»Was sie nicht weiß, kann ihr nicht schaden«, murmelte sie, während ihre zwanzig Hände keinen Moment innehielten.
Jemand klopfte an die Tür.
Er befreite seinen Mund und schrie: »Wer ist da?« Nun, es war wahrhaftig ein Schrei. Ein schriller Schrei. Er war immerhin außer Atem.
Tylin war so schnell von seinem Schoß aufgesprungen und hatte sich drei Schritte entfernt, daß es schien, als könne sie zaubern. »Mat? Ich war mir nicht sicher, daß du es warst. Oh, Majestät!« Für einen hageren, alten Gaukler konnte Thom trotz seines Hinkens eine hervorragende Verbeugung vollführen. Juilin konnte es nicht, aber er riß seine lächerliche rote Mütze herunter und tat ebenfalls sein Bestes. »Ich bitte um Vergebung. Wir wollten nicht stören...«, begann Thom, aber Mat unterbrach ihn hastig.
»Komm herein, Thom!« Er zog seine Jacke wieder an und wollte aufstehen, als er erkannte, daß die verdammte Frau irgendwie den Gürtel seine Hose geöffnet hatte, ohne daß er es bemerkt hatte. Die beiden würden vielleicht nicht beachten, daß sein Hemd bis zur Taille aufgeknöpft war, aber sie würden eine herunterfallende Hose sehr wohl bemerken. Tylins blaues Gewand war nicht im geringsten in Unordnung! »Juilin, komm herein!«
»Ich bin froh, daß Euch Eure Räume gefallen, Meister Cauthon«, sagte Tylin, die fleischgewordene Würde - bis auf ihre Augen, als sie so stand, daß Thom und Juilin ihr Gesicht nicht sehen konnten. Ihr Blick verwob harmlose Worte mit besonderer Bedeutung. »Ich freue mich darauf, Eure Gesellschaft genießen zu können. Es wird sicherlich interessant für mich, einen Ta'veren in Reichweite zu haben. Aber ich muß Euch jetzt Euren Freunden überlassen. Nein, bleibt bitte sitzen.« Letzteres mit nur der Andeutung eines spöttischen Lächelns.
»Nun, Junge«, sagte Thom und strich sich über seinen Schnurrbart, nachdem Tylin gegangen war, »du hast Glück, daß du von der Königin mit offenen Armen empfangen wirst.« Juilin interessierte sich plötzlich sehr für seine Mütze.
Mat beobachtete sie aufmerksam und warnte sie im Geiste, noch ein Wort zu sagen - nur ein Wort! -, aber als er dann nach Nynaeve und Elayne fragte, vergaß er die Sorge, wieviel sie vermuteten. Die Frauen waren noch nicht zurückgekehrt. Trotz seiner geöffneten Hose wäre er beinahe aufgesprungen. Sie versuchten sich bereits jetzt aus ihrer Vereinbarung herauszuwinden. Lautstark verlieh er seiner Meinung über die verdammte Nynaeve al'Meara und Elayne, die verdammte Tochter-Erbin, Ausdruck. Es war unwahrscheinlich, daß sie ohne ihn in den Rahad aufgebrochen waren, aber er hätte es ihnen durchaus zugetraut, auf eigene Faust Carridin auszuspionieren. Elayne würde ein Geständnis fordern und erwarten, daß der Mann zusammenbräche. Nynaeve würde es aus ihm herauszuprügeln versuchen.
»Ich glaube nicht, daß sie Carridin belästigen werden«, sagte Juilin und kratzte sich hinter dem Ohr. »Nach dem, was ich gehört habe, kümmern sich Aviendha und Birgitte um ihn. Wir haben sie nicht fortgehen sehen. Du brauchst dir gewiß keine Sorgen darüber zu machen, daß er erkennt, was er sieht, selbst wenn er direkt an ihnen vorbei spaziert.« Thom, der sich gerade gewürzten Wein in einen vergoldeten Becher goß, den Mat in seinen Räumen vorgefunden hatte, fuhr mit seiner Erklärung fort.
Mat legte eine Hand über die Augen. Mit der Macht gestaltete Verkleidungen. Kein Wunder, daß sie wie Schlangen davongeschlüpft waren, wann immer sie wollten. Diese Frauen würden Schwierigkeiten machen. Das konnten Frauen am besten. Es überraschte ihn kaum zu erfahren, daß Thom und Juilin noch weniger über diese Schale der Winde wußten als er.
Nachdem sie gegangen waren, um sich auf einen Besuch des Rahad vorzubereiten, hatte er Zeit, seine Kleidung zu richten, bevor Nynaeve und Elayne zurückkämen. Er nützte die Gelegenheit, ein Stockwerk tiefer nach Olver zu sehen. Die hagere Gestalt des Jungen hatte durch Enid und die übrigen Köche der Wanderin ein wenig Speck angesetzt, aber er würde selbst für einen Cairhiener immer klein bleiben, und auch wenn seine Ohren und sein Mund auf die Hälfte zusammenschrumpften, würde seine Nase noch immer bewirken, daß er nicht allzugut aussah. Nicht weniger als drei Schankmädchen machten ein Aufhebens um ihn, während er mit gekreuzten Beinen auf seinem Bett saß.
»Mat, hat Haesel nicht wunderschöne Augen?« fragte Olver und strahlte die junge Frau mit den großen Augen an, der Mat begegnet war, als er das letztemal in den Palast gekommen war. Sie strahlte ebenfalls und zerzauste dem Jungen die Haare. »Oh, aber Alis und Loya sind auch so lieb, daß ich mich niemals entscheiden könnte.« Eine mollige Frau in fast mittlerem Alter blickte von ihrer Tätigkeit auf, Olvers Satteltaschen auszupacken, um ihm ein breites Lächeln zu gönnen, und ein schlankes Mädchen mit vollen Lippen klopfte auf das Handtuch, das sie gerade auf seinen Waschtisch gelegt hatte, warf sich dann aufs Bett und kitzelte Olver an den Rippen, bis er hilflos lachend umfiel.
Mat schnaubte. Harnan und die anderen waren schon schlimm genug, aber jetzt ermutigten diese Frauen auch noch den Jungen! Wie sollte er so jemals lernen, sich zu benehmen? Olver sollte auf der Straße spielen wie jeder andere Zehnjährige. Über ihn fielen in seinem Zimmer keine Schankmädchen her. Er hegte keinen Zweifel, daß Tylin dafür gesorgt hatte.
Er hatte Zeit, nach Olver zu sehen, bei Harnan und den anderen Rotwaffen vorbeizuschauen, die sich einen langen, von Betten gesäumten Raum nicht weit von den Ställen entfernt teilten, und in die Küchen hinab zu schlendern, um etwas Brot und Fleisch zu essen - die Getreideflocken im Gasthaus hatte er nicht hinunterbringen können. Nynaeve und Elayne waren noch immer nicht zurückgekehrt. Schließlich blätterte er in den Büchern in seinem Wohnraum und begann Die Reisen des Jain Fernschreiter zu lesen, obwohl er vor Sorge kaum ein Wort aufnahm. Thom und Juilin kamen in dem Moment herein, als die endlich eingetroffenen Frauen gerade damit beschäftigt waren, sich zu ereifern, daß sie ihn erst hier vorfanden, als dächten sie, er würde sein Wort nicht halten.
Er schloß das Buch ruhig und legte es ebenso ruhig auf den Tisch neben seinem Stuhl. »Wo wart Ihr?«
»Wir sind spazierengegangen«, sagte Elayne strahlend, die blauen Augen noch weiter geöffnet, als er sie je gesehen zu haben glaubte. Thom runzelte die Stirn und zog einen Dolch aus seinem Ärmel, den er in den Händen hin und her rollen ließ. Er sah Elayne bewußt nicht einmal an.
»Wir haben mit einigen Frauen Tee getrunken, die mit der Wirtin befreundet sind«, sagte Nynaeve. »Aber ich will Euch nicht mit Gesprächen über Handarbeiten langweilen.« Juilin wollte den Kopf schütteln, hielt aber dann inne, bevor sie es bemerkte.
»Nein, bitte, Ihr langweilt mich wirklich nicht«, sagte Matt trocken. Er nahm an, daß sie ein Ende einer Nadel vom anderen unterscheiden konnte, aber er vermutete, daß sie sich genauso bereitwillig eine Nadel durch die Zunge stechen wie über Näharbeiten sprechen würde. Keine der Frauen bemühte sich um Höflichkeit, und damit bestätigten sie seine schlimmsten Befürchtungen. »Ich habe zwei Männer für jede von Euch abgestellt, die heute nachmittag mit Euch hinausgehen. Und morgen und jeden weiteren Tag werden es noch zwei Männer mehr sein. Wenn Ihr Euch nicht innerhalb des Palastes oder in meiner unmittelbaren Nähe befindet, werdet Ihr Leibwächter mitnehmen. Sie kennen ihren Dienstplan bereits. Sie werden ständig bei Euch bleiben - ständig -, und Ihr werdet mich wissen lassen, wo Ihr hingeht. Ihr werdet mich nicht mehr in Sorge versetzen, bis mir die Haare ausfallen.«
Er erwartete Empörung und Streit und rechnete damit, daß sie sich aus dem, was sie versprochen oder nicht versprochen hatten, herauszuwinden versuchen würden. Er erwartete, daß seine zahlreichen Forderungen ihm am Ende noch mehr Schwierigkeiten einbringen würden. Nynaeve sah Elayne an. Elayne sah Nynaeve an.