»Ich werde mit den Aes Sedai umspringen, wie ich es will!« schrie Rand. »Hörst du mich, Perrin? Wie ich es will!«
»Du hast sie gerade den Weisen Frauen ausgeliefert«, grollte er als Erwiderung und stieß sich von der Säule ab. »Du weißt nicht, ob sie auf Seide schlafen oder ihre Kehlen durchschnitten wurden! Du bist nicht der Schöpfer!«
Rand warf mit wütendem Knurren den Kopf zurück. »Ich bin der Wiedergeborene Drache!« schrie er. »Es kümmert mich nicht, wie sie behandelt werden! Sie verdienen den Kerker!« Perrin regte sich unbehaglich, als Rands Blick von der gewölbten Decke abließ. Blaues Eis wäre daneben warm und sanft gewesen, um so mehr, da Rand aus einem von Qual verzerrten Gesicht zu ihm blickte. »Geh mir aus den Augen, Perrin. Hörst du mich? Verlasse Cairhien! Heute! Jetzt! Ich will dich niemals Wiedersehen!« Er machte auf dem Absatz kehrt und schritt davon, während die Adligen sich fast auf den Boden warfen, als er vorüberging.
Perrin wischte sich etwas Blut vom Mundwinkel. Er war sich eben noch sicher gewesen, daß Rand ihn töten würde.
Er schüttelte den Kopf, um sich von diesem Gedanken zu befreien, umrundete eine Biegung und prallte fast gegen Loial. Der Ogier, der ein großes Bündel auf den Rücken gebunden und eine ausreichend große Tasche über die Schulter geschlungen hatte, daß ein Schaf hineingepaßt hätte, benutzte seine Streitaxt als Spazierstock. Die geräumigen Taschen seiner Jacke waren von Büchern ausgeheult.
Loials Pinselohren richteten sich bei Perrins Anblick auf und erschlafften dann jäh wieder. Sein ganzes Gesicht erschlaffte, wobei seine Augenbrauen bis auf die Wangen reichten. »Ich habe es gehört, Perrin«, dröhnte er traurig. »Das hätte Rand nicht tun sollen. Überstürzte Worte bewirken lang anhaltenden Kummer. Ich weiß, daß er noch mal darüber nachdenken wird. Morgen vielleicht.«
»Es ist schon in Ordnung«, erwiderte Perrin.
»Cairhien ist zu ... vornehm ... für mich ohnehin. Ich bin Schmied, kein Höfling. Morgen werde ich schon weit fort sein.«
»Du und Faile könntet mit mir kommen. Karldin und ich wollen alle Stedding durch die Wegetore aufsuchen, Perrin.« Ein hellhaariger Bursche mit einem schmalen Gesicht, der hinter Loial stand, wandte sich mit einem Stirnrunzeln von Perrin zu Loial. Er hatte ebenfalls eine Tasche und ein Bündel bei sich und trug zudem ein Schwert an der Hüfte. Perrin erkannte, trotz der blauen Jacke, einen der Asha'man. Karldin wirkte nicht erfreut, als er Perrin sah. Außerdem roch er kalt und verärgert. Loial spähte den Gang hinter Perrin hinab. »Wo ist Faile?«
»Sie ist... Wir treffen uns in den Ställen. Wir haben uns gestritten.« Das war die schlichte Wahrheit. Faile schien es manchmal zu lieben herumzuschreien. Er dämpfte seine Stimme. »Loial, ich würde nicht dort darüber reden, wo jedermann es hören könnte. Ich meine, über die Wegetore.«
Loial schnaubte ausreichend heftig, daß sich selbst ein Stier erschrocken hätte, aber er dämpfte seine Stimme ebenfalls. »Ich sehe niemanden außer uns«, polterte er. Niemand, der weiter als zwei oder drei Schritte hinter Karldin gestanden hätte, hätte ihn noch hören können. Seine Ohren ... peitschten, das war das einzig passende Wort, und er legte sie verärgert an. »Jedermann hat Angst, in deiner Nähe gesehen zu werden. Und das nach allem, was du für Rand getan hast.«
Karldin zog Loial am Ärmel. »Wir müssen gehen«, sagte er und sah Perrin an. Jeder, den der Wiedergeborene Drache zur Rechenschaft zog, gehörte, soweit es ihn betraf, nicht in die Tore. Perrin fragte sich, ob er gerade jetzt die Macht umarmte.
»Ja, ja«, murmelte Loial und winkte mit seiner großen Hand ab, stützte sich dann aber auf seine Streitaxt und runzelte nachdenklich die Stirn. »Das gefällt mir nicht, Perrin. Rand jagt dich davon. Und mich schickt er auch fort. Wie ich mein Buch beenden soll...« Seine Ohren zuckten, und er hustete. »Dich, mich, und nur das Licht weiß, wo sich Mat befindet. Min wird er als nächste fortschicken. Er hat sich heute morgen vor ihr verborgen gehalten. Er hat mich vorgeschickt, um ihr zu sagen, er sei nicht da. Ich glaube, sie wußte, daß ich log. Er wird allein sein, Perrin. ›Es ist schrecklich, allein zu sein.‹ Das hat er zu mir gesagt. Er plant, alle seine Freunde fortzuschicken.«
»Das Rad webt, wie das Rad es wünscht«, sagte Perrin. Loial blinzelte bei diesem Echo Moiraines. Perrin hatte in letzter Zeit häufig an sie gedacht. Sie hatte immer weniger Einfluß auf Rand. »Leb wohl, Loial. Paß auf dich auf, und vertraue niemandem, dem du nicht vertrauen mußt.« Er sah Karldin nicht an.
»Das meinst du doch nicht so, Perrin.« Loial klang entsetzt. Er schien jedermann zu vertrauen. »Das kann nicht sein. Kommt mit mir, du und Faile.«
»Wir werden uns eines Tages Wiedersehen«, sagte Perrin sanft und eilte an ihm vorbei, bevor er noch mehr sagen mußte. Er log nicht gern, besonders nicht einem Freund gegenüber.
Im Nordstall standen die Dinge ähnlich wie im Palast. Stallburschen sahen ihn hereinkommen, ließen Mistgabeln und Pferdestriegel fallen und drängten sich durch schmale Türen an der Rückseite des Stalls hinaus. Rascheln auf dem Heuboden über ihm, das jemand anderer vielleicht nicht gehört hätte, verriet ihm, daß sich auch dort Menschen verbargen. Er konnte beunruhigtes, ängstliches Atmen hören. Er führte Traber aus einer grün gestreiften Box, legte ihm das Zaumzeug an und band ihn an einem Trensenring fest. Dann holte er Zaumzeug und Sattel aus der Sattelkammer, in der die Hälfte aller Sättel silberoder goldverziert waren. Der Stall paßte mit seinen reich verzierten Balken sehr gut zu einem Palast, und Perrin war froh, der Pracht den Rücken kehren zu können.
Nördlich der Stadt folgte er der Straße, die er erst vor wenigen Tagen so verzweifelt mit Rand herabgekommen war, und ritt, bis die hügelige Landschaft Cairhien verbarg. Dann wandte er sich nach Osten, wo noch ein ansehnlicher Wald geblieben war, ritt einen hohen Hügel hinab und über den nächsten, noch höheren, hinweg. Unmittelbar hinter der Waldgrenze trieb Faile ihre Stute Schwalbe zu ihm, während Aram ihr auf seinem Pferd wie ein Hund folgte. Aram strahlte bei Perrins Anblick, obwohl das nicht viel bedeutete. Er teilte seine treuen Hundeblicke einfach zwischen ihm und Faile auf.
»Mein Ehemann«, sagte sie nicht allzu kühl, aber rasiermesserscharfer Zorn und dornige Eifersucht durchdrangen den sauberen Geruch ihres Körpers und ihrer Kräuterseife noch immer. Sie trug Reisekleidung, ein dünner Staubmantel hing ihren Rücken herab, und rote, zu ihren Stiefeln passende Handschuhe sahen unter den dunklen, engen Reitröcken hervor, die sie bevorzugte. Immerhin vier Dolche staken an ihrem Gürtel.
Hinter ihr kamen Bain und Chiad heran sowie Sulin mit einem Dutzend weiterer Töchter des Speers. Perrin wölbte die Augenbrauen. Er fragte sich, was Gaul davon hielt. Der Aiel hatte gesagt, er freue sich darauf, Bain und Chiad allein zu erwischen. Aber Failes andere Begleiter waren eine noch größere Überraschung.
»Was tun sie hier?« Er deutete mit dem Kopf auf eine kleine Gruppe Reiter, die ihre Pferde zurückhielten. Er erkannte Selande und Camaille und die große Tairenerin, alle noch immer in Männerkleidung und mit Schwertern. Der gedrungene Bursche in einer Jacke mit weiten Ärmeln, der seinen Bart ölte und spitz formte, wirkte, obwohl er sein Haar mit einem Band zurückgenommen trug, ebenfalls vertraut. Die anderen beiden Männer, beide Cairhiener, kannte Perrin nicht, aber er konnte anhand ihrer Jugend und des Bandes, das ihr Haar hielt, vermuten, daß sie zu Selandes ›Gesellschaft‹ gehörten.
»Ich habe Selande und einige ihrer Freunde in meinen Dienst genommen.« Faile sprach leichthin, aber sie gab plötzlich unklare, warnende Schwingungen ab. »Sie hätten sich in der Stadt früher oder später in Schwierigkeiten gebracht. Sie brauchen jemanden, der ihnen die Richtung weist. Betrachte es als gutes Werk. Ich werde Sorge tragen, daß sie dich nicht stören.«