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»Aber einige der Gerüchte erwähnen ein Madchen als Amyrlin, Älteste. Und sie wußte...«

»Aufrührer.« Reanne legte alle zornerfüllte Ungläubigkeit in dieses eine Wort. Daß jemand es wagen sollte, sich gegen die Weiße Burg zu erheben! Es war nicht ungewöhnlich, daß sich unglaubliche Geschichten mit solchen Menschen verknüpften.

»Was ist mit Logain, und der Roten Ajah?« fragte Garenia, und Reanne sah sie starr an. Sie nippte trotzig an ihrem Tee.

»Wie auch immer die Wahrheit aussieht, Garenia, es steht uns nicht zu, etwas zu kritisieren, was Aes Sedai möglicherweise tun.« Reanne preßte die Lippen zusammen. Das stimmte kaum mit ihren Empfindungen gegenüber den Aufrührern überein, aber wie konnte eine Aes Sedai so etwas tun?

Die Saldaeanerin beugte ergeben und vielleicht auch, um ihre störrische Miene zu verbergen, den Kopf, Reanne seufzte. Sie selbst hatte die Träume von der Grünen Ajah schon vor langer Zeit aufgegeben, aber es gab Frauen wie Berowin, die insgeheim hofften, daß sie eines Tages irgendwie zur Weißen Burg zurückkehren und trotz allem Aes Sedai werden könnten. Und dann gab es Frauen wie Garenia, die ihre Wünsche beinahe genauso schlecht geheimhalten konnten, obwohl diese Wünsche noch weitaus verbotener waren. Sie hätten Wilde tatsächlich akzeptiert und wären sogar ausgezogen, um Mädchen zu finden, die gelehrt werden konnten!

Garenia war noch nicht fertig. Sie bewegte sich stets hart am Rande der Disziplin und verletzte sie auch häufig. »Was ist mit dieser Setalle Anan? Die Mädchen wußten vom Zirkel. Herrin Anan muß es ihnen gesagt haben, obwohl - wie kann sie wissen...« Sie erschauderte auf eine für andere entschieden zu auffällige Art, aber sie hatte ihre Gefühle noch nie verbergen können, auch wenn sie es sollte. »Wer auch immer uns verraten hat, muß gefunden und bestraft werden. Sie ist Gastwirtin und muß lernen, ihre Zunge zu hüten!« Berowin keuchte, die Augen entsetzt geweitet, und sank schwer auf einen Stuhl.

»Erinnert Euch, wer sie ist, Garenia«, wies Reanne sie scharf zurecht. »Wenn Setalle uns verraten hätte, würden wir jetzt bereits nach Tar Valon kriechen und den ganzen Weg um Vergebung bitten.« Als sie ursprünglich nach Ebou Dar kam, hatte man ihr die Geschichte einer Frau erzählt, die tatsächlich zur Weißen Burg kriechen mußte, und nichts, was sie bisher von Aes Sedai gesehen hatte, ließ sie dies auch nur im geringsten in Frage stellen. »Sie hat die wenigen Geheimnisse, die sie kennt, aus Dankbarkeit bewahrt, und ich bin überzeugt, daß sie noch immer Dankbarkeit empfindet. Sie wäre bei ihrer ersten Geburt gestorben, wenn die Schwesternschaft ihr nicht geholfen hätte.

Was sie weiß, hat sie von unvorsichtigen Menschen erfahren, die glaubten, sie könne sie nicht hören, und diese wurden bereits vor über zwanzig Jahren bestraft.« Dennoch wünschte sie, sie könnte sich dazu bringen, Setalle zu größerer Vorsicht zu ermahnen. Sie mußte vor diesen Mädchen unachtsam gesprochen haben.

Die Frau beugte erneut den Kopf, preßte aber die Lippen eigensinnig zusammen. Reanne beschloß, daß Garenia zumindest einen Teil dieses Turnus in Abgeschiedenheit verbringen und besondere Anweisungen erhalten müßte, um ihr eigensinniges Mundwerk unter Kontrolle zu bekommen. Alise brauchte selten länger als eine Woche, eine Frau davon zu überzeugen, daß sich Eigensinn nicht lohnte.

Bevor sie Garenia dies jedoch mitteilen konnte, stand Derys, einen Hofknicks vollführend, im Eingang und kündigte Sarainya Vostovan an. Sarainya fegte wie üblich herein, bevor Reanne sie dazu auffordern konnte. Die auffallend hübsche Frau ließ Garenia in gewisser Weise fügsam erscheinen, obwohl sie jede Regel strikt einhielt. Reanne war sich sicher, daß sie ihr Haar zu Zöpfen geflochten und mit Glöckchen geschmückt getragen hätte, wenn sie die Wahl gehabt hätte, ungeachtet dessen, wie das zu ihrem roten Gürtel gepaßt hätte. Aber andererseits hätte sie, wenn sie wiederum die Wahl gehabt hätte, auch nicht einen Turnus mit dem Gürtel gedient.

Sarainya vollführte am Eingang natürlich einen Hofknicks und kniete auch mit gesenktem Kopf vor Reanne nieder, aber selbst fünfzig Jahre hatten sie nicht vergessen lassen, daß sie eine Frau mit erheblicher Macht gewesen wäre, wenn sie sich dazu hätte überwinden können, nach Arafel zurückzukehren. Der Hofknicks und alles andere waren nur Zugeständnisse. Als sie mit rauher, kräftiger Stimme sprach, fragte sich Reanne, ob sich die Frau jemals wieder aussöhnen würde, und die Sorge um Garenia schwand aus ihren Gedanken.

»Callie ist tot, Älteste Schwester. Ihr wurde die Kehle durchschnitten, und sie wurde anscheinend bis auf die Strümpfe ausgeraubt, aber Sumeko behauptet, die Eine Macht habe sie getötet.«

»Das ist unmöglich!« platzte Berowin heraus. »Niemand aus der Schwesternschaft würde so etwas tun!«

»Und eine Aes Sedai?« entgegnete Garenia zögernd. »Aber wie? Die Drei Eide. Sumeko muß sich irren.«

Reanne hob Ruhe gebietend eine Hand. Sumeko irrte sich niemals, nicht auf diesem Gebiet. Sie wäre eine Angehörige der Gelben Ajah geworden, wenn sie während der Prüfungen zur Stola nicht vollkommen zusammengebrochen wäre, und obwohl es bei Strafe verboten war, arbeitete sie daran, mehr zu lernen, wann immer sie glaubte, daß niemand zusah. Keine Aes Sedai hätte dies tun können, und niemand aus der Schwesternschaft hätte es getan, aber... Diese so beharrlichen Mädchen, die wußten, was sie nicht wissen sollten. Der Zirkel bestand schon zu lange, hatte zu vielen Frauen Hilfe gewahrt, um jetzt vernichtet zu werden.

»Wir müssen Folgendes tun«, belehrte sie die anderen. Die angstvolle Aufregung setzte erneut ein, aber dieses Mal bemerkte sie es kaum.

Nynaeve schritt zornig von dem kleinen Haus fort. Es war unglaublich! Diese Frauen hatten eine Gilde.

Sie wußte es! Was auch immer sie sagten, sie war überzeugt, daß sie außerdem wußten, wo sich die Schale befand. Sie hätte alles getan, um sie dazu zu bringen, es ihr zu sagen. Einige Stunden lang ihnen gegenüber Fügsamkeit zu zeigen, wäre erheblich leichter gewesen, als sich wer weiß wie viele Tage mit Mat Cauthon abzufinden.

Ich hätte so ergeben sein können, wie sie wollten, dachte sie verärgert. Sie hätten mich nur für eine nachgiebige Närrin gehalten! Ich hätte... Das war eine Lüge, und das flaue Gefühl, an das sie sich sehr gut erinnerte, wäre nicht nötig gewesen, sie davon zu überzeugen. Hätte sie auch nur halbwegs die Gelegenheit dazu bekommen hätte sie jede einzeine dieser Frauen geschüttelt, bis sie ihr gesagt hätten, was sie wissen wollte.

Sie warf stirnrunzelnd einen Seitenblick zu Elayne, die gedankenverloren schien. Nynaeve wünschte, sie wüßte, woran Elayne dachte. Ein verschwendeter Vormittag und fast vollständige Demütigung. Sie mochte es nicht im Unrecht zu sein, und sie war es noch nicht gewohnt zuzugeben, daß sie tatsächlich im Unrecht war. Jetzt würde sie sich bei Elayne entschuldigen müssen. Sie haßte es wirklich, sich zu entschuldigen. Nun, es würde in ihren Zimmern vielleicht nicht ganz so schlimm sein, wenn Birgitte und Aviendha noch unterwegs waren, wie sie hoffte. Sie würde nicht auf der Straße damit beginnen, wenn wer weiß wer vorbeikommen konnte. Die Menge hatte sich verdichtet, obwohl die Sonne durch die kreisenden Wolken schreiender Meeresvögel über ihnen kaum höher zu stehen schien.

Es war nach all diesen Windungen und Biegungen nicht leicht, den Rückweg zu finden. Nynaeve mußte ein halbes Dutzend Mal nach dem Weg fragen, während Elayne jeweils in eine andere Richtung schaute und Gleichgültigkeit vorgab. Sie schritten über Brücken, wichen Wagen und Karren aus und sprangen aus dem Weg, wenn sich Sänften eilig durch die Menge schlängelten. Nynaeve wünschte, Elayne würde etwas sagen. Nynaeve wußte, wie man einen Groll pflegte, und je länger sie selbst schwieg, desto schlimmer wurde es, wenn sie sprach, so daß die Vorstellung, wie es wieder in ihren Zimmern sein würde, desto düsterer ausfiel, je länger Elayne schwieg. Das machte sie wütend. Sie hatte zugegeben, daß sie im Unrecht war, wenn auch nur sich selbst gegenüber. Elayne hatte kein Recht, sie so leiden zu lassen. Sie setzte eine Miene auf, die selbst Menschen, die ihren Ring nicht bemerkten, aus dem Weg treten ließ. Sogar einige Sänftenträger wichen ihr aus.