Er schlich sich beim ersten Tageslicht aus seinen Räumen und traf auf einen weiteren, ihm bekannten Diener, ein bereits kahl werdender Bursche namens Madie, mit einer selbstgefälligen Art und einem durchtriebenen Zug um den Mund, der besagte, daß er überhaupt nicht zufrieden war. Ein Mann, den man kaufen konnte. Obwohl der bestürzte Ausdruck, der sich kurz auf seinem kantigen Gesicht zeigte, und das höhnische Grinsen, das er kaum zu verbergen versuchte, besagten, daß er genau wußte, warum Mat ihm Gold in die Hand drückte. Verdammt! Wie viele Leute wußten, was Tylin vorhatte?
Nynaeve und Elayne schienen es, dem Licht sei Dank, nicht zu wissen. Statt dessen schalten sie ihn, weil er das Essen mit der Königin versäumt hatte, wovon sie erfuhren, als Tylin sie fragte, ob er krank sei. Und schlimmer noch...
»Bitte«, sagte Elayne und lächelte fast so, als würde ihr dieses Wort nicht schwerfallen. »Ihr müßt Euch mit der Königin vertragen. Seid nicht nervös. Ihr werdet einen Abend mit ihr genießen.«
»Stoßt sie nicht vor den Kopf«, murrte auch Nynaeve. Bei ihr bestand kein Zweifel, daß es ihr schwerfiel, höflich zu sein, Sie zog angestrengt die Brauen zusammen, ihr Kiefer war angespannt, und ihre Hände zitterten, weil sie an ihrem Zopf ziehen wollte. »Seid einmal in Eurem Leben entgegenkommend... Ich meine, denkt daran, daß sie eine anständige Frau ist, und versucht keine Eurer... Licht, Ihr wißt, was ich meine.«
Nervös. Ha! Eine anständige Frau. Ha!
Keine von beiden schien im mindesten besorgt, daß er einen ganzen Nachmittag verschwendet hatte. Elayne tätschelte ihm mitfühlend die Schulter und bat ihn, es bitte noch einen oder zwei Tage lang zu versuchen. Es war gewiß besser, als in dieser Hitze durch den Rahad zu stapfen. Nynaeve sagte genau das gleiche, wie Frauen es nun einmal taten, aber ohne seine Schulter zu tätscheln. Sie gaben offen zu, daß sie den Tag damit zu verbringen beabsichtigten, mit Aviendhas Hilfe Carridin auszuspionieren, obwohl sie seiner Frage auswichen, wen sie vielleicht wiederzuerkennen hofften. Nynaeve sagte ihm dies, und Elayne sah sie auf eine Art an, daß er glaubte, er würde endlich einmal zu sehen bekommen, wie Nynaeve geohrfeigt wurde. Sie nahmen seine strikte Anweisung, ihre Leibwächter nicht zu verlassen, sanftmütig entgegen und zeigten ihm ebenso bereitwillig die Verkleidungen, die sie zu tragen beabsichtigten. Selbst nachdem Thom es ihm beschrieben hatte, war der Anblick der beiden Frauen, die sich vor seinen Augen in Ebou Dari verwandelten, fast ein genauso großer Schock wie ihre Sanftmütigkeit. Nun, Nynaeve versetzte der Sanftmütigkeit einen gewaltigen Schlag, indem sie zornig wurde, als sie erkannte, daß er seine Worte ernst gemeint hatte, daß die Aielfrau keinen Leibwächter brauche, aber sie beruhigte sich wieder. Es machte ihn bei beiden Frauen nervös, wenn sie ihre Hände falteten und ergeben antworteten. Sie beide zusammen - und eine anerkennend nickende Aviendha! Matt war froh, wenn er sie fortschicken konnte. Sicherheitshalber ignorierte er ihre zusammengepreß-ten Lippen und ließ sie ihre Verkleidungen noch einmal jenen Männern vorführen, die er als erste mit ihnen losschickte. Vanin freute sich über die Gelegenheit, einer der Leibwächter Elaynes zu sein, und zeigte es auch. Der beleibte Mann hatte nicht viel Selbstbeherrschung gelernt.
Genau wie am Vortag waren überraschend viele Menschen gekommen, um Carridin aufzusuchen, einschließlich einiger in Seide Gehüllter, aber das war kein Beweis, daß sie Schattenfreunde waren. Immerhin war Carridin der Abgesandte der Weißmäntel, und wahrscheinlich kamen mehr Menschen, die Handel mit Amadicia treiben wollten, zu ihm als zu dem Abgesandten Amadicias, wer auch immer er oder sie sein mochte. Vanin sagte, zwei Frauen hätten Carridins Palast ebenfalls beobachtet - sein Gesichtsausdruck, als Aviendha sich plötzlich in eine dritte Ebou Dari verwandelte, war erstaunlich - und auch ein alter Mann, glaubte er, obwohl sich der Bursche als überraschend flink erwiesen hatte. Vanin hatte ihn nicht genau betrachten können, obwohl er ihn dreimal gesehen hatte. Als Vanin und die Frauen gegangen waren, schickte Mat auch Thom und Juilin los, um zu sehen, was sie über Jaichim Carridin und einen gebeugten, weißhaarigen alten Mann mit einem Interesse an Schattenfreunden herausfinden konnten. Wenn der Diebefänger keine Möglichkeit fand, Carridin zu Fall zu bringen, dann gab es sie nicht, und Thom schien gut darin zu sein, alles Gerede und alle Gerüchte an einem Ort zu sammeln und die Wahrheit herauszufiltern. Aber alles das war natürlich der leichtere Teil.
Zwei Tage lang schwitzte Mat auf dieser Bank und spazierte gelegentlich die Gasse neben der Färberei hinab, doch das einzige, was sich änderte, war, daß der Tee immer schlechter wurde. Der Wein war so schlecht, daß Nalesean Bier zu trinken begann. Am ersten Tag bot ihnen der Tavernenwirt zum Mittagessen Fisch an, aber dieser Fisch war dem Geruch nach bereits eine Woche zuvor gefangen worden. Am zweiten Tag bot er ihnen einen Austerneintopf an. Mat aß, trotz der Schalenstücke, fünf Schüsseln davon. Birgitte lehnte beides ab.
Es hatte ihn überrascht, als sie ihn und Nalesean einholte, als sie heute morgen über den Mol Hara eilten. Die Sonne war noch kaum über den Dächern aufgestiegen, aber Menschen und Karren bevölkerten bereits den Platz. »Ich muß gerade geblinzelt haben«, sagte sie lachend. »Ich habe dort gewartet, wo ich glaubte, daß Ihr herauskommen müßtet. Ich hoffe, Ihr habt nichts gegen ein wenig Gesellschaft einzuwenden.«
»Wir gehen manchmal ziemlich schnell voran«, antwortete er ausweichend. Nalesean sah ihn von der Seite an. Er hatte natürlich keine Ahnung, warum sie den Palast durch eine kleine Seitentür in der Nähe der Ställe verlassen hatten. Nicht, daß Mat glaubte, Tylin würde ihn tatsächlich im hellen Morgenlicht in den Gängen überfallen, aber es schadete niemals, vorsichtig zu sein. »Eure Gesellschaft ist uns jederzeit willkommen. Ehm ... danke.« Sie zuckte nur die Achseln, murmelte etwas, was er nicht verstehen konnte, und schritt dann auf seiner anderen Seite kräftig mit aus.
So hatte es mit ihr angefangen. Jede andere Frau, die er jemals gekannt hatte, hätte wissen wollen, wofür er sich bedankt hatte, und hätte anschließend so lang und breit erklärt, warum es nicht nötig gewesen wäre, daß er sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte - oder sie hätte ihn gleichermaßen ausführlich dafür gerügt, daß er den Dank für nötig gehalten hätte oder hätte verdeutlicht, daß sie etwas Greifbareres erwartete als Worte. Birgitte zuckte nur die Achseln, und im Verlauf der nächsten zwei Tage kam ihm etwas Bestürzendes in den Sinn.
Frauen dienten für ihn normalerweise dazu, sie zu bewundern und anzulächeln, mit ihnen zu tanzen und sie zu küssen, wenn sie es zuließen, oder mit ihnen zu kuscheln, wenn er Glück hatte. Es bereitete fast genauso viel Vergnügen zu entscheiden, welche Frau man erobern wollte, wie sie zu erobern, wenn auch nicht annähernd so viel, wie sie zu besitzen. Einige Frauen waren natürlich nur Freundinnen. Wenige. Egwene beispielsweise, obwohl er sich nicht sicher war, wie diese Freundschaft ihren Aufstieg zur Amyrlin überstehen würde. Auch Nynaeve war in gewisser Weise eine Art Freundin. Wenn sie nur einmal eine Stunde lang vergessen könnte, daß sie ihm mehr als einmal den Hosenboden versohlt hatte, und sich daran erinnern würde, daß er kein Junge mehr war. Aber die Freundschaft mit einer Frau unterschied sich von der Freundschaft mit einem Mann. Dabei war man sich stets bewußt, daß sie anders dachte als man selbst, daß sie die Welt mit anderen Augen sah.
Birgitte beugte sich auf der Bank zu ihm. »Ihr solltet besser vorsichtig sein«, murmelte sie. »Diese Witwe hält nach einem neuen Ehemann Ausschau. Ihr Hochzeitsdolch steckt in einer blauen Scheide. Außerdem ist das Haus dort drüben.«
Er blinzelte, verlor die rundliche Frau, die ihre Hüften beim Gehen so außerordentlich schwang, aus den Augen, und Birgitte reagierte auf seinen verlegenen Gesichtsausdruck mit Lachen. Nynaeve hätte ihn wortreich gerügt, und selbst Egwene hätte kühle Mißbilligung gezeigt. Am Ende des zweiten Tages auf dieser Bank erkannte er, daß er die ganze Zeit dicht mit Birgitte zusammengesessen und nicht einmal daran gedacht hatte, sie zu küssen. Er war sich sicher, daß sie auch nicht von ihm geküßt werden wollte -offen gesagt, wäre er, wenn man die häßlichen Männer bedachte, die sie anscheinend gern betrachtete, vielleicht beleidigt gewesen, wenn sie es gewollt hätte. Birgitte war zudem eine Heldin aus der Legende, von der er noch immer halbwegs erwartete, daß sie über ein Haus springen und unterwegs einige Verlorene am Kragen packen würde. Aber das war es nicht: Er hätte genausogut daran denken können, Nalesean zu küssen. Genauso wie den Tairener, ganz genauso, mochte er Birgitte.