Morgase merkte viel. Tallanvor hatte ein Schwert umgeschnallt, und Meister Gill und sogar Lamgwin ebenfalls, obwohl seines ein Kurzschwert war. Sie hatte stets das Gefühl gehabt, daß er sich wohler fühlte, wenn er die Gelegenheit hatte, sich mit Fäusten anstatt mit einer Waffe zu verteidigen. Bevor sie fragen konnte, schloß der dünne Mann, der als letzter hereinkam, sorgfältig die Tür hinter sich.
»Majestät«, sagte Sebban Balwer, »verzeiht unser Eindringen.« Seine Verbeugung und sein Lächeln schienen nüchtern und korrekt, aber als sein Blick von ihr zu den anderen Frauen zuckte, war sich Morgase sicher, daß Pedron Nialls ehemaliger Sekretär die Stimmung im Raum bemerkte, auch wenn das für die anderen nicht galt.
»Es überrascht mich, Euch zu sehen, Meister Balwer«, sagte sie. »Wie ich hörte, gab es einige Unerfreulichkeiten mit Eamon Valda.« Tatsächlich war ihr zu Ohren gekommen, daß Valda gesagt hätte, wenn er Balwer sähe, würde er ihn bis zu den Festungswällen treten. Balwers Lächeln wurde starr. Er wußte, was Valda gesagt hatte.
»Er plant, uns alle hier herauszubringen«, schaltete sich Tallanvor ein. »Heute noch. Jetzt.« Sein Blick war nicht der des Untertans einer Königin. »Wir nehmen sein Angebot an.«
»Wie?« fragte sie zögernd und bemühte sich, aufrecht stehen zu bleiben. Welche Hilfe konnte dieser zimperliche kleine Mann ihnen bieten? Flucht. Sie hätte sich sehr gern hingesetzt, aber sie würde es nicht tun, nicht, wenn Tallanvor sie auf diese Weise ansah. Natürlich war sie jetzt nicht mehr seine Königin, aber das wußte er nicht. Eine weitere Frage tauchte auf. »Und warum? Meister Balwer, ich werde kein ehrliches Hilfsangebot ablehnen, aber warum wollt Ihr Euer Leben aufs Spiel setzen? Diese Seanchaner werden es Euch büßen lassen, wenn sie es herausfinden sollten.«
»Ich hatte meine Pläne schon geschmiedet, bevor sie kamen«, sagte er zögernd. »Es schien ... unklug ... die Königin von Andor in Valdas Händen zu belassen. Betrachtet es als meine Art, es ihm heimzuzahlen. Ich weiß, ich stelle nicht viel dar, Majestät...« Er verbarg ein Husten hinter vorgehaltener Hand, »...aber der Plan ist ausgezeichnet. Diese Seanchaner erleichtern ihn sogar noch. Ich wäre ohne sie erst Tage später fertig gewesen. Sie gewähren jedermann, der bereit ist, den Eid zu leisten, für eine neu eroberte Stadt erstaunlich viele Freiheiten. Bereits eine Stunde nach Sonnenaufgang erhielt ich einen Paß, der es mir und bis zu zehn anderen, die den Eid geleistet haben, erlaubt, Amador zu verlassen. Sie glauben, ich beabsichtigte, im Osten Wein und Wagen zum Transport einzukaufen.«
»Es muß eine Falle sein.« Die Worte schmeckten bitter. Besser das Fenster, als in irgendeine Falle zu tappen. »Sie würden nicht zulassen, daß Ihr die Nachricht ihrer Anwesenheit ihrem Heer voraustragt.«
Baiwer legte den Kopf auf eine Seite und begann seine Hände zu kneten, hielt aber dann jäh inne. »Das habe ich bedacht, Majestät. Der Offizier, der mir den Paß aushändigte, sagte, es sei ohne Belang. Seine genauen Worte lauteten: ›Erzählt, wem Ihr wollt, was Ihr gesehen habt, und laßt sie wissen, daß sie uns nicht trotzen können. Eure Länder werden es ohnehin nur zu bald erfahren.‹ Ich habe heute morgen mehrere Händler den Eid leisten und mit ihren Wagen aufbrechen sehen.«
Tallanvor trat nahe an sie heran. Zu nahe. Sie konnte fast seinen Atem, seinen Blick spüren. »Wir nehmen sein Angebot an«, sagte er, nur für sie hörbar. »Und wenn ich Euch fesseln und knebeln muß - ich glaube, er kann selbst dann einen Weg finden. Er scheint ein sehr findiger kleiner Bursche zu sein.«
Sie erwiderte seinen Blick fest. Das Fenster oder ... ein Hoffnungsschimmer. Wenn Tallanvor nur den Mund halten würde, wäre es viel leichter zu sagen: »Ich nehme Euer Angebot dankbar an, Meister Balwer«, aber sie sagte es. Sie trat von Tallanvor fort, als wollte sie Balwer sehen, ohne den Kopf recken zu müssen. Es beunruhigte sie stets, ihm so nahe zu sein. Er war zu jung. »Was werden wir zuerst tun? Ich bezweifle, daß die Wächter vor der Tür Euren Paß auch für uns gelten lassen.«
Balwer beugte den Kopf, wie in Anerkennung ihrer Voraussicht. »Ich fürchte, sie müssen sich den Umständen anpassen, Majestät.« Tallanvor lockerte seinen Dolch in der Scheide, und Lamgwin streckte die Hände, wie der Lopar seine Krallen gestreckt hatte.
Sie glaubte nicht, daß es so leicht sein konnte, selbst nachdem sie gepackt hatten, was sie tragen konnten, und die beiden Taraboner überwältigt und unter ihr Bett verfrachtet hatten. An den Haupttoren, den leinenen Staubmantel wegen des Bündels auf ihrem Rücken unbeholfen zuhaltend, verbeugte sie sich, die Hände auf den Knien, wie Balwer es ihr gezeigt hatte, während er den Wächtern sagte, sie hätten alle zu gehorchen, abzuwarten und zu dienen geschworen. Sie überlegte, wie sie sicherstellen könnte, daß sie nicht lebendig gefangengenommen würde. Erst als sie tatsächlich an den letzten Wachen vorbei auf den Pferden aus Amador hinaus ritten, die Balwer hatte bereithalten lassen, begann sie es zu glauben. Natürlich erwartete Balwer eine angemessene Belohnung für die Rettung der Königin von Andor. Sie hatte niemandem gesagt, daß sie dem Thron unwiderruflich entsagt hatte. Sie wußte, daß sie die Worte ausgesprochen hatte, und sonst brauchte es niemand zu wissen. Es war sinnlos, sie zu bereuen. Jetzt würde sie abwarten, welche Art Leben sie ohne einen Thron führen könnte. Ein Leben weit entfernt von einem Mann, der viel zu jung und viel zu beunruhigend war.
»Warum wirkt Euer Lächeln so traurig?« fragte Uni, während sie ihre braune Stute näher an Morgase heranführte. Das Tier wirkte mottenzerfressen. Morgases Kastanienbrauner war in keinem besseren Zustand, ebensowenig wie auch die anderen Pferde. Die Seanchaner hatten Balwer vielleicht bereitwillig mit seinem Paß gehen lassen, nicht aber mit anständigen Pferden.
»Vor uns liegt noch ein langer Weg«, belehrte Morgase sie, trieb ihre Stute zu einem Trab an und folgte Tallanvor.
27
Allein sein
Perrin steckte das Heft seiner Streitaxt gegenüber dem Köcher durch die Schlaufe an seinem Gürtel, nahm seinen Langbogen aus der Ecke, schlang sich die Satteltaschen über die Schulter und verließ die Räume, die er mit Faile geteilt hatte, ohne einen Blick zurück zu werfen. Sie waren hier glücklich gewesen -die meiste Zeit. Er glaubte nicht, daß er jemals zurückkäme. Manchmal fragte er sich, ob glückliche Stunden mit Faile an einem Ort bedeuteten, daß er niemals dorthin zurückkehren würde. Er hoffte es nicht.
Die Diener, die ihm in den Palastgängen begegneten, trugen tiefschwarze Livreen. Vielleicht hatte Rand das angeordnet, aber vielleicht hatten die Diener es auch einfach selbst übernommen. Sie hatten sich ohne Livree unwohl gefühlt, als wüßten sie nicht, wohin sie gehörten, und Schwarz schien wegen der Asha'man als Rands Farbe sicher. Jene, die Perrin erblickten, eilten so schnell wie möglich von dannen, ohne sich die Zeit für Verbeugungen oder Hofknickse zu lassen. Angstgeruch folgte ihnen.
Dieses eine Mal hatten seine gelben Augen nichts damit zu tun, daß alle ihn fürchteten. Es war vielleicht nicht ratsam, sich in der Nähe eines Mannes aufzuhalten, den der Wiedergeborene Drache heute morgen öffentlich mit seinem Zorn überschüttet hatte. Perrin lockerte seine Schulter unter den Satteltaschen. Es war eine geraume Weile vergangen, bis ihn jemand aufgespürt und erwischt hatte. Natürlich hatte es auch niemand zuvor mit der Macht versucht Besonders eine Erinnerung verfolgte ihn.
Er stieß sich hoch, hielt seine Schulter und richtete den Rücken an der eckigen Säule auf, die seine Flucht aufgehalten hatte. Er glaubte, sich vielleicht einige Rippen gebrochen zu haben. Rund um die Große Halle der Sonne versuchten verschiedene Adlige, die wegen der einen oder anderen Sache bei Rand vorsprechen wollten, ihn nicht anzusehen und vorzugeben, nicht da zu sein. Nur Dobraine beobachtete ihn und schüttelte seinen grauen Kopf, während Perrin den Thronsaal durchschritt.