»Wie alt wirkte Reanne auf dich?« fragte Elayne plötzlich. Nynaeve wäre beinahe zusammengezuckt. Sie hatten fast den Mol-Hara-Platz erreicht.
»Wie fünfzig. Vielleicht sechzig. Das ist doch unwichtig.« Sie ließ ihren Blick über die Menge schweifen, um zu überprüfen, ob jemand lauschen konnte. Eine vorübergehende Straßenhändlerin, die kleine gelbe Zitronen verkaufte, erstickte nur unvollkommen einen Schrei, als Nynaeves Blick einen Moment an ihr haften blieb, woraufhin sie sich hustend und würgend über ihre Waren beugen mußte. Nynaeve schnaubte. Die Frau hatte wahrscheinlich tatsächlich gelauscht, wenn sie auch nicht vorgehabt hatte, einen Vorteil daraus zu ziehen. »Sie sind eine Gilde, Elayne, und sie wissen wahrhaftig, wo sich die Schale befindet. Ich weiß einfach, daß es so ist.« Das war überhaupt nicht das, was sie hatte sagen wollen. Wenn sie sich jetzt dafür entschuldigte, Elayne in diese Geschichte hineingezogen zu haben, wäre es vielleicht nicht so schlimm.
»Vermutlich«, sagte Elayne nachdenklich. »Ich schätze, daß sie es wissen könnten. Wie kann sie so gealtert sein?«
Nynaeve blieb mitten auf der Straße jäh stehen. Nach all dem Streit und nachdem sie buchstäblich hinausgeworfen worden waren, vermutete sie nur? »Nun, ich vermute, sie ist genauso gealtert wie wir übrigen, einen Tag nach dem anderen. Elayne, wenn du das geglaubt hast, warum hast du dann wie Rhiannon in der Burg verkündet, wer du bist?« Ihr gefiel das eher - gemäß der Geschichte, daß das, was Königin Rhiannon bekam, weit von dem entfernt war, was sie gewollt hatte.
Aber die Frage schien auf Elayne, trotz all ihrer Ausbildung, nicht anwendbar. Sie zog Nynaeve zur Vorderseite des Ladens einer Näherin mit breitem Eingang, in dem mehrere Ankleidepuppen mit halbwegs fertiggestellten Gewändern standen, als eine verhangene grüne Kutsche vorüberrumpelte. Die Straßen waren hier nicht sehr breit.
»Sie hätten uns nichts erzählt, Nynaeve, auch nicht, wenn du vor ihnen niedergekniet und darum gebettelt hättest.« Nynaeve öffnete empört den Mund und schloß ihn dann eilig wieder. Sie hatte niemals etwas von Betteln gesagt. Und außerdem - warum hätte sie die einzige sein sollen? Besser irgendeine Frau als Mat Cauthon. Elayne war jedoch nicht von ihrem Gedanken abzubringen. »Nynaeve, sie muß wie jede andere verzögert gealtert sein. Wie alt ist sie, wenn sie wie fünfzig oder sechzig aussieht?«
»Wovon sprichst du?« Nynaeve merkte sich die Örtlichkeit, ohne darüber nachzudenken. Die Arbeiten der Näherin sahen gut aus und schienen einer näheren Betrachtung wert. »Sie lenkt die Macht bestimmt nicht häufiger als notwendig, weil sie sosehr befürchtet, für eine Schwester gehalten zu werden. Daher will sie gewiß auch kein zu glattes Gesicht haben.«
»Du hast beim Unterricht wohl niemals zugehört?« murmelte Elayne. Sie sah die rundliche Näherin strahlend in den Eingang treten und zog Nynaeve zur Ecke des Gebäudes. Wenn man die Mengen Spitze an Leibchen und Unterröcken des Gewandes der Näherin bedachte, würde man näher hinsehen müssen, wenn Nynaeve etwas bei ihr bestellen wollte. »Vergiß die Kleider einen Moment, Nynaeve. Welche ist die älteste Aufgenommene, an die du dich erinnern kannst?«
Nynaeve sah Elayne ausdruckslos an. Es hatte geklungen, als denke sie niemals an etwas anderes! Und sie hatte sehr wohl zugehört. Manchmal. »Ich glaube, Elin Warrel. Sie muß ungefähr in meinem Alter sein.«
Das Gewand der Näherin wäre mit einem sittsameren Ausschnitt und weitaus weniger Spitze hübsch. In grüner Seide. Lan mochte Grün, obwohl sie ihre Kleider sicher nicht für ihn aussuchen würde. Er mochte auch Blau.
Elayne lachte so heftig, daß Nynaeve sich fragte, ob sie laut gesprochen hatte. Sie errötete zutiefst und versuchte, es zu erklären - sie war sich sicher, daß sie es erklären konnte, bei Bel Tine -, aber Elayne gab ihr keine Gelegenheit. »Elins Schwester besuchte sie, unmittelbar bevor du zu Beginn in der Burg eintrafst, Nynaeve. Ihre jüngere Schwester. Die Frau hatte graues Haar. Nun, teilweise. Sie muß über vierzig gewesen sein, Nynaeve.«
Elin Warrel war über vierzig? Aber...! »Was sagst du da, Elayne?«
Niemand konnte sie belauschen, und niemand außer der noch immer hoffnungsvoll abwartenden Näherin schien sie zu beachten, aber Elayne senkte ihre Stimme dennoch zu einem Flüstern. »Wir altern langsamer, Nynaeve. Irgendwann zwischen zwanzig und fünfundzwanzig beginnen wir langsamer zu altern. Wie sehr, hängt von unserer Stärke ab. Das gilt für jede Frau, welche die Macht lenken kann. Takima meinte, es sei der Beginn, ein altersloses Aussehen anzunehmen, obwohl ich nicht glaube, daß es jemals eine Frau erreicht hat, bevor sie die Stola mindestens ein oder zwei und manchmal auch fünf oder mehr Jahre getragen hat. Du weißt, daß jede Schwester mit grauem Haar tatsächlich alt ist, selbst wenn du es nicht erwähnen darfst. Wenn Reanne also verzögert gealtert ist, und es muß so sein, wie alt ist sie dann?«
Nynaeve kümmerte es nicht, wie alt Reanne war. Sie wollte schreien. Kein Wunder, daß jedermann sich weigerte, ihr Alter zu glauben. Und es erklärte auch, warum der Frauenzirkel zu Hause ihr über die Schulter gesehen hatte, als seien sie im Zweifel, daß sie alt genug sei, daß man ihr vollkommen vertrauen könnte. Das alterslose Gesicht einer Schwester anzunehmen, war schön und gut, aber wie lange würde es noch dauern, bis sie ihre grauen Haare hatte?
Sie blickte verärgert die Straße hinab, als sie etwas am Hinterkopf streifte. Sie wandte sich schwankend zu Elayne um. Warum hatte sie sie geschlagen? Aber Elayne lag zusammengesunken am Boden, und eine häßliche, purpurfarbene Beule bildete sich an ihrer Schläfe. Nynaeve sank auf die Knie und barg die Freundin in ihren Armen.
»Eure Freundin muß ohnmächtig geworden sein«, sagte eine Frau mit langer Nase, die sich ungeachtet ihres gelben Gewandes, das selbst nach Ebou-Dari-Maßstäben weitaus zuviel Busen zeigte, neben sie kniete. »Laßt mich Euch helfen.«
Ein großer, in seiner bestickten Seidenweste gutaussehender Bursche mit einem allerdings eher schmierigen Grinsen beugte sich herab und legte eine Hand auf Nynaeves Schulter. »Ich habe eine Kutsche hier. Wir bringen Euch an einen Ort, wo Ihr es bequemer habt als hier auf den Pflastersteinen.«
»Geht nur«, beschied Nynaeve den beiden höflich. »Wir brauchen keine Hilfe.«
Der Mann versuchte jedoch weiterhin, sie zum Aufstehen zu bewegen und zu einer roten Kutsche zu geleiten, in der eine bestürzt wirkende Frau in Blau heftig winkte. Und die Frau mit der langen Nase versuchte wahrhaftig, Elayne hochzuheben, dankte dem Mann für seine Hilfe und flötete, welch gute Idee der Gedanke mit der Kutsche sei. Eine Zuschauermenge hatte sich, anscheinend aus dem Nichts, zu einem Halbkreis versammelt, Frauen, die leise Mitgefühl dafür äußerten, in der Hitze ohnmächtig zu werden, und Männer, die sich anerboten, die Damen tragen zu helfen. Ein hagerer, überaus dreister Bursche griff vor Nynaeves Augen nach ihrer Geldbörse.
Sie fühlte sich noch immer so benommen, daß das Umarmen Saidars schwierig war, aber auch wenn all diese plappernden Leute um sie herum ihren Zorn nicht genährt hätten, hatte das, was sie auf der Straße liegen sah, es getan. Ein Pfeil mit einer stumpfen Steinspitze. Derjenige, der sie gestreift, oder derjenige, der Elayne getroffen hatte. Sie lenkte die Macht, und der hagere Taschendieb beugte sich vornüber, umklammerte seinen Leib und quiekte wie ein Schwein im Dornbusch. Ein weiterer Strang, und die Frau mit der langen Nase fiel mit einem doppelt so schrillen Schrei hintenüber. Der Mann in der Seidenweste entschied offensichtlich, daß sie seine Hilfe doch nicht benötigten, denn er wandte sich um und lief zur Kutsche, aber sie verpaßte ihm dennoch eine Abreibung. Er brüllte lauter als ein zorniger Stier, während die Frau in der Kutsche ihn an der Weste hereinzog.