»Nun, Leibwächter sind eine wunderbare Idee, Mat«, rief Elayne aus und lächelte. »Ihr hattet vermutlich recht damit. Und es ist sehr klug von Euch, daß Ihr die Männer bereits eingeteilt habt.«
»Es ist eine wunderbare Idee«, sagte Nynaeve und nickte begeistert. »Und sehr klug von Euch, Mat.«
Thom ließ den Dolch mit einem unterdrückten Fluch fallen, sog an einem Schnitt im Finger und starrte die Frauen an.
Mat seufzte. Schwierigkeiten. Er hatte es gewußt. Und das war, bevor sie ihm sagten, er solle den Rahad im Moment vergessen.
Wodurch er sich auf einer Bank vor einer billigen Taverne nicht weit vom Hafenviertel wiederfand, die sich Die Rose von Elbar nannte, und aus einem der verbeulten Blechbecher trank, die an die Bank gebunden waren. Zumindest spülten sie die Becher für jeden neuen Gast aus. Der Gestank einer Färberei auf der anderen Straßenseite erhob die Rose nur noch - nicht, daß es wirklich eine heruntergekommene Nachbarschaft war, obwohl die Straßen zu schmal für Kutschen waren. Aber eine ansehnliche Anzahl Sanften schwankten durch die Menge. Wenn auch weitaus mehr Passanten Tuche und vielleicht die Weste einer Gilde anstatt Seide trugen, so waren die Tuche doch genauso häufig gut geschnitten wie abgetragen. Die Häuser und Läden waren die übliche Abfolge an weiß verputzten Fassaden, und auch wenn die meisten klein und sogar heruntergekommen waren, stand an einer Ecke zu seiner Rechten doch das große Haus eines wohlhabenden Kaufmanns und zur Linken ein sehr kleiner Palast - zumindest kleiner als das Haus des Kaufmanns - mit einer einzigen, grün gestreiften Kuppel. Zwei Tavernen und ein Gasthaus in seinem Blickfeld wirkten kühl und einladend. Leider war die Rose das einzige, bei dem man draußen sitzen konnte, das einzige am genau richtigen Fleck. Leider.
»Ich glaube, ich habe noch niemals solch prächtige Fliegen gesehen«, grollte Nalesean, während er mehrere auserlesene Exemplare von seinem Becher vertrieb. »Was tun wir hier schon wieder?«
»Du schwitzt wie ein Ochse«, murrte Mat und zog seinen Hut tiefer über die Augen. »Und ich bin Ta'veren.« Er schaute zu dem verfallenen Haus zwischen der Färberei und dem Laden eines Webers, das zu beobachten er gebeten worden war. Nicht gebeten - befohlen traf es eher, ungeachtet dessen, wie sie es nannten und sich um Versprechen herum wanden. Oh, sie ließen es durchaus wie eine Bitte klingen, was er glauben würde, wenn Hunde tanzten, denn er erkannte es, wenn er eingeschüchtert werden sollte. »Sei einfach Ta'veren, Mat.« Nalesean griff seine Bemerkung auf. »Ich weiß, daß du einfach erkennen wirst, was zu tun ist. Pah!« Vielleicht wußte es Elayne, die verdammte Tochter-Erbin mit ihrem verdammten Grübchen, oder Nynaeve mit ihren verdammten Händen, die ständig zu ihrem verdammten Zopf zuckten, aber er wollte verflucht sein, wenn er es wußte. »Wenn sich die verflixte Schale im Rahad befindet - wie soll ich sie dann auf dieser Seite des verdammten Flusses finden?«
»Ich kann mich nicht erinnern, daß sie darüber gesprochen haben«, bemerkte Juilin trocken und nahm einen großen Schluck seines Getränks, das aus gelben, in diesem Gebiet angebauten Früchten gewonnen wurde. »Diese Frage hast du schon mindestens fünfzigmal gestellt.« Er behauptete, das helle Getränk erfrische ihn in der Hitze, aber Mat hatte einmal in eine dieser Zitronen hineingebissen, und er würde nichts hinunterschlucken, was daraus gemacht war. Er hatte noch immer leichte Kopfschmerzen und trank Tee, der schmeckte, als hätte der Tavernenwirt, ein hagerer Bursche mit glänzenden, mißtrauischen Augen, dem Getränk vom jeweiligen Vortag seit der Gründung der Stadt nur stets frische Blätter und Wasser hinzugefügt. Der Geschmack paßte zu seiner Stimmung.
»Ich würde gerne wissen«, murmelte Thom über seine aneinander gelegten Finger hinweg, »warum sie so viele Fragen über deine Gastwirtin gestellt haben.« Er schien nicht sehr aufgebracht darüber, daß die Frauen noch immer Geheimnisse bewahrten. Er war manchmal entschieden eigenartig. »Was haben Setalle Anan und diese Frauen mit der Schale zu tun?«
Frauen kamen und gingen in dem verfallenen Haus. Ein beständiger Strom von Frauen, einige gut gekleidet, wenn auch nicht in Seide, aber kein einziger Mann. Drei oder vier trugen den roten Gürtel einer Weisen Frau. Mat hatte erwogen, einigen von ihnen zu folgen, wenn sie wieder gingen, aber es erschien ihm zu geplant. Er wußte nicht, wie das Ta'veren wirkte - er hatte noch nie einen Hinweis darauf an sich entdeckt -, aber er hatte stets am meisten Glück, wenn alles zufällig geschah. Wie beim Würfeln, während er die meisten der kleinen, eisernen Geduldsspiele in Tavernen allerdings nicht schaffte, auch wenn er ein gutes Gefühl dabei hatte.
Er ging nicht auf Thoms Frage ein. Thom hatte sie mindestens genauso häufig gestellt, wie Mat gefragt hatte, wie er hier die Schale finden sollte. Nynaeve hatte ihm ins Gesicht gesagt, daß sie nicht versprochen hatte, ihm absolut alles zu sagen, was sie wußte. Sie sagte, sie würde ihm erzählen, was immer er wissen müßte... Sie zu beobachten, wie sie fast daran erstickte, ihn nicht beschimpfen zu dürfen, war nicht annähernd genug Rache.
»Ich sollte einmal einen Spaziergang die Gasse hinab machen«, seufzte Nalesean. »Falls eine dieser Frauen beschließt, über die Gartenmauer zu klettern.« Die schmale Lücke zwischen dem Haus und der Färberei war auf voller Länge gut einsehbar, aber hinter den Läden und Häusern verlief eine weitere Gasse. »Mat, sage mir noch einmal, warum wir dies tun, anstatt Karten zu spielen.«
»Ich übernehme das«, sagte Mat. Vielleicht würde er hinter der Gartenmauer herausfinden, wie das Ta'veren wirkte. Er ging und fand nichts heraus.
Bis die Dämmerung die Straße zu vereinnahmen begann und Harnan mit einem kahlköpfigen Andoraner mit schmalen Augen namens Wat zurückkam, war die einzige mögliche Wirkung des Ta'veren, die er bemerkt hatte, diejenige, daß der Tavernenwirt eine frische Kanne Tee braute. Er schmeckte fast genauso schlecht wie der alte.
Wieder in seine Räume im Palast zurückgekehrt, fand er eine Art Einladung vor, die geschmackvoll auf dickem weißen Papier geschrieben war und wie ein Blumengarten duftete.
Mein kleiner Rammler, ich erwarte dich heute abend zum Essen in meinen Räumen.
Keine Unterschrift, aber die war auch nicht nötig. Licht! Die Frau besaß überhaupt kein Schamgefühl! An der Tür zum Gang befand sich ein rot bemaltes Eisenschloß. Er fand den Schlüssel und schloß es ab. Dann verhakte er vorsichtshalber noch einen Stuhl unter der Klinke der Tür zu Nerims Raum. Er konnte gut auf das Essen verzichten. Als er gerade zu Bett gehen wollte, rüttelte jemand an dem Schloß. Draußen im Gang lachte eine Frau, als sie die Tür gesichert vorfand.
Danach hätte er tief schlafen müssen, aber er lag aus einem unbestimmten Grund wach und lauschte seinem knurrenden Magen. Warum tat sie das? Nun, er wußte warum, aber warum er? Sicherlich hatte sie nicht allen Anstand über Bord geworfen, nur um mit einem Ta'veren zu schlafen. Wie dem auch sei - er war jetzt in Sicherheit. Tylin würde wohl nicht die Tür einschlagen. Oder? Und durch den schmiedeeisernen Sichtschutz des Balkons kämen nicht einmal Vögel herein. Außerdem würde sie eine lange Leiter brauchen, um zu dieser Höhe zu gelangen. Und Männer, welche die Leiter trugen. Es sei denn, sie kletterte an einem Seil vom Dach herab. Oder sie könnte... Die Nacht verging, sein Magen knurrte, die Sonne stieg auf, und er hatte kein einziges Mal die Augen geschlossen oder einen vernünftigen Gedanken gehegt. Aber er hatte eine Entscheidung getroffen. Ihm schwebte eine Nutzungsmöglichkeit des Schmollwinkels vor, denn er schmollte gewiß niemals.