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»Hütet jetzt Eure Zungen. Sprecht nur, wenn Ihr angesprochen werdet. Bringt mich in Verlegenheit, und... « Mit einem letzten Stirnrunzeln und leisem Murren, daß sie wahrscheinlich gerade einen Fehler beging, bedeutete sie ihnen mit einer Kopfbewegung, ihr zu einem genau gegenüberstehenden Haus mit einem Flachdach zu folgen.

Es war kein großes Haus - zwei Stockwerke ohne Balkon, mit rissigem Verputz und an mehreren Stellen durchscheinenden Ziegelsteinen -, das keinen allzu angenehmen Standort hatte, da das laute Rattern der Webrahmen auf der einen Seite und der beißende Gestank einer Färberei auf der anderen störten. Eine Dienerin öffnete die Tür, eine bereits ergrauende Frau mit kantigem Kinn, Schultern wie ein Hufschmied und stählernem Blick, der auch nicht durch den Schweiß auf ihrem Gesicht gemildert wurde. Nynaeve folgte Herrin Anan lächelnd hinein. Irgendwo in diesem Haus lenkte eine Frau die Macht.

Die Dienerin mit dem kantigen Kinn hatte Setalle Anan offensichtlich erkannt, schien aber seltsam überrascht. Sie vollführte einen respektvollen Hofknicks, war aber dennoch eindeutig beunruhigt über ihren Besuch. Nynaeve und Elayne wurden jedoch ausdruckslos begrüßt. Sie wurden in einen Wohnraum im ersten Stock geführt, und die Dienerin belehrte sie mit fester Stimme: »Rührt Euch nicht und faßt nichts an, sonst werdet Ihr Euch Strafe einhandeln.« Dann verschwand sie.

Nynaeve sah Elayne an.

»Nynaeve, wenn eine Frau die Macht lenkt, bedeutet das nicht...« Das Gefühl änderte sich, schwoll einen Moment an, sank aber dann noch weiter ab als zuvor. »Selbst bei zwei Frauen bedeutet es nichts«, protestierte Elayne, aber sie klang zweifelnd. »Das war die unmöglichste Dienerin, die ich je erlebt habe.« Sie setzte sich auf einen roten Stuhl mit hoher Rückenlehne, und kurz darauf setzte sich auch Nynaeve hin, aber nur auf die Stuhlkante. Aus Eifer, nicht aus Nervosität. Überhaupt nicht aus Nervosität.

Der Raum war nicht sehr beeindruckend, aber die blauweißen Bodenfliesen glänzten, und die hellgrünen Wände waren frisch gestrichen. Natürlich waren nirgendwo Vergoldungen zu sehen, aber edle Schnitzereien schmückten die entlang den Wänden aufgestellten roten Stühle und mehrere kleine Tische in einem dunkleren Blau als die Fliesen. Die Leuchter aus Messing waren glänzend poliert. Sorgfältig angeordnete Immergrünzweige schmückten den gekehrten Kamin, und auch der Kaminsims war mit Reliefs versehen und nicht nur aus einfachem Stein. Die Reliefs schienen seltsam gewählt - sie stellten das dar, was die Leute in Ebou Dar die Dreizehn Sünden nannten: ein Mann, dessen Augen vor Neid fast sein ganzes Gesicht einnahmen, ein Bursche, dessen Zunge ihm vor Geschwätzigkeit beinahe bis auf die Knöchel hing, ein die Zähne fletschender Mann, der aus Habgier Münzen an seine Brust preßte, und so weiter -, aber alles in allem stellte es sie sehr zufrieden. Wer auch immer diesen Raum hatte ausstatten lassen, konnte sich auch einen frischen Außenverputz leisten, und der einzige Grund, ihn nicht zu erneuern, wäre, nicht auffallen zu wollen.

Die Dienerin hatte die Tür offen gelassen, und plötzlich drangen Stimmen aus dem Gang herein.

»Ich kann es nicht glauben, daß Ihr sie hergebracht habt.« Die Stimme der Sprecherin klang vor Ungläubigkeit und Zorn angespannt. »Ihr wißt, wie vorsichtig wir sind, Setalle. Ihr wißt mehr, als Ihr wissen solltet und das wißt Ihr mit Sicherheit.«

»Es tut mir sehr leid, Reanne«, antwortete Herrin Anan steif. »Ich habe nicht richtig darüber nachgedacht. Ich ... schwöre, daß ich für das Verhalten dieser Mädchen bürge und mich Eurem Urteil beuge.«

»Das ist nicht nötig!« Reannes Stimme klang jetzt vor Entsetzen höher. »Das heißt... Ich meine, Ihr hättet es nicht tun sollen, aber ... Setalle, verzeiht, daß ich meine Stimme erhoben habe. Sagt, daß Ihr mir vergebt.«

»Ihr habt keinen Grund, Euch zu entschuldigen, Reanne.« Die Gastwirtin klang wahrhaftig gleichzeitig kläglich und widerwillig. »Es war falsch von mir, sie herzubringen.«

»Nein, nein, Setalle. Ich hätte nicht so mit Euch sprechen dürfen. Bitte, Ihr müßt mir vergeben. Bitte verzeiht.«

Herrin Anan und Reanne Corly betraten den Raum, und Nynaeve blinzelte überrascht. Der Unterhaltung nach hatte sie eine Frau erwartet, die jünger wäre als Setalle Anan, aber Reanne hatte überwiegend graues Haar und ein Gesicht voller Falten, die vielleicht Lachfalten waren, jetzt aber eher Besorgnis ausdrückten. Warum sollte sich die ältere Frau vor der jüngeren erniedrigen, und warum sollte die jüngere es zulassen, wie halbherzig auch immer? Hier herrschten seltsamere Bräuche, als ihr lieb war. Sie war natürlich beim Frauenkreis zu Hause niemals in die Verlegenheit gekommen, sich allzu demütig zu zeigen, aber dies...

Natürlich konnte Reanne die Macht lenken - das war ohnehin zu erwarten gewesen -, aber sie hatte nicht mit ihrer Stärke gerechnet. Reanne war nicht so stark wie Elayne oder auch Nicola - verdammt sei diese Elende! -, aber sie konnte leicht mit Sheriam oder vielleicht Kwamesa oder Kiruna mithalten. Nicht viele Frauen besaßen soviel Stärke, und auch wenn sie selbst ebenfalls recht stark war, war sie doch überrascht, diese Frau hier vorzufinden. Sie mußte eine der Wilden sein. Die Burg hätte eine Möglichkeit gefunden, eine solche Frau zu verwahren, und wenn sie sie ihr Leben lang in einem Novizinnengewand gehalten hätten.

Nynaeve erhob sich, als sie den Raum betraten, und glättete ihre Röcke. Sicher nicht aus Nervosität. Gewiß nicht. Oh, wenn dies doch nur gut ausginge...

Reannes wachsame blaue Augen betrachteten Elayne und Nynaeve mit der Miene eines Menschen, der gerade zwei Schweine in seiner Küche vorgefunden hatte, frisch vom Schweinestall und vor Schlamm triefend. Sie tupfte sich mit einem kleinen Taschentuch das Gesicht ab, obwohl es im Inneren des Hauses kühler war als draußen. »Wir werden vermutlich etwas mit ihnen tun müssen«, murmelte sie, »wenn sie sind, was sie zu sein behaupten.« Ihre Stimme klang auch jetzt noch recht hoch, melodisch und jugendlich. Als sie zu Ende gesprochen hatte, zuckte sie aus einem unbestimmten Grund kurz zusammen und betrachtete die Wirtin von der Seite, wodurch eine neue Runde widerwilliger Entschuldigungen von Herrin Anan und nervöser Versuche Herrin Corlys, diese abzuwehren, begann. In Ebou Dar konnten, wenn die Menschen wahrhaft höflich waren, über eine Stunde lang Entschuldigungen ausgetauscht werden.

Elayne hatte sich mit einem etwas starren Lächeln ebenfalls erhoben. Sie sah Nynaeve mit einer gewölbten Augenbraue an, stützte ihren Ellbogen in eine Hand und legte einen Finger an ihre Wange.

Nynaeve räusperte sich. »Herrin Corly, mein Name ist Nynaeve al'Meara, und dies ist Elayne Trakand. Wir suchen...«

»Setalle hat mir alles über Euch erzählt«, unterbrach die blauäugige Frau sie unheilvoll. Wie viele graue Haare sie auch haben mochte - Nynaeve vermutete, daß sie dennoch steinhart war, »Nur Geduld, Mädchen, ich kümmere mich sofort um Euch.« Sie wandte sich wieder an Setalle, während sie ihre Wangen weiterhin mit dem Taschentuch abtupfte. Kaum unterdrückte Schüchternheit prägte ihre Stimme erneut. »Setalle, wenn Ihr mich bitte entschuldigen wollt, ich muß diese Mädchen befragen...«

»Seht nur, wer nach all diesen Jahren zurückgekehrt ist«, platzte eine kleine, stämmige Frau mittleren Alters heraus, während sie in den Raum stürzte und ihrer Begleiterin zunickte. Trotz ihres von einem roten Gürtel gehaltenen Ebou-Dari-Gewandes und einem feucht glänzenden, gebräunten Gesicht sprach sie mit rein cairhienischem Akzent. Ihre gleichermaßen verschwitzte Begleiterin in dunklem, einfach geschnittenen Tuch einer Kauffrau war einen Kopf größer, nicht älter als Nynaeve, mit dunklen, schräg stehenden Augen, einer ausgeprägten Hakennase und einem breiten Mund. »Es ist Garenia! Sie...« Sie brach verwirrt ab, als sie erkannte, daß noch andere anwesend waren.

Reanne legte wie im Gebet - oder vielleicht, weil sie jemanden schlagen wollte - die Hände zusammen. »Berowin«, sagte sie schneidend, »Ihr werdet eines Tages noch über eine Klippe hinauslaufen, bevor Ihr sie unter Euren Füßen bemerkt.«