Suroth trat ganz nahe an sie heran, das Gesicht vollkommen kalt. »Alle müssen eine Wahl treffen«, sagte sie ruhig und stahlhart. »Einige meiner Gefangenen behaupten, Ihr hättet einige Zeit in der Weißen Burg verbracht. Dem Gesetz nach darf kein Marath'damane der Koppel entkommen, aber ich garantiere Euch, daß Ihr, die Ihr mich eine Lügnerin genannt habt, diesem Schicksal nicht gegenüberstehen werdet.« Ihre Betonung machte recht deutlich, daß dieses Versprechen kein anderes mögliches Schicksal einschloß. Das Lächeln, das ihre Augen niemals erreichte, kehrte zurück. »Ich hoffe, daß Ihr erwählen werdet, den Schwur zu leisten, Morgase, und Andor im Namen der Kaiserin, möge sie ewig leben, zu regieren.« Morgase war sich zum erstenmal vollkommen sicher, daß die Frau log. »Ich werde morgen wieder mit Euch sprechen, oder vielleicht übermorgen, wenn ich Zeit habe.«
Suroth wandte sich ab und glitt an der einsamen Tänzerin vorbei zu dem hochlehnigen Stuhl. Sie breitete anmutig ihre Röcke aus, während sie sich hinsetzte und Alwhin erneut schrie: »Alle! Position des Schwans!« Die jungen Männer und Frauen, die an der Wand entlang knieten, sprangen vor, um sich Thera anzuschließen, und nahmen in einer geraden Linie vor Suroths Stuhl ihre Bewegungen auf. Nur der Blick des Lopar bewies noch Morgases Anwesenheit. Sie glaubte nicht, daß sie schon jemals in ihrem Leben so gründlich entlassen worden war. Sie raffte ihre Röcke und nahm all ihre Würde zusammen und ging.
Sie ging allerdings nicht weit allein. Die rot und schwarz gerüsteten Soldaten standen mit ihren mit roten und schwarzen Quasten versehenen Speeren wie Statuen im Vorraum, die Gesichter in ihren lackierten Helmen unbewegt, während die harten Augen den Eindruck erweckten, als blickten sie hinter den Kinnbacken gräßlicher Insekten hervor. Einer, der nicht viel größer war als sie, schloß sich ihr wortlos an und begleitete sie zu ihren Räumen zurück, deren Zugang von zwei Tarabonern mit Schwertern und ebenfalls mit waagerechten Streifen bemalten StahlBrustpanzern flankiert wurde. Sie verbeugten sich tief, die Hände auf den Knien, und sie dachte, es geschähe wegen ihr, bis ihr Begleiter zum erstenmal sprach.
»Genug der Ehre«, sagte er mit barscher, nüchterner Stimme, und die Taraboner richteten sich wieder auf, sahen Morgase aber nicht an, bis er sagte: »Bewacht sie gut. Sie hat den Eid noch nicht geleistet.« Dunkle Augen zuckten über Stahlschleiern zu ihr, aber ihre knappen, bestätigenden Verbeugungen galten dem Seanchaner.
Sie bemühte sich, nicht zu eilig in ihre Räume zu flüchten, aber als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, lehnte sie sich dagegen und versuchte, ihre umherschwirrenden Gedanken zu ordnen. Seanchaner und Damane, Kaiserinnen und Eide und Menschen, die ein Besitz waren. Lini und Breane standen mitten im Raum und sahen sie an.
»Was ist geschehen?« fragte Lini geduldig und ungefähr im gleichen Tonfall, wie sie das Kind Morgase nach einem gelesenen Buch befragt hatte.
»Alpträume und Wahnsinn«, seufzte Morgase. Plötzlich richtete sie sich starr auf und sah sich im Raum um, »Wo ist...? Wo sind die Männer?«
Breane beantwortete die ungestellte Frage in nüchternspöttischem Tonfall. »Tallanvor wollte sehen, was er herausfinden kann.« Sie stemmte die Fäuste in die Hüften, und ihre Miene wurde todernst. »Lamgwin ist mit ihm gegangen, und Meister Gill ebenfalls. Was habt Ihr herausgefunden? Wer sind diese ... Seanchaner?« Sie sprach den Namen merkwürdig aus und runzelte dabei die Stirn. »Soviel haben wir schon selbst gehört.« Sie gab vor, Linis scharfen Blick nicht zu bemerken. »Was sollen wir jetzt tun, Morgase?«
Morgase trat zwischen den Frauen hindurch zum nächstgelegenen Fenster. Es war nicht so schmal wie jene im Empfangsraum und führte auf den zwanzig Fuß oder noch tiefer gelegenen gepflasterten Hof hinaus. Eine mutlose Kolonne kahlköpfiger, wirrer Menschen, von denen einige blutbefleckte Verbände trugen, schlurften unter den wachsamen Blicken von mit Speeren bewaffneten Tarabonern über den Hof. Mehrere Seanchaner standen auf einem nahe gelegenen Turm und spähten zwischen den Zinnen hindurch in die Ferne. Einer trug einen mit drei schmalen Federn geschmückten Helm. Eine Frau erschien an einem Fenster auf der anderen Seite des Hofs, die mit einem Lichtblitz bestickte rote Applikation deutlich auf der Brust, und beobachtete die WeißmäntelGefangenen stirnrunzelnd. Die dahinstolpernden Männer wirkten benommen als könnten sie nicht glauben, was geschehen war.
Was sollten sie tun? Eine Entscheidung, die Morgase fürchtete. Es schien, als hätte sie seit Monaten keine wichtige Entscheidung mehr getroffen, die nicht ins Unglück geführt hätte. Eine Wahl, hatte Suroth gesagt. Hilf diesen Seanchanern, Andor einzunehmen, oder... Ein letzter Dienst, den sie Andor erweisen konnte. Das Ende der Kolonne erschien, gefolgt von weiteren Tarabonern, denen sich ihre Landsleute anschlossen, an denen sie vorübergingen. Ein zwanzig Fuß tiefer Fall, und Suroth verlor ihr moralisches Druckmittel. Vielleicht war es der Ausweg eines Feiglings, aber sie hatte sich bereits als solcher erwiesen. Dennoch sollte die Königin von Andor nicht so sterben.
Sie sprach leise die unwiderruflichen Worte, die in der tausendjährigen Geschichte Andors erst zweimal zuvor gebraucht worden waren. »Unter dem Licht überlasse ich den Hochsitz des Hauses Trakand Elayne Trakand. Unter dem Licht entsage ich der Rosenkrone und verzichte zugunsten Elaynes, dem Hochsitz des Hauses Trakand, auf den Thron. Unter dem Licht unterwerfe ich mich dem Willen Elaynes von Andor als ihre gehorsame Untertanin.« Nichts von alledem machte Elayne natürlich zur Königin, aber es ebnete den Weg.
»Worüber lächelt Ihr?« fragte Lini.
Morgase wandte sich langsam um. »Ich dachte an Elayne.« Sie glaubte nicht, daß ihre alte Amme nahe genug gestanden hatte, um hören zu können, was wirklich niemand zu hören brauchte.
Linis Pupillen weiteten sich jedoch, und sie hielt den Atem an. »Ihr kommt augenblicklich von dort fort!« fauchte sie und ließ den Worten Taten folgen, indem sie Morgases Arm ergriff und sie vom Fenster fortzog.
»Lini, Ihr vergeßt Euch! Ihr seid schon seit langer Zeit nicht mehr meine Amme...!« Morgase atmete tief durch und besänftigte ihre Stimme. Es war nicht leicht, diesem furchtsamen Blick zu begegnen, denn sonst erschreckte Lini nichts. »Ich tue nur das, was zum Besten Andors ist, glaubt mir«, belehrte sie die beiden sanft. »Es gibt keine andere Möglichkeit...«
»Keine andere Möglichkeit?« unterbrach Breane sie verärgert und umklammerte ihre Röcke so fest, daß ihre Hände zitterten. Sie hätte sie eindeutig lieber um Morgases Kehle gelegt. »Welch törichten Unsinn gebt Ihr jetzt von Euch? Was ist, wenn diese Seanchaner denken, wir hätten Euch getötet?« Morgase preßte die Lippen zusammen. War sie inzwischen so leicht zu durchschauen?
»Schweigt, Frau!« Lini wurde sonst niemals ärgerlich oder erhob ihre Stimme, aber jetzt tat sie beides. Sie hob eine knochige Hand. »Ihr haltet den Mund, sonst schlage ich Euch, bis Ihr noch einfältiger seid als jetzt!«
»Schlagt sie, wenn Ihr jemanden schlagen wollt!« schrie Breane wild zurück. »Königin Morgase! Sie wird Euch und mich und meinen Lamgwin an den Galgen bringen, und ihren kostbaren Tallanvor ebenfalls, weil sie den Mut einer Maus hat!«
Die Tür öffnete sich; Tallanvor trat ein und beendete damit den Streit. Niemand würde in seiner Gegenwart schreien. Lini gab vor, Morgases Ärmel zu betrachten, als müsse er ausgebessert werden, während Meister Gill und Lamgwin Tallanvor in den Raum folgten. Breane setzte ein strahlendes Lächeln auf und glättete ihre Röcke. Die Männer merkten natürlich nichts.