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»Man hat Euch befohlen, still zu sein«, sagte Reanne fest. »Wenn wir beschließen, Euch zu helfen, werdet Ihr lernen müssen, daß wir nicht weniger strikten Gehorsam erwarten als die Weiße Burg selbst.« Diese letzten Worte klangen ehrfurchtsvoll. »Ich sage Euch, daß Ihr freundlicher behandelt worden wärt, wenn Ihr nicht auf diese ungebührliche Art zu uns gekommen wart.« Der Strang um Nynaeves Zopf schwand. Elayne reckte verärgert den Kopf, als auch sie losgelassen wurde.

Entsetztes Erstaunen wurde zu regelrechtem Zorn, als Nynaeve erkannte, daß Berowin ihren Schild weiterhin festhielt. Die meisten Aes Sedai, denen sie begegnet war, standen über Berowin. Fast alle. Sie faßte sich wieder und bemühte sich, die Quelle in der Erwartung anzurühren, daß die Gewebe zerstört würden. Sie würde diesen Frauen zumindest zeigen, daß sie nicht... Die Gewebe ... streckten sich aus. Die rundliche Cairhienerin lächelte, und Nynaeves Miene verdüsterte sich. Der Schild streckte sich immer weiter aus und wölbte sich wie eine Kugel vor. Er würde nicht zerstört werden. Das war unmöglich. Jeder konnte sie natürlich von der Quelle abtrennen, wenn er sie überraschte, und jemand Schwächeres konnte den einmal gewobenen Schild aufrechterhalten, aber nicht jemand so viel Schwächeres! Doch ein Schild dehnte sich nicht so weit aus, ohne zu brechen. Es war unmöglich!

»Ihr könntet eines Eurer Blutgefäße zum Platzen bringen, wenn Ihr so weitermacht«, sagte Berowin fast umgänglich. »Wir versuchen nicht, über unsere Stellung hinaus zu streben, aber die Fähigkeiten werden mit der Zeit verbessert, und dies war bei mir schon immer fast ein Talent. Ich könnte sogar einen der Verlorenen festhalten.«

Nynaeve gab stirnrunzelnd auf. Sie konnte warten. Da sie keine andere Wahl hatte, mußte sie warten.

Derys kam mit ihrem Tablett heran und verteilte Becher mit dunklem Tee an die drei sitzenden Frauen. Sie sah Nynaeve oder Elayne nicht einmal an, bevor sie einen perfekten Hofknicks vollführte und an ihren Tisch zurückkehrte.

»Wir könnten jetzt Blaubeertee trinken, Nynaeve«, sagte Elayne und warf ihr einen dermaßen finsteren Blick zu, daß sie beinahe zurückgewichen wäre. Vielleicht wäre es das beste, nicht zu lange zu warten.

»Seid still, Mädchen.« Herrin Corlys Tonfall war vielleicht ruhig, aber sie tupfte sich mit dem Taschentuch verärgert das Gesicht ab. »Unser Bericht über Euch besagt, daß Ihr beide vorlaut und streitsüchtig seid, hinter Männern herjagt und lügt. Wobei ich noch hinzufügen möchte, daß Ihr nicht einmal einfachen Anweisungen folgen könnt, was sich alles ändern muß, wenn Ihr unsere Hilfe erstrebt. Euer Verhalten ist höchst ungebührlich. Seid dankbar, daß wir bereit sind, mit Euch zu sprechen.«

»Wir bitten Euch tatsächlich um Hilfe«, sagte Nynaeve. Sie wünschte, Elayne würde aufhören, so wütend dreinzublicken. Das war noch schlimmer als der strenge Blick Herrin Corlys. Nun, mindestens genauso schlimm. »Wir müssen unbedingt ein Ter'angreal finden...«

Reanne Corly erhob die Stimme, als hätte Nynaeve schweigend dagestanden, »Normalerweise kennen wir die Mädchen, die zu uns gebracht werden, bereits vorher, aber wir müssen sichergehen, daß Ihr seid, was Ihr zu sein vorgebt. Wie viele Türen zur Bibliothek der Weißen Burg dürfen Novizinnen benutzen und welche?« Sie nahm einen Schluck Tee und wartete.

»Zwei«, antwortete Elayne giftig. »Die Haupttür zum Osten hin, wenn sie von einer Schwester geschickt werden, oder die kleine Tür an der südwestlichen Ecke, welche die Novizinnentür genannt wird, wenn sie von sich aus hingehen. Wie lange, Nynaeve?«

Garenia, die Elaynes Schild festhielt lenkte unsanft einen weiteren dünnen Strang Luft. Elayne erbebte, und Nynaeve zuckte zusammen und wunderte sich, daß sie nicht ihre Röcke umklammerte. »Höflichkeit ist ebenfalls vonnöten«, murmelte Garenia in ihren Becher.

»Das war die richtige Antwort«, sagte Herrin Corly, als sei nichts weiter geschehen, obwohl sie die Saldaeanerin kurz über ihren Becher hinweg betrachtete. »Nun, wie viele Brücken gibt es im Wassergarten?«

»Drei«, fauchte Nynaeve, hauptsächlich, weil sie es wußte. Sie hatte über die Bibliothek nichts gewußt, da sie niemals eine Novizin gewesen war. »Wir müssen wissen...« Berowin konnte sich nicht zurückhalten, einen weiteren Strang Luft zu lenken, aber Herrin Corly konnte es - und tat es. Nynaeve behielt nur mühsam eine ausdruckslose Miene bei und verschränkte die Hände in ihren Röcken, um sie ruhig zu halten. Elayne besaß die Frechheit, ihr ein kleines, frostiges Lächeln zu gönnen. Frostig, aber zufrieden.

Ein Dutzend weitere Fragen prasselten auf sie ein, angefangen davon, wie viele Stockwerke die Novizinnenquartiere umfaßten - zwölf -, bis zu der Frage, unter welchen Umständen eine Novizin zum Saal der Burg zugelassen wurde - um Nachrichten zu überbringen oder wegen eines Vergehens aus der Burg gewiesen zu werden; aus keinem anderen Grund. Sie prasselten auf sie ein, ohne daß Nynaeve mehr als zwei Worte dazu äußern konnte, und jene zwei Worte wurden von der schrecklichen Herrin Corly mit Schweigen quittiert. Sie begann sich wie eine Novizin im Saal zu fühlen, die kein Wort sprechen durfte. Das war eine der wenigen Antworten, die sie wußte, aber glücklicherweise antwortete Elayne prompt, wenn sie es nicht tat. Nynaeve hätte es vielleicht besser gemacht, wenn sie über Aufgenommene befragt worden wären, zumindest etwas besser, aber die drei Frauen interessierte, was eine Novizin wissen sollte. Sie war nur froh, daß Elayne bereitwillig mitspielte, obwohl es, nach ihren bleichen Wangen und dem emporgereckten Kinn zu urteilen, nicht mehr lange dauern konnte.

»Nynaeve war vermutlich wirklich dort«, sagte Reanne schließlich, während sie mit den anderen beiden Blicke wechselte. »Wenn Elayne sie gelehrt hätte durchzukommen, hätte sie selbst es wohl besser gemacht. Einige Menschen leben in fortwährendem Nebel.« Garenia schnaubte und nickte dann zögernd. Berowin nickte für Nynaeves Geschmack viel zu prompt.

»Bitte«, sagte sie höflich. Sie konnte höflich sein, wenn sie dazu Veranlassung hatte, was auch immer man von ihr behaupten mochte. »Wir müssen unbedingt ein Ter'angreal finden, das vom Meervolk die Schale der Winde genannt wird. Es befindet sich in einem staubigen alten Lagerraum irgendwo im Rahad, und ich glaube, daß Eure Gilde, Euer Zirkel, diesen Ort kennt. Bitte helft uns.« Drei jäh versteinerte Gesichter sahen sie an.

»Es gibt keine Gilde«, sagte Herrin Corly kühl, »nur einige Freundinnen, die in der Weißen Burg keinen Platz bekommen haben...« Wieder dieser ehrfurchtsvolle Tonfall. »...und die gelegentlich ausreichend töricht sind, eine Hand auszustrecken, wenn es nötig ist. Wir betreiben keinen Handel mit Ter'angrealen, Angrealen oder auch Sa'angrealen. Wir sind keine Aes Sedai.« ›Aes Sedai‹ hallte ebenfalls ehrfürchtig wider. »Auf jeden Fall seid Ihr nicht hier, um irgendwelche Fragen zu stellen. Wir haben noch weitere Fragen an Euch, um festzustellen, wie weit Ihr gediehen seid, woraufhin Ihr aufs Land gebracht und der Obhut einer Freundin übergeben werdet. Sie wird Euch bei sich behalten, bis wir entscheiden, was als nächstes zu tun ist. Bis wir sicher sein können, daß Euch die Schwestern nicht verfolgen. Ihr habt ein neues Leben vor Euch, eine neue Chance, wenn Ihr sie nur erkennen wollt. Was auch immer Euch von der Burg ferngehalten hat, gilt hier nicht, ob es ein Mangel an Geschicklichkeit oder Angst oder etwas anderes ist. Niemand wird Euch drängen, zu lernen oder zu tun, was Ihr nicht lernen oder tun könnt. Es genügt, was Ihr seid. Nun?«

»Es reicht«, sagte Elayne mit eisiger Stimme. »Es reicht schon lange, Nynaeve. Oder beabsichtigst du, auf dem Land wer weiß wie lange abzuwarten? Sie haben sie nicht, Nynaeve.« Sie nahm den Großen Schlangenring aus ihrer Gürteltasche und steckte ihn sich an den Finger. So wie sie die sitzenden Frauen betrachtete, hätte niemand geglaubt, daß sie abgeschirmt war. Sie war eine Königin der Geduld. Sie war vom Scheitel bis zur Sohle eine Aes Sedai. »Ich bin Elayne Trakand, Hochsitz des Hauses Trakand. Ich bin die Tochter-Erbin von Andor und Aes Sedai der Grünen Ajah, und ich fordere, sofort freigelassen zu werden.« Nynaeve stöhnte.