»Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr?«
Suroth nahm einen der Becher mit ihren Fingerspitzen und inhalierte den daraus aufsteigenden Dampf.
Ihr Nicken war für Morgases Geschmack eine übertriebene Erlaubnis, dennoch nahm sie ebenfalls einen Becher. Ein Schluck, und sie blickte überrascht in ihr Getränk. Schwärzer als jeder Tee, war die Flüssigkeit auch bitterer. Keine wie auch immer bemessene Honigzugabe hätte sie trinkbar gemacht. Suroth führte ihren eigenen Becher an die Lippen und seufzte erfreut.
»Wir müssen über vieles reden, Morgase, aber ich werde mich bei dieser ersten Unterhaltung kurz fassen. Wir Seanchaner sind zurückgekehrt, um zu beanspruchen, was uns von den Erben des Hochkönigs, Artur Paendrag Tanreall, gestohlen wurde.« Die Freude über den Kaf in ihrer Stimme wurde zu etwas anderem - Erwartung und auch Genugtuung -, und sie beobachtete Morgases Gesicht genau. Morgase konnte ihren Blick nicht abwenden. »Was uns gehörte, wird wieder unser sein. In Wahrheit war es das immer. Ein Dieb besitzt nicht. Ich habe die Wiedererlangung in Tarabon begonnen. Viele Adlige dieses Landes haben bereits geschworen zu gehorchen, abzuwarten und zu dienen. Es wird nicht lange dauern, bis alle dies getan haben. Ihr König - ich erinnere mich nicht an seinen Namen - hat sich mir und dem Kristallthron entgegengestellt. Hätte er überlebt, wäre er gepfählt worden. Seine Familie konnte nicht gefunden werden, um sie uns zu eigen zu machen, aber es gibt einen neuen König und einen neuen Panarchen, die der Kaiserin, möge sie ewig leben, und dem Kristallthron bereits Treue geschworen haben. Die Räuber werden ausgerottet. Es wird in Tarabon keinen Krieg oder Hunger mehr geben, denn die Menschen werden unter den Schwingen der Kaiserin Schutz suchen. Jetzt beginne ich damit auch in Amadicia. Bald werden alle vor der Kaiserin, möge sie ewig leben, der direkten Nachfahrin des großen Artur Falkenflügel, niederknien.«
Wäre die Dienerin mit dem Tablett nicht gegangen, hätte Morgase ihren Becher zurückgestellt. Die dunkle Oberfläche des Kaf war unbewegt, aber vieles, was die Frau äußerte, ergab für sie keinen Sinn. Kaiserin? Seanchan? Es hatte vor gut einem Jahr Gerüchte gegeben, daß Artur Falkenflügels Heere von jenseits des Aryth-Meers zurückgekommen seien, aber nur die Leichtgläubigsten hätten sie wirklich für bare Münze nehmen können, und sie bezweifelte, daß auch die schlimmsten Klatschmäuler auf den Märkten sie noch erzählten. Konnte es wahr sein? Allerdings genügte vollkommen, was sie verstand.
»Alle ehren den Namen Artur Falkenflügels, Suroth...« Die Frau mit dem scharf geschnittenen Gesicht öffnete verärgert den Mund, blieb aber bei der Bewegung eines Fingers mit einem blauen Nagel der Hohen Dame still. »...aber diese Zeit ist längst vergangen. Jede hiesige Nation hat eine lange Abstammung. Kein Land wird sich Euch oder Eurer Kaiserin ergeben. Wenn Ihr einen Teil Tarabons eingenommen habt...« Suroth sog zischend den Atem ein, und ihre Augen glitzerten »...dann bedenkt, daß es ein geplagtes, in sich geteiltes Land ist. Amadicia wird nicht kampflos fallen, und viele Nationen werden ihm zu Hilfe kommen, wenn sie von Euch erfahren.« Konnte es wahr sein? »Wie viele Ihr auch seid - Ihr werdet kein leichtes Spiel haben. Wir haben schon größeren Bedrohungen gegenübergestanden und sie bewältigt. Ich rate Euch, Frieden zu schließen, bevor Ihr vernichtet werdet.« Morgase erinnerte sich, daß Saidar in der Nacht gewütet hatte, und vermied es, die ... Damane hatte sie sie genannt? ... anzusehen. Es kostete sie große Mühe, sich keine Blöße zu geben.
Suroth lächelte wieder dieses maskenhafte Lächeln, während ihre Augen wie polierte Steine schimmerten. »Alle müssen eine Wahl treffen. Einige werden gehorchen, abwarten und dienen und ihre Länder im Namen der Kaiserin, möge sie ewig leben, regieren.«
Sie nahm eine Hand von ihrem Becher, um eine Geste zu vollführen, eine leichte Bewegung mit den langen Fingernägeln, woraufhin die Frau mit dem scharf geschnittenen Gesicht rief: »Thera! Die Position des Schwans!«
Suroth preßte aus einem unbestimmten Grund die Lippen zusammen. »Nicht der Schwan, Alwhin, Ihr blinde Närrin!« zischte sie leise, obwohl ihr Akzent das Verstehen erschwerte. Dann kehrte das frostige Lächeln augenblicklich zurück.
Die Dienerin erhob sich erneut von ihrem Platz an der Wand und lief auf seltsame Art, auf Zehenspitzen, die Arme zurückgenommen, zur Mitte des Raumes. Dann begann sie auf der flammenden goldenen Sonne, dem Symbol der Kinder des Lichts, langsam einen stilisierten Tanz. Sie streckte die Arme aus wie Schwingen und zog sie wieder an den Körper heran. Sie drehte sich, ließ den linken Fuß vorgleiten und beugte sich über das angewinkelte Knie, beide Arme wie flehend ausgestreckt, bis Arme und Körper und rechtes Bein eine gerade, schräg verlaufende Linie bildeten. Ihr hauchdünnes weißes Gewand ließ ihre gesamte Erscheinung anstößig wirken. Morgase spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, während der Tanz, wenn man es so nennen konnte, fortgeführt wurde.
»Thera ist neu und noch nicht gut dressiert«, murmelte Suroth. »Die Posen werden oft von zehn oder zwanzig Da'covale gleichzeitig ausgeführt, Männer und Frauen, die aufgrund der reinen Klarheit ihrer Linien ausgesucht wurden, aber manchmal ist es angenehm, nur einer zuzusehen. Es ist sehr erfreulich, schöne Dinge zu besitzen, nicht wahr?«
Morgase runzelte die Stirn. Wie konnte jemand einen Menschen besitzen? Suroth hatte schon zuvor davon gesprochen, sich ›jemanden zu eigen zu machen‹. Sie kannte die Alte Sprache, aber das Wort Da'covale war ihr nicht vertraut, doch wenn sie darüber nachdachte, mußte es ›Person, die besessen wird‹ bedeuten. Es war widerlich. Entsetzlich! »Unglaublich«, sagte sie tonlos, »Vielleicht sollte ich Euch verlassen, damit Ihr den ... Tanz genießen könnt.«
»Gleich.« Suroth lächelte der posierenden Thera zu. Morgase vermied es hinzusehen. »Alle müssen eine Entscheidung treffen, wie ich bereits sagte. Der alte König von Tarabon erwählte es, sich aufzulehnen, und starb. Die alte Panarchin wurde gefangengenommen und verweigerte dennoch den Eid. Jedem von uns ist ein bestimmter Platz zugedacht, es sei denn, wir werden von der Kaiserin erhoben, aber jene, die ihren angemessenen Platz zurückweisen, können niedergeworfen werden und sehr tief sinken. Thera besitzt eine gewisse Anmut. Seltsamerweise zeigt Alwin sich als vielversprechende Lehrerin, so daß ich erwarte, daß Thera innerhalb weniger Jahre lernen wird, die Posen mit ihrer Anmut in Einklang zu bringen.« Nun gewährte sie ihr Lächeln und diesen glitzernden Blick Morgase.
Ein sehr bedeutungsvoller Blick, aber warum? Hatte es etwas mit der Tänzerin zu tun? Ihr Name war so häufig erwähnt worden, als sollte er hervorgehoben werden. Aber was...? Morgase wandte ruckartig den Kopf und sah die andere Frau an, die auf Zehenspitzen stand und sich langsam auf einem Fleck drehte, die Hände flach zusammengelegt und die Arme so hoch wie möglich erhoben. »Ich glaube es nicht«, keuchte sie. »Ich kann es nicht glauben!«
»Thera«, sagte Suroth, »wie lautete dein Name, bevor du mein Besitz wurdest? Welchen Titel hattest du inne?«
Thera erstarrte in ihrer gestreckten Position, erzitterte und warf panische Blicke zu Alwhin und zu Suroth. »Thera hieß Amathera, wenn es der Hohen Dame beliebt«, sagte sie hastig. »Thera war die Panarchin von Tarabon, wenn es der Hohen Dame beliebt.«
Morgase ließ ihren Becher fallen, der auf dem Boden zerschmetterte, so daß sich der schwarze Kaf auf die Fliesen ergoß. Es mußte eine Lüge sein. Sie war Amathera niemals begegnet, aber sie hatte einmal eine Beschreibung gehört. Nein. Viele Frauen in entsprechendem Alter konnten große dunkle Augen und einen gereizten Zug um den Mund haben. Pura war niemals eine Aes Sedai gewesen, und diese Frau...
»Posiert!« fauchte Alwhin, und Thera nahm ihre anmutigen Bewegungen wieder auf, ohne Suroth oder sonst jemandem auch nur noch einen Blick zu gönnen. Wer auch immer sie war - der vorrangige Gedanke in ihrem Kopf war jetzt der dringende Wunsch, keinen Fehler zu machen. Morgase bemühte sich sehr, sich nicht zu übergeben.