die Brücken zu zählen, die sie überquerten, große und kleine, mit darunter entlang stakenden Lastbooten. Die Sonne stieg immer höher über den Dächern auf. Herrin Anan nahm nicht den direkten Weg - sie schien tatsächlich Umwege in Kauf zu nehmen, um Gasthäuser aufzusuchen -, aber sie liefen in östlicher Richtung, und Nynaeve dachte, sie müßten dem Fluß nahe kommen, als sich die Frau mit den haselnußbraunen Augen plötzlich zu ihnen umwandte.