Ein Umriß in der Dunkelheit schälte sich zu einer Frauengestalt heraus, die aber zu klein war, als daß es Lini hätte sein können. »Ich dachte mir schon, daß Ihr noch wach seid«, sagte Breanes Stimme sanft. »Trinkt dies - es wird Euch helfen.« Die Cairhienerin versuchte, Morgase einen Silberbecher in die Hand zu geben, der einen leicht säuerlichen Geruch verströmte.
»Wartet, bis man Euch befiehlt, mir etwas zu trinken zu bringen‹, fauchte Morgase und stieß den Becher fort. Warme Flüssigkeit ergoß sich über ihre Hand und auf das Leintuch. »Ich war bereits fast eingeschlafen, als Ihr hereinplatztet«, log sie. »Laßt mich allein!«
Die Frau stand da, das Gesicht in den Schatten verborgen, und sah auf sie herab, anstatt zu gehorchen. Morgase mochte Breane Taborwin nicht. Ob Breane wahrhaft adlig geboren und in die gewöhnliche Welt hinabgestiegen war, wie sie manchmal behauptete, oder ob sie nur eine Dienerin war, die gelernt hatte, ihre Vorgesetzten nachzuahmen - sie gehorchte, wann und wie sie wollte und ließ ihrer Zunge viel zu freien Lauf, wie sie jetzt bewies.
»Ihr jammert wie ein Schaf, Morgase Trakand.« Ihre Stimme klang, als brodele sie vor Zorn, obwohl sie leise sprach. Sie setzte den Becher geräuschvoll auf dem kleinen Nachttisch ab, wobei noch mehr Flüssigkeit verschüttet wurde. »Bah! Viele andere hat es weitaus schlimmer getroffen. Ihr lebt. Keiner Eurer Knochen ist gebrochen. Euer Verstand ist heil geblieben. Haltet durch. Laßt die Vergangenheit ruhen, und lebt Euer Leben weiter. Ihr wart so überaus gereizt, daß alle Menschen in Eurer Nähe auf Zehenspitzen einher gehen, sogar Meister Gill. Und Lamgwin hat in diesen drei Nächten kaum eine Sekunde geschlafen.«
Morgase errötete vor Zorn. Selbst in Andor durften Diener nicht so reden. Sie packte die Frau fest am Arm, während Besorgnis in ihr mit Mißfallen rang. »Sie wissen es nicht, oder?« Wenn sie es wüßten, würden sie sie zu rächen versuchen, zu retten versuchen. Sie würden sterben. Tallanvor würde sterben.
»Lini und ich lassen sie für Euch im dunkeln tappen«, höhnte Breane und entzog sich ihr. »Wenn ich Lamgwin umgehen könnte, würde ich sie alle wissen lassen, was für ein blökendes Schaf Ihr seid. Er sieht in Euch das Fleisch gewordene Licht. Ich sehe eine Frau ohne den Mut, sich dem Alltäglichen zu stellen. Ich werde nicht zulassen, daß Ihr ihn durch Eure Feigheit vernichtet.«
Feigheit. Zorn wallte in Morgase auf, aber ihr fehlten die Worte. Ihre Finger verkrampften sich in dem Laken. Sie glaubte nicht, daß sie kaltblütig hätte entscheiden können, mit Valda zu schlafen, aber wenn sie es getan hätte, hätte sie damit leben können. Das glaubte sie zumindest. Aber es war eine vollkommen andere Sache, dem zuzustimmen, weil sie Angst davor hatte, Asunawas verzwickten Fallen erneut entgegenzutreten. Wie auch immer sie in Asunawas Dienst geschrien hatte - Valda war derjenige, der ihr die wahren Grenzen ihres Mutes gezeigt hatte, den sie sehr unterschätzt hatte. Valdas Berührung und sein Bett konnte man mit der Zeit vergessen, aber sie würde immer Scham über dieses »Ja« von ihren Lippen empfinden. Breane schleuderte ihr die Wahrheit ins Gesicht, und sie wußte nicht, wie sie reagieren sollte.
Die Antwort wurde ihr durch Stiefelschritte im Vorzimmer erspart. Die Tür zum Schlafraum wurde aufgestoßen, und ein atemloser Mann blieb nach einem Schritt in den Raum stehen.
»Gut, daß Ihr wach seid«, hörte sie Tallanvors Stimme kurz darauf, wodurch ihr Herz wieder zu schlagen begann und sie wieder atmen konnte. Sie wollte Breanes Hand loslassen - sie konnte sich nicht daran erinnern, sie ergriffen zu haben -, aber zu ihrer Überraschung drückte die Frau ihre Hand, bevor sie sie losließ.
»Es geht etwas vor«, fuhr Tallanvor fort und schritt zu dem einzigen Fenster. Er stellte sich auf eine Seite, als wollte er nicht gesehen werden, und spähte in die Nacht. Das Mondlicht zeichnete seine große Gestalt ab. »Meister Gill, kommt und erzählt, was Ihr gesehen habt.«
Ein Kopf erschien im Eingang, dessen kahle Kopfhaut in der Dunkelheit schimmerte. Dahinter, im anderen Raum, bewegte sich ein breiter Schatten. Lamgwin Dorn. Als Basel Gill erkannte, daß sie noch im Bett lag, wandte er den Blick schnell ab, obwohl er wahrscheinlich nicht mehr als das Bett selbst hatte ausmachen können. Meister Gill war noch breiter als Lamgwin, aber nicht annähernd so groß. »Vergebt mir, meine Königin. Ich wollte nicht...« Er räusperte sich heftig, und seine Stiefel schabten über den Boden, als er sich unruhig bewegte. Hätte er eine Mütze dabei gehabt hätte er sie in den Händen gedreht oder nervös geknetet. »Ich war im Langen Gang, auf meinem Weg zu ... zu...« Zum Ingwerschnaps war er unterwegs gewesen, was er ihr nicht einzugestehen wagte. »Wie dem auch sei, ich schaute aus einem der Fenster und sah einen ... einen großen Vogel, glaube ich ... auf den Südkasernen landen.«
»Einen Vogel!« Linis dünne Stimme veranlaßte Meister Gill, den Eingang hastig freizugeben. Oder vielleicht war auch ein heftiger Rippenstoß der Grund. Lini nutzte normalerweise jeden Vorteil, den ihr graues Haar bot. Sie stolzierte an ihm vorbei, während sie noch mit dem Gürten ihres Nachtgewands beschäftigt war. »Narren! Trottel mit Spatzenhirnen! Ihr habt mein Ki...!« Sie hielt heftig hustend inne. Lini vergaß niemals, daß sie Morgases Amme gewesen war, und die ihrer Mutter ebenfalls, aber sie vergaß sich niemals vor anderen. Sie ärgerte sich, daß sie es jetzt getan hatte, was man an ihrer Stimme merkte. »Ihr habt Eure Königin wegen eines Vogels geweckt!« Sie tastete nach ihrem Haarnetz und stopfte mechanisch einige Strähnen darunter, die sich im Schlaf gelöst hatten. »Habt Ihr getrunken, Meister Gill?« Das fragte sich Morgase auch.
»Ich weiß nicht, ob es ein Vogel war«, protestierte Meister Gill. »Es sah nicht aus wie ein Vogel, aber was könnte es sonst gewesen sein? Der Vogel war groß. Männer stiegen von seinem Rücken, und einer saß noch auf seinem Nacken, als er wieder davonflog. Während ich mir ins Gesicht schlug, um wach zu werden, landete ein weiteres dieser ... dieser Wesen, und weitere Männer stiegen herab, und dann kam noch eines, und ich beschloß, es sei an der Zeit, Lord Tallanvor zu benachrichtigen.« Lini schwieg, aber Morgase konnte ihren starren Blick fast spüren, und er war nicht auf sie gerichtet. Der Mann, der sein Wirtshaus im Stich gelassen hatte, um ihr zu folgen, spürte es gewiß. »Des Lichtes eigene Wahrheit, meine Königin«, beharrte er.
»Licht!« verkündete Tallanvor wie ein Echo. »Etwas ... etwas ist gerade auf den Nordkasernen gelandet.« Morgase hatte ihn noch nie zuvor so erschüttert erlebt. Sie wollte nur, daß sie alle gingen und sie in ihrem Elend allein ließen, aber es bestand wohl keine Hoffnung darauf. Tallanvor war auf vielerlei Art noch schlimmer als Breane. Viel schlimmer.
»Mein Gewand«, sagte sie, und dieses eine Mal reagierte Breane schnell. Meister Gill wandte hastig das Gesicht zur Wand, während sie aus dem Bett stieg und sich ankleidete.
Sie schritt zum Fenster, während sie die Schärpe schloß. Die langen Nordkasernen ragten über dem breiten Hof auf, vier hohe Stockwerke aus dunklem Stein mit einem Flachdach. Es war weder dort noch sonst irgendwo in der Festung Licht zu sehen. Alles war ruhig und still. »Ich sehe nichts, Tallanvor.«
Er zog sie zurück. »Schaut nur«, sagte er.
Zu einem anderen Zeitpunkt hätte sie es bedauert, daß er seine Hand wieder von ihrer Schulter nahm, und wäre sowohl über ihr Bedauern als auch über seinen Tonfall verärgert gewesen. Jetzt, nach Valda, war sie eher erleichtert. Gleichwohl war sie sowohl über die Erleichterung als auch über seinen Tonfall verärgert. Er war viel zu respektlos, viel zu eigensinnig, zu jung. Nicht viel älter als Galad.