Die Stimme versetzte sie in unvorstellbare Verzückung, aber gleichzeitig glühte die funkelnde Geistfalle plötzlich wie die Sonne auf, und sie erfuhr in ihrer Entzückung einen Schmerz, als sei sie in den Feuersee, eingetaucht. Sie verschmolz damit, heulte und schlug wie wahnsinnig um sich, schlug in endlosem Schmerz um sich, bis sie nach Jahrhunderten, nachdem nichts als Todesqual und die Erinnerung an den Schmerz geblieben war, von der Gnade der Dunkelheit vereinnahmt wurde.
Moghedien regte sich auf ihrem Lager. Nicht wieder. Bitte!
Sie erkannte die Frau kaum, die das Zelt betrat, in dem sie gefangengehalten wurde.
Bitte, schrie sie in den Tiefen ihres Geistes.
Die Frau lenkte die Macht, um ein Licht zu entzünden, und Moghedien sah nur das Licht.
Sie erschauderte tief im Schlaf und zitterte von Kopf bis Fuß. Bitte!
Die Frau nannte sich Aran'gar und kannte Moghediens Namen. Sie rief zum Krater des Verderbens und...
»Wacht auf, Frau«, sagte eine rauhe Stimme, und Moghedien öffnete ruckartig die Augen. Sie wünschte fast, der Traum kehrte wieder.
Keine Tür und kein Fenster durchbrach die nichtssagenden Steinmauern ihres kleinen Gefängnisses, und es gab auch keine Lampen, aber dennoch kam von irgendwoher Licht. Sie wußte nicht, wie viele Tage sie schon hier war, nur daß in unregelmäßigen Abständen fades Essen gebracht wurde, daß der einzige Eimer als sanitäre Einrichtung noch unregelmäßiger geleert wurde und Seife und ein Eimer mit parfümiertem Wasser irgendwo für sie bereitstanden, damit sie sich waschen konnte. Sie war sich nicht sicher, ob das eine Gnade war oder nicht. Die freudige Erregung beim Anblick eines Eimers Wasser hatte ihr verdeutlicht, wie tief sie gesunken war. Shaidar Haran war jetzt bei ihr in der Zelle.
Sie rollte sich eilig von ihrem Lager, kniete sich hin und führte ihr Gesicht zum bloßen Steinboden. Sie hatte stets getan, was auch immer nötig war, um zu überleben, und der Myrddraal hatte es sie auch nur zu gern gelehrt. »Ich grüße Euch bereitwillig, Mia'cova.« Der zusammengezogene Titel brannte auf ihrer Zunge. Er bedeutete ›Einer der mich besitzt‹ oder einfach ›Mein Besitzern Der seltsame Schild, den Shaidar Haran bei ihr verwandt hatte - Myrddraal konnten dies nicht tun, aber er tat es - war nicht ersichtlich, aber sie erwog dennoch nicht die Macht zu lenken. Die Wahre Macht war ihr natürlich verwehrt -sie konnte nur mit dem Segen des Großen Herrn herangezogen werden -, aber die Quelle marterte sie, obwohl das gerade außer Sicht befindliche Schimmern irgendwie seltsam schien. Sie erwog es noch immer nicht. Jedes Mal, wenn der Myrddraal sie aufsuchte, zeigte er ihr die Geistfalle. Es war äußerst schmerzhaft, die Macht in zu naher Entfernung des eigenen Cour'souvra zu lenken, und desto schmerzhafter, je näher er war. In dieser Nähe hätte sie vermutlich nicht einmal eine einfache Berührung der Quelle überlebt. Und das war noch die geringste der Gefahren einer Geistfalle.
Shaidar Haran kicherte rauh, beinahe trocken. Das war noch ein Unterschied bei diesem Myrddraal. Weitaus grausamer als nur blutdürstige Trollocs waren Myrddraals kalt und leidenschaftslos. Shaidar Haran zeigte jedoch häufig Belustigung. Bisher war sie froh, daß sie nur blaue Flecken hatte. Die meisten Frauen hätten jetzt schon am Rande des Wahnsinns gestanden, wenn sie nicht bereits darüber hinaus gelangt wären.
»Und wollt Ihr auch bereitwillig gehorchen?« fragte die rauhe, knirschende Stimme.
›Ja, ich möchte bereitwillig gehorchen, Mia'cova.« Was auch immer nötig war, um zu überleben. Aber sie keuchte noch immer, wenn sich kalte Finger plötzlich in ihr Haar gruben. Sie richtete sich so weit auf wie möglich, aber er half dennoch nach. Zumindest blieben ihre Füße dieses mal auf dem Boden. Der Myrddraal betrachtete sie ausdruckslos. Als sich Moghedien an vergangene Besuche erinnerte, fiel es ihr schwer, nicht zusammenzuzucken oder zu schreien oder einfach Saidar zu umarmen und dem ein Ende zu bereiten.
»Schließt Eure Augen«, befahl er ihr, »und haltet sie geschlossen, bis ich Euch erlaube, sie wieder zu öffnen.«
Moghedien schloß eilig die Augen. Eine von Shaidar Harans Lektionen hatte darin bestanden, ihr augenblicklichen Gehorsam beizubringen. Außerdem konnte sie mit geschlossenen Augen versuchen vorzugeben daß sie jemand anderer sei. Was auch immer nötig war.
Die Hand in ihrem Haar bewegte sich jäh, und sie schrie wider Willen auf. Der Myrddraal preßte sie gegen die Wand. Sie hob schutzsuchend die Hände, und Shaidar Haran ließ sie los. Sie taumelte mindestens zehn Schritte - aber ihre Zelle maß keine zehn Schritte. Sie roch Wald. Sie roch einen schwachen Hauch harzigen Rauch. Sie hielt die Augen jedoch fest geschlossen. Sie wollte sich auch weiterhin nicht mehr als blaue Flecke einheimsen und auch davon nur so wenige wie möglich, so lange es ihr gelang.
»Ihr könnt die Augen jetzt wieder öffnen.«
Sie tat es vorsichtig. Der Sprecher war ein großer, breitschultriger junger Mann in schwarzen Stiefeln und Hose und einem weißen, oben geöffneten Hemd, der sie mit erschreckend blauen Augen aus einem gepolsterten Lehnstuhl vor einem Marmorkamin ansah, in dem die Flammen an langen Scheiten entlang züngelten. Sie stand in einem mit Holzpaneelen versehenen Raum, der vielleicht einem reichen Kaufmann oder einem Adligen bescheidenen Ranges in dieser Zeit hätte gehören können. Die Möbel waren mit Schnitzereien versehen und goldverziert und die Teppiche in rotgoldenen Arabesken gewoben. Sie war sich jedoch sicher, daß sich dieser Raum irgendwo in der Nähe Shayol Ghuls befand. Er fühlte sich nicht an wie Tel'aran'rhiod, die einzige andere Möglichkeit. Sie wandte hastig den Kopf und atmete tief durch. Der Myrddraal war nirgendwo zu sehen. Der feste Silberring Cuande um ihre Brust schien verschwunden.
»Habt Ihr Eure Zeit in der Vakuole genossen?«
Moghedien spürte eiskalte Finger nach ihrer Kopfhaut greifen. Sie war keine Forscherin und keine Schöpferin, aber sie kannte das Wort. Sie dachte nicht einmal daran zu fragen, woher ein junger Mann dieser Zeit es kannte. Manchmal gab es Blasen im Muster, obwohl jemand wie Mesaana sagen würde, das sei eine zu einfache Erklärung. Man konnte Vakuolen betreten, wenn man wußte wie, und sie konnten wie der Rest der Welt beeinflußt werden - Forscher hatten in Vakuolen oft große Experimente durchgeführt, wie sie sich vage erinnerte -, aber sie befanden sich tatsächlich außerhalb des Musters, und manchmal schlossen sie sich oder lösten sich vielleicht und entschwebten. Selbst Mesaana wußte nicht, was geschah, nur daß alles zu der Zeit darin Befindliche für immer verschwand .
»Wie lange?« Es überraschte sie, daß ihre Stimme fest klang. Sie wandte sich zu dem jungen Mann um, der dort saß und sie anlächelte. »Ich fragte, wie lange? Oder wißt Ihr es nicht?«
»Ich sah Euch...« Er hielt inne, langte nach einem Silberbecher auf dem Tisch neben seinem Stuhl und lächelte sie über den Rand hinweg weiterhin an, während er trank. »...vorletzte Nacht ankommen.«
Sie konnte ihr erleichtertes Seufzen nicht zurückhalten. Der einzige Grund, warum jemand eine Vakuole betreten wollte, bestand darin, daß die Zeit dort anders verging - manchmal langsamer, manchmal schneller. Manchmal viel schneller. Sie wäre nicht allzu überrascht gewesen zu erfahren, daß der Große Herr sie tatsächlich einhundert Jahre lang gefangen gehalten hatte, oder eintausend, um sie wieder in eine Welt zu entlassen, die ihm bereits gehörte, um sie dahinsiechend ihren Weg gehen zu lassen, während die anderen Auserwählten die Oberhand hatten. Sie war noch immer eine der Auserwählten, zumindest in ihrer Vorstellung. Bis der Große Herr selbst sagte, daß sie es nicht mehr sei. Sie hatte niemals von jemandem gehört, der freigelassen wurde, wenn erst eine Geistfalle errichtet war, aber sie würde eine Möglichkeit finden. Es gab immer einen Weg für diejenigen, die vorsichtig waren, während jene, die versagten, Vorsicht Feigheit nannten. Sie hatte selbst einige dieser sogenannten Tapferen nach Shayol Ghul gebracht, damit sie mit dem Cour'souvra ausgestattet wurden.