Plötzlich fiel ihr auf, daß dieser Bursche für einen Schattenfreund viel wußte, besonders für jemanden, der nicht viel älter als zwanzig sein konnte. Er schwang ein Bein über eine Armlehne und rekelte sich anmaßend unter ihrem forschenden Blick. Nur ein zu stark ausgeprägtes Kinn verhinderte, daß er gut aussah. Aber sie glaubte nicht, daß sie jemals dermaßen blaue Augen gesehen hatte. Durch seine anmaßende Haltung und durch das, was sie gerade durch Shaidar Harans Hände erduldet hatte, durch den Ruf der Quelle und die Abwesenheit des Myrddraal erwog sie, diesem jungen Schattenfreund eine strenge Lektion zu erteilen. Der Umstand, daß ihre Kleidung verschmutzt war, trug ihren Teil zu dieser Erwägung bei. Sie roch leicht nach dem Parfüm des Waschwassers, aber sie hatte keine Möglichkeit gehabt, das raube Gewand zu säubern, in dem sie Egwene al'Vere entflohen war, oder die Risse von ihrer Reise zum Krater zu beseitigen. Die Vernunft gewann mühsam die Oberhand, denn dieser Raum mußte sich in der Nähe Shayol Ghuls befinden.
»Wie heißt Ihr?« fragte sie. »Habt Ihr eine Ahnung, mit wem Ihr sprecht?«
»Ja, Moghedien. Ihr könnt mich Moridin nennen.«
Moghedien keuchte, aber nicht wegen des Namens. Jeder Narr konnte sich Tod nennen. Aber ein winziger schwarzer Fleck, gerade ausreichend groß, daß man ihn sehen konnte, zog gerade über eines dieser blauen Augen und dann auf gleicher Höhe über das andere.
Dieser Moridin hatte häufiger als einmal die Wahre Macht berührt. Weitaus häufiger. Sie wußte, daß einige Menschen, welche die Macht lenken konnten, abgesehen von al'Thor, in dieser Zeit überlebt hatten -dieser Bursche hatte ungefähr die gleiche Größe wie al'Thor -, aber sie hatte nicht erwartet daß der Große Herr jemandem diese besondere Ehre zuteil werden ließe. Eine Ehre mit Widerhaken, wie jeder Auserwählte wußte. Auf lange Sicht gesehen war die Wahre Macht weitaus suchterzeugender als die Eine Macht. Ein starker Wille konnte das Verlangen, mehr Saidar oder Saidin heranzuziehen, bezwingen, aber sie glaubte nicht, daß man einen ausreichend starken Willen haben konnte, der Wahren Macht zu widerstehen, wenn erst der Saa in die Augen trat. Der letztendlich zu zahlende Preis war unterschiedlich, aber in jedem Fall furchtbar.
»Euch wurde weitaus mehr Ehre gewährt, als Euch bewußt ist«, belehrte sie ihn. Als sei ihr Gewand aus edelstem Streith, ließ sie sich auf dem Lehnstuhl ihm gegenüber nieder. »Bringt mir etwas von diesem Wein, und ich werde es Euch erklären. Nur neunundzwanzig anderen wurde jemals gewährt...«
Zu ihrem Entsetzen lachte er. »Ihr befindet Euch im Irrtum, Moghedien. Ihr dient noch immer dem Großen Herrn, aber nicht ganz so wie einst. Die Zeit für Eure eigenen Spiele ist vorüber. Wenn Ihr nicht zufällig einiges von Nutzen bewirkt hättet, wärt Ihr jetzt tot.«
»Ich bin eine der Auserwählten, Junge«, sagte sie, während Zorn ihre Vorsicht vereinnahmte. Sie richtete sich gerade auf und sah ihn mit all dem Wissen eines Zeitalters an, das seines unwichtig erscheinen ließ. Sie besaß ohnehin und in bestimmten, die Eine Macht betreffenden Gebieten soviel Wissen, daß niemand sie überflügeln konnte. Sie hätte, ungeachtet der Nähe Shayol Ghuls, fast die Quelle umarmt »Eure Mutter hat Euch wahrscheinlich vor noch nicht allzu langer Zeit mit meinem Namen erschreckt, und Ihr müßt wissen, daß selbst erwachsene Menschen, die Euch wie einen Schwamm zerdrücken könnten, schwitzten, wenn sie ihn hörten. Ihr werdet Eure Zunge in meiner Gegenwart hüten!«
Er griff in den geöffneten Ausschnitt seines Hemdes, und ihr versagte die Stimme. Sie heftete ihren Blick auf den kleinen Käfig aus Golddraht mit dem blutroten Kristall, den er an einer Schnur baumelnd hervorgezogen hatte. Sie bemerkte flüchtig, daß er einen zweiten, ebensolchen Käfig wieder in den Hemdenausschnitt zurückgesteckt hatte, aber sie hatte nur Augen für ihren eigenen Käfig. Es war eindeutig ihrer. Er strich mit dem Daumen darüber, und sie spürte in ihrem Geist, ihrer Seele Zärtlichkeit. Es erforderte nicht viel mehr Druck, als er erzeugte, eine Geistfalle zu zerbrechen. Sie könnte sich auf der anderen Seite der Welt oder noch weiter entfernt befinden, und es wäre vollkommen unwichtig. Der Teil von ihr, der sie war, würde abgetrennt werden. Sie würde noch immer mit ihren Augen sehen und mit ihren Ohren hören, schmecken, was auf ihrer Zunge lag und spüren, was sie berührte, aber sie wäre innerhalb dieses roboterartigen Körpers, der demjenigen bedingungslosen Gehorsam schuldete, der den Cour'souvra besaß, hilflos. Ungeachtet des Umstands, ob es eine Möglichkeit gab, sich daraus zu befreien oder nicht, war eine Geistfalle genau das, was der Name besagte. Sie konnte spüren, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich.
»Versteht Ihr jetzt?« fragte er. »Ihr dient noch immer dem Großen Herrn, aber jetzt werdet Ihr meinen Befehlen gehorchen.«
»Ich verstehe, Mia'cova«, sagte sie mechanisch.
Er lachte erneut, ein tiefes, kräftiges Lachen, das ihrer spottete, während er die Geistfalle wieder unter seinem Hemd verbarg. »Wir brauchen sie jetzt nicht da Ihr Eure Lektion gelernt habt. Ich werde Euch Moghedien nennen, und Ihr werdet mich Moridin nennen. Ihr seid noch immer eine der Auserwählten. Wer könnte Euch ersetzen?«
»Ja, natürlich, Moridin«, sagte sie tonlos. Was auch immer er sagte, sie wußte, daß er sie besaß.
26
Unwiderrufliche Worte
Morgase lag wach, starrte durch die monderleuchtete Düsternis an die Decke und versuchte, an ihre Tochter zu denken. Ein einziges helles Leintuch bedeckte sie, aber sie schwitzte in ihrem dicken, bis zum Hals geschlossenen Nachtgewand. Doch das war unwichtig. Ungeachtet des Umstands, wie häufig sie badete, ungeachtet dessen, wie heiß das Wasser war, fühlte sie sich nicht sauber. Elayne mußtc wohlbehalten in die Weiße Burg gelangt sein. Manchmal schien es ihr Jahre her, seit sie sich dazu bringen konnte, einer Aes Sedai zu trauen, aber welche Widersprüche auch immer aufkamen - die Burg war gewiß der sicherste Platz für Elayne. Sie versuchte, an Gawyn zu denken - er würde bei seiner Schwester in Tar Valon sein, voller Stolz auf sie und aufrichtig bemüht, sie zu beschützen, wenn sie Schutz brauchte. Und an Galad -warum durfte sie ihn nicht sehen? Sie liebte ihn so sehr, als hätte sie ihn selbst geboren, und er brauchte diese Liebe auf vielerlei Arten mehr als die beiden anderen. Sie bemühte sich, an sie zu denken. Es war schwierig, an irgend etwas anderes zu denken als... Sie starrte mit geweiteten, vor unvergessenen Tränen schimmernden Augen in die Dunkelheit.
Sie hatte stets geglaubt, sie sei ausreichend tapfer zu tun, was auch immer getan werden müßte, und sich dem zu stellen, was auch immer auf sie zukäme. Sie hatte stets geglaubt, sie könnte sich wieder aufraffen und weiter kämpfen. Rhadam Asunawa hatte sie in einer endlos scheinenden Stunde eines Besseren belehrt, ohne mehr als nur wenige blaue Flecke zu hinterlassen, die bereits verblaßten. Eamon Valda hatte ihre Ausbildung mit einer Frage vollendet. Der blaue Fleck, den ihre Antwort auf ihrem Herzen hinterlassen hatte, war nicht verblaßt. Sie hätte zu Asunawa zurückgehen und ihm sagen sollen, daß er machen könnte, was er wollte. Sie hatte... Sie betete darum, daß Elayne in Sicherheit war. Vielleicht war es ungerecht, für Elayne mehr zu erhoffen als für Galad oder Gawyn, aber Elayne wäre die nächste Königin von Andor. Die Burg würde die Gelegenheit nicht versäumen, eine Aes Sedai auf den Löwenthron zu bringen. Wenn sie Elayne nur noch einmal sehen könnte, wenn sie alle ihre Kinder nur noch einmal sehen könnte.
Etwas raschelte in dem dunklen Schlafraum, und sie hielt den Atem an und bekämpfte ein Zittern. Sie konnte im schwachen Mondlicht kaum die Bettpfosten erkennen. Valda und Asunawa waren gestern von Amador nordwärts geritten, mit lausenden von Weißmänteln, die sich dem Propheten entgegenstellen sollten, aber wenn er zurückgekommen war, wenn er...