»Danke, aber wir brauchen keine Hilfe«, rief Nynaeve höflich.
Nur wenige waren geblieben, die es noch hören konnten. Als deutlich wurde, daß die Eine Macht gebraucht wurde - und daß Menschen plötzlich umhersprangen und aus keinem ersichtlichen Grund schrien, machte es den meisten überdeutlich -, eilten sie davon. Die Frau mit der langen Nase rappelte sich hoch, sprang auf die rote Kutsche und klammerte sich unsicher daran, während der Kutscher in seiner dunklen Weste die Pferde mit Peitschenhieben durch die Menge drängte, so daß die Menschen beiseite springen mußten. Sogar der Taschendieb humpelte davon, so schnell er konnte.
Nynaeve hatte es nicht weniger gekümmert, wenn sich die Erde aufgetan und alle verschlungen hätte. Mit schmerzender Brust ließ sie vermischte dünne Stränge Wind und Wasser, Erde, Feuer und Geist durch Elayne fließen. Es war ein einfaches Gewebe, das trotz ihrer Schwäche und Benommenheit leicht zu gestalten war, und das Ergebnis ließ sie aufatmen. Es war keine ernstliche Verletzung. Elaynes Schädel war nicht gebrochen. Normalerweise hätte sie die Stränge in weitaus kompliziertere Gewebe umgeleitet, in die Heilung, die sie selbst entdeckt hatte. Aber im Moment konnte sie nur einfachere Gewebe gestalten. Nur mit Geist, Wind und Wasser wob sie die Heilung, welche die Gelben schon seit undenklichen Zeiten benutzt hatten.
Elayne riß die Augen auf und krampfte sich mit einem Keuchen, das ihr allen Atem zu nehmen schien, zusammen, während ihre Fersen auf dem Pflaster aufschlugen. Dies dauerte nur einen Moment, aber währenddessen schrumpfte die Beule und verschwand.
Nynaeve half ihr auf - und die Hand einer Frau mit einem Zinnbecher voll Wasser schob sich zwischen sie. »Selbst eine Aes Sedai ist nach einem solchen Erlebnis durstig«, sagte die Näherin.
Elayne griff nach dem Becher, aber Nynaeve umschloß ihr Handgelenk. »Nein, danke.« Die Frau zuckte die Achseln, und als sie sich abwandte, sagte Nynaeve in verändertem Tonfall noch einmal; »Danke.« Es schien leichter über die Lippen zu gehen, je häufiger man es sagte. Sie war sich nicht sicher, ob ihr das gefiel.
Das Meer aus Spitze wurde angehoben, als die Näherin abermals die Achseln zuckte. »Ich fertige Kleidung für jedermann. Ich kann Euch eine bessere Farbwahl empfehlen als die Eure.« Sie verschwand wieder in ihrem Laden. Nynaeve sah ihr stirnrunzelnd nach.
»Was ist passiert?« fragte Elayne. »Warum wolltest du mich nicht trinken lassen? Ich bin durstig und hungrig.«
Mit einem letzten finsteren Blick hinter der Näherin her beugte sich Nynaeve herab, um den Pfeil aufzuheben.
Elayne brauchte keine weiteren Erklärungen. Saidar schimmerte sie sofort ab. »Teslyn und Joline?«
Nynaeve schüttelte den Kopf. Die leichte Benommenheit schien zu schwinden. Sie glaubte nicht, daß diese beiden sich zu so etwas herablassen würden. Sie glaubte es einfach nicht. »Was ist mit Reanne?« fragte sie ruhig. Die Näherin hatte sich, noch immer hoffnungsvoll, wieder in den Eingang ihres Ladens gestellt. »Vielleicht will sie sich vergewissern, daß wir wirklich gehen. Oder noch schlimmer - vielleicht Garenia.« Das war fast so erschreckend, als wenn es Teslyn und Joline gewesen wären. Und weitaus ärgerlicher.
Elayne sah sogar im Zorn hübsch aus. »Wer auch immer es war, wir werden es herausfinden, du wirst sehen. Nynaeve, wenn der Zirkel weiß, wo sich die Schale befindet, können wir sie finden, aber...« Sie biß sich zögernd auf die Lippe. »Ich weiß nur einen Weg, wie wir sichergehen können.«
Nynaeve nickte langsam, obwohl sie lieber eine Handvoll Staub gegessen hätte. Der heutige Tag war ihr anfangs so heiter erschienen, aber dann hatte sich Düsterkeit auf ihn gelegt, von Reanne zu... Oh, Licht, wie lange würde es noch dauern, bis sie ihr graues Haar hatte?
»Weine nicht, Nynaeve. Mat kann nicht so schlecht sein. Er wird sie in wenigen Tagen für uns finden, ich weiß es.«
Nynaeve weinte nur noch heftiger.
25
Geistfalle
Moghedien wollte dem verhaßten Traum entfliehen, aber es nützte nichts, aufwachen oder schreien zu wollen. Der Schlaf hielt sie fester als jegliche Fesseln. Der Anfang ging schnell vorüber, flüchtig, verschwommen, ohne Gnade. Sie würde den Rest um so eher durchleben müssen.
Sie erkannte die Frau kaum, die das Zelt betrat, in dem sie gefangengehalten wurde. Halima, die Schreiberin einer dieser Närrinnen, die sich Aes Sedai nannten. Närrinnen, die sie jedoch durch den Silberring um sie herum ausreichend fest hielten und sie gehorchen ließen. Eine schnelle Bewegung, obwohl sie um Langsamkeit betete. Die Frau lenkte die Macht, um ein Licht zu entzünden, und Moghedien sah nur das Licht. Es mußte Saidan sein - unter den Lebenden konnten nur die Auserwählten die Wahre Macht berühren, die vom Dunklen König kam, und nur wenige waren ausreichend töricht, sie im dringlichsten Notfall auszuschließen -, aber das war unmöglich! Verschwommene Schnelligkeit. Die Frau nannte sich Aran'gar und kannte Moghediens Namen. Sie rief zum Krater des Verderbens, nahm die A'dam-
Halskette ab und zuckte unter einem Schmerz zusammen, den keine Frau empfinden sollte. Wieder - wie viele Male hatte sie dies getan? - wob Moghedien ein kleines Wegetor ins Zelt. Sie glitt, um sich Zeit zum Nachdenken zu verschaffen, durch die endlose Dunkelheit, aber kaum war sie auf ihre Plattform getreten, die wie ein kleiner abgeschlossener Marmorbalkon aussah und einen bequemen Stuhl aufwies, als sie schon auf den schwarzen Hängen Shayol Ghuls ankam, die für immer in Dämmerung gehüllt waren und wo Risse und Krater Dampf und Rauch und beißenden Dunst ausstießen. Ein Myrddraal kam in seiner totenschwarzen Kleidung zu ihr, wie ein fahler, augenloser Mensch, aber größer und wuchtiger als jeder andere Halbmensch. Er betrachtete sie anmaßend, nannte ungebeten seinen seltsamen Namen und befahl ihr mitzukommen. Das taten Myrddraals nicht mit Auserwählten. Jetzt schrie sie in den Tiefen ihres Geistes, daß der Traum schneller ablaufen sollte, so schnell, daß er verschwamm, daß man ihn nicht erkannte, ihn nicht wahrnahm, aber jetzt, als sie Shaidar Haran zurück zum Eingang des Kraters des Verderbens folgte, lief alles in normaler Geschwindigkeit ab und schien realer als Tel'aran'rhiod oder die wache Welt.
Tränen strömten aus Moghediens Augen und die bereits glänzenden Wangen hinab. Sie warf sich auf ihrem harten Lager hin und her, und ihre Arme und Beine zuckten, während sie vergebens aufzuwachen versuchte. Sie war sich nicht mehr bewußt, daß sie träumte - alles schien real -, aber tief vergrabene Erinnerungen blieben, und in deren Tiefen schrie der Instinkt auf und suchte zu entkommen.
Sie war mit dem schräg abfallenden Tunnel, der mit Fangzähnen versehen war und dessen Wände in hellem Licht schimmerten, wohl vertraut. Sie hatte diese Abwärtsreise seit jenem Tag vor langer Zeit, als sie zum erstenmal zum Großen Herrn kam, um Gehorsam zu geloben und ihm ihre Seele zu verschwören, schon viele Male angetreten, aber niemals so wie jetzt, niemals zu einem Zeitpunkt, als ihr Versagen in vollem Umfang bekannt war. Es war ihr zuvor immer gelungen, Fehler sogar vor dem Großen Herrn zu verbergen. Hier konnte man Dinge tun, die man nirgends sonst tun konnte. Hier geschahen Dinge, die nirgends sonst geschehen konnten.